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Franz Xaver SJ - Mission damals und heute
(Zum 450. Todestag des Missionars auf einer kleinen Insel vor dem Festland Chinas)

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-12-04

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Auf schwankenden Schiffen, bedroht durch Stürme und Seuchen fuhr er nach Osten, nach Indien. Von dort trieb es ihn weiter nach Malakka und schließlich bis zu den geheimnisvollen Gewürzinseln, den Molluken. Franz Xaver suchte nicht Pfeffer, sondern Seelen. Wo kleine Volksgruppen den christlichen Glauben annahmen, um sich dem portugisischen Schutz zu unterstellen, dort konnte er Hunderte an einem Tag taufen. Gleichzeitig versuchte er als Beauftragter des Königs die Grundlagen für eine dauerhafte christliche Bildung zu legen. Franz Xaver erwarb sich innerhalb weniger Jahre einen legendären Ruf in den portugisischen Gebieten des Ostens. Dennoch kam er nicht zur Ruhe. Das schlechte Beispiel der meisten Portuguisen, denen nicht die Ausbreitung des christlichen Glaubens, sondern die eigene Bereicherung am Herzen lag und die das Christentum in einen schlechten Ruf brachten, störte ihn zutiefst und trieb in fast zur Flucht. - In dieser Situation hörte er von neu entdeckten Inseln, die Japan hiessen, und von einem Volk, das besser sein sollte als alles, was er bisher erfahren hatte, und das sich sehr an religiösen Fragen interessiere. Er traf auch einen Bewohner dieser geheimnisvollen Inseln, der bereit war, das Christentum anzunehmen. Nun hielt ihn nichts mehr. Mit dem Neubekehrten und ganz wenigen Gefährten brach er auf. Ein chinesischer Pirat brachte ihn auf eine der südlichen Inseln Japans, und die erste Begegnung war nicht schlecht. Verwandte seines japanischen Gefährten liessen sich bekehren. Er fand aber nicht ein großes Kaiserreich, wie ihm gesagt worden war, sondern viele lokale Kriegsherren. Er merkte auch bald, dass er seine bisherige Missionsmethode ändern musste. Als armer Bettler in einem zerschlissenen Kleid, wie er angekommen war, wurde er ausgelacht. Ebenso weckte das Vortragen von schlecht übersetzten christlichen Texten eher Gelächter. Mit Hilfe von Gütern, die portuguisische Schiffe etwas später ins Land brachten, trat er nun feierlicher und in Seide auf, und mit Hilfe eines Gefährten, der sehr rasch japanisch lernte, begann er fast täglich mit Interessierten über den christlichen Glauben zu disputieren. Er hatte keine Massenerfolge mehr, aber er konnte innerhalb von zwei Jahren dennoch etwa tausend Personen für den christlichen Glauben gewinnen. Trotzdem kam er auch hier nicht zur Ruhe. Einerseits erreichten ihn schlechte Nachrichten aus Indien, die seine Rückkehr nötig machten, anderseits merkte er in Japan, wie sehr dieses Land im kulturellen Bereich vom geheimnisvollen China abhängig war. Kaum war er nach Indien zurückgekehrt und hatte dort die Dinge neu geordnet, trieb es ihn wieder fortb - ins neue unbekannte Reich. Für Ausländer war es damals aber unter Todesstrafe verboten, China zu betreten. Das schreckte ihn nicht. Portuguisische Händler brachten ihn auf eine vorgelagerte Insel, wo sie sich mit chinesischen Händlern trafen. Aber keiner von diesen war bereit, Franz Xaver aufs Festland mitzunehmen. Da der Winter nahte, reisten alle ab. Franz Xaver blieb mit einem einzigen Gefährten allein auf der Insel zurück, bewegt von der Hoffnung, doch noch eine Gelegenheit für die gefährliche Überfahrt zu finden. Doch es traf ihn einer Erkältung, und er, der bisher mit einer eisernen Gesundheit allen Gefahren getrotz hatte, starb verlassen vor den verschlossenen Toren seines letzten grossen Traumes. Dies war am 3. Dezember, genau vor 450 Jahren.

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War sein Werk gescheitert? Trotz seines frühen Todes hatte sich seine Gestalt dank seiner flammenden Briefe bereits so tief in die Herzen der Christen in Europa eingeprägt, dass viele seinen Spuren folgten. Nach ihm gelangten Jesuiten nach China und wandten dort jene Methode an, die er selber in Japan entdeckt hatte. Es gelang ihnen, bis zum kaiserlichen Hof vorzudringen und dort viel Wohlwollen zu gewinnen. Auch in Japan ging es zunächst aufwärts. Um 1630 lebten hier bereits etwa 300 000 Christen. Doch dann kamen auf breiter Front die grossen Rückschläge. Japan kapselte sich gegen den Westen wieder ab und begann mit blutigsten Christenverfolgungen. Die Entscheidung Roms im Ritenstreit bezüglich der Ahnenverehrung erboste einen chinesischen Kaiser, der den Jesuiten sehr freundlich gesinnt war, so sehr, dass er das Christentum in seinem Reich sofort verbot. Indien ging an das anglikanische England und Malakka und die Molukken an die calvinischen Niederlande verloren. 150 Jahre nach dem Tod von Franz Xaver war sein Werk in Asien, das zunächst so gut begonnen hatte, wieder fast am Ende. Wie ihm selber China verschlossen blieb, so blieb auch seinem Werk der Durchbruch in Asien versagt.

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Dennoch war es nicht vergebens. Er hatte die erste große geistige Begegnung des christlichen Europa mit Asien vorbereitet. Seine kühne Gestalt lebte auch nach dem Scheitern seines Werkes in den Herzen vieler Menschen im weiter. Als im 19. Jahrhundert eine neue missionarische Bewegung begann, - und diesmal vor allem in Afrika - war Franz Xaver für viele wieder ein Inspirator. Die Methode war diesmal allerdings eher rückläufig. Nicht mehr der Franz Xaver von Japan, der sich fast allein in einer fremden Kultur bewegte und sich auf keine politische Macht stützen konnte, sondern der Franz Xaver von Goa, der im Rahmen des entstehenden portuguisischen Kolonialreiches wirkte, war diesmal Vorbild. War dies ein Fehler? So wird es heute oft gesehen, und in den letzten Jahrzehten wurden die Missionsmethoden des 19. Jahrhunderts oft massivst kritisiert. Geschah dies zurecht? Fehler mögen tatsächlich vorgekommen sein. Trotzdem legt sich eine differenziertere Sicht nahe, und zwar sowohl aus unmittelbarer wie auch aus langfristiger Sicht. Die meisten Missionare waren von besten Idealen bewegt. Sie setzten ihre ganze Lebenskraft im Dienst des Glaubens und im Dienst an Mitmenschen ein. Sie wollten nur helfen und leisteten oft Heroisches. Die Erfahrungen in Asien hatten ferner gezeigt, wie sehr die Mission auch von äußeren Umständen und Rahmenbedingungen abhängig war. Diese waren jedoch im 19. Jahrhundert in Afrika ganz anders als im Asien den 16. und 17. Jahrhunderts.

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Der naturwissenschaftlich-technische Vorsprung von Westeuropa gegenüber dem Rest der Welt war im 19. Jahrhundert bereits sehr groß geworden, und er wuchs ständig weiter. So war es schon damals abzusehen, dass keiner Kultur der Welt die Konfrontation mit der europäischen Technologie erspart bleiben wird. Schockerfahrungen waren folglich unvermeidlich. Das neue naturwissenschafliche Denken und die neuen Technologien wirkten auch in Europa auf die eigene Tradition ein, zerstörten hier vieles und nötigten zu tiefgehenden Transformationen. Noch stärkere Konfrontationen waren für die anderen Teile der Welt vorauszusehen. Wäre Afrika im 19. Jahrhundert nicht ein Stückweit durch die christliche Mission auf Europa vorbereitet worden, wäre der Schock im 20. Jahrhundert wohl noch weit größer gewesen.

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So ist es ziemlich müssig, über mögliche Fehler der christlichen Mission im 19. Jahrhundert lange zu disputieren. Die überlieferten afrikanischen Kulturen wurden nicht durch sie zerstört, sondern durch die technologische Revolution, die seither unvermindert weitergeht, ja deren Tempo sich noch gesteigert hat. Heute ist deshalb die zentralste Frage für das Christentum - anders als zur Zeit von Franz Xaver - nicht mehr die Begegnung mit völlig fremden Kulturen, sondern die Situierung in einer Weltzivilisation, die alle früheren Kulturen in ihren Sog reisst und allen ständig neue Transformationen aufzwingt.

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Gegenwärtig wird viel vom Dialog der Religionen geredet und dieser wird oft gegen die frühere Mission ausgespielt. Der Dialog ist sicher wichtig, und Franz Xaver hat damit schon vor 450 Jahren in Japan begonnen. Durch den Dialog lernen Menschen einander tiefer verstehen. Er hilft, dass wir uns in fremde Kulturen und Religionen besser einfühlen können.

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Das Reden vom Dialog kann aber auch leicht Erwartungen und Vorstellungen wecken, die die realen Probleme und Gegensätze eher verschleiern. Soll dies nicht geschehen, muß man im Dialog den Mut haben, auch das Gegensätzliche und Schmerzliche anzusprechen. Nur Gespräche, die sich dem Konflikthaften stellen, können auch etwas zur Überwindung von Konflikten beitragen. Harmonisierende Reden verdrängen hingegen die anstehenden Probleme und lassen Krisen meistens später nur um so stärker aufbrechen.

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Der religiöse Dialog muss sich in besonderer Weise auch jenen Herausforderungen stellen, die von aussen kommen. Franz Xaver zog in unbekannte Länder, und ein ganzer Kontinent wurde für ihn zur Aufgabe. Heute gibt es keine unbekannten Länder mehr. Allen Religionen steht aber das naturwissenschaftlich-technisch Denken und die wirtschaftliche Dynamik wie ein neuer Kontinent gegenüber, der sich sehr selbstbewusst gibt und einen praktischen Universalanspruch erhebt. Die Aufgabe ist heute so groß wie zur Zeit des Franz Xaver. Er hatte mit unbekannten Ländern zu tun, und wir stehen ständig vor Neuem und Unbekanntem, das unsere eigene Zivilisation hervorbringt. Sich diesem Neuen in seiner ganzen Übermacht zu stellen, braucht einen ähnlichen Mut und einen ähnlichen Einsatz, wie Franz Xaver ihn gezeigt hat. Ein Dialog im Sinne eines unverbindlichen Redens bleibt hier völlig nutzlos. Nur ein Dialog mit Einsatz von letzter Überzeugung kann neue Dimensionen erschließen, dem Glauben einen Weg öffnen und langsam transformierend auf unsere Zivilisation zurückwirken.

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Wegen der Erfolge der Naturwissenschaften und der technisch-wirtschaftlichen Welt haben viele Christen - auch Theologen und Theologinnen - einen Minderwertigkeitskomplex. Manche meinen durch Anspassung weiterzukommen, und oft liegt sogar eine Anbiederung nahe. Doch auf diese Weise macht man sich nur überflüßig. Franz Xaver kannte - trotz seiner Einsamkeit und seiner kleinen Mittel - keinen Minderwertigkeitskomplex. Er war so überzeugt, dass er sich bedenkenlos auch völlig fremden und unbekannten Herrschern stellte. Hier liegt die eigentliche und tiefste Herausforderung seiner Gestalt für uns heute. Die Vielfalt der Informationen, Botschaften und Strömungen, die täglich auf uns eindringen, verführen uns leicht dazu, allem gegenüber unsicher zu sein und dem eigenen Glauben nicht mehr richtig zu trauen. Je weniger wir aber überzeugt sind, um so uneingeschränkter beherrscht die naturwissenschaftlich-technische Zivilisation die Welt. Nur Glaubensgestalten wie Franz Xaver können alternative Wege in die Zukunft eröffnen, selbst wenn diese, wie er, zunächst einsam vor den Toren eines verschlossenen Reiches sterben müssen.

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