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Die Botschaft von Weihnachten und die kritische Exegese

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2001-12-19

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Wenn die Texte von der Geburt Christi ins Blickfeld treten, dann wetzen viele kritische Exegeten gern die Messer. Im Zuge des Zerschneidens lösen sich dann die Evangelien leicht in zusammenhangslose Bruchstücke auf. Seit drei Jahrhunderten rollen so kleinere und größere Wellen der Kritik heran. Heute spricht man oft von der dritten großen Welle ('third quest') in der kritischen Forschung nach dem Leben Jesu. Diese besteht darin, dass man ihn vor allem als Juden sieht. Der Mann aus Nazareth kann dann zu einer Art Rabbi reduziert werden. Gerade der jüdische Kontext lässt anderseits aber auch das Spezifische an ihm deutlicher hervortreten. Dies zu zeigen ist N.T. Wright, einem führenden englischen Neutestamentler, in seinem Buch 'Jesus and the Victory of God' sehr gut gelungen. Er weist zunächst nach, dass die Juden zur Zeit Jesu eine ganz andere Deutung ihrer Heiligen Schriften gepflegt haben, als dies heute meistens geschieht. Damals wurden nicht einzelne Worte und Texte analysiert und zerlegt, sondern große Themen und Bilder aus unterschiedlichen Büchern wurden einander zugeordnet. Zentral waren die Hoffnung auf eine neue Sammlung des Volkes aus dem Exil, die Besiegung der Feinde und die Rückkehr Jahwes auf dem Zion. Wright kann einleuchtend machen, dass viele Texte der Evangelien, aber auch Aussagen der nachösterlichen Theologie ein viel klareres Profil gewinnen, wenn man sie in diesem Licht sieht. Er stellt deshalb ein erstes Kriterium für die Deutung der Botschaft und des Handelns Jesu auf: Sein Wirken muss eine doppelte Ähnlichkeit gehabt haben, nämlich mit den Erwartungen im damaligen Judentum und mit der kirchlichen Verkündigung nach Ostern. Die Kirche hat sich aber bald vom Judentum getrennt und sich dabei ganz auf Jesus berufen. Es muss deshalb von Anfang an auch Unähnlichkeiten gegeben haben. Wright ergänzt deshalb das Kriterium der doppelten Ähnlichkeit durch das der doppelten Unähnlichkeit. Jesus konnte noch nicht auf seinen Tod und seine Auferweckung zurückblicken, wie dies die nachösterliche Kirche getan hat. Seine Botschaft und sein Wirken müssen sich deshalb von dieser, aber auch von den herrschenden Vorstellungen im damaligen Judentum unterschieden haben. Mittels der beiden Kriterien von der doppelten Ähnlichkeit und der doppelten Unähnlichkeit kann Wright einleuchtend aufweisen, dass alle zentralen Texte in den synoptischen Evangelien am besten in den Kontext des Lebens Jesu passen und von dort her die überzeugendste Deutung erhalten. Die Evangelien erweisen sich so gerade bei einer richtigen kritischen Prüfung als vertrauenswürdig, und sie versprechen einen besseren Einblick in das tatsächliche Wirken Jesu, als die vielen künstlichen Konstruktionen, die in der Moderne entworfen wurden.

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Jesus hat den Anspruch erhoben, dass mit seinem Wirken die messianische Zeit anbricht. Er hat diese Zeit und den Kampf gegen die Feinde aber anders verstanden, als es im damaligen Judentum üblich war. Nicht die heidnischen Römer sind der eigentliche Feind: dieser wirkt in allen, vor allem auch im eigenen Volk. Er ist nicht mit Waffengewalt zu besiegen, sondern nur durch Umkehr. Verzeihen, Feindesliebe und Gewaltfreiheit sind die einzig wirksamen Waffen, um diesem Gegner beizukommen. Der messianische König sammelt auch nicht ein mächtiges Heer, sondern ruft zeichenhaft eine Gruppe von schwachen Menschen zu sich. Er reitet nicht auf einem Kriegsross, sondern zieht auf einem schwachen Esel in Jerusalem ein. Dem entspricht ganz, dass sein Leben als hilfloses Kind in einem Stall beginnt. "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden", diese Botschaft von oben am Anfang seines Lebens steht ganz in Übereinstimmung mit seinem späteren Wirken. Sie ist so zeitgemäß wie damals und gleichzeitig so unwillkommen wie damals. Auch hier das Kriterium der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zugleich. Möge die Botschaft von Weihnachten dennoch die Herzen erreichen. Dies wünscht die Theologische Fakultät auch Ihren Leserinnen und Lesern.

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