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Galilei in Reverso
(Zur gesellschaftlichen Akzeptanz des Naturalismus)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:Wenn es zutrifft, dass die Akzeptanz des physikalistischen Naturalismus sich auf machtpolitische Strukturen der Gesellschaft stützt, dann erinnert dies an den Fall Galilei mit umgekehrten Vorzeichen.
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-10-02

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Bei der Tagung des Arbeitskreises der Dogmatiker und Fundamentaltheologen des deutschen Sprachraums letzte Woche in Untermarchtal ging es um die Auseinandersetzung des christlichen Menschenbildes mit dem des neuen, physikalistischen Naturalismus. Dazu war auch ein Vertreter dieses Naturalismus eingeladen, der seiner Aufgabe, diese Weltanschauung zu vertreten, auch hervorragend nachkam.

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Unter den anwesenden TheologInnen und christlichen Philosophen setzte sich die Erkenntnis durch, dass der physikalistische Naturalismus zwar wissenschaftstheoretisch nicht begründbar und eigentlich nicht haltbar sei, dass er aber aus verschiedenen nicht-wissenschaftlichen Gründen nicht nur bei seinen philosophischen und naturwissenschaftlichen VertreterInnen, sondern gerade auch in der medialen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit bereitwillig aufgenommen und verbreitet würde. Wir waren also der Meinung, dass wir zwar die besseren Argumente hatten, dass diese aber nicht genügend gehört und gewürdigt würden. Mit anderen Worten: Wir dachten differenzierter, unterschieden naturwissenschaftlichen und weltanschaulichen Geltungsbereich adäquater, konnten aber aufgrund gesellschaftlicher und wissenschaftspolitischer Machtverhältnisse andere nicht dazu bewegen, dies nachzuvollziehen.

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Nehmen wir einmal an, diese Sichtweise war nicht nur die Selbsttäuschung eines genetischen Trugschlusses, sondern trifft zu. Wenn es so ist, dann erinnert mich diese Situation an den Fall Galilei, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen: Damals waren es die kirchlichen Institutionen, die die gesellschaftlichen Machtstrukturen dominierten und die wissenschaftstheoretischen Unterscheidungen, die Galilei durchaus anbot, nicht nachvollziehen konnten oder wollten. Eine Lehre, die Papst Johannes Paul II. daraus zog, lautet: „Wenn eine neue Form des Studiums der Naturerscheinungen auftaucht, wird eine Klärung des Ganzen der Disziplinen des Wissens nötig. Sie nötigt sie zur besseren Abgrenzung ihres eigenen Bereiches, ihrer Zugangsweise und ihrer Methoden, wie auch der genauen Tragweite ihrer Schlussfolgerungen. Mit anderen Worten, dieses Neue verpflichtet jede Disziplin, sich genauer ihrer eigenen Natur bewusst zu werden."(1)

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Dies zu tun weigerten sich die damaligen Theologen, während Galilei es zwar noch nicht adäquat durchführen konnte, es aber sehr wohl andachte: „Wenn schon die Schrift nicht irren kann, so können doch einige ihrer Erklärer und Deuter in verschiedener Form irren" (2). Die Verweigerungshaltung bei den Theologen wäre wohl nicht so stark gewesen, wenn sie nicht auf der gesellschaftlich mächtigeren Seite gestanden hätten.

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Heute ist es paradoxerweise umgekehrt: Der physikalistische Naturalismus überschreitet die Grenzen dessen, das er methodisch rechtfertigen kann, und weigert sich, seine eigenen Voraussetzungen noch einmal kritisch zu hinterfragen, anscheinend auch, weil er am gesellschaftlich mächtigeren Hebel sitzt. Die Theologie und eine differenzierte Philosophie können darauf hinweisen, werden aber kaum gehört.

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Für Galilei bedeutete seine kirchliche Verurteilung, dass er seinem angeblichen Irrtum abschwören musste und dennoch die letzten Jahre seines Lebens in „kirchl[ichem] Gewahrsam" (3) verbrachte. Für heutige Theologie kann die Verengung der Sicht auf die Wirklichkeit bedeuten, dass sie als belangloses Orchideenfach abgeschrieben und in eine andere Art von kirchlichem Gewahrsam abgeschoben wird. Die Beschränkung der persönlichen Freiheit heutiger Theologietreibender durch die allgemeine Kultur lässt sich kaum mit der Galileis durch die damalige kirchliche Kultur vergleichen - die Zeiten haben sich hier geändert. Der eine oder die andere mag also durchaus Schadenfreude darüber empfinden, dass es nun der Theologie so geht, wie es damals Galileis These erging.

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Es bleibt aber die Frage, ob ein Sich-Durchsetzen des physikalistischen Naturalismus im Weltbild des modernen Menschen nicht längerfristig mindestens so schädliche Folgen für die Gesellschaft hätte, wie es die kirchliche Weigerung, sich Galileis Theorien zu öffnen, für das Selbstverständnis und die Weltorientierung des Katholizismus hatten.

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Anmerkungen:

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1. Ansprache an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften am 31. 10. 1992, zitiert nach: Accatoli, L.: Wenn der Papst um Vergebung bittet. Alle „mea culpa" Johannes Pauls II. an der Wende zum dritten Jahrtausend. Übertragung ins Deutsche P.-F. Ruelius. Innsbruck 1999, 99.

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2. Ebd.

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3. Vogt, M.: Art. Galilei. In: LThK3 4, 270f.

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