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Zum Grab rennen und das Wunder der Auferweckung zulassen!
(Eine Predigt zu Johannes 20,11-18)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Predigt in der Jesuitenkirche am Ostersonntag, 31. März 2002
Datum:2002-04-09

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Furcht und Entsetzen herrschten damals am ersten Tag der Woche in Jerusalem. Vom Halleluja und lautem Jubel keine Spur. Ostern lag damals nicht in der Luft und war alles andere als selbstverständlich. Maria von Magdala sorgt zuerst für Panik. Und dies nur deswegen, weil sie zum Grab ging. Ungestört von den anderen wollte sie sich noch einmal ausweinen. Sie hat es nicht leicht gehabt. Ganz heimlich hat sie sich in der Gruppe der Jüngerinnen und Jünger nicht gefüllt. Immer und immer wieder haben diese ihr doch zu spüren gegeben, was denn für eine Frau sie einmal gewesen ist. Sie haben sich damit niemals abgefunden, dass Jesus eine Frau von so zweifelhaften Ruf mit sich ziehen lässt. Allein möchte sie sein, beim Grab jenes Menschen weinen, der sie vorbehaltlos akzeptierte, sie beim Namen nannte - nicht vom oben herab,

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nicht erniedrigend, nicht moralisierend; allein möchte sie sein beim Grab jenes Menschen, der ihr ihre Lebenssackgasse gesprengt hat und ihr Würde zurückgegeben hat.

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So kommt sie zum Grab, sie kommt und was sieht sie? Den Stein hat man weggewälzt.

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Der Gedanke an einen Leichenraub kommt ihr kaum in den Sinn, zu ärmlich war das Begräbnis.

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Aber eine andere Idee ist sofort da: Man hat sie hintergangen. Petrus und andere Männer haben sich, nachdem alles vorbei war, wiederum über die anderen hinweggesetzt. Als es darum ging Jesus in letzter Stunde beizustehen, da sind die Helden weggelaufen. Nun aber - haben sie die Grabstäte verlegt - ohne jemandem zu sagen. So rennt Maria von Magdala zu Petrus: "Mein Gott ... haben die sich verriegelt"- denkt sie; sie trommelt an die Tür, klopft die ganze Welt zusammen... und klagt an: "Man habe den Leichnam verlegt und nicht gesagt wohin". Und das schlägt wie eine Bombe ein. Verwirrung und Durcheinander beherrschen nun die Szene; Panik bricht aus.

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Auf die Nachricht des leeren Grabes hin verlassen einige eiligst die Stadt, fliehen...; ganz gleich wohin.. Warum auch nicht nach Emaus. Sie wollen doch das Kapitel Jesus von Nazareth in ihrem Leben endlich abschließen, keine Scherereien mit der Polizei, der Tempelwache und weiß Gott mit wem auch immer haben; sie wollen wiederum ein normales Leben führen, jedes Jahr in Urlaub fahren, gemütlich mit ihrer Familie frühstücken, ihrem Job nachgehen, konsumieren, und höchstens ihren Enkeln erzählen von den alten Zeiten, als man da ausgerissen ist aus ihrem bürgerlichen Alltag... Die anderen Apostel rennen zum Grab. Um die Wette! Und was finden sie? Den weggewältzten Stein und die Leindenbinden. Was sollen sie nun denken? Was der lästigen Maria von Magdala und schon bald den anderen Frauen sagen? -"Warum sind wir denn bloß hierher gerannt und nicht nach Emaus? Warum sind wir nicht in der geschlossener Stube hockengeblieben, mit Wundenlecken beschäftigt, oder schon mit der Niederschrift der Erinnerungen, gar mit der Erforschung der Traditionen... Von der distanzierenten Perspektive hätten wir doch einiges an Hypothesen vorlegen können: zur Erklärung des leeren Grabes...

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rational durchdacht, auf alle möglichen Folgen Rücksicht nehmend.. Warum sind wir bloß hierher gerannt...?"

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Das Evangelium tut sich nicht leicht mit der Antwort. Auf den ersten Blick ist es genauso skeptisch, wie der moderne Mensch - zeigt mehr Verständnis für die fliehenden und schnüffelnden - fast schon so, als ob es uns es den modernen Menschen eine Entschuldigung liefern möchte für unsere Skepsis! Oder gar unseren Unglauben! Es spricht ja nicht von einem Gott, der diesen seinen Jesus so auferweckt haben wollte, dass die Welt problemlos glaubt.

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Nach der spektakulären Kreuzigungsszene, bei der ein jeder doch nachprüfen konnte, dass Jesus starb, scheint dieser sein Gott die Kriterien der Evidenz endgültig geändert zu haben. Der Glaube sagt zwar: Jesus sei auferweckt worden, aber doch nicht so, dass der ganzen Welt dabei das Sehen und Hören verging. Jesus ist zwar öffentlich gestorben: CNN hätte problemlos ihr "Breaking news" veranstalten können und auch ORF im Schlepptau: alles hätte man festhalten können und immer und immer wieder ausstrahlen: als das Event des Jahres: dieses Sterben samt der Begleitumstände - den herzzerreißenden Schrei: "Mein Gott, mein Gott warum hast Du mich verlassen?". Und die ausgebliebene Antwort; ... man hätte die unzähligen Augenzeugen befragen können, und ihre zynischen und klugscheißerischen Kommentare:

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- über Gott und die Welt, -über den Wunderprediger und seine Anhänger, die Hals über Kopf wegrennen, - über die politischen Konnotationen eines Lynchmordes bei dem die Besatzer und die Etablierten kollaborieren...; an all dem hätte doch eine sensationsgeile mediale Öffentlichkeit ihr Freude gehabt - einen Abend lang .. oder gar eine Woche.., aber doch nicht an dem, was danach folgt! Denn: auf den öffentlich zelebrierten Tod Jesu, einen öffentlichen Tod, der ein Leben im Rampenlicht der Öffentlichkeit abschließt, auf die durch Augen und Ohr bezeugte Gottverlassenheit folgt ein Szenario, dessen Parameter scheinbar nichts, aber schon gar nichts mit der Öffentlichkeit zu tun haben.

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Was sich da in der Nacht von Samstag auf Sonntag ereignet: darüber weiß keiner zu berichten! Der Inbegriff von Privatsphäre - möchte man sagen, Intimität, die nicht mehr überboten werden kann - dem Auge und dem Ohr der Voyeure radikal entzogen,

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und auch dem sezierenden Verstand des Wissenschaftlers!

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Man kann sich mit Analogien verhelfen: schon bei der Entstehung eines jeden menschlichen Lebens ist ein gewaltiger Grad an Intimität im Spiel; natürlich wissen unsere Wissenschaftler zu berichten, davon was da vor sich geht, sie können auch dieses Leben manipulieren, trotz all dieser Bemühungen erleben die Eltern des gerade gezeugten Kindes einen gewaltigen Grad an Intimität bei der Entstehung des Lebens... Im besten Sinn des Wortes kann man sagen, sie wissen nicht, wie es da ihnen geschieht.... umso mehr Intimität ist hier zu glauben: beim Vorgang der Entstehung des Lebens durch den Tod hindurch; wenn Gott, dieser Liebhaber des Lebens: dem öffentlich geschundenen Jesus, dem getöteten, der Vernichtung preisgegebenen, dem Kreislauf von Geborenwerden und Vergehen unterworfenen, wenn Gott, der Liebhaber des Lebens ihm nun ein Leben schenkt... eine Lebensqualität, die all das Vertraute sprengt...

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Liebe Schwestern und Brüder: Zu Ostern wurde ein solcher Grad an Intimität zwischen Vater und Sohn erreicht, zwischen Gott und Mensch, dass daraus Jahrtausendelang Millionen von Menschen ihre Hoffnung nähren können, oder aber ihre Wut über das, was sich nicht auf die CD_ROMs digitalisieren läßt; Menschen aller Rassen und Sprachen, aller Schichten und Gruppen... Genies der Weltgeschichte und kleinbürgerliche Haderers... Sie alle stehen mit offen Munde vor dem leeren Grab, den aus dem Atem gekommenen Aposteln durchaus vergleichbar...,

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zerbrechen sich die Köpfe, wiederhollen die drei oder vier Schemata zur Erklärung: mal als Zyniker, mal als Klugscheißer - weil mit dem Anspruch auf ein endgültiges Outing des hier zelebrierten Betrugs! Und sie alle scheitern!

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Und wie sieht nun der Übergang aus von der Intimität dieser innigsten Beziehung zwischen Gott und Mensch, zwischen Vater und Sohn zu den anderen Menschen hin? Und zur Öffentlichkeit? Für den Übergang steht ausgerechnet Maria von Magdala da; nicht etwa Petrus, oder die Mutter Gottes! Nicht die Gelehrten und auch nicht die Medienmacher. Nein: als erste Zeugin der Auferweckung steht ausgerechnet jene stadtbekannte Dirne und wir haben uns zu fragen: Warum? Warum nicht die anderen: nicht die angesehenen, nicht die intelligenten, nicht die ordentlichen? Warum ausgerechnet diese? Vielleicht deswegen, weil Maria, wie es im Evangeliuzm heißt - viel geliebt hat, vielleicht: weil ihr so viel vergeben wurde, (und Liebe und Vergebung stellen ja Vorgänge dar, die der Sphäre der Intimität bedürfen...) Hinter der Logik der Erkenntnis dessen, was sich da in der Nacht zwischen Samstag und Sonntag zwischen Vater und Sohn zwischen Gott und Mensch ereignet hat, hinter der Logik der Erkenntnis steht also eine Erfahrung, eine Erfahrung, die der Maria zuteil wurde. Und welche Erfahrung ist es? Ich möchte bewusst zuspitzen:

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Gerade jene ausgegrenzte Hure; jene, die von den Aposteln von oben herab angeschaut wurde; jene, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position Jesus eben anders wahrgenommen hat als die Normalen, die Integrierten, diejenigen, die sich schon ihr Süppchen gekocht haben,

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jene die von den Menschen erniedrigt wurde, sie die viel geglaubt, wenig moralisiert, aber viel gelitten hat; sie die öfters als die sozialisierten Bürger das Zerbrechen ihrer Wünsche, das Zerbrechen ihrer Lebenspläne erlebt hat, sie die schon X- mal nach Emaus weggerannt ist und eingesehen hat, dass dies auch kein Ausweg, sondern nur eine neue Sackgasse ist, nur sie kann mit einer so elementaren Handlung etwas anfangen, wie die Nennung beim Namen: Maria! Das ruft eine Kraft hervor, die die Grenze des Todes, die Grenze des radikalen Scheiterns auch erkenntnismäßig überwinden kann: Er ist ja immer noch derselbe: durch den Tod hindurch!

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Weil er sie nun beim Namen anspricht, genauso wie früher, nicht erniedrigend und auch nicht moralisierend! Worauf will ich hinaus? Mich stört die kirchliche Identifizierung der früheren Hure und der späteren Jüngerin Jesu mit der ersten Zeugin der Auferweckung keineswegs. Ich finde sie geradezu sinnkonstitutiv. Die Beziehung durch den Tod hindurch durch Jesus wird auf dieselbe Art und Weise geknüpft, wie schon damals, als er sie als Außenseiterin beim Namen ansprach und in die Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger integrierte.

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Wie sieht also der Übergang aus von der Intimität der innigsten Beziehung zwischen Gott und Mensch, zwischen Vater und Sohn zu den anderen Menschen hin? Und zur Öffentlichkeit? Es ist nicht der Übergang einer kühlen distanzierten rationalen Erklärung, sondern deren Gegenteil: Es ist ein Übergang, der Integration zulässt. Nicht fliehen also , sondern zum Grab rennen! Und beim offenen Grab angekommen? Wiederum nicht Flucht in die rationale Erklärung; nicht Wegrationalisierung also, sondern das Zulassen des Wunders! Und wer kann dieses Wunder am ehesten zulassen? Diejenigen, die schon erlebt haben, dass die Flucht bloß eine neue Sackgasse öffnet. Weil uns - den konsumierenden Bürgern des 3. Jahrtausends scheinbar unbegrenzte Fluchmöglichkeiten offen stehen - sie wissen`s eh: Anything goes! -, tun wir uns mit dem Glauben, dass ER auferweckt wurde schwer. Wir bleiben nur mit dem offenen Mund beim offenen Grab und suchen bloß nach Erklärungen, auf diese Weise anteilhabend an der Intimität zwischen Vater und Sohn, zwischen Gott und Mensch.

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Lass uns mindestens jetzt in dieser Liturgie sich der Maria von Magdala anschließen und ihrer Logik. Ihr, die viel geglaubt und viel gelitten hat, vor allem aber geliebt, lass uns sich ihr anschließen und mit ihr zusammen zum Grab rennen, damit wir wie sie hören können, wie er sie beim Namen nennt: "Maria!"... "Józef!" - das bin ich ... und Du, wie Du auch immer heißen magst!

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