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Der Durst nach Liebe
(Gedanken zum 3. Fastensonntag 2002 (LJ A))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Wir Menschen sind getrieben von einem scheinbar unstillbaren Durst nach Leben und Liebe. Für manche ist dies der Grund, warum sie von Beziehung zu Beziehung wandern und doch nie das Glück finden. Jesus kennt diese Situation und gibt eine eigene Antwort darauf.
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-03-04

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Röm 5,1-2.5-8; Joh 4,5-26.39-42; Liebe Gläubige,

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wir Menschen wollen leben! Wir haben ein Verlangen, einen Trieb, eine Sehnsucht, einen schier unstillbaren Durst nach Leben. Wer schon einmal so richtig Durst gehabt hat und dann genüsslich bis gierig einen Krug Wasser oder Saft oder gar ein kühles Bier in sich hineingesogen hat, der weiß, was Durst bedeutet, der weiß, was Verlangen und Erfüllung bedeutet.

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Auch Jesus hatte Durst, auch er braucht einen Schluck Wasser und bittet eine Samariterin am Brunnen, die die nötigen Utensilein dabei hat. Aber diese Frau reagiert seltsam, unerwartet: Sie sagt nicht ja oder nein, sie geht auf sein geäußertes Anliegen gar nicht ein. Sie ist verwundert darüber, dass ein jüdischer Mann eine samaritanische Frau anspricht. Er bricht damit nämlich gleich zwei Tabus: ein Jude, ein Rechtgläubiger, spricht mit einer Samariterin, einer Häretikerin; und ein Mann spricht mit einer Frau. Beides war eigentlich unerhört. Und doch - der Samariterin hätte es gleich sein können. Sie hätte ihm das Wasser geben oder nicht geben können und ihres Weges gehen. Aber sie fragt nach.

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Durch diese Frage offenbart sie etwas von sich: Sie ist, könnten wir sagen, ein kritischer Geist, jemand, die nicht alles hinnimmt, sondern nachbohrt, die es genau wissen will, die nicht alles leicht nimmt, als wäre es egal. Sie offenbart damit eine Tiefe ihres Denkens und Fühlens und eine Offenheit für andere.

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Und Jesus nimmt sie beim Wort: Wenn du über die wirklich wichtigen Dinge reden willst, dann gut, dann reden wir nicht über meinen Durst nach Wasser, sondern über deinen Durst nach Leben. Es ist, als sagte er zu ihr: Du bist doch eine Frau, die das Leben sucht, die nicht zufrieden ist mit dem Mittelmaß, mit dem, was alle machen. Und ich sage dir: Für diesen Durst bin ich zuständig, da müsstest du mich bitten und nicht ich dich.

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Darauf steigt die Frau sofort ein. Jesus hat erkannt, was ihre tiefe Sehnsucht ist, und sie kann das offen zugeben: Ja gibt mir dieses Wasser, stille diesen Durst in meinem Leben. - Und da geschieht wieder etwas Unerwartetes: Geh weg und hol deinen Mann. Jesus ist schon wieder einen Schritt weiter. Es ist, als sagte er zu der Frau: Dein Durst, deine Sehnsucht, die können nicht gestillt werden, solange du hier alleine stehst. Denn dieser Durst ist der Durst nach Liebe, nach Angenommensein, nach einer Liebesgemeinschaft, zu der du gehörst, es ist der Durst nach der Liebe eines Mannes.

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Ist es nicht so, liebe Gläubige, dass das Verlangen nach einem Glas Wasser, Saft oder Bier nur ein schwacher Abklatsch des menschlichen Verlangens nach Geborgenheit und Liebe ist? Wie viele Menschen liegen nachts wach aus Verlangen nach einem kühlen Getränk - und wie viele aus Verlangen nach einem Partner oder einer Partnerin? Und der Grund dafür, dass Letztere wesentlich mehr sind, ist nicht, dass es bei uns genug zu trinken gibt, und ist auch nicht, dass die Sexualität als solche so mächtig wäre. Der Grund ist, dass das Bedürfnis nach Liebe für uns das Wesentlichere und Wichtigere ist, der Hauptdurst unseres Lebens ist.

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Und die Frau antwortet wieder richtig: Ich habe keinen Mann - will heißen, ich habe den Mann, der mir diesen Durst stillt und mir dieses Verlangen erfüllt, noch nicht gefunden. Es gibt keinen Menschen, von dem ich wirklich sagen könnte: mit ihm verbindet mich eine Gemeinschaft, die mein Leben trägt und voll macht.

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Geht es nicht - leider - vielen Menschen heute auch so: Man lebt neben einem Mann, einer Frau, man lebt im selben Haus, der selben Wohnung, hat vielleicht gemeinsame Kinder, aber man lebt nicht wirklich mit diesem Menschen. Wie viele - vielleicht naive - Vorstellungen über das traute Eheleben gehen in die Brüche, und wie oft ist die Folge, dass man auseinander geht und beim Nächsten weiter sucht; und beim Übernächsten und beim Überübernächsten. - Wie die Samariterin in unserem Evangelium.

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Aber Jesus tut schon wieder etwas Unerwartetes: Er sagt ihr dies auf den Kopf zu: Du hast fünf Männer gehabt. Es klingt aber - so ganz ungewohnt für unsere Ohren - gar nicht vorwurfsvoll. Es ist einfach eine Feststellung. Und es ist eine Bestätigung: Ja, du hattest fünf Männer, aber du hast dein Glück dabei nicht gefunden, es war keiner DER Mann, den du dir erträumt hast. Für die Frau ist das wie eine Erlösung: Endlich einer, der weiß, wie es in mir aussieht, einer, der mir alles sagt, was ich getan habe, und der auch noch versteht, warum ich es getan habe! Dieser muss ein Prophet sein!

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Und da beginnt die Frau von einer theologischen Frage zu sprechen, von einem Disput zwischen Juden und Samaritern: Wie und wo muss man denn zu Gott beten? Man könnte auch sagen: Wie hat denn mein menschliches Leben und Liebesleben, diese unerfüllte Sehnsucht, mit Gott zu tun? Was heißt denn das jetzt für mein Verhältnis zu Gott? - Es heißt, sagt Jesus, dass du Gott nicht richtig kennst, dass du ihn zwar anbetest und an ihn denkst, aber dass du nicht wirklich weißt, wer er ist. Denn wenn du meinst, dass dein Durst nach Leben und Liebe von einem Mann wirklich ganz erfüllt werden kann, dann weißt du nicht, dass nur Gott die letzte Sehnsucht der Menschen erfüllen kann, dass du von einem Menschen einfach zu viel erwartest, wenn du das von ihm erhoffst.

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Aber, so fährt Jesus fort, der Augenblick ist für dich gekommen, wo du Gott ehrlich, in Wahrheit gegenüber trittst, wo du dir bewusst wirst, dass nur der Geist Gottes so innig in einen Menschen eintreten kann, dass der Mensch davon ganz erfüllt und sein Durst gestillt wird. Das ist eine Erfahrung, in der das ganze Leben eine Anbetung Gottes wird, und du andere Menschen nicht mehr brauchst, damit sie dich glücklich machen. Und dann kann es auch sein, dass du bei deinem Mann, bei dem, der eigentlich dein Mann ist, die Erfüllung, die von Gott kommt, findest, dass dein Mann Teil und Inhalt deines Glücks wird, aber nicht der, der dein Glück machen muss.

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Und nun dämmert es der Frau: Wer mich so kennt, wie dieser fremde Jude da, wie dieser Prophet mich kennt, wer sieht, wie ich von einem Mann zum anderen laufe auf der Suche nach Glück ohne es je zu finden, wer weiß, dass ich damit mich selber demütige und diese Männer überfordere, vielleicht sogar ausnütze, und wer mir dann weder Vorhaltungen macht noch mich mit Mitleidsbekundungen überschüttet, das ist vielleicht nicht bloß ein Prophet oder ein Psychoguru - das ist vielleicht der Gesalbte Gottes, der Messias, der einzige Mensch, der so sehr mit Gott in Verbindung steht, dass er unsere Sehnsüchte erfüllen kann, ohne dass wir ihn damit überfordern.

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Da sagte Jesus zu ihr: Ja, ich, der jetzt mit dir spricht, ich bin es. Und über diese Frau kamen viele Menschen aus dem Ort in Samaria zum Glauben daran, dass Jesus der Retter der Welt ist, der einzige, der wirklich weiß, der besser weiß als wir selbst, was unsere tiefsten Sehnsüchte und Bedürfnisse sind, und der sie erfüllen kann und erfüllen wird, weil er sie von Gott her und nicht aus eigener Kraft erfüllt.

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Liebe Gläubige, gehen wir hinaus ins Leben, gehen wir durch das Leben mit unserem Durst nach Liebe, Geborgenheit und Glück; aber suchen wir die Erfüllung davon nicht bei schwachen Menschen, wie wir selbst es sind, so dass wir doch nur von Enttäuschung zu Enttäuschung wandern. Suchen wir nach Menschen, die mit uns gemeinsam die Geborgenheit und die Liebe, die uns Gott schenkt, leben, deren Liebe uns befreit, und die unsere Liebe befreit, weil nicht sie unser Glück machen müssen, sondern weil sie mit uns eine Gemeinschaft bilden können, in der wir die Zuwendung Gottes geistig und körperlich einander weitergeben und zeigen können, und uns so durch diese Menschen von Gott das Glück geschenkt wird.

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