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Das Dilemma der klugen Jungfrauen
(Eine Predigt zu Mt 25,1-13.)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Predigt in der Jesuitenkirche (am 10. November 2002 um 18 Uhr)
Datum:2002-11-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Immerhin sind es fünf Frauen - die Hälfte also - denen es vergönnt bleibt, sich an der Hochzeitstafel zu ergötzen: zu essen und zu trinken und ... zu tanzen. Fünf andere bleiben vor der Türe stehen, mitten in der Nacht und rufen: "Herr, Herr, mach uns auf!". Zu spät! Der Zug ist abgefahren, der Anschluss versäumt, der Zeitpunkt verpasst. Selbst im Zeitalter von Handys hilft der Anruf nicht immer, um den Anschlussflug zu stoppen. Vorbei ist vorbei! Immerhin sind es aber fünf ..., die Hälfte also.

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Die anderen biblischen Texte sind keineswegs so großzügig: "Herr ... es werden doch nur wenige gerettet ...!" (Mt 7,23), versichern sich die Jünger bei Jesus in einer anderen Szene und er scheint ihre Ängste (oder sind es ihre Hoffnungen?) voll zu bestätigen. "Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen, denn viele, ich sage euch, werden versuchen hineinzukommen - , aber es wird ihnen nicht gelingen." (Mt 7,24)

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Seien wir uns doch ehrlich! - Besser konnte Jesus die Sache nicht auf den Begriff bringen. Gerade für unsere Zeit ... , die Zeit der Konsumkultur und des "Laissez-faire-Stils", die Zeit des Relativismus und des Hedonismus, wo die Vielen doch meinen, sie werden mit der billigen Gnade hineinkommen, was ihnen aber nicht gelingen wird! - Besser konnte Jesus die Sache nicht formulieren, gerade für uns ... die klugen Jungfrauen, die wir uns hier versammelt haben. Die Lampen des Glaubens im Kopf und das Öl unserer guten Werke in unseren Händen, das Öl unserer Gebete, unserer alltäglichen Liebenswürdigkeiten, unserer Hilfsbereitschaft, und unserer alltäglichen Bemühungen. Denn: Können wir nicht mit Recht behaupten, dass doch gerade wir durch die enge Tür einzutreten versuchen, wir, die wir uns immer schon in seinem Weinberg plagen? (Vgl. Mt 20,1-16) Während die anderen an den Stadtplätzen herumstrawanzeln, weder an die Lampen noch an das Öl denken: dem Wellensurfer ähnlich - kaum eine Chance verpassend, um oben auf den tragenden Wellen aufzutauchen. Diese anderen, die immer up to date sind, in einer Kultur, die nur noch das Erlebnis und den Erfolg kennt und sich um sich selber dreht. Diese anderen, die null Bock haben, sich zu irgend einer Hochzeit alten Stils einladen zu lassen ..., dazu noch von einem Bräutigam, der einen schweren Charakterfehler zu haben scheint. - "Ist das denn noch normal: zuerst Menschen einzuladen und dann ihnen nur noch durch die verschlossene Tür zu sagen: 'Amen, ich sage euch: ich kenne euch nicht!'? Auf eine solche Einladung kann ich verzichten" - wird der Durchschnittszeitgenosse sagen und er wird problemlos seine Aufmerksamkeit schenken dem nicht mehr überschaubaren Angebot an Partys und anderen Events, die alle doch ein glückliches Leben zu versprechen scheinen, ein Leben hier und jetzt. Und zwar "subito".

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Und der Durchschnittzeitgenosse wird nur noch voll Entsetzen das Bild jener fünf Frauen zur Kenntnis nehmen, die dort draußen vor der Tür stehen, die Stirn gespannt, die Augenbrauen vor Verzweiflung verkrampft, die Augen zu Schlitzen zusammengezogen. Tiefe Trauerfalten im Gesicht, das Kinn wie ein Kieselstein verhärtet. Frauen, die bitterlich weinen.

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"Es ist dies doch eine Tragödie" - wird dieser Zeitgenosse sagen und er wird uns alle doch in tiefe Unsicherheit stürzen, in die Unsicherheit bezüglich unserer eigenen Entscheidung, der Einladung des Bräutigams Folge geleistet zu haben.

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Freilich: werden viele von uns diese Unsicherheit sofort überwinden. Sie werden den herumstrawanzelnden Zeitgenossen das Bild jenes schrecklichen Gerichtes vor Augen führen (Mt 25,31-46), zu dem niemand eingeladen wird, zu dem sich aber alle, ohne Ausnahme, einfinden werden. Sie werden jenes Gericht in Erinnerung rufen, bei dem Schafe von den Böcken geschieden werden, und bei dem derselbe Herr durch sein "Amen, ich sage euch" Menschen identifizieren wird. "Ich kenne euch ... - euch kenne ich nicht!". Denn: "alles was ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan." "Diesem Gericht wird auch unsere relativistische und hedonistische Welt nicht entgehen!" - werden viele von uns sagen, und ihre Hände noch stärker um die brennenden Lampen schließen, das Öl hamstern und schon jetzt ihre Ohren verstopfen, damit sie das Weinen ihrer Kolleginnen nicht hören müssen. Es wird nämlich ein mächtiges Weinen sein. Denn: in ihren Augen wird die Zahl derer, die dort draußen vor der Tür in alle Ewigkeit campieren nicht mehr nur die Hälfte, sondern eine "Legion" sein.

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Die meisten von uns - den klugen Jungfrauen - schrecken vor solchen Eindeutigkeiten ab und dies sowohl im Umgang mit unseren herumstrawanzelnden Zeitgenossen als auch im Umgang mit unseren eigenen Lebensgewohnheiten. Die meisten von uns werden auch versuchen, diesen einladenden Bräutigam, der dann die Tür zum Hochzeitsmahlsaal schließen lässt - wir werden versuchen ihn - zu entschuldigen. Wir werden die biblischen Texte zu erklären suchen, deren Sinnspitzen brechen und den Ernst des verpassten Augenblicks weg interpretieren. Und wir werden ständig das mulmige Gefühl im Magen nicht los, weil auch wir wissen doch, dass man Chancen verpassen kann, dass Leichtsinn Katastrophen produzieren kann, und dass das Nicht-Ernst-Nehmen vom Leben Tragödien heraufbeschwört.

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Die meisten von uns stecken nämlich in einem Dilemma, dem Dilemma, dass das christliche Gottesbild erst produziert. Das Bild jenes Gottes, der die Toleranz sondergleichen zeigt, weil er die Sonne über Gute und Böse aufgehen lässt und seinen Regen über Gerechte und Ungerechte regnen lässt (vgl. Mt 5,45), im Unterschied zu uns Menschen, die wir allzu bereit sind, über alle - und dies ohne Ausnahme - Giftgas zu versprühen. Das Bild eines Gottes, dessen Toleranz alle Grenzen sprengt, alle Unterschiede nivelliert und allen Menschen, ohne Ausnahme, den Platz beim himmlischen Hochzeitsmahl reserviert (Mt 22,10). Dieses Bild produziert ein Dilemma, weil es anscheinend Verwirrungen stiftet. Es fasziniert! Es fasziniert uns und wir sind ja der Einladung gefolgt - haben die Lampen mitgenommen und auch das Öl. Das Öl unserer Lebenskultur: Weil wir gelernt haben, den Unterschied zwischen "Laissez-faire" und göttlicher Toleranz, zwischen "Null-Bock auf etwas" und dem Wert der Akzeptanz des anderen, so wie er ist: dem Wert der Integration, der Rettung. Wir haben den Unterschied gelernt! Aber gerade deswegen ... - fasziniert durch diese göttliche Lebenskultur - fangen wir an selber Grenzen zu ziehen. Eben Grenzen zwischen "Null-Bock auf etwas" und "Laissez-faire" und der bedingungslosen Akzeptanz des anderen. Wir ziehen Grenzen, schließen also selber die Tür des Hochzeitssaales ab, die Tür zu jenen Menschen, bei denen wir das Öl vermissen oder dieses Öl nicht zu sehen vermögen. Und wie viele von uns sperren sich selber aus? Non neurotischen Ängsten geplagt, dass unser Öl nicht gut genug ist.

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Und Jesus? Jesus bestätigt die Logik dieser Grenzziehung, zeigt sich uns also auch als Richter und ermutigt uns alle, dass wir weiterhin diesen Weg der Grenzziehung gehen sollen: Der Grenzziehung zwischen "Null-Bock auf etwas", zwischen "Laissez-faire" und einer grenzenlosen Identifikation mit dem anderen. Beides kann nämlich als Toleranz verstanden und missverstanden werden. Er ermutigt uns alle, dass wir weiterhin diesen Weg der Grenzziehung gehen sollen und so auch Chaos mindern. Selber aber ...

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Selber geht er einen anderen Weg. Dieser Richter richtet nicht, sondern wird selber gerichtet, sein Bild des letzten Gerichtes - das Bild, das er uns übermittelt - bekommt eine deutliche Korrektur dadurch, dass er selber sich richten lässt (Mt 26,64-66). Am Kreuz wird er selber unter die Böcke gezählt" (Mt 27,38). Er selber verlässt also den Hochzeitssaal, um bei jenen weinenden Jungfrauen zu sein, die die Chance verpasst haben und den Anschluss versäumt. Er gesellt sich zu den herumstrawanzelnden und auch zu jenen, die heulen und mit den Zähnen knirschen (Mt 22,13). Ja! Er selber fällt so tief wie kein Mensch zu fallen vermag, in alle Ewigkeit in alle Ewigkeit auch nicht die "Null - Bock auf etwas" - Generation.

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Er selber überschreitet also die Grenze zu einer radikal gottlosen Wirklichkeit und bringt dorthin jenen Gott, der allen Menschen einen Platz beim himmlischen Hochzeitsmahl bereitet hat. Er selber unterwandert also die Logik seiner eigenen Gerichtspredigt.

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Und wir alle, die wir uns zu dieser Eucharistiefeier versammeln - unsere Lampen im Kopf und das Öl in den Händen - wir alle feiern diese göttliche Logik: die Logik einer bedingungslosen Toleranz und die Logik des evangelischen Ernstes, vor allem aber die des beispiellosen Weges Christi, der allen gerecht zu werden versucht: den Jungfrauen mit und ohne Öl, denjenigen, die die Tür verriegeln, und jenen, die ausgesperrt werden. Und es tut uns allen gut, selbst dann, wenn wir unsere Hände um unsere brennenden Lampen schließen, sich in die Schar jener einzureihen, die das Brot brechen und zu jenem Lamm - das unter die Böcke gezählt wurde - sagen ... : "Im Grunde bin ich doch nicht würdig. Selbst, oder gerade dann, wenn das helle Licht meiner Lampe mich blendet, bin ich im Grunde nicht würdig. Und ich bin doch so froh, dass Du Dich zu mir gesellst, dort wo ich so bin, wie ich halt bin, und nicht, dass ich mich zu Dir aufraffen muss."

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