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Geist in Welt
(Bilder von Irmengard Schöpf)

Autor:Braun Bernhard
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung am 14.03.2002. im Kunstgang der Theologischen Fakultät
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-03-14

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Meine Damen und Herren,

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wir stehen hier nicht nur vor dem Bild DieGeistin, Ruach, sondern auch vor einer selbstbewussten Künstlerin, die - so scheint es zumindest - immer gewusst hat, was sie will und - vor allem - was sie nicht will!

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Anfang der Vierzigerjahre betreibt die gebürtige Vorarlbergerin Studien in Philosophie und Kunstgeschichte an den Universitäten in Innsbruck und Wien. Die Akademie der bildenden Künste in Wien hingegen, wo sie 1942 aufgenommen worden war, verlässt sie bereits nach sechs Wochen wieder. Gerade auf dem Gebiet, wo sie ihre wahre Leidenschaft und Begabung entdeckt, will sie sich nicht dem einengenden Schema des akademischen Betriebs fügen.

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Den grossen Schub in ihrer Entwicklung bringt der knapp 17jährige Aufenthalt von 1953-1969 in Ostafrika, wo ihr Mann in Ifakara in Tansania einen ganzen Spitalskomplex aufbaut. Diese Zeit führt zur Befreiung von der naturalistischen Gebundenheit ihrer frühen Werke in die Abstraktion. Es ist dies kein Bruch in ihrem künstlerischen Gang, sondern das Ergebnis eines konsequenten Weges der Autodidaktin und war anfänglich beeinflußt von der intensiven Auseinandersetzung mit dem Œuvre und den kunsttheoretischen Reflexionen von Paul Klee und Wassily Kandindsky. Dies traf sich mit dem ungeheuren Erlebnis der Kunst Afrikas.

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Irmengard Schöpf war - wie viele grosse Künstler der Moderne - fasziniert von der in ihrer Schlichtheit so ausdrucksstarken und kraftvollen Kunst des schwarzen Kontinents. Das europäische Auge ist immer wieder überwältigt, wenn es in dieser Archaik eine stupende Antwort auf die Frage nach jener Formensprache findet, die die Befindlichkeit der modernen Welt auszudrücken vermag. Einflüsse dieser Formen, die Masken, Totems, Fetische, Ornamente, lassen sich in Schöpfs Bildern immer wieder erkennen.

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Im Bann dieser Energie notiert die Künstlerin in ihr Tagebuch: «Die Kräfte, die ich hinter den Dingen erahnte, haben mich ganz in ihren Sog genommen». Und es sind diese Kräfte, die sie fortan fesseln. Es ist eine Energie, eine Urkraft, eben ein Geist, an dem sie sich in einer schier unerschöpflichen Fülle von Ideen und Ansätzen abarbeitet. Es ist ein Geist, der die Dinge der Welt unterschwellig verbindet, auch solche, die uns vordergründig als Gegensätze erscheinen.

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In ihrer Kunst wird Irmengard Schöpf zu einer Philosophin in einem ursprünglichen Sinn, die der alten Frage nach dem Grund von allem nachhängt:

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«In meinen Gedanken, in meinen Bildern taste ich nach dem Urgrund des Seins», sind die Worte, mit denen sie ihr Buch von 1991 abschliesst. In der Frage nach dem Sinn des Seins folgt sie den Spuren einer Spiritualität, die sie bei Teilhard de Chardin kennen- und schätzen gelernt hat. Das Anliegen dieses unbequemen Philosophen, Paläontologen und Priesters, der einen großen Teil seiner empirischen Forschungen auch in Afrika durchgeführt hat, war die Versöhnung von Christentum und Evolutionslehre. Sein metaphysischer Grundgedanke von einem göttlichen Geist, der in allem anwesend ist und sich im Lauf der Geschichte immer mehr offenbart und seine anthropologische These, daß der Mensch dann auf eine ihm wesensgemäße Zukunft hoffen darf, wenn er sich diesem Geist einordnet, trifft bei Irmengard Schöpf auf fruchtbaren Boden. Sie spürt mit Stift, Feder, Pinsel oder Spachtel jener geistigen Energie nach - ihrem Aufbrechen, ihren Gestaltungen und Kristallisationen. Ihre Bilder sind Manifestationen dieser Energie, die durch das materielle Leben hindurch evolutiv in ein geistiges Prinzip schlechthin mündet: dem von Teilhard so genannten Punkt Omega.

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Die Spannung dieser pantheisierenden Konzeption einer Anwesenheit von Geist in Welt zum Geistverständnis des großen Theologen dieses Hauses ist reizvoll, über die Differenzen zu handeln ist hier freilich und Gott sei Dank nicht der Ort. Außer jenem augenfälligen Unterschied, daß Irmengard Schöpf faszinierende Bilder und Karl Rahner endlose Schachtelsätze als Ausdrucksmedium gewählt haben. Und vielleicht doch noch ein Unterschied: Der Geist der Irmengard Schöpf ist weiblich! Der Geist: das ist Leben! Er ist Lebensenergie und er ist Liebe! Er ist der mütterliche Zyklus, das Gebären und Lebenspenden. Viele Titel ihrer Werke lassen das deutlich werden: Entwicklung nach Omega 1969, Lebenskreis 1986, Hathor in den Bergen 1987, Kosmische Frau 1991, Quellgrund 1994. Mit ihm, diesem Geist, bekommt auch Christus, den sie im Punkt Omega Chardins erkennt, einen weiblichen Zug.

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Irmengard Schöpf, dieser «künstlerisch formulierende weibliche Seismograph» (Traude Hansen) reagiert spontan und engagiert auf männliche Logik und Rationalität des Systems. So entstanden 1990 die Bilder-Interventionen zum Golfkrieg. Da bricht auch Intellektualität in das Gefühlvolle ein. Es ist ein ebenso spontaner wie berechneter Protest gegen alles, was das Leben bedroht, es in einem abwägenden Kalkül zum Mittel macht, gegen alles, wo der Mensch diesen harmonischen Wohlklang des Energiestromes stört. Lebensverneinung ist auch Schöpfungsverneinung! In ihren Bildern sind also durchaus auch die Schattenseiten präsent, die Verletzungen, Narben, Brüche, Phänomene der materiellen Oberfläche der Welt, die der Versöhnung harren.

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Sie selbst hat vier Kinder groß gezogen und einen weiteren Sohn einige Wochen nach der Geburt verloren. Sie weiß also um Leben und Tod und deren enge Verknüpfung. Auf eine Frage, die ihr Günter Lierschof in einem Interview gestellt hat - so ganz nach dem gängigen männlichen Ökonomieprinzip - wie sie denn Kunst und Familie unter einen Hut gebracht habe, gibt sie eine entwaffnend einfache Antwort: «Gibt es etwas Grösseres, als zu erleben, wie neues Leben heranwächst?»

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Die Kunst der Irmengard Schöpf ist das Umsetzen dieser unerschütterlichen frühlingshaften Erfahrung einer Hoffnung auf die Kraft des Lebens und Gebärens, es ist eine Erfahrung aus ihrer eigenen Existenz: «Manchmal bin ich mit dem Werk ganz eins», notiert sie in ihr Tagebuch. Die Künstlerin wird gleichsam selbst zum Medium und schafft zugleich Orte einer neuen Wahrnehmung, um den Betrachter zum Nach-sprung in ihre Erfahrung zu ermuntern. Sie arbeitet spontan, intuitiv, aber auch meditativ, wenn die Versöhnung der Vielfalt gelingt und der Augenblick zum geglückten Moment, zum Kairos, wird. Das war der Titel ihrer Ausstellung im Kunstpavillon vor fünf Jahren. Und je näher ich die Künstlerin bei der vorbereitung dieser Ausstellung kennengelernt habe, desto mehr wage ich zu sagen, daß die Malerei auch ein Teil ihrer regen Lebensfreude ist, Zier einer anspruchsvollen, aufgeschlossenen ästhetischen persönlichen Lebensform.

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«Ich gehöre dem Augenblick» - auch diesen Aphorismus habe ich beim Blättern in ihrem Tagebuch aufgelesen.

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Der Lebensstrom erscheint in ihren Bildern als Vitales und Metamorphotisches, manchmal in intensiver und massiger Farbe, zähflüssig, undurchdringlich, eher erdig, nach einer Form strebend. Oder er erscheint als filigranes duftiges Lichtgewebe, in das ein rhythmischer Takt eingesponnen ist, wo man keine Haltepunkte findet, sondern die Transparenz und Dynamik und die in Tönen klingenden Farben einen fortreissen zu eigener Meditation.

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Die Themen der Bilder kreisen um das Atmen, das Liquide und Quellende, den engelgleichen Lufthauch, zauberische Chiffren des Lebens und einer Dynamik, mit denen nach gängiger Meinung einst philosophisches Staunen - orientalisch gestimmt - an der kleinasiatischen Küste begonnen hat.

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Die Suche nach dieser arche panton, der Grundlage von allem, macht Irmengard Schöpf zu einer ebenso religiösen wie demutsvollen Künstlerin, die sich in ihren Bildern verneigt vor dem Wunder des Lebens und dem Wunder der Liebe. © Bernhard Braun 2002

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