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Rituale als heilsame Lebenszeichen

Autor:Weber Franz
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Kirche informiert 4 (2002) 3
Datum:2002-12-19

Inhalt

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Zu allen Zeiten und in allen Kulturen haben sich Menschen nach einem heilen Leben gesehnt und in ihren Religionen zu einer heilsamen "Wahrnehmung jener verborgenen Macht" gefunden, "die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist" (2.Vatikan. Konzil). Sie haben ihrer Sehnsucht nach dem Göttlichen immer wieder in greifbarer Form Ausdruck verliehen und manchmal sogar "mit magischer Gewalt" versucht, Gott im Ritual auf die Erde zu zwingen. Meistens aber waren es einfache heilige Zeichen, die in der Volks- und Alltagsreligiosität zu einer Erfahrung der Heil schaffenden Nähe Gottes verhalfen.

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In der katholischen Kirche haben viele nach dem 2. Vatikanum gemeint die alten Heiligen in Abstellräume verbannen zu müssen. Viele der guten alten "Sakramentalien" wurden nur mehr widerwillig geduldet, weil sie als magischer Rest einer nicht mehr zeitgemäßen Frömmigkeitspraxis erschienen. Inzwischen konstatiert man auch wissenschaftlich bewiesen allerorts wieder einen "Megatrend Religion", eine "Respiritualisierung" und „Ritualisierung" der Gesellschaft. Eine Welt, die sich noch vor kurzer Zeit in aufklärerischer Manier als "Stadt ohne Gott" propagierte, dampft nun von Religion und produziert vor allem durch mediale Werbung eine Fülle pseudoreligiöser Symbole und konsumorientierter Liturgien, die den glückshungrigen Zeitgenossen die unmittelbare Erfüllung ihrer Sehnsüchte verheißen. Warum aber dampft die Religion aus unseren Kirchen aus?

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Neue Sensibilität für heilsame Zeichen

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Es wird neben einer verständlichen Gottesrede in unserer Verkündigung auch wieder eine neue Sensibilität für die Fülle heiliger und heilsamer Zeichen brauchen, die wir ohne Zögern aus dem über Jahrhunderte angesammelten Erfahrungsschatz der Kirche hervor holen, zu neuem Leben erwecken und mit neuem Sinn füllen sollen. Zugleich bedarf es einer wachen Aufmerksamkeit für die Kreativität, mit der postmoderne Menschen in neuen Ritualen phantasievoll und sinnenhaft ihrer Ahnung von Transzendenz und ihrem Tasten nach einem Gott, der Geborgenheit schenkt, Gestalt verleihen. Aber auch die manchmal gering geachtete Volksfrömmigkeit, die gerade in Tirol in Stadt und Land so tief in der Seele vieler Menschen beheimatet ist, darf nicht verschwinden. Sie wird neue Formen annehmen, die einer behutsamen und theologisch verantworteten Begleitung bedürfen.

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Durch eine Wahrnehmung der vielen religiösen Zeichen, in denen Menschen mitten im Alltag Gott erfahren, wird vielleicht auch ein neuer Zugang zu den "alten" Sakramenten und Sakramentalien möglich werden. Anselm Grün weist in seinen Büchern immer wieder darauf hin, dass unsere kirchlichen Rituale von vielen Zeitgenossen oft nur mehr als erstarrte Formen empfunden werden und offensichtlich nicht mehr in ihrer heilend-befreienden Tiefendimension zugänglich sind. Viele Menschen haben heute kein religiös-kirchliches Dach mehr über ihrer Seele, sie stehen im Durchzug „polarer" Strömungen und frieren an Leib und Seele. Sie suchen nach Räumen der Geborgenheit und wünschen sich nichts sehnlicher als das eine oder andere "Lebenszeichen", das ihnen an Leib und Seele gut tut und „niederschwellig" zugänglich ist.

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Seelsorge lebt nicht nur aus der Verkündigung

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Seelsorge lebt nicht nur aus der Verkündigung des Wortes Gottes und der Weitergabe von Glaubensinhalten. Wo in ihr auch alte und neue Zeichen und Rituale zu „sprechen" beginnen, wo nicht Appelle zum Gottesdienstbesuch und Sakramentenempfang an erster Stelle kommen, sondern z.B. bei einem Taufgespräch eine Hinführung zu den Symbolen von Wasser, Licht und Salbung, oder bei einem Trauergespräch das Anzünden einer Kerze oder ein anderes berührendes "Ritual" amtliche Trostesworte ersetzt, wo einfache Segensgesten Menschen die Gewissheit vermitteln, nicht gott-verlassen ihr Dasein fristen zu müssen, da wachsen Lebensmut und Lebensfreude - und die Gewissheit nicht austreten zu müssen, weil man sich anderswo mit seiner Sehnsucht nach Heil besser aufgehoben fühlt als "daheim" in der Kirche. Die Advents- und Weihnachtszeit braucht mit ihren stillen Ritualen die Konkurrenz der lautstarken Götzen des Marktes nicht zu fürchten, deren Anbetung nicht zum "Heil der Seele", sondern zu deren Ausverkauf und Verlust führt.

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