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Apokalyptik - historisch und theologisch

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:Die Apokalyptik gehört zu den verwirrendsten Themen der Theologie. In ihr verdichtet sich die ganze Problematik des biblischen Glaubens an ein Handeln Gottes in der Geschichte, und in ihr spiegeln sich die extremsten Hoffnungen und Enttäuschungen der Menschen wider.
Publiziert in:# Dokumentation zum Kunstpreis der Diözese Innsbruck. Hg. Kunstraum Kirche, Innsbruck 1999, 11-18
Datum:2001-10-06

Inhalt

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1) Ungelöste Probleme

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Es sind vor allem zwei Themen, die gleichsam zu den Dauerbrennern ungelöster Probleme gehören, Themen, die einerseits die Menschen immer wieder angesprochen und fasziniert haben und die anderseits zum Anlaß für viele Abirrungen und Enttäuschungen wurden. Diese Themen betreffen die Frage nach dem nahen Ende der Welt und nach dem tausendjährigen Reich Christi auf Erden.

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Schon im Urchristentum gab es Strömungen, die mit einer baldigen Wiederkunft Christi und einem baldigen Ende der Welt rechneten. Obwohl diese Erwartung enttäuscht wurde und in die offizielle Lehre der Kirche keine Aufnahme fand, ist sie nie ausgestorben. Bei Randgruppen und in bedrängten Zeiten tauchte sie im Altertum und im Mittelalter immer wieder auf ,und sie erhielt vor allem durch die Reformation einen starken und neuen Auftrieb. Luther sah im Papsttum den Antichristen, gegen den der Endkampf zu führen sei, und er rechnete wegen dieses Endkampfes mit einem baldigen Ende der Welt. Für radikale Gruppierungen und Strömungen der Reformation wurden die endzeitlichen Erwartungen noch wichtiger (1), wobei sie im englischen Puritanismus und in den USA sogar größere politische Bedeutung gewannen (2).

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In neuerer und neuester Zeit hat sich die Situation kaum verändert. Im Handbuch Seher, Grübler, Enthusiasten führt Kurt Hutten weit über hundert Gruppen und Sekten an, die ein baldiges Weltende erwarteten oder erwarten und teilweise sogar konkrete Termine angeben. (3) Die Endzeitstimmung hat während der letzten Jahrzehnte auch in einer breiteren Öffentlichkeit - und zwar vor allem durch die Ängste wegen der atomaren Bewaffnung - neuen Auftrieb erhalten. „Eine Umfrage von 1984 kam zu dem Ergebnis, daß ca 40 % der Amerikaner glauben, daß wenn die Bibel vorhersagt, daß die Erde durch Feuer zerstört werden wird, sie uns damit sagt, daß ein Atomkrieg unvermeidlich ist." (4) Die Tendenz, mit der Erwartung eines baldigen Endes auch Berechnungen zu verbinden, hat durch die Gründung des Staates Israel und den Sechs-Tage-Krieg (mit der Eroberung von ganz Jerusalem durch Israel) neue Nahrung erhalten. Manche glaubten, nun über konkrete Angaben zu verfügen, die sie mit Aussagen aus dem Buch Daniel und aus der Offenbarung des Johannes kombinieren könnten. Beispielhaft für die Tendenz, die atomare Problematik mit Berechnungen, die sich auf die Gründung des Staates Israel stützen, zu verbinden, steht das Buch Alter Planet Erde wohin? von H. Lindsey und C. Carlson, das ein weltweiter Bestseller wurde und eine Auflage von 20 - 30 Millionen Exemplaren erreicht haben soll.(5) Dieses Buch ist der herausragendste Repräsentant der sogenannten Harmagedon-Theologie (6) in den USA, die auch den früheren Präsidenten Reagan beeinflußt hat. (7)

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Mit den Spekulationen über ein nahes Ende haben sich oft Erwartungen bezüglich eines tausendjährigen Reiches Christi auf Erden, von dem die Offenbarung des Johannes (20,1 - 6) spricht, verbunden. Irenäus hat - wie andere Theologen des zweiten Jahrhunderts - die entsprechenden Aussagen des Neuen Testaments wörtlich genommen und ein neues Zeitalter erwartet, in dem die auferweckten Gerechten mit Christus auf Erden herrschen werden. Seit Origenes und Augustinus wurde das tausendjährige Reich aber von der kirchlichen Theologie auf die Kirche hin gedeutet. Trotzdem sind die Erwartungen eines irdischen Reiches, das sich von den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit (Krieg, Hunger, Krankheit, etc.) radikal abhebt, nie ausgestorben. Neuen Auftrieb erhielten sie im Mittelalter durch die Lehre des Abtes Joachim von Fiore (gest. 1202) von den drei Zeitaltern, gemäß der nach dem Zeitalter des Sohnes (hierarchische Kirche) ein Zeitalter des Heiligen Geistes (spirituelle Kirche) folgen soll. Erwartete man zunächst eine neue Epoche im Sinne des spirituellen Fortschritts, so transformierte sich diese Erwartung mit der Zeit in einen rein innerweltlichen Fortschrittsglauben. (8) Eine Mischung aus innerweltlichen und apokalyptischen Erwartungen spielte aber noch lange - und zwar vor allem in den USA - ein große Rolle. „Besonders nachdem die puritanische Revolution in England fehlgeschlagen war, wurden die Hoffnungen auf die ‚Neue Welt' übertragen, auf die Gründung ‚einer Stadt, die auf einem Berge liegt', um das dekadente Europa in ein herrliches neues Zeitalter zu führen. Jahrhundertelang sind [die] nationalen Ideale [der USA] von verschiedenen ‚postmillennialistischen' Visionen inspiriert worden, d.h. von der Erwartung, die Wiederkunft Christi würde sich nach 1000 Jahren utopischen Lebens auf der Erde ereignen." (9) Ähnliche Visionen inspirierten sogar das Entstehen der Naturwissenschaften, wie das Beispiel von J.Newton zeigt, der nicht nur zum Begründer der modernen Physik wurde, sondern sich auch intensiv mit dem Propheten Daniel und der Offenbarung des Johannes beschäftigt und entsprechende Arbeiten veröffentlicht hat.

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Apokalyptische Visionen haben die Menschen folglich immer wieder fasziniert. Sie haben utopische Erwartungen provoziert und zugleich zu vielen Enttäuschungen geführt und durch beides die abendländische Geschichte tief geprägt. Es wäre kurzsichtig die apokalyptische Thematik in Bausch und Bogen zu verwerfen. Um mit ihr theologisch besser zurecht zu kommen, ist es vor allem entscheiden, die entsprechenden Texte in der Bibel nicht isoliert zu sehen, sondern sie in den großen Kontext der Offenbarungsgeschichte einzuordnen.

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2) Apokalyptik in der Offenbarungsgeschichte

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Die wiederholte Erfahrung in Israel, daß die Predigten der Propheten kaum etwas am Verhalten des Volkes zu ändern vermochten, und die Zerstörung Jerusalems (587 v. Chr.) durch die babylonischen Heere, die als Gericht Gottes über das untreue Volk gedeutet wurde, weckten die Glaubenshoffnung, daß Gott auf ganz neue Weise in die Geschichte eingreifen und die Welt verändern werde. So entstanden die messianischen Erwartungen, die sich in den letzten zwei Jahrhunderten vor dem Kommen Christi radikalisierten und zu apokalyptischen Visionen führten. Angesichts des siegreichen Hellenismus, der den ganzen vorderen Orient beherrschte und auch in Israel immer stärker eindrang, erlebte die kleine Gruppe jener, die Jahwe und dem überlieferten Gesetz treu blieben, die Welt als radikal böse. Sie hofften deshalb, daß Gott bald machtvoll eingreifen, die irdischen Reiche gewaltsam zerschlagen und ein neues Reich errichten werde. Die Apokalyptik entstand so als Theologie einer bedrohten Minderheit, die nur durch einen radikalen Bruch mit der bisherigen Geschichte und durch ein direktes Eingreifen Gottes noch Heil erhoffen konnte. Als Theologie einer Minderheit neigte sie aber zu einer extremen Schwarz-Weiß-Malerei und zu einer aggressiven Haltung gegenüber der bösen Welt. Sie hoffte, Gott selber möge jene vernichten, vor denen man hilflos war.

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Jesus stellte sich insofern in die apokalyptische Tradition, als auch er die Nähe des Reiches Gottes verkündete. Zugleich aber transformierte er die entsprechenden Erwartungen. Er lehnte jedes zeitliche Wissen und jede zeitliche Berechnung ab (Mk 13,32) und gab damit der Rede von der Nähe einen neuen Sinn. Durch die Erfahrung der persönlichen Nähe Gottes ereignete sich in seinem Geschick eine Verdichtung der Zeit, wie dies auf analoge Weise bei einem Drama auf der Bühne geschehen kann. Die Gegenwart seines Vaters ließ für ihn die Zeit zusammenrücken, so daß sich die Grundkonflikte der Menschheit in seinem Geschick konzentrieren konnten. Entscheidend war dabei, wie er die konfliktreiche Auseinandersetzung, die seine Botschaft provozierte, durchstand. Im Unterschied zur Apokalyptik forderte er, dem Bösen nicht mit Bösen zu widerstehen, und im Gegensatz zur Schwarz-Weiß-Malerei rief er die Menschen zur Feindesleibe und zur Gewaltfreiheit auf. Seine Gerichtsworte zeigen aber, daß er damit das Böse in der Welt in keiner Weise verniedlichen wollte. Er benützte die Rede vom Gericht mit all ihrem Ernst und gab ihr zugleich - durch eine innere Transformation - einen neuen Sinn. Er deutete das Gericht als Selbstgericht einer Menschheit, die sich Gott gegenüber verschließt. (10) Wo man die Botschaft von der nahen Gottesherrschaft ablehnt, dort stehen Väter gegen Söhne und Söhne gegen Väter und Völker vernichten sich wechselseitig in Kriegen (Mk 13,7-13). Dieses Gericht ist insofern Gericht Gottes als Gott einerseits die geschöpfliche Ordnung geschaffen hat und anderseits durch sein Wort die Unheilszusammenhänge zwischen den Menschen, die normalerweise lügnerisch verschleiert werden, aufdeckt. Die unmittelbaren Agenten des Gerichts sind aber - gemäß neutestamentlicher Sicht - stets die Menschen selber.

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Jesus hat nicht nur gelehrt, seine Lehre ist in seinem Geschick auch Wirklichkeit geworden und daran kann man nochmals neu und tiefer ablesen, wie das Apokalyptische im geschichtlichen Handeln Gottes zu verstehen ist. Als das Böse und die Gewalt Jesus selber trafen, hat er nicht zur Gegenwehr gegriffen (Lk 22,47-53). Er hat den himmlischen Vater auch nicht angefleht, seine Gegner zu vernichten (vgl. Mt 26,52f), sondern er hat für sie gebetet (Lk 23,34). Sein gewaltsames Geschick hat er sogar im voraus als Lebenshingabe für die vielen verstanden (Mk 14,17-25) und entsprechend gehandelt.

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Auch der himmlische Vater hat nicht gewaltsam eingegriffen, um seinem Sohn zu helfen. Daß Gott richtet, indem er das Böse zwischen den Menschen gemäß der geschöpflichen Ordnung sich austoben läßt, mußte sein eigener Sohn erfahren, der mit allem Bösen beladen wurde, das die Menschen bei sich selber nicht sehen wollen. (11) Dennoch hat Gott sich eindeutig zu ihm bekannt und ihn aus dem Tod errettet, aber auf eine Weise, die seine Gegner nicht mit Macht besiegte. Als Auferweckter erschien er nur seinen Jüngern und gab ihnen den Auftrag, die Menschen, die ihn bisher ablehnten, durch das Wort und das Zeugnis des Lebens zu gewinnen. Tod und Auferweckung Jesu offenbaren folglich einen grundsätzlichen Sieg der Liebe Gottes über die Mächte des Bösen in der Welt, ohne daß dabei die menschliche Freiheit in irgendeiner Weise angetastet wird und ohne daß Mittel irischer oder göttlicher Gewalt zum Einsatz kommen.

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Da Kreuz und Auferweckung Christi das Zentrum der neutestamentlichen Offenbarung bilden, sind alle Schriften in diesem Licht zu lesen. Dies gilt besonders von der Offenbarung des Johannes, die sich in ihrer ganzen Sprache alttestamentlicher apokalyptischer Bilder bedient, diese Bilder aber zugleich auf subtile Weise transformiert, indem sie das geschlachtete Lamm (Offb 5,6) ins Zentrum rückt. Wie schon im Alten Testament die Aussagen vom gewalttätigen Zorn schrittweise von Gott abgehoben werden (12), so macht auch die Offenbarung des Johannes deutlich, daß die direkten Agenten des Zornes geschöpfliche Mächte sind (Pferde, Engel, Schalen, Naturkräfte, etc). Während z.B. in Offb. 12,7-9 zunächst auf fast mythologische Art ein Kampf im Himmel zwischen Michael und seinen Engeln einerseits und dem Drachen und seinem Anhang anderseits geschildert wird, verkündet unmittelbar anschließend eine Stimme aus dem Himmel den Sieg Gottes und den Sturz des Anklägers mit ganz anderen Worten: „Sie (die Märtyrer) haben ihn (den Ankläger) besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod" (Offb 12,11). Der bildhaft geschilderte gewaltsame Sieg Michaels über den Drachen, der die Menschen vor Gott verklagte, ist gemäß dieser Aussage sachlich identisch mit dem gewaltfreien Sieg der Märtyrer, die bereit sind, in der Kraft und in der Nachfolge des Lammes ihr Leben hinzugeben. Der Kampf im Himmel zwischen Michael und dem Drachen erweist sich als Bild für eine abgründige Auseinandersetzung in der tiefsten Seele der Menschen, dort wo diese für den Himmel, d.h. zu Gott hin offen oder verschlossen sind. Die Stimme vom Himmel, die den Sieg verkündet, warnt aber auch: „Weh (aber) euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, daß ihm nur noch eine kurze Frist bleibt" (Offb 12,12). Der geistige Sieg Christi und der Märtyrer über die Mächte des Bösen bedeutet folglich in keiner Weise eine unmittelbare Befriedung der äußeren Welt; - im Gegenteil, er bewirkt eine Verschärfung der Auseinandersetzungen mit den antichristlichen Mächten. Diese geistigen Kämpfe schildert die Offenbarung des Johannes in immer neuen Ansätzen. Ihre apokalyptische Bilderwelt läßt sich aber vom geschlachteten Lamm her in eine klare Richtung deuten, wodurch alle Interpretationen, die nicht dieser Richtung folgen, als willkürlich ausgeschieden werden können. Die zentrale Aussage der Offenbarung des Johannes dürfte darin bestehen, daß die Zeit nach dem Kommen Christi - trotz der Rede vom tausendjährigen Reich - aufs ganze gesehen nicht friedlicher wird, sondern daß sich die Auseinandersetzungen zwischen Christus und den gottfeindlichen Mächten verschärfen werden. Die Zeit verdichtet und beschleunigt sich, und die ganze menschliche Geschichte wird - in Entsprechung zum dramatischen Geschick Jesu - im wachsenden Maß selber dramatisch.

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3) Das Apokalyptische in der Gegenwart

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Im Blick auf die Offenbarung des Johannes schreibt Jürgen Moltmann: "Es bleibt (jedoch) ein theologisches Rätsel, warum die urchristliche Gemeinde noch weitere apokalyptische Endkämpfe zwischen Gott und den gottlosen Mächten, zwischen dem Erzengel Michael und dem Drachen und zwischen Christus und dem Antichristen erwartete, obwohl sie doch an den eschatologischen Sieg Christi in seinem Kreuz und seiner Auferstehung glaubten und in ihren Doxologien die Herrschaft Christi über das All priesen. Warum wiederholt sich in den apokalyptischen Geschichtsbildern immer wieder das Szenario von Kampf, Niederlage, Auferstehung und Sieg? Warum kommt das 'Tier aus dem Abgrund' wieder hoch? Warum kommt nach dem tausendjährigen Friedensreich noch einmal ein Endkampf zwischen Gog und Magog?" (13) Der Eindruck des Rätsels, den Moltmann so stark hervorhebt, dürfte dann entstehen, wenn man die neutestamentliche Dramatik mit ihrem Charakter der Verdichtung der Zeit und der Verschärfung des Kampfes zwischen Gut und Bös in der Zeit nach dem Kommen Christi übersieht. Achtet man hingegen auf diese Dramatik, dann erweist sich die ganze Zeit der Kirche als apokalyptisch im neutestamentlichen Sinn. Was im Geschick Jesu grundsätzlich - als real-symbolisches Drama - durchgestanden wurde, muß in der nachfolgenden Geschichte auf je verschiedenen Ebenen nochmals stets neu errungen werden.

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Die apokalyptische Verschärfung zeigt sich weltgeschichtlich am deutlichsten in den modernen Wissenschaften, die im christlichen Kontext und unter Verfremdung christlicher Impulse entstanden sind. (14) Diese Wissenschaften sind von sich aus weder gut noch böse; sie sind aber auch nicht wertneutral, denn sie werden, wie C.F. von Weizsäcker betont, von einer "Erkenntnis ohne Liebe" (15) vorangetrieben. Diese Erkenntnis steigert die Macht. Wissenschaft und Technik haben deshalb, wie C.F. von Weizsäcker weiter betont, einen verschärfenden Charakter. (16) Neue Formen des Guten, aber auch ganz neue Dimensionen des Bösen und der Selbstzerstörung werden möglich. Das wissenschaftlich-technische Unternehmen ist deshalb ein gewagtes Abenteuer, das sich u.a. darin zeigt, daß "ein schnurgerader Weg von Galilei bis zur Atombombe" (17) oder zur Genmanipulation führt. Die Wissenschaften gehören folglich zu den apokalyptischen Kräften, die in der Zeit zwischen dem ersten Kommen Christi und dem Ende der Menschheit die Problematik von Gut und Böse verschärfen.

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Zur Verschärfung gehört vor allem eine neue und universalere Dimension der Verantwortung. Mittels der aus den Naturwissenschaften entsprungenen Technik wurde die Möglichkeit geschaffen, daß die Menschheit sich heute selber vernichten kann. Wir leben damit in einer neuartigen und apokalyptischen Situation, die allerdings richtig verstanden werden muß. Auch wenn die Menschheit heute die Möglichkeit hat, sich selber zu vernichten, bleibt dennoch ganz offen, ob die bedrohliche Möglichkeit bald oder in Jahrhunderten oder überhaupt je Wirklichkeit werden wird. Jede Generation lebt aber von nun an angesichts eines möglichen nahen Endes der ganzen Menschheit, für das sie selber die Verantwortung tragen würde. Die Erwartung eines baldigen Endes der Geschichte, die das Christentum von Anfang an - wenn auch oft in abartigen Formen - begleitet hat, erhält damit eine ganz neue Form und wird von einer unerwarteten Seite her wieder aktuell. Das Apokalyptische hat sich auch unter dieser Rücksicht nicht aufgelöst, sondern nur transformiert: es hat selber eine Welt geschaffen, in der es auf neue Weise realistisch wird.

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Wenn das Apokalyptische sich selber eine Welt schafft, in der es neu aktuell wird und neu verstanden werden kann, und dies sogar auf eine Weise, die der inneren Dynamik des Dramas Jesu (Selbstgericht) zutiefst entspricht, dann haben wir eine neuartige hermeneutische Problematik vor uns. Es geht nicht mehr bloß um die Frage, wie die biblische Botschaft in einen fremden Kontext übersetzt werden kann. Die Botschaft schafft sich vielmehr indirekt selber diesen Kontext. Sie wirkt transformierend in die Menschheit hinein, löst in ihr tiefgehende Veränderungsprozesse aus und führt schließlich zu solch neuen Möglichkeiten, die auch dem apokalyptischen Thema eine neue Wendung geben. Die modernen Möglichkeiten der Selbstvernichtung lassen die biblischen Aussagen zur Apokalyptik in einem Licht erscheinen, das sowohl dem biblischen Verständnis des Selbstgerichts voll entspricht als auch der heutigen Welt eine tiefere Deutung gibt.

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Der hermeneutische Zirkel, mit dem wir es hier zu tun haben, spielt nicht mehr bloß im Kopf eines Individuums oder innerhalb einer Kultur. Er umspannt vielmehr Jahrtausende und hat nicht bloß eine ideengeschichtliche, sondern eine weltgeschichtliche Dimension. Er wird damit empirisch-realistisch nachprüfbar. Die Entwicklung der modernen Welt führte scheinbar immer weiter von der Welt der Bibel weg. Gerade unter apokalyptischer Rücksicht kehrt sie aber - unerwartet und ungewollt - zu einer neuen und zugleich tieferen Sicht der Bibel zurück. Wir haben es folglich mit einem selbtreferenziellen Prozeß zu tun, der auf weltgeschichtlicher Ebene die selbstreferenziellen Prozesse im neutestamentlichen Drama auf analoge Weise 'abbildet' und wiederholt. Wie innerhalb des Geschickes Jesu all das, was er durch seine Botschaft geweckt hat, voll auf ihn zurückschlug und ihn dazu führte, der von ihm gepredigten Feindesliebe und Gewaltfreit durch sein eigenes Tun angesichts der Reaktionen seiner Feinde eine präzisere und schärfere Gestalt zu geben, so wirkt heute das, was die biblische Botschaft in der Welt an Veränderungen angestoßen hat, auf sie selber zurück und macht es möglich, daß sie nochmals neu gelesen werden kann.

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Eine weitere Dimension der Verschärfung, von der man allerdings noch nicht weiß, ob sie Wirklichkeit werden wird, ist mindestens zu erahnen. Bisher hat sich uns die bleibende Aktualität der apokalyptischen Thematik dadurch gezeigt, daß wir auf ein mögliches Ende der Menschheit geschaut und von der weiteren Frage nach dem Ende der Erde und dem des Kosmos abgesehen haben. Ist diese Eingrenzung aber gerechtfertigt? Dürfen wir uns für eine rein anthropologische Interpretation der apokalyptischen Ereignisse entscheiden und alle kosmischen Aussagen des Alten und Neuen Testaments von der Erschütterung der Welt und vom neuen Himmel und der neuen Erde als reine Bilder ausscheiden? Eine solche Deutung würde ganz dem 'Dogma' der Moderne entsprechen, das Freiheit und Geschichte einerseits und Natur und Kosmos anderseits klar trennt. Die modernere Theologie hat auch tatsächlich schon längst begonnen, gemäß diesem 'Dogma' möglichst alle naturhaften Vorstellungen bei ihrer Deutung der biblischen Schriften als legendarisch zu verstehen und sie als bloße Bilder einer Freiheitsgeschichte zu deuten. In diesem Sinne wurden die biblischen Erzählungen von Naturwundern, von der Jungfrauengeburt und vom leeren Grab Jesu 'modernisiert'. War es aber eine echte Modernisierung?

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Die science studies betonen heute, daß die Menschen gerade im Zuge der modernen Emanzipation immer tiefer in die Natur eingegriffen haben. Das 'Dogma' der Trennung von Natur und Freiheit wird deshalb von dieser Seite her wieder in Frage gestellt. (18) Wie weit die Menschen tatsächlich in die Natur eingreifen können, läßt sich gegenwärtig noch nicht voll abschätzen. Die Eingriffsmöglichkeiten in die menschliche Umwelt und in die eigene Natur sind auf alle Fälle groß, und die Spekulationen der Physiker, die bisher immer als Vortrupp des wissenschaftlichen Abenteuers gegolten haben, gehen beim Versuch, eine Vereinheitlichung von Quantentheorie und Relativitätstheorie zu schaffen, weit über den irdischen Rahmen hinaus. Frank Tipler entwirft z.B. in "Die Physik der Unsterblichkeit" (19) eine Vision, gemäß der das menschliche Leben auf Erden in transformierter Form schrittweise den ganzen Kosmos besiedeln und schließlich sogar die weitere Evolution des Universums beeinflussen wird. Paul Davies berichtet von Überlegungen und Berechnungen, gemäß denen unser Universum energetisch ein falsches Vakuum sein könnte, das ausgehend von einer winzigen Blase explosionsartig in einen anderen energetischen Zustand (echtes Vakuum) umkippen und dabei alles in unserem Universum vernichten könnte. (20) Noch weiter geht Alan Guth, der das heutige Standardmodell vom inflationären Universum entworfen hat, nach dem sich dieses fast aus nichts aufgebläht hat. Guth leitet daraus spekulierend ab, daß man mit wenig Materie - mit zehn Kilogramm 'im Hinterhof' - ein ganzes neues Kind-Universum, das wie durch eine Nabelschnur mit unserem Mutter-Universum verbunden wäre, schaffen könnte. (21) Solche Spekulationen, die auch Szenarien einer neuen Form der Unsterblichkeit enthalten(22) und die auf nüchterne Menschen oft wie Tagträume von Geistesgestörten wirken, werden heute von anerkanntesten Wissenschaftlern angestellt und in ihren Kreisen ernst genommen. Ob dies - trotz des wissenschaftlichen Nimbus - nur wirre Phantasien sind oder ob ihnen eines Tages irgendwelche reale Möglichkeiten entsprechen werden, läßt sich heute schwer beurteilen. Angesichts solcher Spekulation in der 'härtesten' Wissenschaft wäre es aber auf alle Fälle für Theologen nicht besonders modern, sich auf eine rein anthropologische Deutung der apokalyptischen Texte zu versteifen.

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Es lassen sich auch noch weitere Szenarien entwerfen, die gegen eine anthropologische Reduktion sprechen. Gemäß heutiger Theorie hat der Einschlag eines Kometen vor 65 Millionen Jahren den Sauriern auf der Erde ein Ende bereitet, dabei aber zugleich den Weg für die weitere Evolution der Säugetiere frei gemacht. Mögliche Einschläge von großen Kometen sind auch heute nicht auszuschließen, und 1996 weckte der Komet Hale-Bopp entsprechende Überlegungen und Phantasien. Der Spiegel schrieb sogar in einer Titelgeschichte: "Kometen sind - also doch - Vorboten eines fernen Finales. Sie geben dem oft belächelten Begriff 'Schicksal' ein neues Gewicht. Der gnädige Schöpfergott hat in dieser Weltsicht endgültig abgedankt. Auf seinem Thron sitzt bloß ein mythisches Monstrum, das - wie der sagenhafte Riese Polyphem es mit Odysseus tat - die Menschen mit Felsen bombardiert." (23) Daß der biblische Gott der Liebe nicht ein niedlicher lieber Gott ist, der den Menschen alle Schwierigkeiten und alle Gefahren aus dem Weg räumt, wußte die Christen, die das Geschick Jesu meditieren, schon immer. Sie brauchten diesbezüglich nicht auf die neuesten Erkenntnisse des Spiegels zu warten. Neben den vorläufig noch äußerst phantastischen Spekulationen über die Möglichkeit kosmischer Eingriffe des Menschen, zeigen die realistischeren Berechnungen über mögliche Einschläge großer Kometen jedoch deutlich, daß gerade von naturwissenschaftlicher Seite große kosmische Katastrophen nicht auszuschließen sind. Es liegt folglich auch von dieser Seite kein Anlaß vor, eine rein anthropologische Deutung der apokalyptischen Texte in der Bibel zu behaupten. Selbst wenn wir heute nicht klären können, welche Realität diesen kosmischen Bildern eines Tages noch entsprechen mag, dürfte es dennoch geraten sein, sie als real-symbolische Aussagen festzuhalten. Andernfalls würden die Christen das kosmische Feld nur der Filmindustrie mit ihren 'Kriegen der Sterne' und der Gemeinde der Ufo-Gläubigen undisktuiert überlassen.

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Die kosmischen Bilder festhalten und dennoch nicht wissen, was sie letztlich bedeuten, - angesichts eines möglichen nahen Endes leben, auch wenn das Leben der Menschheit vielleicht noch sehr lange weitergehen wird, gehört zur apokalyptischen Dimension des christlichen Glaubens. Dieser Glaube lebt von der Überzeugung, daß Gott in der Geschichte handelt und daß deshalb immer mit Überraschungen - mit Katastrophen, aber auch mit ungeahnten glücklichen Wendungen - zu rechnen ist.

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Anmerkungen:

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 1. Vgl. E. Kunz, Handbuch der Dogmengeschichte IV, 7c: Protestantische Eschatologie. Von der Reformation bis zur Aufklärung. Freiburg i. Br. 1980.

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2. Vgl. I. Escribano-Alberca, Handbuch der Dogmengeschichte IV/7d: Eschatologie. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Freiburg i. Br. 1987.

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3. K. Hutten, Seher, Grübler, Enthusiasten. Das Buch der traditionellen Sekten und Sonderbewegungen, Stuttgart 131984; vgl. auch: H. Gasper u. a (Hrsg.), Endzeitfieber. Apokalyptiker, Untergangspropheten und Endzeitsekten (Herder Spektrum 4522). Freiburg i. Br. 1997.

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4. G.C. Chapman, Amerikanische Theologie im Schatten der Bombe. In: Evangelische Kommentare 47 (1987) 33 - 49, 37.

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5. H. Lindsey u. a., Alter Planet Erde wohin? Im Vorfeld des dritten Weltkrieges. Asslar 191991.

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6. Vgl. A. Lang, Armageddon: The Doctrine of Survivable Nuclear War. In: Convergence: Report from the Christic Institute. Washington D.C. Winter 1985 ( A. Lang, Harmagedon. Die religiöse Doktrin vom überlebbaren Atomkrieg. In Weißenseer Blätter, H. 6, 1986, 10-20). - Harmagedon ist gemäß Offb. 16.16 der Ort, wo die gottfeindlichen Mächte sich zum Endkampf versammeln und wo die Hure Babylon besiegt wird.

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7. Vgl. Chapman, Amerikanische Theologie im Schatten der Bombe (s. Anm. 4) 37 - 42.

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8. N. Cohn, Das Ringen um das tausendjährige Reich. Revolutionärer Messianismus im Mittelalter und sein Fortleben in den modernen totalitären Bewegungen. München 1961; K. Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschichte. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie. Stuttgart 81990.

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9. Chapman, Amerikanische Theologie im Schatten der Bombe (s. Anm. 4) 37.

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10. Ausführlicher: R. Schwager, Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre. Innsbruck 21996, 76 - 109.

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11. Vgl. ebd. 109 - 154.

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12. Vgl. R. Schwager, Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften. Thaur 31994, 64 - 81.

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13. J. Moltmann, Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie. Gütersloh 1995, 259.

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14. Vgl. R. Schwager, Glaube, der wie Welt verwandelt. Mainz 1976, 107-120.

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15. "Die wissenschaftliche und technische Welt der Neuzeit ist das Ergebnis des Wagnisses des Menschen, das Erkenntnis ohne Liebe heißt. Diese Erkenntnis ist an sich weder gut noch böse. Ihr Wert hängt davon ab, in den Dienst welcher Macht sie tritt. Ihr Ideal war, frei von jeder Macht zu sein. So hat sie den Menschen schrittweise aus seinen instinktiven und traditionellen Bindungen gelöst, aber ihn nicht in die neue Bindung der Liebe geführt... Wenn aber die Erkenntnis ohne Liebe in den Dienst des Widerstandes gegen die Liebe tritt, so rückt sie an die Stelle, die in den mythischen Bildern des Christentums durch den Teufel bezeichnet ist. Die Schlange im Paradies rät dem Menschen zur Erkenntnis ohne Liebe. Der Antichrist ist die Macht in der Geschichte, welche die lieblose Erkenntnis zur Vernichtung der Liebe ins Feld führt. Sie ist freilich auch die Macht, die sich durch ihren Sieg selbst vernichtet." C.Fr. von Weizsäcker, Die Geschichte der Natur. Göttingen 71970, 126.

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16. "Die Formel, die Technik sei wertneutral, ist ungenau. Wissenschaft und Technik sind nicht wertneutral, sondern verschärfend. Sie steigern die Macht mit ihren Folgen. Sie schützen den Menschen vor Naturgewalten und bedrohen ihn durch Zerstörung seiner natürlichen Umwelt." C.F. von Weizsäcker, Die Aufgabe der Kirche in der kommenden Weltgesellschaft. In: Evang. Kommentare 11 /1970, 641.

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17. C.F. Weizsäcker, Wahrnehmung der Neuzeit, München 1983, 355f

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18. B. Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Übersetzt von G. Roßler. Berlin 1995.

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19. München 1994.

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20. P. Davies, Krawall im All. In: Die Zeit 31. Jan. 1997, 46f.

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21. A. Guth, Ein Universum im Hinterhof. In: J. Brockman, Die dritte Kultur. Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft. Übersetzt von S. Vogel. München 1996, 385-398.

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22. "Abgesehen von solchen praktischen Erwägungen eröffnet die bloße Möglichkeit der Existenz von Kind-Universen die Aussicht auf echte Unsterblichkeit - nicht nur für unsere Nachkommen, sondern auch für Universen. Statt uns Gedanken über Leben und Tod des Universums zu machen, sollten wir lieber an eine Familie von Universen denken, die sich unendlich fortpflanzen, indem jedes neue Universum Generationen von weiteren erzeugt, möglicherweise in ungeheurer Zahl. Mit solcher kosmischer Fruchtbarkeit hätte die Ansammlung von Universen - oder das Metauniversum, wie man es eigentlich nennen müßte - womöglich weder Anfang noch Ende. Jedes einzelne Universum würde Entstehen, Entwicklung und Tod erleben, aber die Gattung insgesamt würde ewig bestehen.

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Bei diesem Szenario drängt sich die Frage auf, ob die Erschaffung unseres Universums auf natürlichem Wege erfolgt ist (ähnlich der Geburt eines Kindes auf die von der Natur vorgesehene Weise) oder Ergebnis geplanten Eingreifens war (wie bei einem Retortenbaby). Wir können uns vorstellen, daß eine hinreichend fortgeschrittene und altruistische Gesellschaft von Wesen in einem Mutter-Universum, deren eigenes Universum zum Untergang verurteilt ist, Kind-Universen zu erzeugen beschlösse - nicht um einen Fluchtweg für das eigene Überleben zu eröffnen, sondern um dafür zu sorgen, daß das Leben irgendwo weiterbestehen kann." Davies, Krawall im All (s. Anm. 20) 47.

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23. Der Spiegel, 31. 3. 1997, 222.

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