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Gott und die Jumuiya
(Kirchliche Hoffnungsträger in der Hölle von Nairobi)

Autor:Scharer Matthias
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:Im Frühjahr und Sommer 2002 sind die TeilnehmerInnen des Universitätslehrganges 'Kommunikative Theologie' mit einigen DozentInnen in Rumänien, Mexiko, Südafrika und Kenia unterwegs, um den Blick auf die Weltkirche auszuweiten. Im folgenden ein erster Eindruck aus der Kenia Gruppe.
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-09-12

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Von den endlos sich hinziehenden Müllhalden am Stadtrand von Nairobi steigt ununterbrochen Rauch auf. Es brennt, raucht und riecht bestialisch.

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Und doch leben in dieser Hölle der Armut noch Menschen. Eine Frau, das Baby an der Brust, wühlt im Abfall und versucht einige brauchbare Dinge auszusortieren; ein zweites Kind schläft, zugedeckt von einer Pappschachtel. An einer anderen Stelle haben Männer eine einfache Vorrichtung gebaut, um den Müll zu zerkleinern. In einer Art Maische wird er eingeweicht und zu einer übel riechenden Brühe verrührt, ehe er gepresst, getrocknet und als billiges Brennmaterial in der Stadt verkauft wird.

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Die aussortierten, leeren Plastikflaschen türmen sich hinter der einfachen Hütte; sie sind kaum mehr los zu kriegen. Der immer schon niedrige Preis für den aussortierten Abfall verfällt immer noch mehr. Das nackte Überleben im Müll ist längst nicht mehr gesichert.

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Gegenüber dem sonst so lärmenden Leben im Slum von Korogocho - einem der 66 Slums Nairobis - breitet sich in dieser Hölle der Armut eine beklemmende Stille aus. Hier, wohin die ‚Letzten' der globalen Weltgesellschaft mit ihren marginalisierenden Wirtschafts- und Medienstrukturen verbannt werden, ist selbst den Kindern und Jugendlichen die Apathie ins Gesicht geschrieben. Niemand kann das Schulgeld bezahlen, wenn nicht eine kirchliche Stelle einspringt oder einen begünstigten Schulplatz zur Verfügung stellt. Keiner kann sich die medizinische Behandlung leisten, die erst beginnt, wenn man das nötige Geld auf den Tisch legt. Was zur selbstverständlichen Grundversorgung von Menschen gehört, ist den Menschen hier vorenthalten. Die Hoffnung auf die Änderung der tristen und korrupten politischen und sozialen Zustände ist erlahmt, der Widerstand gegen internationale Konzerne, die u.a. durch riesige Ananasplantagen den Boden auslaugen, ist gebrochen. Es scheint keinen Ausweg, keine Hoffnung mehr zu geben.

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Ich bin mit einer Gruppe von TeilnehmerInnen des Universitätslehrganges für Kommunikative Theologie unterwegs. Der ganze Lehrgang hat sich - unter Begleitung einiger DozentInnen - aufgemacht, in diesem Frühjahr und Sommer (2002) den Blick auf die globale Welt und vor allem auf die Weltkirche auszuweiten. Kleine Gruppen waren bzw. sind in Rumänien, Mexiko, Südafrika unterwegs; wir waren in Kenia. P. Anton Schneider, ein Lehrgangsteilnehmer, der als Comboni-Missionar acht Jahre in Kenia arbeitete, ermöglicht uns die Zugänge zu den ‚grassroots' der Kirche der Armen.

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Allein der anteilnehmende Blick auf diese Wirklichkeit - von einer wirklichen Partizipation kann angesichts unseres kurzen Aufenthalts wohl kaum die Rede sein - bringt uns an die Grenze der Belastbarkeit. Kein Ausweg, keine Hoffnung scheint sichtbar, wenn auf dem letztjährigen Kongress des kirchlichen Tangaza Zentrums davon die Rede war, dass bei gleichbleibender internationaler Wirtschaftsentwicklung in zehn Jahren 60% der Bewohner Nairobis in Slums leben werden; davon weitaus der größte Teil Kinder und Jugendliche.

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Maximilia, eine courragierte Afrikanerin, die sich nicht - wie die meisten Bewohner des Landes - in second-hand Kleider hüllt, sondern stolz die selbstgeschneiderte Kleidung ihres Volkes trägt, zeigt die unentrinnbaren Zusammenhänge von Arbeitslosigkeit, Prostitution, Aids, Drogenabhängigkeit, Gewalt und sonstigem Elend auf. Bereits siebenjährige Mädchen werden zur Prostitution gezwungen, weil die Familie sonst nicht überleben kann.

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Doch selbst noch in dieser Hölle des Elends oder gerade darin gibt es kleine christliche Gemeinschaften, in der Landessprache ‚jumuiya udogo dogo' genannt. Die 15 bis 30 Frauen, Männer und Jugendlichen, die sich einmal in der Woche treffen, teilen ihre Nöte und Sorgen, organisieren Hilfen, melden Kranke an die pfarrliche Sozialstelle, beten miteinander und lesen die Bibel. Eine Frau aus einer Jumuiya, mit der ich ein langes Gespräch über ihre Familie, über ihre Kinder, über die afrikanischen Riten (z.B. die Beschneidung) und das Leben im Slum geführt habe, antwortet mir auf die Frage, was ihr in dieser tristen Situation noch Hoffnung gebe: „Gott und die Jumuiya". „Mit denen kann ich über alles reden, was mich bedrückt", sagt sie „und so weit sie können, helfen sie mir auch".

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