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Gesetz oder Gnade?
(Gedanken zum 9. Sonntag im Jahreskreis (LJ A); Lesungen: (Dtn 11,18.26-28.32;) Röm 3,21-25a.28; Mt 7,21-27)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Paulus betont, dass wir nur durch den Glauben gerecht werden. Jesus aber sagt bei Matthäus, er kennt nur die, die nach Gottes Willen handeln. Gibt es einen Widerspruch im Neuen Testament in dieser wichtigen Frage? Müssen wir die Kämpfe der Reformation heute immer noch führen - oder gibt es eine andere Lösung?
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-06-03

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Gedanken zum 9. Sonntag im Jahreskreis (LJ A)

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 Lesungen: (Dtn 11,18.26-28.32;) Röm 3,21-25a.28; Mt 7,21-27

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 Liebe Gläubige,

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wenn wir die heutige Lesung aus dem Römerbrief mit dem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium vergleichen, dann schleicht sich bei manchen vielleicht das Gefühl ein: da stimmt was nicht. Die widersprechen sich doch. Da spricht Jesus davon, dass nur die in den Himmel kommen, die den Willen des Vaters tun - nicht, die bloß „Herr, Herr!" schreien; und dann betont Paulus massiv, dass wir durch den Glauben gerecht werden, nicht durch die Werke. Hat Paulus Jesus völlig verdreht in verkehrt in seinem Brief? Oder hat Matthäus Jesu Worte verdreht und verkehrt aufgeschrieben und Paulus das eigentlich Christliche viel besser erfasst? Ja, man könnte sich theologisch zurückversetzt finden ins 16. Jahrhundert: Auf der einen Seite Martin Luther, der sich auf Paulus beruft und darauf pocht, dass nur der Glaube allein gerecht macht und die Katholiken mit ihrer Werkgerechtigkeit das Werk des Teufels tun - auf der anderen Seite die päpstlichen Theologen, die Matthäus heranziehen und darauf bestehen, dass die Werke wichtig sind und dass, wer anderes behauptet, die Menschen teuflisch belüge. Nur: Wir sind im 21. Jahrhundert, wir sind in einer römisch-katholischen Kirche, sogar der Jesuitenkirche, und beide Texte werden uns von dieser römisch-katholischen Kirche für den heutigen Sonntag vorgegeben. Es ist anzunehmen, dass sie das nicht tut, damit wir meinen, einer von beiden, Matthäus oder Paulus, muss Jesus falsch verstanden haben. Nehmen wir also an, sie will uns damit auffordern: Liebe Gläubige, lest diese Texte so, dass sie zusammenpassen. Eine gar nicht leichte Aufgabe.

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Es ist leichter zu sehen, wogegen sich die Texte wenden als wofür sie sind. Doch das eine wird uns zum anderen führen. Was ist es, das Jesus - bei Matthäus (und übrigens auch bei Lukas) - ausschließen will?

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Es gibt Menschen, die setzen sich für die Religion, für ihren Glauben, für die Wahrheit und für Moral und Gerechtigkeit ganz stark ein. Sie fordern andere im Namen Gottes auf, anständig zu leben, sie wissen, wie man über Gott reden soll, welche Formel welches Konzil oder welcher Papst verurteilt, und welche gutgeheißen hat, ja sie bewirken mit ihrem Einsatz sogar oft Gutes - sie bewirken Wunder und treiben Dämonen aus, heißt es. Ihr Einsatz im Namen Gottes ist nicht nur verblendet oder falsch, er bewirkt Gutes. Aber: Es kann sein, dass es diesen Menschen dabei nicht wirklich um Gott geht und auch nicht um die Menschen, mit denen sie zu tun haben. Es geht ihnen eigentlich darum, dass sie selber alles richtig machen, dass sie selber gerecht sind und Recht haben. Sie sehen die Welt und die Menschheit in zwei Lager geteilt: die einen, die auf der Seite Gottes sind und daher einen Anspruch darauf haben, dass Gott auch auf ihrer Seite ist, und die anderen, die nicht auf Gottes Seite sind. Sie kann man nur belehren, ermahnen, vielleicht auch zwingen sich zu bessern. Tun sie das aber nicht, dann habe ich nichts mit ihnen gemein. Und Gott auch nicht.

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Gegen diese Haltung wendet sich Jesus: „Herr, Herr! Ich habe doch so viel für dich getan. Ich war so selbstlos für dich! Du musst doch jetzt zu mir stehen gegen die Bösen!" Kann etwas selbstlos sein, wenn man es einem anderen vorrechnet um daraus einen Anspruch abzuleiten? Wer so empfindet, liebt nicht seinen Nächsten wie sich selbst und Gott aus ganzem Herzen. Er liebt nur sich selbst und Gott als Mittel zum Zweck. Er verstößt also gegen Christi Gebot und ist, entgegen seiner Überzeugung, ein Übertreter des Gesetzes. Jesus sagt, er kennt diese Menschen nicht - und betont dadurch, dass sie ihn nicht wirklich erkannt haben. Sie glauben nicht an den Christus, der Jesus war, nicht an einen erlösenden Richter, sondern an einen verurteilenden.

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Sagt Paulus etwas anderes? Eigentlich nicht. Er wendet sich gegen dieselbe Haltung. Ausdrücklich betont er: Es gibt keine zwei Lager. „Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben werden sie gerecht, dank seiner Gnade … " (Röm 3,23-24a). Es gibt vor Gott nicht die Guten und die Bösen, sondern es gibt eine Menschheit, und jeder Mensch in dieser Menschheit hat die Herrlichkeit Gottes nicht verdient, weil jeder und jede gesündigt hat. Es ist Gottes Gnade, die einen Menschen gerecht macht, und nicht die eigene moralische Anstrengung, die man dann anderen anpredigen und sich deshalb auf der Seite Gottes wähnen kann. Die Gnade Gottes, sagt Paulus, ist unabhängig von dem Gesetz, das in Büchern steht; aber sie ist gebunden an ihr eigenes Gesetz, das Gesetz der Gnade, oder man könnte auch sagen: das Gesetz des Herzens. Und dieses wird aber vom geschriebenen Gesetz und den Propheten sogar ausdrücklich bezeugt, sagt Paulus. Wie das? Hier kommen wir nun in den Bereich dessen, wofür sich Jesus und Paulus einsetzen:

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Das Gebot, Gott aus ganzem Herzen zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst, steht im geschriebenen Gesetz, es wird also von ihm bezeugt. Aber es ist anders als das Gebot „Du sollst nicht töten". Ich kann jemanden zwingen, das Gebot „Du sollst nicht töten" einzuhalten. Wenn ich stärker bin als er, kann ich ihn hindern, andere, die schwächer sind, zu töten. Aber mit aller Macht der Welt kann ich niemanden zwingen, eine andere Person zu lieben - ja sogar im Gegenteil: Je mehr ein sanftes Werben um Zuneigung zu sanfter und dann immer unsanfterer Gewalt wird, desto unmöglicher wird es für den so Umworbenen, dann Manipulierten und schließlich Bedrohten, wirklich zu lieben. Zur Einhaltung des Liebesgebots hilft also keine Gesetzeskeule. Da hilft nur Gnade, Zuwendung, ein offenes Herz. Und durch den Glauben an Christus als den erlösenden Richter wird diese Gnade in den Herzen der Menschen wirksam - auch in unseren.

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Jesus will uns im Matthäusevangelium nicht etwa Angst davor machen, mit leeren Händen vor Gott zu stehen und zu sagen „Herr, Herr, ich brauche deine Gnade!" - Er spricht von Menschen, die sagen „Herr, Herr, ich gehöre eh zu dir, ich brauche deine Gnade nicht, schau wie toll ich war im Leben." Diese haben ihr Haus auf Sand gebaut, nämlich auf ihre letztlich eigennützigen, nur unzureichend als Frömmigkeit getarnten Werke. Wer auf die Gnade Gottes baut, hat auf unzerstörbaren Fels gebaut, den nichts wegspülen kann. Und dennoch ist das keine Aufforderung dazu, alle Viere von sich zu strecken und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Es heißt nicht, dass wir nichts mehr zu tun hätten. Denn wir und alle Menschen müssen ja das Haus unseres Lebens bauen - die Frage ist aber: bauen wir auf den Sand unserer Selbstgerechtigkeit oder auf den Fels der Gnade Gottes, die gerecht macht durch den Glauben.

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Wer in seinem Leben diesen Glauben sich ausbreiten und wirken lässt, der kann sich auch für Gerechtigkeit in der Welt einsetzen, Gutes bewirken, auch andere ermahnen oder ihnen raten, wenn er darum gebeten ist, der hat auch Früchte vorzuweisen. Aber er benützt das alles nicht, um Ansprüche vor Gott zu tragen, sondern er dankt all dies Gott und seiner Gnade.

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Und so können wir heute, im 21. Jahrhundert ruhig sagen: Darüber brauchen wir uns nicht mehr streiten. Sie haben in dieser Frage alle Recht: Matthäus und Paulus - sie sagen das Gleiche; Luther und die päpstlichen Theologen - sie betonten jeder einen anderen wichtigen Aspekt und sie haben nicht gegeneinander Recht, sondern nur in Ergänzung miteinander, das haben ja die Kirchen inzwischen anerkannt. Diese alle aber, und wir auch, verdanken die Fähigkeit, unser Leben auf Fels zu bauen, der Gnade Gottes, die alle gerecht macht, die an Christus glauben.

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