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Warum lässt Gott uns leiden?
(Gedanken dazu aus biblisch-christlicher Sicht)

Autor:Hell Silvia
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:"Leiden ist nicht ein theoretisches Problem, das es zu verstehen gilt. Leid kann nie verstanden werden. [...] Leiden ist eine Situation, die allein durch menschliche, christliche, glaubende Paxis zu bestehen ist [...] Was sich einer über das Problem des Leidens ergrübelt, ändert faktisch nichts. Die Gedanken über das Leid entstehen - sieht man genau zu - auch meist nicht in der Arena des Leides, sondern auf den Tribünen. In der Arena wird gelitten, wird vielleicht geklagt und geschrien; es wird vielleicht dennoch Gott gelobt, aber es wird nicht über das Leid reflektiert. In der Arena des Leids ist das Leiden kein Problem, sondern Wirklichkeit" (Erich Zenger). Die Perspektive der Tribüne ist nicht die der Arena. Erst wenn man bereit ist, sich auf die Perspektive der Arena einzulassen, darf man sich der Leid- Frage nähern. Ist Leid der Preis der Freiheit bzw. der Liebe (G. Greshake)? Wer ist Gott angesichts des vielen Leids - ein unbeteiligter Zuschauer oder einer, der selber in die tiefsten Tiefen menschlicher Existenz hinabsteigt? Gottes Allmacht ereignet sich in seiner frei gewählten Ohnmacht - eine Vorstellung, die menschliche Allmachtsphantasien übersteigt.
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-06-19

Inhalt

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I. Leid als existentielle Herausforderung

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Erlauben Sie mir, daß ich an den Anfang meiner Überlegungen einen literarischen Text stelle: (1)

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"'Ich muß fort', sagte Rieux. 'Ich kann es nicht mehr ertragen.' Aber plötzlich verstummten die übrigen Kranken. Da merkte der Arzt, daß der Schrei des Kindes schwächer geworden war, daß er immer weiter abnahm und nun aufhörte. Ringsum fing das Klagen wieder an, aber gedämpft und wie ein fernes Echo auf den Kampf, der vollendet war. Denn er war vollendet. Castel war auf die andere Seite des Bettes getreten und sagte, es sei zu Ende. Mit offenem, aber stummem Mund ruhte das Kind inmitten der durcheinandergeworfenen Decken; es war plötzlich klein geworden, und auf seinem Gesicht waren noch die Spuren der Tränen zu sehen. [...] Mit der ganzen Kraft und Leidenschaft, deren er [Rieux] fähig war, schaute er Paneloux an und schüttelte den Kopf. 'Nein, Pater', sagte er. 'Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.'"

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Warum läßt Gott Leid zu? Wieso hat er nicht eine Welt erschaffen, in der Leid und Böses keinen Platz haben? Diese Fragen sind alt und zugleich neu, weil jeder von uns sich immer wieder neu diesen Fragen stellen muß. Es sind Fragen, die den Sinn des Lebens betreffen. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wie gehe ich mit der Erfahrung der Brüchigkeit meiner Existenz um, mit Krankheit, Leid, Schuld und Tod?

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Es ist unmöglich, hier fertige Lösungsvorschläge zu liefern. Es geht auch nicht darum, den Standort eines unbeteiligten Beobachters einzunehmen. Die Worte des Psychoanalytikers Erich Zenger sind sehr ernst zu nehmen: "Leiden ist nicht ein theoretisches Problem, das es zu verstehen gilt. Leid kann nie verstanden werden. [...] Leiden ist eine Situation, die allein durch menschliche, christliche, glaubende Paxis zu bestehen ist."(2) Und noch etwas schärfer: "Was sich einer über das Problem des Leidens ergrübelt, ändert faktisch nichts. Die Gedanken über das Leid entstehen - sieht man genau zu - auch meist nicht in der Arena des Leides, sondern auf den Tribünen. In der Arena wird gelitten, wird vielleicht geklagt und geschrien; es wird vielleicht dennoch Gott gelobt, aber es wird nicht über das Leid reflektiert. In der Arena des Leids ist das Leiden kein Problem, sondern Wirklichkeit." (3)

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Wer sich mit der Leidfrage auseinandersetzt, soll nicht unbeteiligt von einer Tribüne auf die Arena des Leids schauen, sondern sich - so gut es geht - der Arena des Leids stellen. Es geht im folgenden um eine biblisch-christliche Sicht. Vielleicht gelingt es, ein paar Verstehenszugänge für eine glaubende Praxis zu eröffnen.

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II. Die Antwort auf die Frage "Wozu Leid?" aus der Perspektive der Tribüne

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Um es noch einmal zu sagen: Die Perspektive der Tribüne ist nicht die der Arena des Leids. Gewarnt sei an dieser Stelle vor voreiligen Antwortversuchen. Im alttestamentlichen Buch Ijob geht es um die Frage, wieso ein Mensch, der sich keiner Schuld bewußt ist, (4) leiden müsse. Ijob hat alles verloren, was einem Menschen wichtig ist (in der Reihenfolge, die die Bibel anführt): Hab und Gut, Gesundheit und Familie. Ijob hat drei Freunde, die von dem Unglück hören. Sie machen sich auf den Weg, "um ihm ihre Teilnahme zu bezeigen und ihn zu trösten" (Ijob 2,11). "Sieben Tage und sieben Nächte saßen sie neben ihm auf der Erde und keiner sprach ein Wort zu ihm. Denn sie sahen, daß sein Schmerz übergroß war" (Ijob 2,13). Nach einer Zeit des betroffenen Schweigens und Ausharrens bei Ijob, fangen sie an zu reden. Die Perspektive wechselt damit von der "Arena" zur "Tribüne": Aus Mit-Fühlenden und Betroffenen werden klug Argumentierende. "Sieh, selig ist der Mann, den Gott zurechtweist. Verschmähe nicht die Zucht Schaddais! Was er verwundet, das verbindet er; wenn er zerschmettert, heilen seine Hände" (Ijob 5,17f). Leid wird hier als Zucht und göttliche Medizin interpretiert. (5) Nur wer leidet, kann erfahren, wie barmherzig Gott ist, denn er heilt, indem er züchtigt. Er züchtigt den, der schuldig geworden ist. "...wisse: Er zieht deine Schuld zur Rechenschaft!" (Ijob 11,6b). "Der Frevler leidet Qualen alle Tage, die kurze Zeit, die dem Tyrannen zugeteilt. In seinen Ohren hallen Schreckensrufe, in Friedenszeit kommt der Verwüster über ihn. Er kann nicht hoffen, aus dem Dunkel zu entfliehen; denn er ist ausersehen für das Schwert" (Ijob 15,20-22a). Leid wird damit als Strafe interpretiert. Leid habe sich der Mensch selbst zuzuschreiben; er allein sei verantwortlich dafür. Es gezieme sich nicht, Gott anzuklagen und ihm Vorwürfe zu machen. Man möge doch nicht den Unschuldigen spielen! Wäre der Mensch nicht schuldig geworden, wäre das Unglück nicht über ihn hereingebrochen. (6)

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So und ähnlich lauten die Argumente, die die drei Freunde Ijobs aus der Perspektive der Tribüne vorbringen. Wie oft argumentieren auch wir aus der Perspektive der Tribüne: Die Behinderung wird schon eine notwendige Prüfung sein. Daß er/sie Aids hat, ist eine Strafe Gottes. Gott wird schon wissen, warum er/sie zum Sandler geworden ist.

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Auch wenn das Buch Ijob letztlich keine Antwort auf die Leidfrage gibt, so ist doch zweierlei deutlich:

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Erstens: Gott tadelt die drei Freunde, die doch so genau zu wissen scheinen, warum Ijob zu leiden hat. Er tadelt damit die Perspektive der Tribüne. "Mein Zorn ist gegen dich und deine beiden Freunde entbrannt, weil ihr über mich nicht die Wahrheit gesprochen habt..." (Ijob 42,7).

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Zweitens: In den beiden Jahwe-Reden offenbart sich Gott als einer, dessen Macht geheimnisvoll ist. Seine Pläne sind nicht zu durchschauen. Ganz in diesem Sinn sagt Ijob im Anschluß an die beiden Gottesreden: "Ich weiß nun, daß du alles kannst und kein Gedanke dir unmöglich ist. Ich war es, der verdunkelt deinen Plan mit Worten, denen die Erkenntnis mangelt. [...] Nur durch Gerüchte wußte ich von dir; Jetzt aber hat mein Auge dich gesehen" (Ijob 42,2f.5).

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Gott hat Ijob keine Antwort auf die Leid-Frage gegeben. Oder vielleicht doch? Indem er die Perspektive der Tribüne, die die drei Freunde Ijobs eingenommen haben, tadelt, ist zumindest einer oft nur allzu menschlichen Antwort auf die Leid-Frage eine Absage erteilt worden. Gottes Handeln läßt sich nicht durch menschliches Kalkül erfassen. Wir wissen nicht, warum gelitten wird. Wir erfahren aber, daß Leid zu einem Ort der Gottesnähe werden kann, die aufgrund der Nähe und der bleibenden Ferne Gottes als schmerzlich erfahren wird. Leid steht damit in enger Beziehung zur Liebe. Lieben und Leiden sind zwei Facetten ein und derselben Medaillie. Wer liebt, läßt sich los und macht sich verletzlich. Wer sich verletzlich macht, riskiert die Freiheit des anderen. Das gilt sowohl für Gott als auch für den Menschen. Denn nur so kann letztlich Begegnung geschehen. Wie Lieben, Leiden und Freiheit zusammenhängen, soll im nächsten Abschnitt untersucht werden.

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III. Leid als Preis der Liebe: Freiheit und nicht Determination

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Gisbert Greshake redet von "Leid als Preis der Liebe". Was meint er damit? Die Tatsache, daß es Leid gibt, spricht seiner Meinung nach nicht "gegen den guten Schöpfergott und gegen die Güte der Schöpfung" (7): "Leid ist vielmehr...der Preis der Freiheit, der Preis der Liebe. Ein Gott, der kraft seiner Allmacht und Güte Leid verhindern würde, müßte Liebe (welche Freiheit voraussetzt) unmöglich machen. Liebe ohne Leid wäre darum wie ein hölzernes Eisen oder ein dreieckiger Kreis." (8)

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Schwer zu verstehen, was er damit meint. Ist eine Liebe ohne Leid tatsächlich nicht denkbar? Wie hängen Lieben und Leiden mit Freiheit zusammen? Wenn nach christlichem Verständnis Gott die Liebe schlechthin ist, gilt dann Leiden auch für ihn? Was heißt "Freiheit"? Ist Freiheit bloß als Wahlfreiheit oder als Entscheidungsfreiheit zu verstehen? Wenn ich micht für jemanden entscheide, dann schließe ich damit weitere Möglichkeiten aus. In der Bindung erfahre ich Freiheit, in der Begrenzung Offenheit. Scheinbar sehr paradoxe Aussagen können so zusammengeschaut werden und ergeben einen Sinn.

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"Freiheit" ist zwar eine primär personale Kategorie, kann aber - setzt man das Wort 'Freiheit' unter Anführungszeichen - auch auf den vor- und außermenschlichen Bereich angewandt werden.

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1. Evolution als "Vorentwurf von Freiheit" (G. Greshake)

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Nach biblisch-christlichem Verständnis hat Schöpfung nichts mit Determination zu tun. Die christliche Schöpfungslehre steht nicht im Widerspruch zur Evolutionslehre. Gott setzt etwas von ihm völlig Verschiedenes ins Dasein und ermöglicht, daß sich dieses frei entwickelt. Man muß mit Mutation, Selektion und einer Variation verschiedener Möglichkeiten und nicht kalkulierbaren Faktoren rechnen. Greshake redet von der Evolution als einem "Vorentwurf von Freiheit" und meint damit, daß das Gesetz der Schöpfung nicht Notwendigkeit heißt: "Daß es so etwas wie Krebs gibt, Virenerkrankungen, Mißgeburten, Unglücksfälle, Flutkatastrophen und dergleichen, ist eine notwendige Folge dessen, daß Evolution sich als Vorentwurf von Freiheit vollzieht, nicht determiniert, nicht notwendig, nicht fixiert, sondern im Spiel, im Durchprobieren von Möglichkeiten, im Zufälligen." (9) Daß sich geologische Massen zu verschieben beginnen und Erdbeben verursachen, daß sich Krebszellen unkontrolliert vermehren und zum Tod führen, daß sich Flutkatastrophen ereignen und Menschen dabei Hab und Gut verlieren, ist nicht zurückzuführen auf eine göttliche Macht, die solche Ereignisse deterministisch vorherbestimmt. Das Ja zur Evolution schließt auch ein Ja zur Möglichkeit von Nicht-Gelungenem ein. Gott will keineswegs das Nicht-Gelungene, er ist auch nicht schuld an dem Nicht-Gelungenen; er läßt vielmehr die Möglichkeit des Nicht-Gelingens zu, insofern er die "Freiheit" der Evolution bejaht. "...einen Vorentwurf von Freiheitsstrukturen gibt es bereits in der vormenschlichen evolutiven Welt, und zwar gerade da, wo sie nicht als definiert und determiniert erscheint, sondern sich im freien Spiel der Kräfte erprobend entfaltet, wo das Zufällige immer wieder das Notwendige durchbricht."(10) Leid ist die Konsequenz des nicht Integrierbaren, Widerspenstigen, Paradoxen und nicht Kalkulierbaren. Und gerade dies empfindet der Mensch als Leid. Das Leid ist insofern ein "Preis der Liebe", als es bereits im vor- und außermenschlichen Bereich ein göttliches Ja zur Freiheit gibt, ein Ja zur nicht determinierten Entwicklung und damit auch zur Möglichkeit von Leid. Gott verursacht das Leid nicht, er läßt aber zu, daß Leid geschehen kann - als eine mögliche Unmöglichkeit (G. Vass).

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2. Bewußter Mißbrauch menschlicher Freiheit

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Vor nicht allzulanger Zeit waren die Medien voll von einer der schlimmsten Terrorkatastrophen in den USA. Man denke nur an die Zerstörung des World Trade Centers in New York und des Pentagons in Washington am 11. September 2001. Wieso tun Menschen so etwas? Wer steht dahinter? Hier von einer Naturkatastrophe zu sprechen, wäre wohl verfehlt. Menschen, die von welcher Idee auch immer verblendet sind, gebrauchen ihre Freiheit, um Druck auszuüben, sie nehmen eine Selbstzerstörung in Kauf und mißbrauchen damit ihre Freiheit, ohne auf unschuldige Menschen nur in kleinster Weise Rücksicht zu nehmen. Das Tun der Selbstmordattentäter sollte vermutlich irgendwelchen politischen Zielen dienen. Sie haben ihre Freiheit instrumentalisieren lassen und sie mißbraucht. Der Mißbrauch der Freiheit hat geradezu diabolische Züge angenommen. Er äußert sich in der Zerstörung des Lebens. Lebensverachtung und Lebenszerstörung gehen Hand in Hand.

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Es gibt Leid, das Menschen aufgrund des Mißbrauchs ihrer Freiheit anderen Menschen oder auch der nichtmenschlichen Schöpfung (Tieren, Umwelt) zufügen. Solches Leid ist vom Menschen als Ursache des Leids zu verantworten. Gott läßt dem Menschen die Freiheit, Gutes oder Böses zu tun. Hätte Gott dem Menschen diese Möglichkeit nicht gegeben, wäre der Mensch wohl eine Art Marionette in den Händen Gottes und damit auch nicht zur Verantwortung zu ziehen. Die Heilige Schrift redet immer wieder vom Gericht Gottes, auch von der Möglichkeit ewigen Verlorengehens. Der Maßstab des Gerichts ist die vergoltene Liebe. Im Gleichnis vom unbarmherzigen Schuldner (Mt 18,23-35) wird dies besonders deutlich. Der Knecht, dem eine so große Schuld erlassen worden ist, hätte die Möglichkeit, nun auch an seinem Mitknecht barmherzig zu handeln. Er tut es aber nicht, sondern besteht darauf, alles auf Heller und Pfennig zurückzubekommen. Die Norm des Vergeltens und Bezahlens wird schlußendlich zur Norm, nach der er selber gerichtet wird.

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3. Eingeschränkte, aber nicht aufgehobene Freiheit angesichts universaler Verstricktheit (Erbsünde)

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Es ist vor allem die westliche, von Augustinus geprägte Tradition, die von "Erbsünde" redet. "Erbsünde" meint nicht bloß die negative Freiheitstat eines einzelnen Menschen, sondern die Verstricktheit der gesamten Menschheit. In Adam ist die ganze Menschheit repräsentiert. Es geht also nicht bloß um die Tat eines einzelnen Menschen, wie eine allzu biblizistische Auslegung der Sündenfallerzählung es nahelegen könnte, sondern um die schuldhafte Unheilsverflochtenheit der gesamten Menschheit. Die Sündenfallerzählung setzt sich intensiv mit der Frage nach dem Ursprung des Bösen und dem Unheil auseinander. Die Schlange, die listiger als alle Tiere des Feldes war, die Jahwe Gott gemacht hatte (Gen 3,1), wird als die große Verführerin dargestellt. Das Böse geht auf kein zweites widergöttliches Prinzip zurück, so wie es dualistische Konzeptionen darstellen, wie z.B. der Manichäismus, sondern hat mit verführter menschlicher Freiheit zu tun. Eva greift nach der verbotenen Frucht und gibt sie auch dem Adam zu essen. Deutlich macht der biblische Erzähler, daß dieser Verstoß gegen Gottes Gebot Konsequenzen nach sich zieht (in der Erzählung als Strafurteile dargestellt): Die Beziehung zu sich, zur Mit- und Umwelt hat sich verändert. Sie ist aufgrund des Verstoßes gegen das göttliche Verbot gestört und wird als Leid erfahren.

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Dem Erzähler der Sündenfallsperikope geht es nicht um die Frage, ob es Leid gäbe, wenn Menschen nicht gesündigt hätten. Leid ist auch für den damaligen Erzähler eine Erfahrungstatsache. Er weiß aber darum, daß der Mensch seine kreatürlichen Grenzen anzuerkennen hat und sich nicht Dinge anmaßen darf, die ihm als Geschöpf nicht zukommen (von allen Bäumen darf der Mensch essen, nur vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen aber nicht). Es geht um den von Gott dem Menschen zugedachten Lebensraum, dessen Verlust der Mensch als leidvoll erfährt. Der Sündenfall setzt einen leidvollen Mechanismus in Gang: Schuld wird verdrängt, Sündenböcke werden gesucht. Der Mensch verliert damit den von Gott ihm zugedachten Lebensraum; biblisch ausgedrückt: er muß den Garten Eden verlassen, ohne jedoch die bleibende Sorge Gottes um ihn zu verlieren.

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Die westliche, von Augustinus geprägte Tradition entfaltet die Sündenfallerzählung in Form einer systematischen Erbsündenlehre. Die Kirche greift z.B. auf dem Konzil von Trient (1545-1563) die biblische Sündenfallerzählung auf und betont, daß die Erbsünde nicht bloß etwas Äußerliches ist, sondern den Menschen zutiefst innerlich tangiert. Mit anderen Worten: Ein Baby wird in eine Welt hineingeboren, die alles andere als in Ordnung ist. Es gibt in ihr Böses, Unheilvolles, Leiderzeugendes. Das Konzil sagt deutlich, daß die menschliche Freiheit durch die Erbsünde zwar eingeschränkt, aber keinesfalls aufgehoben ist (NR 791). Das heißt: Der Mensch, der in die konkrete Welt hineingeboren wird, hat im Normalfall die Fähigkeit, sittlich verantwortlich zu handeln. Seine Freiheit ist zwar von strukturellen Vorgegebenheiten eingeschränkt, aber keinesfalls kann sich der Mensch von seiner Verantwortung absentieren - das gilt für den einzelnen Menschen ebenso wie für die Menschheit insgesamt. Die Rede von der Erbsünde sollte nicht zu schnell verworfen werden. Sie macht nämlich bewußt, daß es nicht nur eine individuelle, sondern auch eine universale Freiheitsgeschichte gibt. Diese beinhaltet zwar Strukturen und Mechanismen mit einer Eigendynamik, hebt aber die Verantwortung des Menschen nicht auf. Leid ist die Folge menschlicher Unheilsverstricktheit. Die Sündenfallerzählung will verdeutlichen, daß weder das Böse noch das Leid auf Gott zurückgehen. Das Leid, von dem in der Sündenfallerzählung die Rede ist, hat mit der pervertierten Freiheit des Menschen zu tun. Die Erbsündenlehre weitet diese Erkenntnis auf die ganze Menschheit aus.

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IV. Die Ohnmacht des Menschen und die Macht der wandelnden Liebe

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1. Der Machbarkeitswahn heutiger Gesellschaft bzw. "narzisstische Omnipotenz" (Horst Eberhard Richter)

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Wir haben vorher von "Erbsünde" gesprochen. In der heutigen Gesellschaft scheint die Erbsündenlehre nicht mehr angebracht zu sein. Einer der Gründe mag wohl darin liegen, daß wir nicht zugeben wollen, daß wir nicht alles selber machen können. Die Erbsündenlehre der Kirche verweist den Menschen auf die Gnade Gottes: Nicht der Mensch schafft sich sein Heil, sondern er bedarf der Erlösung. Das Problem, das hier dahintersteht, ist alt. Immer wieder hat sich die Kirche mit dem Pelagianismus auseinandergesetzt und ihn als Häresie zurückgewiesen: Der Mensch könne sich, so die Auffassung des Pelagianismus, mittels eigener Kraft Heil schaffen. Die Versuchung des Pelagianismus ist hoch aktuell: Nur wer leistet, zählt etwas. Wer nicht mithalten kann, scheidet eben aus. Dies gilt für kranke, leidende, behinderte, alternde und sterbende Menschen. Gerade diese Menschen stehen "den Allmachtsphantasien der modernen Gesellschaft diametral entgegen" (11). Sie sind den Gesunden unbequem, da sie mit den eigenen Grenzen konfrontieren - einschließlich der Grenze des eigenen Todes, der irgendwanneinmal jeden von uns trifft.

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Es gehört zum Menschsein dazu, mit Grenzen zu leben. Es gibt Grenzen, gegen die wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten anzukämpfen haben (Krankheit, Umweltkatastrophen), und es gibt Grenzen, gegen die wir scheinbar nichts in den Händen haben und die wir oft nur ohnmächtig annehmen können.

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Arnim Kreiner fordert uns auf,(12) uns einmal eine Welt völlig ohne Leid vorzustellen: Wäre eine solche Welt nicht arm an Werten? Hätten Barmherzigkeit, Mitleid, Opferbereitschaft, Selbstlosigkeit in einer solchen Welt Platz? Es geht nicht darum, Leid zu rechtfertigen oder gar zu glorifizieren! Es geht vielmehr darum, zu erkennen, daß im Leid eine Botschaft steckt. Vermutlich ist nur einer fähig zu lieben, der auch die Erfahrung des Leids kennt. Jede Öffnung auf ein Du impliziert die Notwendigkeit des Sich-Loslassens. Nur wer sich losläßt, kann dem anderen in sich Raum gewähren und dabei die schöpferische Kraft der Liebe erfahren: Die Liebe wandelt den Menschen, sie verleiht ihm dort Kraft, wo er sich schwach und ohnmächtig erfährt. Zahlreiche Menschen, die die Kirche als Heilige verehrt, haben diese Erfahrung gemacht: Sie engagieren sich, ohne zu fragen, was ihnen ihr Engagement 'bringt', weil sie überzeugt sind, daß die Macht der Liebe stärker ist als die Erfahrung jeglicher Absurdität. Sie sind überzeugt, daß die Liebe das Leben reich macht, auch wenn dieses physischen Grenzen unterliegt (bis hin zum Martyrium).

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2. Leid als Erfahrung der Ohnmacht - Vertrauensbruch als Konsequenz der Sünde bis hin zur Todes(Lebens-)angst

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Die Erfahrung von Leid ist eine Ohnmachtserfahrung. Wer leidet, bekommt am eigenen Körper zu spüren, wie wenig machbar Leben letztlich ist. Die Leiderfahrung ist eine Transzendenzerfahrung. Ein Mensch, der leidet, überschreitet seine ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ('trans-cedere'); er schaut von sich weg und sucht nach Hilfe. Dabei wird er mit der Frage konfrontiert, ob mit Beendigung seines physischen Lebens alles aus ist. Wer meint, daß sich Leben ausschließlich zwischen Empfängnis und physische feststellbarem Tod abspielt, wird alles dransetzen, um aus dem physischen Leben das Beste herauszuholen. Er wird egoistisch um sein Wohlergehen kreisen und sich so wenig wie möglich für andere einsetzen. Sünde meint im Grunde genommen eine gestörte Beziehung. "Sünde" kommt im Deutschen von "sondern" / "absondern" und ist das Resultat einer In-sich-Verkrümmtheit (homo in se curvatus). Die Konsequenz der Sünde ist ein Vertrauensbruch. Dieser schlägt sich in einer bestimmten Erfahrung von Leben, aber auch von Tod nieder. In der lehramtlichen Tradition werden Sünde und Tod eng zusammengeschaut. Krankheit, Leid und Tod sind nicht als solche als Strafe Gottes zu verstehen, wohl aber kann einer bestimmten Erfahrung des Menschen sowohl mit dem Leben als auch mit dem Tod ein Vertrauensbruch zugrundeliegen. Wer meint, alles selber leisten zu müssen und im materiellen Wohlergehen den einzigen Sinn des Lebens sieht, wird mit Krankheit, Leid und Tod kaum zurecht kommen. Er wird solches verdrängen und in keinem eine Chance für das Leben sehen. Es geht nicht darum, Leid zu glorifizieren; es geht vielmehr darum, loslassen zu können. Monika Renz beschreibt in ihrem Buch "Zeugnisse Sterbender"(13) den Sterbeprozeß als Wandlung und innere Reifung. Vielleicht kann diese Beschreibung generell auf Leiderfahrung übertragen werden. Mit therapeutischer Hilfe wird Sterbenden geholfen, loslassen zu können:(14)

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"Am nächsten Tag - Frau Feller fühlt sich nun sicherer im Kommunizieren mit ihrem Mann - findet nochmals Begegnung statt: 'Lieber Hans, ich, Heidi, bin da', sagt sie. Seine zuvor starr geöffneten Augen blicken sie nochmals an. Dann lächelt er über das ganze Gesicht. Es wird zu einem großen Strahlen, den Blick immer noch bei ihr. Er nimmt tief Atem, läßt den Atem ausströmen, als würde er bei vollem Bewußtsein sich selbst loslassen - dann schließt er die Augen, noch zweimal ein Rest-Atem - und Herr Feller stirbt. - Für seine Frau eine Aussage, wie sie deutlicher nicht hätte sein können!"

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Der soeben beschriebenen Szene geht ein Gespräch zwischen Dr. Renz und dem Patienten voran: (15)

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"'Wissen Sie, was im Tod geschieht? Ich meine, wissen Sie aus Ihrer Erfahrung, was Sterbende fühlen?', fragt mich Herr Feller. Er schaut offenbar seinem Ende ins Auge. 'Hör auf', unterbricht seine Frau, hält dann aber unsere Unterredung aus. Ich antworte ihm: 'Zum Tod kann ich nichts sagen, wohl aber zum Sterben.' Ich erklärte ihm, was ich mit anderen Sterbenden erfahre in Richtung Loslassen, Übergang und sich verschiebender Wahrnehmung: 'Das bedeutet: Manchmal sind Sie geistig da, dann empfinden Sie vielleicht Schmerzen. Wenn immer Sie innerlich loslassen können, etwa wie in unseren Klangreisen, so hilft Ihnen das. Plötzlich sind Sie dann wie weggetreten und empfinden keine Schmerzen. Im Zurückkommen erschrecken einige. Ein Hin- und Hergleiten. Es hilft vielen, darum zu wissen.'"

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Loslassen-Können setzt Vertrauen voraus - Vertrauen darauf, nicht ins Nichts zu fallen, sondern einem Größeren, Umfassenderen entgegenzugehen.

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3. Die Kraft der Liebe: nicht Tabuisierung oder Schönfärberei, sondern Wandlung des Jetzt im Blick auf eine endgültige, verheißene Zukunft

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Nicht das Leid als solches hat Sinn. Es gibt nichts Widersinnigeres als Leid! Nicht das Kreuz als Ausdruck menschlicher Gewalttätigkeit verdient unsere Verehrung, wohl aber die im Kreuz sich offenbarende radikale Liebe Gottes, mit der er in die tiefsten Tiefen menschlicher Existenz hinabsteigt, um zu zeigen, wie todernst es ihm mit der Liebe zu uns Menschen ist.

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Im Roman "Die letzte Freiheit" läßt die Autorin Schwester Maria Calasanz Ziesche Heinrich, den Lahmen, einen gebrechlichen, unansehnlichen, halb gelähmten Mönch von der Insel Reichenau, folgendes sagen: (16)

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"Bei mir ist es so, daß ich mich nie und nimmer am Leiden freuen kann und werde um des Leidens willen. In meiner Begrenztheit sehe ich keinen Sinn darin. Ich freue mich an der Liebe Gottes, die mir in Seinem Kreuze begegnet, und die mir aber auch ermöglicht, das Kreuz zu bejahen und durchzutragen. Ich vertraue, daß mein Leiden zum Erbarmen für andere werden darf. Drüben werden wir es einmal ganz erfahren, aber ich glaube daran, daß es eine stellvertretende Sühne gibt, ein Einstehen für andere, ein Heimholen anderer durch die Oblatio angenommenen Leidens. Unser Ja zum Kreuze vermag dort zu helfen, wo kein Wort mehr helfen kann ... und bei jenen, die scheinbar unerreichbar für die Gnade Gottes sind."

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Was ist unter der "Oblatio angenommenen Leidens" zu verstehen? Es ist die Kraft der Liebe, die den Mönch so etwas sagen läßt. Leid wird weder verdrängt noch verherrlicht. Der Mönch nimmt das Leid im Blick auf das Kreuz an. Er trägt es durch und bringt es Gott dar - im Vertrauen darauf, daß das eigene angenommene Leid anderen Menschen zum Segen gereicht.

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Die oft nur als allzu hart erfahrene Realität des Leidens wird nicht aufgehoben, sie wandelt sich aber im Blick auf eine endgültige, verheißene Zukunft. Dem glaubenden Menschen erschließen sich so noch einmal Dimensionen, die einem rein auf das Diesseits bezogenen Menschen verschlossen bleiben.

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V. Allmacht - Ohnmacht - Allmacht Gottes in der Ohnmacht

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Es war vorhin schon beim Blick auf das Kreuz von endgültiger, verheißener Zukunft die Rede. Was ist damit gemeint? Mit der Leidfrage eng verbunden ist die Gottesfrage. Wer ist Gott angesichts des vielen Leids auf Erden?

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1. Allmacht

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Wenn Gott alles kann, kann er doch auch Leid verhindern, so wird oft eingewandt. Wenn Gott darüberhinaus auch noch gütig ist, dann will er doch auch Leid verhindern. Da es faktisch Leid gibt, so wird gefolgert, kann er entweder doch nicht alles oder er ist nicht gütig.

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Dieser Schlußfolgerung liegt eine bestimmte Vorstellung von 'Allmacht' zugrunde: Gott wird als der 'große Macher' angesehen, der, weil er eben allmächtig ist, ständig in die Geschicke der Welt eingreift und sie nach seinen Vorstellungen verändert. Im Glaubensbekenntnis bekennen wir uns nicht nur zur Allmacht Gottes, sondern zum allmächtigen Vater. Das Bekenntnis zum Vatersein Gottes hebt eine omnipotente Allmachtsvorstellung auf. Es impliziert die Erkenntnis, daß Gottes Sein durch und durch Beziehung ist. Weil Gott in sich größtmögliche Beziehung ist (das drückt das Bekenntnis zum trinitaren Gott aus), will er das geschöpfliche Sein an der Beziehung teilhaben lassen. Beziehung wiederum setzt Freiheit voraus. Freiheit ist die Bedingung der Möglichkeit für Liebe. Gott bindet sich in seiner Allmacht durch die Liebe. Weil Gott will, daß etwas ist, will er damit auch die Freiheit des Geschaffenen und dessen Antwort auf seine göttliche Liebe.

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2. Ohnmacht

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Ohnmacht wird oftmals mit 'Hilflosigkeit' gleichgesetzt. "Da kann man nichts machen", heißt es auf gut Österreichisch. Ohnmacht wäre damit genau das Gegenteil einer omnipotenten Allmachtsvorstellung. Wolfgang Borchert stellt uns in "Draußen vor der Tür" einen solchen Gott vor Augen: ein alter Herr, dem alles entgleitet, der angesichts der Greueltaten der Menschen nur mehr hilflos die Achseln zucken kann. Die Welt nimmt mit ihren Gesetzmäßigkeiten ihren eigenen Lauf. Gott steht nach dieser Auffassung daneben und kann nichts mehr tun. Man stellt sich Gott wie einen Uhrmacher vor, der eine Uhr konstruiert hat, die nun ohne seine Gegenwart funktioniert oder eben auch nicht.

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Es ist nicht erstaunlich, wenn eine solche Vorstellung in eine völlige Infragestellung der Existenz Gottes mündet, wie es im postulatorischen Atheismus der Fall ist.

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3. Allmacht in der Ohnmacht

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Nach christlichem Verständnis trifft weder die eine noch die andere Vorstellung zu - weder die Vorstellung von Allmacht als Omnipotenz noch diejenige von Ohnmacht als Hilflosigkeit. Das Bekenntnis zu Gott, dem allmächtigen Vater, besagt Allmacht in der Ohnmacht. Das gilt sowohl für die Schöpfung als auch für die Erlösung.

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Erstens: Schöpfung

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Daß überhaupt etwas ist, daß etwas ist, das sich entwickeln und entfalten kann, hat mit dem göttlichen Ja zum Leben zu tun. Gott ist so frei, daß er das ganz Andere riskieren und sich zugleich diesem ganz Anderen ausliefern kann. Es gibt keine Notwendigkeit dafür, daß etwas ist, so wie es Vertreter der Emanationslehre behaupten; es gibt vielmehr nur das von Gott frei angenommene Prinzip der Liebe. Die Liebe, mit der Gott das ganz Andere riskiert, ist eine Liebe, mit der er sich der Freiheit des Gewordenen ausliefert, um diese durchzutragen und auszuhalten. Die göttliche Allmacht erweist sich in der frei gewählten Ohnmacht.

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Zweitens: Erlösung durch das Kreuz hindurch

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Der Blick auf das Kreuz gibt keine Antwort auf die Frage nach dem Warum menschlicher Gewalttätigkeit und Bosheit. Das Kreuz zeigt aber, wie Gott damit umgeht. Jesus hat Zeit seines Lebens Menschen das Reich Gottes verkündet, er hat sie eingeladen, sich der Liebe Gottes zu öffnen, damit das Reich Gottes bereits jetzt mitten in der Welt anbrechen kann. Er hat Menschen Heilung gebracht, damit sie erkennen können, wie heilsam der Umgang Gottes für sie ist. Er hat Menschen zur Umkehr gerufen. In den Gerichtsworten verdeutlicht er, daß jeder Mensch vor die Entscheidung gestellt ist, sich dem Leben zu- bzw. sich von ihm abzuwenden. Am Höhepunkt des Lebens Jesu (Kreuz) zeigt sich, wie der göttliche Vater mit Versagen, Schuld und Gewalttätigkeit umgeht. Jesus deckt Verlogenheit und Gewalttätigkeit auf (Mt 23,37)(17) und läßt sich von der Wucht des Aufgedeckten treffen, ohne selbst gewalttätig zurückzuschlagen. Er begibt sich radikal in die Situation der tiefsten Ablehnung von Seiten der Menschen. Obwohl Jesus die Ablehnung am eigenen Körper zu spüren bekommt, verfällt er nicht einem Vergeltungsdenken, sondern übergibt sich dem Vater in einem alles übersteigenden Vertrauen. "Er hat sich in den Prozeß des Selbstgerichts hineinziehen lassen, um durch die Teilhabe an ihrem Los ihnen von Innen her nochmals einen Ausweg aus ihrem Teufelskreis und damit einen neuen Heilsweg zu eröffnen. [...] Jesus benützt gerade diese Ablehnung, um unter ihrem 'Deckmantel' in jenes dunkle Reich vorzudringen, wo die Menschen sich selber richten. [...] Das Gericht ging nicht von Gott, sondern von den Menschen aus, und der Wille des Vaters bezog sich nur darauf, daß der Sohn den Sündern bis ins Letzte nachgehe und ihre [sic!] Verlassenheit teile, um ihnen so aus der Welt der Verstockung und der Gottferne heraus nochmals eine Umkehr zu ermöglichen." (18) Das Kreuz ist nach menschlichem Ermessen das Ende aller Hoffnungen. Nicht so für Gott. Das Kreuz wird zu einem Hoffnungssymbol: Gott nimmt menschliches Versagen sehr ernst, er ermöglicht aber Zukunft, wo der Mensch am Ende ist. Gott-Vater reagiert nicht mit Rache und Vergeltung, sondern sendet seinen Sohn mit den Worten "Friede sei mit euch" (Lk 24,36; Joh 20,19.26) zu den Jüngern, "die sich im kritischen Augenblick ins Lager der Gegner der Gottesherrschaft ziehen ließen" (19), und ermöglicht damit einen pfingstlichen Neuaufbruch (neue Sammlung, Neuschöpfung, neuer Himmel - neue Erde, Wirken des Heiligen Geistes). Die göttliche Allmacht erweist sich in der frei gewählten Ohnmacht.

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4. Das Bekenntnis zum trinitaren Gott als Bedingung der Möglichkeit einer Rede von Allmacht in der Ohnmacht

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Fragen wir abschließend nach der Bedingung der Möglichkeit einer Rede von göttlicher Allmacht in göttlicher Ohnmacht. Nur ein trinitarer Gott, d.h. ein Gott, der in sich größtmögliche Beziehung ist, kann etwas loslassen, ohne daß das Losgelassene seiner Liebe entgleitet. In Gott existiert eine Freiheit, die größer nicht mehr gedacht werden kann: eine Freiheit, die sich ausliefert, ohne Angst davor zu haben, sich zu verlieren.

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Gott ist kein statischer, monolithischer Seinsklotz, sondern ein Gott, der das Leiden der Menschen hört und sich von ihm treffen läßt. Im Buch Exodus steht: "Ich [Jahwe] habe das Elend meines Volkes, das in Ägypten ist, wohl gesehen, und ihr Schreien über ihre Treiber habe ich gehört; ja, ich kenne seine Leiden. Darum bin ich herabgestiegen..." (Ex 3,7f). Im Herabsteigen drückt sich die kenotische Dimension göttlicher Offenbarung aus.

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Auf einmalige und unüberbietbare Weise ist die kenosis Ereignis geworden in der Person Jesu Christi. Der Sohn bringt sein Leiden Gott-Vater dar. Da in seinem Leiden das Leiden der Vielen miteingeschlossen ist (sein Leiden ist ein Leiden für die anderen), hat sein Leiden und Sterben sühnend-versöhnende Wirkung. In seiner Darbringung des Leidens geschieht etwas menschlich nicht Machbares: Nicht Karfreitag hat das letzte Wort, sondern Ostern. In der Auferweckung des Sohnes manifestiert sich die göttliche Herrlichkeit, die Leben, Zukunft und geistgewirktes Geschehen besagt.

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Gott hat Mitleid mit den Menschen - nicht in einer oberflächlichen, herabsetzenden Weise, sondern in echter Sym-pathie: Er solidarisiert sich so sehr mit ihrem Leiden, daß ihr Leiden zu seinem Leiden wird. Blicken wir auf seinen Sohn, so wird deutlich, was göttliche Solidarität bedeutet: keine bloß äußerliche, kumpelhafte Verbrüderung, sondern Identifikation. "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (für eine meiner geringsten Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25,40). Eine größere Solidarität als die göttliche ist nicht denkbar! Und genau von dieser Solidarität sollten wir uns anstecken lassen, wenn wir uns mit der Leidfrage beschäftigen.

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Anmerkungen:  

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 1. A. Camus: Die Pest. Roman (rororo 15). Ins Deutsche übertragen von G.G. Meister. Hamburg 1950, 128f.

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2. Durchkreuztes Leben. Freiburg / Basel / Wien 1976, 14 - ziz. in: G. Greshake, Wenn Leid mein Leben lähmt. Leiden - Preis der Liebe? (Herderbücherei 1755). Freiburg i. Breisgau 1980, 17.

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3. Ebd. 25 - zit. bei Greshake, Wenn Leid mein Leben lähmt 18.

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4. "Bei alledem sündigte Ijob nicht und legte Gott nichts Törichtes zur Last" (Ijob 1,22).

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5. Vgl. J.B. Brantschen, Warum läßt der gute Gott uns leiden? (Herderbücherei 1762). Freiburg i. Breisgau 1992, 39.

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6. Vgl. ebd.

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7. Greshake, Wenn Leid mein Leben lähmt 41.

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8. Ebd.

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9. Ebd. 39.

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10. Ebd.

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11. Ebd 70.

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12. Siehe dazu: A. Kreiner, Gott und das Leid. Paderborn 21995, 133.

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13. Renz, Monika: Zeugnisse Sterbender. Todesnähe als Wandlung und letzte Reifung. Paderborn 2000.

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14. Ebd. 91.

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15. Ebd. 89.

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16. M.C. Ziesche, Die letzte Freiheit. Hg. Schwestern unserer lieben Frau. Mainz 121995, 265.

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17. "Jerusalem! Jerusalem! Du tötest die Propheten und steinigst die, die zu dir gesandt sind. Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, und ihr habt nicht gewollt!" (Mt 23,37).

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18. R. Schwager, Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre. ITS 29. Hg. E.Coreth u.a. Innsbruck 1990, 153f.

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19. Ebd. 174.

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