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Der Hl. Geist und 'Ist die Kirche am Ende?'

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:Schlagzeilen in der Weltpresse reden dieses Jahr in der Zeit vor Pfingsten von einem Ende der moralischen Autorität der Kirche. Wo ist der Geist, der ihr verheiß ist?
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-05-15

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Die Kirche beruft sich auf den Hl. Geist als belebende und heiligende Kraft, und an Pfingsten feiert sie das Kommen dieses Geistes. In der diesjährigen vorpfingstlichen Zeit gehen jedoch Schlagzeilen durch die Weltpresse, gemäß denen sie moralisch am Ende ist und ihre Autorität verloren hat: Priester haben Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Auffallend ist, dass diesmal die Fronten sich verkehren. Normalerweise kritisiert die kirchliche Autorität die liberalen Urteile der westlichen Öffentlichkeit in sexuellen Fragen. Diesmal greift die Öffentlichkeit in der gleichen Frage die Kirche an. Normalerweise wird der Kirche vorgeworfen, dass sie zu wenig Barmherzigkeit zeige. Diesmal werden Bischöfe angeklagt, dass sie zu viel Nachsicht mit fehlenden Priestern hatten und Fehltritte vertuschten. Gewiss, hier geht es in erster Linie nicht um das persönliche Versagen von Priestern, sondern um den seelischen Schaden bei den Opfern. Aber dies trifft in anderen Fällen, die nicht das gleiche Aufsehen erregen, ebenfalls zu. Auch bei dauerndem schweren Streit der Eltern oder bei manchen Ehescheidungen können Kinder Schaden nehmen, ohne dass dies entsprechend gewichtet oder gar vor Gericht beurteilt wird.

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Dennoch: Da die Kirche eine besondere moralische Autorität beansprucht, muss sie es sich auch gefallen lassen, dass sie mit besonderen Maßstäben beurteilt wird. Die meisten Bischöfe dürften dies verstanden haben, und sie wissen, dass jetzt mehr Transparenz notwendig ist. Was steht aber längerfristig an? Es ertönt der Ruf, Priester sollten nicht mehr alleine mit Kindern und Jugendlichen zusammen sein. Wie soll dies aber praktisch geschehen, wenn gleichzeitig seit langem gefordert wird, die Kirche müsse näher zu den Menschen kommen? Eines ist klar: die Anforderungen an die Vertreter der Kirche werden ständig größer; gleichzeitig brauchen junge Menschen angesichts einer pluralistischen, heterogenen und widersprüchlichen Welt mehr Zeit zu persönlichen Reifungsprozessen. Eine adäquate Antwort auf diese komplexe Situation kann wohl nur darin bestehen, dass Anwärtern auf das priesterliche Amt auch mehr Zeit zum Sich-Finden und zum Hineinwachsen in die schwierigen Aufgaben gewährt wird. Keiner sollte definitiv aufgenommen und geweiht werden, ohne dass er sich vorher während Jahren in verschiedenen pastoralen Tätigkeiten mit Menschen bewährt hat. Das Weihealter ist deshalb auf mindestens 35, wenn nicht 40 Jahre hinaufzuschieben. Dies ist aber nur durchführbar, wenn gleichzeitig die Zulassungsbedingungen zum priesterlichen Amt geändert werden. Nicht mehr der Zölibat, sondern eine langjährige Bewährung im Leben und im Dienst von Gemeinden sollte ausschlaggebend sein.

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Diese Forderung ist nicht neu. Die gegenwärtige Situation zeigt aber, dass von einer neuen Seite her Argumente auftauchen. Änderungen bei tradierten und lange Zeit hochgeschätzten Vorgehensweisen können sich praktisch nur durchsetzen, wenn vielfältige Erfahrungen dies nötig machen. Dennoch ist trotz der Dringlichkeit Geduld angesagt. Alle Institutionen tun sich mit Veränderungen schwer. Die österreichischen Universitäten haben in den letzten Wochen gezeigt, was losbricht, wenn Neuerungen vor der Tür stehen. Die Meinungen, was sinnvoll und nötig ist, widersprechen sich. Unterschiedliche Interessen werden verteidigt, und verschiedenste Motive laufen durcheinander. Wenn bereits in der kleinen Welt der österreichischen Universitäten Veränderungen so konfliktreich sind, vor welchen Aufgaben steht dann eine Kirche, die aus einer zweitausendjährigen Tradition lebt, über alle Kontinente und Kulturen verteilt ist und etwa eine Milliarde Menschen umfasst. Hier tiefer gehende Neuerungen durchzuführen, ohne dass die Institution zerbricht, setzt so etwas wie ein Wunder voraus. Trotzdem ist dies im Laufe der Geschichte immer wieder möglich geworden, und diese Überlebenskraft - und nicht eine ersehnte Fehlerfreiheit - weist auf das tiefere Geheimnis der Kirche hin.

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Bereits die Offenbarungsgeschichte des Alten und Neuen Testaments zeigt ständig, wie sich das Wort Gottes am Widerstand und an der Verhärtung der menschlichen Herzen stößt, ja bricht. Dass die Offenbarungs- und Heilsgeschichte trotzdem weitergeht, ist das Werk des Hl. Geistes, der die Menschen auch über Umwege und moralische Niederlagen zu Bekehrungen und neuen Aufbrüchen führen kann. Die Kirche beruft sich in diesem Sinn auf den Hl. Geist, und sie darf dies auch heute - gerade angesichts von Krisen und moralischen Verlusten - mit Recht tun.

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