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Globale Finanzen und menschliche Entwicklung

Autor:Büchele Herwig, Kitzmüller Erich
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Orientierung 15/16, 66. Jahrgang, 15/31.08.2002
Datum:2002-10-24

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Wie ist die gegenwärtige Dynamik des herrschenden Wirtschaftssystems zu verstehen? Welche Rolle spielt dabei der Geldsektor? Die Aktualität der Frage liegt im Aufstieg der Finanzmärkte, der mit dem Abstieg der Steuerungswirkung der politischen Akteure und Institutionen wie auch der Wahlfreiheit in der Realwirtschaft einhergeht. Die Finanzmärkte geben mehr und mehr die Wertungen für alle wirtschaftlichen Aktivitäten vor; die neue Ausrichtung begünstigt vor allem solche Vermögen, deren Manager sich einem abstrakten, leeren Maximierungszwang ausliefern (müssen). Die Finanzmärkte sind die aktuell letzte Stufe in der Durchmonetarisierung des Begehrens und der Leidenschaften. Die auf den Finanzmärkten operierenden Marktkräfte übertreffen in Beweglichkeit und Masse die Mittel, die von Zentralbanken und/oder Regierungen zur Regulierung der Finanzmärkte eingesetzt werden können.

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Die Internationalen Finanzmärkte sind in den letzten Jahren also zurecht in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Es ist zu begrüßen, dass nicht zuletzt durch soziale Bewegungen - wie die von ATTAC - breitere Bevölkerungskreise beginnen, sich mit dieser schwierigen und komplexen Materie auseinanderzusetzen. Die Studie „Globale Finanzen und menschliche Entwicklung", die im Frühjahr von der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegt wurde und die hier kurz kritisch besprochen werden soll, leistet einen sehr zu begrüßenden Beitrag, ein weit gestreutes, interessiertes Publikum mit dem Basisgeschehen rund um die Finanzmärkte vertraut zu machen und zu einem vertieften Studium anzuregen. Die Geldproblematik ist zu wichtig, als dass sie den Fachleuten der Banken und Finanzmärkte allein überlassen werden dürfte, ähnlich wie die Frage von Krieg und Frieden bekanntlich nicht den Militärs allein überantwortet werden kann.

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Die vorliegende Studie verdiente der Sache wegen einen ausführlichen Kommentar. Wir müssen uns auf einige kritische Hinweise beschränken. Wir hoffen, dass diese Anmerkungen die Motivation erhöhen, sich mit dieser Studie auseinanderzusetzen. Das ist sicher die Intention der Verfasser!

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Das Grundanliegen der Studie gilt der Überwindung von Armut. Was bislang in der Entwicklungstheorie eher unterbelichtet war, darauf soll das Scheinwerferlicht geworfen werden: Wie wirkt sich das Wechselverhältnis zwischen Internationalen Finanzmärkten und den nationalen Finanzsystemen auf die Lebensverhältnisse der Armen aus? Das Augenmerk gilt besonders den Schwellen- und Transformationsländern und den ärmsten Entwicklungsländern. Wie der Titel der Studie nahe legt, erwartet man sich auch generell etwas zum Thema „Globale Finanzen und menschliche Entwicklung" - also auch zur Bedeutung der Internationalen Finanzmärkte für die Entwicklung des reichen Nordens und damit der Weltgesellschaft insgesamt. Sollen doch auch „einige ethische Maßstäbe für eine Reform der Internationalen Finanzmärkte" (Seite 8) erarbeitet werden.

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Die Vorzüge der Studie hätten unseres Erachtens wesentlich mehr an Profil gewonnen, wenn deutlicher und methodisch folgerichtiger unterschieden worden wäre zwischen „eigenbestimmter" und „weltmarktzentrierter" Entwicklung der Schwellen- und Transformations -, vor allem aber auch der ärmsten Länder. Welchen Weg sollen die benachteiligten Länder einschlagen? Grob gesagt, gibt es zwei Alternativen: Entweder klinkt man sich - wo immer es geht - in das globale Wirtschaftssystem ein -, und das ist ja der von der Finanzindustrie ermöglichte und begünstigte Weg. Auf diesem Weg der weltmarktzentrierten Entwicklung kann bestenfalls mehr Reichtum bei den Reichen entstehen, jedenfalls werden die Lebensverhältnisse der Armen kaum verbessert werden. Denn beispielsweise die Arbeit in der Weltmarktfabrik oder in der Agroplantage bringt bestenfalls etwas Geld, befähigt aber die breiten Massen nicht zur Gestaltung des eigenen Lebens - zur „eigenbestimmten" Entwicklung, also zur Produktion und Vermarktung der so ungeheuerlich mangelnden Dinge des Alltags - Nahrung, Kleidung, einfaches Werkzeug. Vor allem aber ermöglicht es nicht - zumindest war das bisher die überwiegende Erfahrung - den Ausbau des Schulwesens, des Gesundheitsdienstes und der Verkehrsinfrastruktur und vor allem von Gewohnheiten und Institutionen der Demokratie.

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Die Alternative zur weltmarktzentrierten Entwicklung ist das Vorhaben einer „eigenbestimmten" Entwicklung. Wie hat die Finanz- und Geldpolitik eines Landes im einen wie im anderen Fall das nationale Finanzsystem und das Verhältnis zu den Internationalen Finanzmärkten zu gestalten? Klare Alternativen dieser Art wird der Leser nicht finden - , wenn auch viele einzelne Elemente im Sinne dieser Unterscheidung angeführt und auch die Möglichkeiten solcher Problemzuspitzungen vermerkt sind, aber eben nicht „systematisch" ausgeführt werden.

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Unser schwerstwiegender Einwand gilt der Beschreibung des Internationalen Finanzsystems - seiner Vorzüge, Schwächen und Krisen. Eine unseres Erachtens sachgerechte Darstellung hätte erfordert, von den systemischen Mängeln der Internationalen Finanzmärkte auszugehen - , und zwar unter dem Blickwinkel der „eigenständigen Entwicklung" wie auch des Umsteuerns der Fehlentwicklung des reichen Nordens. Die Studie stellt die positiven Funktionen der Internationalen Finanzmärkte heraus und vermerkt gleichzeitig, dass das Geschehen auf den Finanzmärkten immer durch Krisen gekennzeichnet ist. Vernachlässigt werden die systemischen Mängel, die der Geldwirtschaft in der Gestalt der globalisierten und deregulierten Finanzmärkte eigen sind.

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Geld ist für viele Akteure viel mehr als nur Zahlungsmittel, Wertmesser, Wertaufbewahrer (S. 17). Im Medium Geld, in der Codierung über Geld, wird Begehren, werden Interessen als Gegenstände künftiger Befriedigung oder künftiger Ängste phantasiert. Das wird im alltäglichen Konsum - gerade auch in reichen Ländern - wahr genommen und bestimmt das Handeln sowohl der Konsumenten wie der Werbung, die den Markt eröffnet und damit das Güter- und Dienstleistungsangebot in seiner ganzen Fülle. Es bestimmt aber ebenso auffällig das Verhalten von Eliten in den Entwicklungsländern. Eben das ist es ja - stärker als wissenschaftliche Kenntnisse, technische Fähigkeiten und Kapitalbildung - was im „Trickle-down-Effekt" vor allem geschieht: Eine Mobilisierung der Phantasie, codiert über Geld, in Richtung auf die Teilnahme an der OECD-„Wunderwelt".

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Am deutlichsten wird das Moment der Phantasie und des Nacheiferns der Rivalität gerade in dem Bereich, in dem Geld seine größte Beweglichkeit und seine schwersten Folgen zeitigt - auf den Finanzmärkten. Das Börsengeschehen ist - der Propaganda der Analysten und anderer Teilnehmer der Finanzindustrie zum Trotz - in den entscheidenden Phasen der Kursentwicklung kaum mehr auf reale Tatsachen zurückzuführen - etwa auf den inneren Wert der Unternehmen, deren Aktien gehandelt werden. Es sind Vorgänge der Nachahmung und Ansteckung - ein Herdenverhalten -, das zum größten Teil die Vorgänge auf den Finanzmärkten bestimmt. Damit aber sind alle Vorkehrungen, jegliche Destruktivität zu vermeiden und mittels der Operationen der Finanzmärkte nur wünschenswerte Ergebnisse zu erzielen, von vornherein durch die mimetische Operationsweise der Akteure auf den Finanzmärkten eng begrenzt. Dazu findet sich in der Studie kein Wort.

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Ein zweites Moment der Gewalt und möglicher Destruktivität bringt Geld dadurch in das wirtschaftliche Geschehen - und das ganz besonders auf den Finanzmärkten -, dass Geld gewissermaßen niemals zur Ruhe kommt. Nicht ein Gleichgewicht, nicht Stabilität (wie in der Studie laufend vorausgesetzt und eingefordert) bestimmen die Operationen der Finanzaktionen, sondern das Ausnützen von Asymmetrie und Dynamik. Die zentrale Funktion von Geld - zumal der Finanzmärkte - ist es, mit seiner und ihrer Hilfe ein Mehr zu erzielen, eine zinsgetriebene Expansion zum eigenen Vorteil und zu Lasten nicht allein der unmittelbaren Konkurrenten, sondern jeglicher Dritter zu erreichen. Dieser Wesenszug des Geldes und zumal der Finanzmärkte unterwirft jegliche Absicht der Stabilisierung dem Zwang, jeweils bestehende Asymmetrien - Macht- und Vermögensvorsprünge - zu stabilisieren. Aber soll die Stabilisierung von Asymmetrien angestrebt werden? Auch diesen fundamentalen Zug des Finanzsystems blendet die Studie aus.

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Das angestrebte Zusammenspiel zwischen einem gestärkten nationalen Finanzsystem und den globalisierten Finanzmärkten soll auf stabile Entwicklung ausgerichtet sein. Das ist für die Studie paradigmatisch. Den Lesern wird dabei die kritische Überprüfung eben dieser Grundannahme vorenthalten. Ist eine „Globalisierung de Luxe" (Dieter Senghaas) - also die Entwicklung nach dem Muster der OECD- Zone - ein zukunftsfähiges, humanes Anliegen? Und dies nicht nur für die reichen Länder selber, sondern umso mehr für die so genannten Entwicklungsländer? Die Konzentration auf partikulare, maximale, beschleunigte Vorteilsmaximierung garantiert Gemeinwohl und damit sozialen Frieden nicht - oft ganz im Gegenteil! Sobald diese Kritik nicht ausgeblendet, sondern das Grundanliegen der Studie durchgehalten wird - Entwicklung unter den Vorzeichen der Überwindung von Armut zu verstehen - würden die Anregungen und Ratschläge der Studie zur Reform mit mehr Mut und Entschlossenheit zu formulieren sein. Der Charakter der Empfehlungen, der dem Einerseits ein Andererseits folgen lässt, bietet dem Leser wenig Entscheidungshilfe an.

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Gewiss soll das Für und Wider der konkurrierenden Vorschläge dem Leser nicht vorenthalten werden. Doch ist zu fragen, ob nicht für einige dieser Vorschläge - Tobin Steuer, intelligente Kapitalverkehrskontrollen, eine Reform der globalen Finanzinstitutionen, vor allem des IMF - die öffentliche Debatte reif genug ist, um den Lesern klare Entscheidungshilfen geben zu können.

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