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Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts
(Gedanken zur diakonischen Existenz)

Autor:Hell Silvia
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:"Erst wenn Du im Antlitz irgendeines Menschen Deinen Bruder / Deine Schwester erkennen kannst, dann ist es Tag geworden" (jüdische Erzählung). Diakonie stellt keinen Sonderbereich für besonders Engagierte dar, sondern gehört zur menschlichen Existenz. Mehr noch: Gottes Wesen ist Diakonie. Die Existenz der Kirche, die Ikone Gottes sein soll, ist diakonische Existenz: herausgerufene und verdankte Existenz, ein Zeichen für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit (LG 1).
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-06-06

Inhalt

1
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1. "Erst wenn Du im Antlitz irgendeines Menschen Deinen Bruder / Deine Schwester erkennen kannst, dann ist es Tag geworden."

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Das Buch von Jürgen Moltmann "Diakonie im Horizont des Reiches Gottes" (1) beginnt mit einem Geleitwort von Theodor Schober. In diesem Geleitwort findet sich eine Geschichte, die ich an den Anfang meiner Ausführungen stellen möchte (2):

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"Ein Rabbi fragte seinen Schüler: 'Wann beginnt der Tag?' Der Schüler: 'Wenn ich die Terebinthe nicht mehr mit der Palme verwechsle.' 'Das genügt nicht', antwortete der Meister. Darauf der Schüler: 'Vielleicht, wenn ich zwischen Schäferhund und schwarzem Schaf unterscheiden kann.' Der Rabbi: 'Das reicht auch nicht. Erst wenn Du im Antlitz irgendeines Menschen Deinen Bruder / Deine Schwester erkennen kannst, dann ist es Tag geworden."

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Der Tag bricht an, wo die Dunkelheit des Fremdseins, der Gleichgültigkeit und der Ablehnung schwindet. Der Tag bricht an, wo ich den anderen ansehe und in ihm meinen Bruder / meine Schwester erkenne. Wer sich fragt, was denn eigentlich Christsein bedeutet, wird sehr schnell bemerken, daß Christsein immer mit einem Du zu tun hat, das zu einem Wir werden will: das Du eines Mitmenschen, das 'apersonale' Du der Umwelt, in der wir leben, das hinter all diesen Ebenen verborgene Du Gottes. Das Du bleibt nicht für sich, sondern drängt zur Wir-Gemeinschaft. Schon das Wort "Existenz" verrät, daß der Mensch über sich hinausragt auf den anderen hin: 'ex sistere' = 'aus sich hinausstehen'. Menschsein heißt "auf den anderen hin" sein. Diakonie stellt somit keinen Sonderbereich für besonders engagierte Christen und Christinnen dar, sondern gehört zur menschlichen Existenz. Menschliche Existenz ist diakonische Existenz: vom Ich zum Du und darin zum Wir. Ein egoistischer Mensch ist einer, der seine diakonische Existenz verleugnet und nur um sich, um seine Bedürfnisse und Wünsche kreist. Ein solcher Mensch vereinsamt und wird letztlich unglücklich, da er seinem Wesen zuwider handelt.

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 Ich gehe nun in zwei Schritten vor:

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(1) Wenn es in der ersten Schöpfungserzählung des Alten Testaments heißt, daß der Mensch nach dem Bilde Gottes, ihm ähnlich geschaffen wurde (Gen 1,26.27), dann muß die diakonische Existenz des Menschen mit Gott selber zu tun haben. Wir fragen deshalb in einem ersten Schritt nach der diakonischen Existenz Gottes.

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(2) Die Kirche muß in ihrer Existenz und ihren Vollzügen die diakonische Existenz Gottes zum Aufleuchten bringen und selber diakonisch werden. Sie muß dienende Kirche sein oder - in Anlehnung an ein bekanntes Wort Karl Rahners - sie wird überhaupt nicht sein. Wir fragen deshalb in einem zweiten Schritt nach der diakonischen Berufung der Kirche.

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2. Gottes Wesen ist Diakonie

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2.1 Gott ein parteiischer Gott?

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Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament begegnet uns Gott als ein leidenschaftlicher Gott. Im Buch Exodus heißt es:

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"Ich habe das Elend meines Volkes, das in Ägypten ist,...gesehen, und ihr Schreien über ihre Treiber habe ich gehört; ja, ich kenne seine Leiden. Darum bin ich herabgestiegen, um es aus der Gewalt der Ägypter zu befreien und es aus diesem Land herauszuführen in ein schönes und geräumiges Land..." (Ex 3,7-8a).

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Gott begegnet uns nicht als ein abstraktes, metaphysisches Seinsprinzip, sondern als einer, der sich vom Leiden der Menschen treffen läßt. Gott ist zwar Schöpfer der ganzen Welt; er wird aber zum parteiischen Gott, wo es darum geht, Partei zu ergreifen für die Armen, Ausgebeuteten, Unterdrückten und Verfolgten. Er steht auf der Seite von Recht und Gerechtigkeit und haßt das Unrecht:

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"Den Frommen wie den Frevler prüft Jahwe; wer Unrecht liebt, den haßt seine Seele. Schwefel läßt er regnen auf die Sünder und glühende Kohlen, sengender Wind sei ihr Anteil" (Ps 11,5-7).

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Die Propheten reden in diesem Zusammenhang gern vom Zorn Gottes. Gemeint ist damit kein emotionaler, unkontrollierter Gefühlsausbruch Gottes, sondern daß Gott die Folgen menschlichen Fehlverhaltens zuläßt. Erbarmen hat er aber mit denen, die umkehren und ihre Hoffnung auf ihn setzen.

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Wenn Gott Partei nimmt, dann geschieht dies nicht bloß dadurch, daß er sich äußerlich mit den Opfern solidarisiert, sondern indem er sich völlig mit ihnen identifiziert. Es mag umstritten sein, wer mit dem Gottesknecht in den vier Gottesknechtsliedern beim Propheten Jesaia gemeint ist. Eines aber ist sicher: Das vierte Gottesknechtslied (Jes 52,13-53,12) zeugt von einem Akt der Identifizierung, der weit über eine bloße Solidarität hinausgeht. "Er [der Gottesknecht] ward durchbohrt um unserer Sünden willen, zerschlagen für unsere Missetaten" (Jes 53,5a). "Er ward herausgerissen aus dem Land der Lebendigen; unserer Sünden wegen ward er zu Tode getroffen" (Jes 53,8b). "Durch sein Leiden wird mein Knecht viele rechtfertigen, indem er ihr Verschulden auf sich nimmt (3)" (Jes 53,11b). Gott macht den Gottesknecht nicht zum Sündenbock für die Vergehen anderer. Der Gottesknecht identifiziert sich vielmehr so sehr mit den anderen, daß ihr Leid zu seinem Leid wird. Mit dem Akt der Identifizierung ermöglicht er auch dort noch einen Ausweg, wo nach menschlichem Ermessen nur mehr Untergang herrscht.

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Blicken wir auf das Neue Testament, so wird deutlich, daß sich in Leben, Sterben und Auferstehung Jesu das Wort vom Gottesknecht bestätigt. Der Christushymnus im Philipperbrief macht dies deutlich:

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"Er, der in Gottesgestalt war, erachtete das Gottgleichsein nicht als Beutestück; sondern er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und ward dem Menschen gleich. In seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, auf daß im Namen Jesu sich jedes Knie beuge im Himmel, auf der Erde und unter der Erde und jede Zunge zur Ehre Gottes des Vaters bekenne: Jesus Christus ist der Herr" (Phil 2,6-11).

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"...er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und ward dem Menschen gleich" (V. 7). Was heißt das anderes, als daß sich Gott in seinem Sohn so sehr mit den Menschen identifiziert, daß er mit ihnen durch die Ohnmacht des Todes hindurchgeht, um so seinen Sohn zu erhöhen und ihm Recht zu verschaffen?

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2.2. Die diakonische Existenz Jesu als Anbruch des Reiches Gottes

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Jesus verkündet das Reich Gottes, indem er die Menschen in seinem Verhalten die Güte und Barmherzigkeit Gottes erfahren läßt. Das Reich Gottes ist keine abstrakte religiöse Idee, sondern das, wonach sich der Mensch im Tiefsten seines Herzens sehnt. Aufgrund einer tiefen Verbundenheit mit Gott kann Jesus, sagen: "Wenn...ich mit der Kraft Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen!" (Lk 11,20).

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Die anbrechende Gottesherrschaft ist nicht etwas, das Jesus bloß verkündet, sie hat vielmehr mit seiner Person zu tun. Sie äußert sich z.B. in der Art und Weise, wie Jesus mit Krankheiten umgeht. Die zahlreichen Heilungen, von denen uns das Neue Testament erzählt, zeigen, daß Gott den Menschen anrühren und heil machen will. Menschen, die es hin und her reißt und die unter einer gesellschaftlichen Isolation leiden, erleben in der Begegnung mit Jesus eine nie zuvor geahnte Freiheit. Diese Freiheit, die Jesus bringt, macht die Menschen wieder lebensfähig.

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Jesus ruft die Menschen zur Gemeinschaft mit Gott. Wenn Jesus mit Zöllnern und Sündern ißt, hat das eine zutiefst theologische Bedeutung. Tischgemeinschaft bedeutet, daß jeder Mahlteilnehmer durch das Essen eines abgebrochenen Brotstücks "Anteil an dem Lobpreis bekommt, den der Hausvater über dem ungebrochenen Brot gesprochen hatte"(4). Wenn Jesus Tischgemeinschaft hält, ermöglicht er es jedem Menschen, in die Gemeinschaft mit Gott einzutreten. Es gibt für ihn keine Außenseiter, sondern nur Geladene.

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2.3 Der tödliche Ernst diakonischer Existenz

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Jesus ruft die Menschen, die ihm begegnen, in eine Entscheidungssituation. Die Predigt vom anbrechenden Gottesreich macht zum einen die überaus große und voraussetzungslose Liebe Gottes deutlich, zum anderen zeigt sie auf, daß sich die Menschen ihr öffnen müssen, damit sie auch tatsächlich bei ihnen ankommen kann. Wer sich der angebotenen Liebe Gottes verschließt, verfällt der Konsequenz seiner eigenen Entscheidung. (5) Die Gerichtsworte Jesu führen dem Menschen vor Augen, daß er das von Gott angebotene Heil auch verlieren kann. In den Gerichtsworten reagiert Jesus auf die pervertierte Freiheit des Menschen. Diese äußert sich in Gewalttätigkeit und Lüge. Das Gericht ist nicht etwas, das von außen über den Menschen verhängt wird, sondern eine innere Folge seines Verhaltens.

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2.4 Die Sinnhaftigkeit diakonischer Existenz: Verzeihung durch Tod und Auferstehung hindurch und neues Leben

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In dem Augenblick, wo Menschen die Reich-Gottes-Botschaft ablehnen und beschließen, Jesus zu töten, stellt sich die Frage, inwiefern es dann noch Heil geben kann. Die Frage kann nur beantwortet werden, wenn wir auf die Person Jesu schauen. Jesus selbst steht mit seiner Person für die Verkündigung des Reiches Gottes ein und begibt sich radikal in die Situation der tiefsten Ablehnung von Seiten der Menschen. Obwohl Jesus die Ablehnung am eigenen Körper zu spüren bekommt, verfällt er nicht einem Vergeltungsdenken, sondern übergibt sich dem Vater in einem alles übersteigenden Vertrauen. Wäre Gott irgendwelchen Vergeltungsmechanismen verhaftet, hätte der Sohn im Bewußtsein, vom Vater gesandt zu sein, die Reich-Gottes-Botschaft in eine Fluch-Botschaft umgewandelt. Dadurch, daß er sich selber ganz in die letzte Konsequenz der Ablehnung hineinbegibt, offenbart sich auf eine radikale Weise, daß die Botschaft von dem angebrochenen Reich Gottes nicht zurückgenommen wird und sie sich in seinem Geschick auf eine neue Weise realisiert. Auf die Situation der Ablehnung reagiert Jesus mit einer noch größeren Hingabe. Er offenbart damit die radikale Hingabe seines Vaters dem Sünder gegenüber. Der Vater reagiert nicht mit Rache und Vergeltung, sondern führt den Sohn zum Leben (Auferstehung) und sendet ihn nach Tod und Auferstehung mit den Worten "Friede sei mit euch" (Lk 24,36; vgl. Joh 20,19.26) zu den Jüngern, "die sich im kritischen Augenblick ins Lager der Gegner der Gottesherrschaft ziehen ließen" (6). Nicht Vergeltung, sondern Verzeihung hat das letzte Wort. Nur durch Verzeihung ist neues Leben möglich. Damit ist das Geheimnis von Ostern umschrieben.

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3. Die diakonische Existenz der Kirche

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Wir gehen bei der Frage nach der diakonischen Existenz der Kirche analog zum vorhergehenden Abschnitt vor. Dahinter steht die These, daß die diakonische Existenz Gottes, wie sie sich in der Heilsgeschichte und in einer einmaligen und unüberbietbaren Weise in der Person Jesu Christi geoffenbart hat, mit der diakonischen Existenz der Kirche zu tun hat. Die Kirche weist uns nicht bloß auf die diakonische Existenz Gottes hin, sondern sie selber ist der Ort, wo Menschen der diakonischen Existenz Gottes begegnen können.

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3.1 Die Kirche eine parteiische Kirche?

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Wenn Gott ein parteiischer Gott ist, dann muß auch die Kirche parteiisch sein. Sie muß Partei ergreifen für das menschliche Leben und ihre Stimme erheben, wo Menschen unter die Räder von Profit, Geldgier, Karriere, Prestige, Konsum usw. kommen. Das gilt für geborenes, aber auch für ungeborenes Leben. Die Kirche muß für alte, abgeschobene Menschen eintreten, aber auch den Wahnsinn medizinischer Experimente an Embryonen aufdecken. Die Kirche hat in der Welt eine geradezu prophetische Aufgabe. Dies gilt für alle christlichen Kirchen. Aus dem Folder, den der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich vor kurzem herausgegeben hat, geht die prophetische Aufgabe aller christlichen Kirchen deutlich hervor: "Das Evangelium, das wir als Christinnen und Christen gemeinsam bezeugen, beauftragt uns, auch kritische Anfragen an Politik und Gesellschaft zu richten. Auf diese Weise kommen die christlichen Kirchen ihrer prophetischen Aufgabe in der Welt nach. Wo etwa Schwache an den Rand gedrängt werden, über sie abschätzig geredet und damit der Gewalt Vorschub geleistet wird, müssen die christlichen Kirchen wie auch die einzelnen energisch widerstehen. Gegenüber Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus ist Toleranz nicht möglich."

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3.2 Die diakonische Existenz der Kirche im Blick auf das Reich Gottes

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In Jesus Christus ist das Reich Gottes bereits voll angebrochen. Die Kirche hat die Aufgabe, am Aufbau des Reiches Gottes mitten in unserer Welt mitzuwirken. Sie muß selber immer durchlässiger werden für das, was Reich Gottes bedeutet. Das Reich Gottes bricht an, wo in der Gemeinschaft untereinander Gemeinschaft mit Gott Wirklichkeit wird. Die Vollzüge der Kirche müssen dies wiederspiegeln. Legt man die horizontale und vertikale Dimension übereinander, ergeben sie das Kreuz. In Verkündigung (martyria), Gottesdienst (leiturgia) und Diakonie (diaconia) muß jener Gott aufleuchten, der sich selbst nicht davor gescheut hat, sich in der Geschichte, letztlich in einer Person vom Menschen finden zu lassen.

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"Verkündigung" heißt, diesen Gott, der ein Gott des Lebens ist, zu bezeugen. Dies kann ausdrücklich mit Worten geschehen, aber auch ohne Worte, durch einfaches, teilnehmendes Dasein für den anderen. Verkündigung hat mit Authentizität zu tun: Ein Mensch, der sein Leben glaubwürdig lebt, verkündet u.U. beredter als einer, der zwar rethorisch eine perfekte Predigt hält, aber menschlich nicht dahinter steht.

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 "Gottesdienst" kann in einem weiteren und in einem engeren Sinn verstanden werden.

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Gottesdienst im weiteren Sinn meint, daß das ganze Leben eines Menschen auf Gott hin transparent wird, daß das Reich Gottes in seinem persönlichen Leben anbricht und sich so durch Offenheit auf Gott und auf andere Menschen auszeichnet. Die Bewegung, die dadurch entsteht, hat mit Hingabe zu tun. Gottesdienst ereignet sich bereits dort, wo sich der Mensch in seinem ganz konkreten Alltag hineinnehmen läßt in die Bewegung, die den Sohn im Heiligen Geist mit dem Vater eint.

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Gottesdienst im engeren Sinn meint die liturgischen Vollzüge einer Kirche (Eucharistiefeier, die Feiern der übrigen Sakramente, Wortgottesdienst, usw.). Hier wird liturgisch gefeiert, wozu die menschliche Gemeinschaft berufen ist: Antwort zu geben auf das zuvor ergangene Wort Gottes an sie. Wenn bei der Eucharistiefeier die Gaben Brot und Wein zum Altar gebracht werden, dann drückt sich in diesen Schöpfungsgaben der Hunger und die Not der Menschen und zugleich die Bitte an Gott aus, er möge die Gaben annehmen und sie wandeln. Daß der Blick dabei von der konkreten Eucharistie feiernden Gemeinde auf die ganze Welt gerichtet wird, entspricht dem universalen Heilsgeschehen, das immer Dasein für die anderen einschließt.

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"Diakonie" im engeren Sinn schließt Werke der geistlichen und leiblichen Barmherzigkeit ein. Im weiteren Sinn ist Diakonie ein Wesensmerkmal der ganzen Kirche und damit auch der übrigen kirchlichen Vollzüge (Verkündigung und Gottesdienst). Ich gebrauche den Ausdruck "Diakonie" hier in einem weiteren Sinn.

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3.3 Der tödliche Ernst diakonischer Existenz

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Das Sein der Kirche haben wir in Analogie zur Person Jesu Christi mit diakonischer Existenz umschrieben. Die Kirche hat - um Gottes Willen - eine klare Option für die Entfaltung und Vollendung jedwedigen Lebens einzutreten. Besonders herausgefordert ist die Kirche in Situationen, wo Recht und Gerechtigkeit in Frage gestellt sind. Die Kirche darf sich nicht mit weltlichen Mächten arrangieren und sich in der Welt etablieren. Es hat in der Geschichte immer wieder Zeiten gegeben, wo die Kirche dieser Versuchung nur wenig Widerstand leistete. Es sei hier vor allem an die Zeit der Feudalkirche des Mittelalters erinnert, an eine Zeit, wo Bischöfe mehr Fürsten als Seelsorger waren. Die Kirche hat sich nicht gängigen gesellschaftlichen Trends anzupassen, sondern muß um des Evangeliums willen auch einmal gegen den Strom schwimmen. Sie muß zeigen, daß in den Augen Gottes andere Wertmaßstäbe gelten. Das Magnifikat (Lk 1,46-55) ist ein Lobgesang, das den Umsturz menschlicher Wertvorstellungen sehr deutlich wiedergibt:

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"Er [Gott] zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen" (Lk 1,51b-53).

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Wer gegen den Strom schwimmt, muß mit Widerstand rechnen. Es ist wohl nicht zufällig, daß im Wort "martyria" (Verkündigung) "Martyrium" anklingt. Hingabe schließt Bereitschaft zur Hingabe seines Lebens mit ein. Die Kirche kann auf eine große Schar von Menschen blicken, die um des Evangeliums willen den Tod auf sich genommen haben.

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3.4 Die Sinnhaftigkeit diakonischer Existenz: die herausgerufene und sakramental-heilende Existenz der Kirche

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Die diakonische Existenz der Kirche ist vor jeder Aktivität, die die Kirche setzt, herausgerufene Existenz. "Kirche" leitet sich vom Wort "ekkallein" her und heißt "herausgerufen sein". Sozialprogramme sind notwendig, sie dürfen aber nicht vergessen lassen, daß Kirche zuallererst herausgerufene und damit verdankte Existenz ist. Jesus Christus ruft Menschen in seine Nachfolge. Er ruft heraus aus aller Sicherheit, die die Welt bieten kann, und macht Menschen zu neuen Hoffnungsträgern für die Welt. Die Gemeinschaft der Christus Nachfolgenden wird dadurch zur Hoffnungsgemeinschaft mitten in der Welt. Damit ist die sakramental-heilende Existenz der Kirche umschrieben. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt dazu (LG 1): "Die Kirche ist...in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit." Die sakramental-heilende Existenz der Kirche wird dort erfahren, wo sich Kirche nicht elitär nach innen verschließt, sondern offen bleibt für die diakonische Existenz Gottes, die alle Menschen umschließt. Alle Vollzüge der Kirche müssen stets neu kritisch hinterfragt werden, ob sie tatsächlich als sakramental-heilend erfahren werden.

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Anmerkungen:  

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 1. Jürgen: Diakonie im Horizont des Reiches Gottes. Schritte zum Diakonentum aller Gläubigen. Mit einem Beitrag von U. Bach u. einem Geleitwort v. Th. Schober. Neukirchen-Vluyn 1984, bes. 7-11 (Geleitwort).

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2. 11.

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3. S.H.

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4. Schwager, Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre. ITS 29. Hg. E.Coreth u.a. Innsbruck 1990, 54 - zitiert wird Jeremias.

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5. 79.

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6.

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1. "Erst wenn Du im Antlitz irgendeines Menschen Deinen Bruder / Deine Schwester erkennen kannst, dann ist es Tag geworden."

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Das Buch von Jürgen Moltmann "Diakonie im Horizont des Reiches Gottes" (1) beginnt mit einem Geleitwort von Theodor Schober. In diesem Geleitwort findet sich eine Geschichte, die ich an den Anfang meiner Ausführungen stellen möchte (2):

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"Ein Rabbi fragte seinen Schüler: 'Wann beginnt der Tag?' Der Schüler: 'Wenn ich die Terebinthe nicht mehr mit der Palme verwechsle.' 'Das genügt nicht', antwortete der Meister. Darauf der Schüler: 'Vielleicht, wenn ich zwischen Schäferhund und schwarzem Schaf unterscheiden kann.' Der Rabbi: 'Das reicht auch nicht. Erst wenn Du im Antlitz irgendeines Menschen Deinen Bruder / Deine Schwester erkennen kannst, dann ist es Tag geworden."

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Der Tag bricht an, wo die Dunkelheit des Fremdseins, der Gleichgültigkeit und der Ablehnung schwindet. Der Tag bricht an, wo ich den anderen ansehe und in ihm meinen Bruder / meine Schwester erkenne. Wer sich fragt, was denn eigentlich Christsein bedeutet, wird sehr schnell bemerken, daß Christsein immer mit einem Du zu tun hat, das zu einem Wir werden will: das Du eines Mitmenschen, das 'apersonale' Du der Umwelt, in der wir leben, das hinter all diesen Ebenen verborgene Du Gottes. Das Du bleibt nicht für sich, sondern drängt zur Wir-Gemeinschaft. Schon das Wort "Existenz" verrät, daß der Mensch über sich hinausragt auf den anderen hin: 'ex sistere' = 'aus sich hinausstehen'. Menschsein heißt "auf den anderen hin" sein. Diakonie stellt somit keinen Sonderbereich für besonders engagierte Christen und Christinnen dar, sondern gehört zur menschlichen Existenz. Menschliche Existenz ist diakonische Existenz: vom Ich zum Du und darin zum Wir. Ein egoistischer Mensch ist einer, der seine diakonische Existenz verleugnet und nur um sich, um seine Bedürfnisse und Wünsche kreist. Ein solcher Mensch vereinsamt und wird letztlich unglücklich, da er seinem Wesen zuwider handelt.

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 Ich gehe nun in zwei Schritten vor:

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(1) Wenn es in der ersten Schöpfungserzählung des Alten Testaments heißt, daß der Mensch nach dem Bilde Gottes, ihm ähnlich geschaffen wurde (Gen 1,26.27), dann muß die diakonische Existenz des Menschen mit Gott selber zu tun haben. Wir fragen deshalb in einem ersten Schritt nach der diakonischen Existenz Gottes.

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(2) Die Kirche muß in ihrer Existenz und ihren Vollzügen die diakonische Existenz Gottes zum Aufleuchten bringen und selber diakonisch werden. Sie muß dienende Kirche sein oder - in Anlehnung an ein bekanntes Wort Karl Rahners - sie wird überhaupt nicht sein. Wir fragen deshalb in einem zweiten Schritt nach der diakonischen Berufung der Kirche.

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2. Gottes Wesen ist Diakonie

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2.1 Gott ein parteiischer Gott?

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Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament begegnet uns Gott als ein leidenschaftlicher Gott. Im Buch Exodus heißt es:

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"Ich habe das Elend meines Volkes, das in Ägypten ist,...gesehen, und ihr Schreien über ihre Treiber habe ich gehört; ja, ich kenne seine Leiden. Darum bin ich herabgestiegen, um es aus der Gewalt der Ägypter zu befreien und es aus diesem Land herauszuführen in ein schönes und geräumiges Land..." (Ex 3,7-8a).

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Gott begegnet uns nicht als ein abstraktes, metaphysisches Seinsprinzip, sondern als einer, der sich vom Leiden der Menschen treffen läßt. Gott ist zwar Schöpfer der ganzen Welt; er wird aber zum parteiischen Gott, wo es darum geht, Partei zu ergreifen für die Armen, Ausgebeuteten, Unterdrückten und Verfolgten. Er steht auf der Seite von Recht und Gerechtigkeit und haßt das Unrecht:

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"Den Frommen wie den Frevler prüft Jahwe; wer Unrecht liebt, den haßt seine Seele. Schwefel läßt er regnen auf die Sünder und glühende Kohlen, sengender Wind sei ihr Anteil" (Ps 11,5-7).

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Die Propheten reden in diesem Zusammenhang gern vom Zorn Gottes. Gemeint ist damit kein emotionaler, unkontrollierter Gefühlsausbruch Gottes, sondern daß Gott die Folgen menschlichen Fehlverhaltens zuläßt. Erbarmen hat er aber mit denen, die umkehren und ihre Hoffnung auf ihn setzen.

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Wenn Gott Partei nimmt, dann geschieht dies nicht bloß dadurch, daß er sich äußerlich mit den Opfern solidarisiert, sondern indem er sich völlig mit ihnen identifiziert. Es mag umstritten sein, wer mit dem Gottesknecht in den vier Gottesknechtsliedern beim Propheten Jesaia gemeint ist. Eines aber ist sicher: Das vierte Gottesknechtslied (Jes 52,13-53,12) zeugt von einem Akt der Identifizierung, der weit über eine bloße Solidarität hinausgeht. "Er [der Gottesknecht] ward durchbohrt um unserer Sünden willen, zerschlagen für unsere Missetaten" (Jes 53,5a). "Er ward herausgerissen aus dem Land der Lebendigen; unserer Sünden wegen ward er zu Tode getroffen" (Jes 53,8b). "Durch sein Leiden wird mein Knecht viele rechtfertigen, indem er ihr Verschulden auf sich nimmt (3)" (Jes 53,11b). Gott macht den Gottesknecht nicht zum Sündenbock für die Vergehen anderer. Der Gottesknecht identifiziert sich vielmehr so sehr mit den anderen, daß ihr Leid zu seinem Leid wird. Mit dem Akt der Identifizierung ermöglicht er auch dort noch einen Ausweg, wo nach menschlichem Ermessen nur mehr Untergang herrscht.

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Blicken wir auf das Neue Testament, so wird deutlich, daß sich in Leben, Sterben und Auferstehung Jesu das Wort vom Gottesknecht bestätigt. Der Christushymnus im Philipperbrief macht dies deutlich:

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"Er, der in Gottesgestalt war, erachtete das Gottgleichsein nicht als Beutestück; sondern er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und ward dem Menschen gleich. In seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, auf daß im Namen Jesu sich jedes Knie beuge im Himmel, auf der Erde und unter der Erde und jede Zunge zur Ehre Gottes des Vaters bekenne: Jesus Christus ist der Herr" (Phil 2,6-11).

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"...er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und ward dem Menschen gleich" (V. 7). Was heißt das anderes, als daß sich Gott in seinem Sohn so sehr mit den Menschen identifiziert, daß er mit ihnen durch die Ohnmacht des Todes hindurchgeht, um so seinen Sohn zu erhöhen und ihm Recht zu verschaffen?

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2.2. Die diakonische Existenz Jesu als Anbruch des Reiches Gottes

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Jesus verkündet das Reich Gottes, indem er die Menschen in seinem Verhalten die Güte und Barmherzigkeit Gottes erfahren läßt. Das Reich Gottes ist keine abstrakte religiöse Idee, sondern das, wonach sich der Mensch im Tiefsten seines Herzens sehnt. Aufgrund einer tiefen Verbundenheit mit Gott kann Jesus, sagen: "Wenn...ich mit der Kraft Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen!" (Lk 11,20).

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Die anbrechende Gottesherrschaft ist nicht etwas, das Jesus bloß verkündet, sie hat vielmehr mit seiner Person zu tun. Sie äußert sich z.B. in der Art und Weise, wie Jesus mit Krankheiten umgeht. Die zahlreichen Heilungen, von denen uns das Neue Testament erzählt, zeigen, daß Gott den Menschen anrühren und heil machen will. Menschen, die es hin und her reißt und die unter einer gesellschaftlichen Isolation leiden, erleben in der Begegnung mit Jesus eine nie zuvor geahnte Freiheit. Diese Freiheit, die Jesus bringt, macht die Menschen wieder lebensfähig.

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Jesus ruft die Menschen zur Gemeinschaft mit Gott. Wenn Jesus mit Zöllnern und Sündern ißt, hat das eine zutiefst theologische Bedeutung. Tischgemeinschaft bedeutet, daß jeder Mahlteilnehmer durch das Essen eines abgebrochenen Brotstücks "Anteil an dem Lobpreis bekommt, den der Hausvater über dem ungebrochenen Brot gesprochen hatte" (4). Wenn Jesus Tischgemeinschaft hält, ermöglicht er es jedem Menschen, in die Gemeinschaft mit Gott einzutreten. Es gibt für ihn keine Außenseiter, sondern nur Geladene.

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2.3 Der tödliche Ernst diakonischer Existenz

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Jesus ruft die Menschen, die ihm begegnen, in eine Entscheidungssituation. Die Predigt vom anbrechenden Gottesreich macht zum einen die überaus große und voraussetzungslose Liebe Gottes deutlich, zum anderen zeigt sie auf, daß sich die Menschen ihr öffnen müssen, damit sie auch tatsächlich bei ihnen ankommen kann. Wer sich der angebotenen Liebe Gottes verschließt, verfällt der Konsequenz seiner eigenen Entscheidung. (5) Die Gerichtsworte Jesu führen dem Menschen vor Augen, daß er das von Gott angebotene Heil auch verlieren kann. In den Gerichtsworten reagiert Jesus auf die pervertierte Freiheit des Menschen. Diese äußert sich in Gewalttätigkeit und Lüge. Das Gericht ist nicht etwas, das von außen über den Menschen verhängt wird, sondern eine innere Folge seines Verhaltens.

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2.4 Die Sinnhaftigkeit diakonischer Existenz: Verzeihung durch Tod und Auferstehung hindurch und neues Leben

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In dem Augenblick, wo Menschen die Reich-Gottes-Botschaft ablehnen und beschließen, Jesus zu töten, stellt sich die Frage, inwiefern es dann noch Heil geben kann. Die Frage kann nur beantwortet werden, wenn wir auf die Person Jesu schauen. Jesus selbst steht mit seiner Person für die Verkündigung des Reiches Gottes ein und begibt sich radikal in die Situation der tiefsten Ablehnung von Seiten der Menschen. Obwohl Jesus die Ablehnung am eigenen Körper zu spüren bekommt, verfällt er nicht einem Vergeltungsdenken, sondern übergibt sich dem Vater in einem alles übersteigenden Vertrauen. Wäre Gott irgendwelchen Vergeltungsmechanismen verhaftet, hätte der Sohn im Bewußtsein, vom Vater gesandt zu sein, die Reich-Gottes-Botschaft in eine Fluch-Botschaft umgewandelt. Dadurch, daß er sich selber ganz in die letzte Konsequenz der Ablehnung hineinbegibt, offenbart sich auf eine radikale Weise, daß die Botschaft von dem angebrochenen Reich Gottes nicht zurückgenommen wird und sie sich in seinem Geschick auf eine neue Weise realisiert. Auf die Situation der Ablehnung reagiert Jesus mit einer noch größeren Hingabe. Er offenbart damit die radikale Hingabe seines Vaters dem Sünder gegenüber. Der Vater reagiert nicht mit Rache und Vergeltung, sondern führt den Sohn zum Leben (Auferstehung) und sendet ihn nach Tod und Auferstehung mit den Worten "Friede sei mit euch" (Lk 24,36; vgl. Joh 20,19.26) zu den Jüngern, "die sich im kritischen Augenblick ins Lager der Gegner der Gottesherrschaft ziehen ließen" (6). Nicht Vergeltung, sondern Verzeihung hat das letzte Wort. Nur durch Verzeihung ist neues Leben möglich. Damit ist das Geheimnis von Ostern umschrieben.

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3. Die diakonische Existenz der Kirche

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Wir gehen bei der Frage nach der diakonischen Existenz der Kirche analog zum vorhergehenden Abschnitt vor. Dahinter steht die These, daß die diakonische Existenz Gottes, wie sie sich in der Heilsgeschichte und in einer einmaligen und unüberbietbaren Weise in der Person Jesu Christi geoffenbart hat, mit der diakonischen Existenz der Kirche zu tun hat. Die Kirche weist uns nicht bloß auf die diakonische Existenz Gottes hin, sondern sie selber ist der Ort, wo Menschen der diakonischen Existenz Gottes begegnen können.

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3.1 Die Kirche eine parteiische Kirche?

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Wenn Gott ein parteiischer Gott ist, dann muß auch die Kirche parteiisch sein. Sie muß Partei ergreifen für das menschliche Leben und ihre Stimme erheben, wo Menschen unter die Räder von Profit, Geldgier, Karriere, Prestige, Konsum usw. kommen. Das gilt für geborenes, aber auch für ungeborenes Leben. Die Kirche muß für alte, abgeschobene Menschen eintreten, aber auch den Wahnsinn medizinischer Experimente an Embryonen aufdecken. Die Kirche hat in der Welt eine geradezu prophetische Aufgabe. Dies gilt für alle christlichen Kirchen. Aus dem Folder, den der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich vor kurzem herausgegeben hat, geht die prophetische Aufgabe aller christlichen Kirchen deutlich hervor: "Das Evangelium, das wir als Christinnen und Christen gemeinsam bezeugen, beauftragt uns, auch kritische Anfragen an Politik und Gesellschaft zu richten. Auf diese Weise kommen die christlichen Kirchen ihrer prophetischen Aufgabe in der Welt nach. Wo etwa Schwache an den Rand gedrängt werden, über sie abschätzig geredet und damit der Gewalt Vorschub geleistet wird, müssen die christlichen Kirchen wie auch die einzelnen energisch widerstehen. Gegenüber Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus ist Toleranz nicht möglich."

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3.2 Die diakonische Existenz der Kirche im Blick auf das Reich Gottes

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In Jesus Christus ist das Reich Gottes bereits voll angebrochen. Die Kirche hat die Aufgabe, am Aufbau des Reiches Gottes mitten in unserer Welt mitzuwirken. Sie muß selber immer durchlässiger werden für das, was Reich Gottes bedeutet. Das Reich Gottes bricht an, wo in der Gemeinschaft untereinander Gemeinschaft mit Gott Wirklichkeit wird. Die Vollzüge der Kirche müssen dies wiederspiegeln. Legt man die horizontale und vertikale Dimension übereinander, ergeben sie das Kreuz. In Verkündigung (martyria), Gottesdienst (leiturgia) und Diakonie (diaconia) muß jener Gott aufleuchten, der sich selbst nicht davor gescheut hat, sich in der Geschichte, letztlich in einer Person vom Menschen finden zu lassen.

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"Verkündigung" heißt, diesen Gott, der ein Gott des Lebens ist, zu bezeugen. Dies kann ausdrücklich mit Worten geschehen, aber auch ohne Worte, durch einfaches, teilnehmendes Dasein für den anderen. Verkündigung hat mit Authentizität zu tun: Ein Mensch, der sein Leben glaubwürdig lebt, verkündet u.U. beredter als einer, der zwar rethorisch eine perfekte Predigt hält, aber menschlich nicht dahinter steht.

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 "Gottesdienst" kann in einem weiteren und in einem engeren Sinn verstanden werden.

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Gottesdienst im weiteren Sinn meint, daß das ganze Leben eines Menschen auf Gott hin transparent wird, daß das Reich Gottes in seinem persönlichen Leben anbricht und sich so durch Offenheit auf Gott und auf andere Menschen auszeichnet. Die Bewegung, die dadurch entsteht, hat mit Hingabe zu tun. Gottesdienst ereignet sich bereits dort, wo sich der Mensch in seinem ganz konkreten Alltag hineinnehmen läßt in die Bewegung, die den Sohn im Heiligen Geist mit dem Vater eint.

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Gottesdienst im engeren Sinn meint die liturgischen Vollzüge einer Kirche (Eucharistiefeier, die Feiern der übrigen Sakramente, Wortgottesdienst, usw.). Hier wird liturgisch gefeiert, wozu die menschliche Gemeinschaft berufen ist: Antwort zu geben auf das zuvor ergangene Wort Gottes an sie. Wenn bei der Eucharistiefeier die Gaben Brot und Wein zum Altar gebracht werden, dann drückt sich in diesen Schöpfungsgaben der Hunger und die Not der Menschen und zugleich die Bitte an Gott aus, er möge die Gaben annehmen und sie wandeln. Daß der Blick dabei von der konkreten Eucharistie feiernden Gemeinde auf die ganze Welt gerichtet wird, entspricht dem universalen Heilsgeschehen, das immer Dasein für die anderen einschließt.

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"Diakonie" im engeren Sinn schließt Werke der geistlichen und leiblichen Barmherzigkeit ein. Im weiteren Sinn ist Diakonie ein Wesensmerkmal der ganzen Kirche und damit auch der übrigen kirchlichen Vollzüge (Verkündigung und Gottesdienst). Ich gebrauche den Ausdruck "Diakonie" hier in einem weiteren Sinn.

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3.3 Der tödliche Ernst diakonischer Existenz

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Das Sein der Kirche haben wir in Analogie zur Person Jesu Christi mit diakonischer Existenz umschrieben. Die Kirche hat - um Gottes Willen - eine klare Option für die Entfaltung und Vollendung jedwedigen Lebens einzutreten. Besonders herausgefordert ist die Kirche in Situationen, wo Recht und Gerechtigkeit in Frage gestellt sind. Die Kirche darf sich nicht mit weltlichen Mächten arrangieren und sich in der Welt etablieren. Es hat in der Geschichte immer wieder Zeiten gegeben, wo die Kirche dieser Versuchung nur wenig Widerstand leistete. Es sei hier vor allem an die Zeit der Feudalkirche des Mittelalters erinnert, an eine Zeit, wo Bischöfe mehr Fürsten als Seelsorger waren. Die Kirche hat sich nicht gängigen gesellschaftlichen Trends anzupassen, sondern muß um des Evangeliums willen auch einmal gegen den Strom schwimmen. Sie muß zeigen, daß in den Augen Gottes andere Wertmaßstäbe gelten. Das Magnifikat (Lk 1,46-55) ist ein Lobgesang, das den Umsturz menschlicher Wertvorstellungen sehr deutlich wiedergibt:

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"Er [Gott] zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen" (Lk 1,51b-53).

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Wer gegen den Strom schwimmt, muß mit Widerstand rechnen. Es ist wohl nicht zufällig, daß im Wort "martyria" (Verkündigung) "Martyrium" anklingt. Hingabe schließt Bereitschaft zur Hingabe seines Lebens mit ein. Die Kirche kann auf eine große Schar von Menschen blicken, die um des Evangeliums willen den Tod auf sich genommen haben.

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3.4 Die Sinnhaftigkeit diakonischer Existenz: die herausgerufene und sakramental-heilende Existenz der Kirche

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Die diakonische Existenz der Kirche ist vor jeder Aktivität, die die Kirche setzt, herausgerufene Existenz. "Kirche" leitet sich vom Wort "ekkallein" her und heißt "herausgerufen sein". Sozialprogramme sind notwendig, sie dürfen aber nicht vergessen lassen, daß Kirche zuallererst herausgerufene und damit verdankte Existenz ist. Jesus Christus ruft Menschen in seine Nachfolge. Er ruft heraus aus aller Sicherheit, die die Welt bieten kann, und macht Menschen zu neuen Hoffnungsträgern für die Welt. Die Gemeinschaft der Christus Nachfolgenden wird dadurch zur Hoffnungsgemeinschaft mitten in der Welt. Damit ist die sakramental-heilende Existenz der Kirche umschrieben. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt dazu (LG 1): "Die Kirche ist...in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit." Die sakramental-heilende Existenz der Kirche wird dort erfahren, wo sich Kirche nicht elitär nach innen verschließt, sondern offen bleibt für die diakonische Existenz Gottes, die alle Menschen umschließt. Alle Vollzüge der Kirche müssen stets neu kritisch hinterfragt werden, ob sie tatsächlich als sakramental-heilend erfahren werden.

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Anmerkungen:  

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 1. Moltmann, Jürgen: Diakonie im Horizont des Reiches Gottes. Schritte zum Diakonentum aller Gläubigen. Mit einem Beitrag von U. Bach u. einem Geleitwort v. Th. Schober. Neukirchen-Vluyn 1984, bes. 7-11 (Geleitwort).

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2. Ebd. 11.

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3. Hervorheb. S.H.

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4. R. Schwager, Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre. ITS 29. Hg. E.Coreth u.a. Innsbruck 1990, 54 - zitiert wird Jeremias.

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5. Ebd. 79.

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6. Ebd.

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