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Das vergrabene Talent
(Gedanken zum 33. Sonntag im Jahreskreis (LJ A))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Ist das Gleichnis vom vergrabenen Talent eine Drohbotschaft? Oder geht es gerade darum, diese Sichtweise zu transformieren?
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-11-18

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Spr 31,10-13.19-20.30-31); 1 Thess 5,1-6; Mt 25,14-30

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 Liebe Gläubige,

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worum geht es eigentlich in diesem berühmten Gleichnis von den Talenten? Geht es darum, wie wir mit unseren Begabungen umgehen sollen? Oder geht es um Tipps für gute Anlagegeschäfte? Oder darum, wie man sich als Herr oder Diener verhalten sollte?

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So seltsam es klingt, aber es geht eigentlich darum, wie unterschiedlich man dasselbe wahrnehmen kann und was für fatale Folgen eine falsche Wahrnehmung nach sich zieht. Wie das?

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Wir hören von einem Herrn, der auf Reisen geht und seinen Dienern Geld anvertraut. Um genau einschätzen zu können, was das heißt, wäre es natürlich ganz gut zu wissen, wie viel Geld. Was ist ein Talent in Euro? Zum Glück gibt es Menschen, die das erforscht haben, und bei so einem habe ich nachgeschlagen(1) und gelernt, dass 1 Talent die höchste Geldeinheit überhaupt war, und mindestens 6000 Denare wert. Das eigentlich Interessante ist nun aber, dass 1 Denar der Tagesverdienst eines einfachen Tagelöhners war. 1 Talent sind also 6000 Tagesverdienste; bei einer Sechs-Tage-Woche ist 1 Talent also der Lohn für 1000 Arbeitswochen, oder anders gesagt für gut 19 Jahre Arbeit.

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Stellen Sie sich also vor, Ihr Chef kommt morgen zu Ihnen und noch zwei ihrer Kollegen und gibt einem von Ihnen Geld im Wert von mehr als 96 Jahresgehältern, dem anderen von mehr als 38 Jahresgehältern und dem dritten schließlich von fast 20. Er bedeutet Ihnen auch, dass die verschiedenen Summen sich daraus erklären, wie er Ihre jeweiligen Fähigkeiten einschätzt. Dann verreist er, ohne Angabe darüber, wann er zurück kommt, und ohne weitere Anweisungen, was Sie mit dem Geld machen sollen. Aber Sie haben die Verantwortung dafür.

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Da könnte man schon Angst bekommen. Kann ich diese Verantwortung tragen? Was soll ich tun damit? Werde ich fertig damit? Was wird der Chef sagen, wenn ich scheitere? - Das ist die alles entscheidende Frage. Was ist dieser Herr für einer?

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Dabei liegt es doch klar vor Augen: Er ist einer, der seinen Angestellten ein Vermögen anvertraut und ihnen völlig freie Hand lässt. Einer, der wohl um die verschiedenen Fähigkeiten seiner Leute weiß, der aber noch dem Unfähigsten von ihnen zutraut, mit 20 Jahresgehältern sinnvoll umgehen zu können. Eigentlich ist das doch ein Mann, den man um seiner Großzügigkeit und seines Vertrauens nur bewundern kann. Mit 96 Jahresgehältern in der Tasche, da könnte ich mich doch auch absetzen auf die Bahamas, mit 20 immerhin noch nach Mallorca - und er würde mich nie wiederfinden. Eigentlich könnte sich jeder der so Bedachten freuen über diesen Chef und voll Mut und Zutrauen in seine eigenen (wirtschaftlichen und moralischen) Fähigkeiten an die Arbeit gehen.

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Und - liebe Gläubige - so werden wohl die ersten beiden Diener ihren Herrn auch empfunden haben. Sie hatten das Zutrauen, dass sie frei, nach ihren Fähigkeiten wirtschaften sollten und konnten. Und siehe da, es hat auch funktioniert. Als der Herr kommt, hat jeder seinen Anteil verdoppelt.

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Das ganze Gleichnis steht nun aber unter dem Vorzeichen: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann …". Wir erkennen also leicht, dass es sich bei dem Herrn um ein Bild von Gott handelt. Das war also das Bild von Gott, das diese beiden Diener hatten und wie es sich ausgewirkt hat.

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Und diese Talente - 20, 40, 96 Jahre Lebensunterhalt - könnten sie nicht Bilder für 20, 40, 96 Jahre Leben, ja für das ganze Leben sein, das Gott jedem von uns - jedem nach seinen Fähigkeiten - geschenkt hat, damit wir - so großzügig ausgestattet - in eigener Verantwortung darin an uns arbeiten, reifen, uns entwickeln und dann diesen Schatz, der wir selber sind, ihm zurückgeben - vervielfacht in unserem Wert und unserer Würde, wenn Gott zurückkommt und unser Leben wieder zu sich nimmt?

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Allerdings: Das Leben ist kein Lottospiel, es ist eine ernste Sache. Die Verantwortung ist erschreckend. Wir können darin alles gewinnen - nämlich uns selber. Oder aber alles - uns selber - verlieren.

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So ist es dem dritten Diener ergangen. Aber warum? Warum hat er so versagt? Er gibt die Antwort selbst: „Ich wusste, dass du ein strenger" und ungerechter „Mann bist, … weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt" (Mt 25,24f.). Auf dem Hintergrund des Bisherigen könnte man sich allerdings fragen, ob der dritte Diener denn blind war. Wie kommt er auf die Idee, dass sein Herr ein strenger und ungerechter Mann ist? Das passt doch überhaupt nicht zum Verhalten des Herrn, der so großzügig war!

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Wie kommt man also zu so einem Angst einflößenden Bild von Gott, der sich doch immer nur als der Geber alles Guten erwiesen hat? Eine Möglichkeit ist, dass der Diener es mit religiösen Vorbildern zu tun hatte, die ihm gerade dieses Bild vermittelten und ihm genau dadurch den Weg ins Himmelreich versperrten - wie wir vor zwei Wochen im Evangelium gehört haben.(2) Der eigentliche Fehler des dritten Dieners ist nicht, dass er kein Großkapitalist wurde wie die anderen, sondern, dass er aus Angst vor seinem Herrn seine Verantwortung für sein Leben nicht wahrnehmen konnte, und stattdessen seine 20 Jahreslöhne vergraben hat. Aus lauter Angst vor Gott hat dieser Mensch nie wirklich gelebt, er hat sich selber schon vorzeitig begraben.

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Aber - so werden Sie jetzt vielleicht einwenden -: Der Mann hatte doch Recht. Der Herr zeigt doch durch seine Reaktion, wie streng und ungerecht er ist. Er nimmt dem, der eh schon wenig hat, das Wenige noch weg und gibt es dem, der am meisten hat; und den Versager lässt er auch noch hinauswerfen. Er bestätigt doch genau das Bild, das der dritte Diener von ihm hatte.

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Das ist richtig - und auch wieder nicht. Es weist uns auf Folgendes hin: Eine religiöse Pädagogik, die uns den Ernst des Lebens und die Größe unserer Verantwortung dadurch klar machen will, dass sie uns Angst vor Gott macht, führt dazu, dass wir immer mehr versagen, dass wir das Geschenk des Lebens aus der Hand Gottes gar nicht annehmen können, sondern uns vorzeitig begraben. Je mehr Angst der Diener hat, desto weniger wird er seine Verantwortung wahrnehmen können, desto mehr wird er versagen, und desto bedrohlicher und ängstigender wird ihm der Herr erscheinen; also wird er noch mehr versagen, und ehe er sich's versieht, wird er alles vertan haben. Schließlich wird das Bild vom unnachgiebigen Gott so mächtig werden, dass keine Predigt vom barmherzigen Vater mehr dagegen ankommt, so dass in Wirklichkeit geschieht, was das Bild der Gottesangst verursacht. Und es stimmt: Wenn das ganze Leben aus Angst etwas falsch zu machen vertan und vergeudet ist, dann sind wir in äußerster Finsternis, in der wir vor Verzweiflung heulen und vor Kälte mit den Zähnen klappern. Und es ist, als wäre uns unser Leben weggenommen und denen gegeben worden, die eh immer schon Vertrauen ins Leben und in Gott hatten, denen alles gelingt, was sie anfassen, und deren Vertrauen so immer mehr wächst.

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Der Herr kann dafür aber gar nichts. Denn er könnte das nur verhindern, indem er uns die Verantwortung für unser eigenes Leben wegnehmen würde. Wenn unser Leben für uns nicht auch Herausforderung und Aufgabe wäre, wenn wir keine Freiheit und Verantwortung hätten, dann bliebe unsere Lebensverweigerung ohne negative Folgen, aber erst dann würde uns Gott unsere Würde und unser Selbst wegnehmen. Gerade das tut er nicht.

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Stattdessen hat er am Ostermorgen in Christus einen neuen Anfang gesetzt, in dem, der aus Liebe zu Gott alles auf eine Karte gesetzt - und der sein Leben dabei verspielt und verloren hat. Gott hat ihm nicht den Ernst des Lebens erspart, aber er hat ihm neues Leben geschenkt.

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„Du bist im kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen … Nimm teil an der Freude deines Herrn" (Mt 25,21.23) - heißt es da. 96 und 38 Lebensjahre - eine Kleinigkeit? Im Vergleich zum ewigen Leben, in dem wir eingehen in die Freude Gottes, ja. Das wird nicht mehr in Talenten oder Euros gemessen, aber sein Geber ist der gleiche: der großzügige und freigiebige Gott, der neues Leben schenken will - denen, die ihres schon in Mut und Fülle gelebt haben, denen, die es in vielleicht draufgängerischem oder echt tapferem Mut verloren haben - aber auch denen, die es angstvoll vergraben haben.

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Anmerkungen:

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1. Das Talent war die höchste Münzeinheit, es wird zwischen 6000 und 10000 Denaren angesiedelt. 1 Denar war ein Tageslohn. D. h. 5 Talente sind mindestens 30000 Denare oder 30000 Tageslöhne, 2 und 1 Talent entsprechen jeweils mindestens 12000 bzw. 6000 Tageslöhnen, also fürstlichen Summen. Vgl. Gnilka, J.: Das Matthäusevangelium, 2. Teil. Kommentar zu Kap. 14,1-28,20 und Einleitungsfragen. Freiburg-Basel-Wien 1988, v. a. 359, aber auch 145f.

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2. Vgl.: N. Wandinger: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten." http://info.uibk.ac.at/c/c2/theol/leseraum/predigt/293.html

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