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Ein theologisches Geschenk: Zur Übergabe der Festschrift anlässlich der Emeritierung von Józef Niewiadomski

Autor:Moosbrugger Mathias, Peter Karin
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2019-07-03

Inhaltsverzeichnis

I. 
II. 

Inhalt

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I.

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„Lassen Sie sich ins Kino einladen: Lehnen Sie sich zurück, schließen Sie die Augen und lassen Sie Bilder vor ihrem inneren Auge auftauchen!“

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Sehr geehrte Damen und Herren,

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mit einer solchen Einladung, wie Józef Niewiadomski sie immer wieder ausspricht, um seine Zuhörer/innen ganz in eine Situation hineinzuversetzen, möchten auch wir Sie einladen, sich in ein konkretes Szenario zu begeben. Stellen Sie sich vor: Russland im 19. Jh. Ein Vater Mitte Fünfzig, verarmter Landadel, und doch wieder zu Reichtum gekommen. Seine drei ehelichen Söhne, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Der Älteste, ein Soldat, zügellos, seinen Emotionen sprunghaft folgend; der Zweite, ein Intellektueller, klar und scharf in seinen Überlegungen und im Urteil, der Jüngste, ein Ordensnovize. Und außerdem – vielleicht – ein unehelicher Sohn. Die Beziehungen untereinander und zu einigen Frauen in der Umgebung sind konfliktbeladen und verworren. Die Konflikte steigern sich, schließlich ist der Vater tot. Ermordet. Auch die gerichtliche Aufarbeitung verläuft nicht reibungslos. Sie ist geprägt von falschen Verdächtigungen, einem Justizirrtum mit einem falschen Schuldspruch, dem Suizid des eigentlichen Täters und der Auseinandersetzung mit Schuld aller Beteiligten.

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In dem verworrenen Beziehungs- und Konfliktgeschehen des Romans Die Brüder Karamasow, das Fjodor Dostojewskij so kunstvoll beschreibt, sind alle großen anthropologischen und theologischen Themen zu finden: Liebe und Hass, Schuld und Vergebung, Tod und Leben.

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Kein Wunder, dass Józef Niewiadomski sich immer wieder mit diesem Roman auseinandergesetzt hat und auseinandersetzt – und zahlreiche legendäre Seminare zum Theologie-Lernen an Hand dieses Romans abgehalten hat. Auch in diesem sich zu Ende neigenden Sommersemester mit großem Teilnehmerzuspruch und mit großem Engagement aller Beteiligten. Schließlich ist Józef Niewiadomski ein Mensch, der aus und mit Narrationen lebt und diese als begnadeter Erzähler weiterzugeben vermag. Er hat eine fast unbändige Lust am (theologischen) Erzählen.

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Kein Wunder aber auch, dass für Józef Niewiadomski immer wieder gerade Die Brüder Karamasow so wichtig geworden sind – weil sich darin entscheidende inhaltliche Anknüpfungspunkte an ihn selbst finden. In den verstrickten Beziehungen sticht eine Gestalt besonders heraus: Aljoscha, der jüngste Sohn, der Novize. Inmitten aller Verstrickungen hält er Kontakt zu allen, ist Vermittlungsinstanz, bemüht sich um neue Verbindungen und Aussöhnung. Er ist, wie Dostojewskij schreibt, die Person, die „das Herzstück des Ganzen“[1] in sich trägt. Die Beschreibung der Zentralgestalt Aljoscha trifft in entscheidenden Zügen auf Józef Niewiadomski selbst zu.

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In seinen verschiedenen Aufgaben und Funktionen – im universitären Kontext, aber auch darüber hinaus – wird deutlich, dass er eine ‚Aljoscha-Gestalt‘ ist, ein zutiefst kommunikativer Mensch, einer der Begegnung sucht und fördert; einer, der gerade aufgrund seiner glaubensmäßig tiefen Verwurzelung mit menschlicher Weite und Großzügigkeit zu agieren vermag; ja, einer, der „das Herzstück des Ganzen“ in sich trägt. In seiner uns vertrautesten Rolle als Universitätsforscher und -lehrer war es ihm immer ein Anliegen, gegenseitige Begleitung und Unterstützung zu ermöglichen, ja zu forcieren: in verschiedenen Seminar- und Lesekreisgruppen unter den Promovend/inn/en, in nationalen und internationalen Forschungskreisen, aber auch als Funktionsträger innerhalb der universitären Selbstverwaltung, besonders als langjähriger Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Innsbruck. Was nicht bedeutet, dass mit ihm alles harmonisch zugeht. Im Gegenteil. Einer leidenschaftlichen Debatte pflegt Józef Niewiadomski prinzipiell nicht aus dem Weg zu gehen. Seine zugespitzten Formulierungen sorgen im Gegenteil immer wieder für ein Aufhorchen und einen manchmal provozierenden Anstoß für weiterführende Überlegungen. An vielen Details ist festzumachen, dass es für ihn dabei über den intellektuellen Austausch hinaus aber immer entscheidend war und ist, menschlichen Aspekten genügend Raum zu gewähren.

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II.

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So ist die Begegnung mit Józef Niewiadomski und seinen Aljoscha-Qualitäten für viele ein Geschenk geworden. Das kommt aber nicht von ungefähr. Wenn er nämlich aus seinem Leben erzählt, dann erzählt er in erster Linie über Begegnungen mit besonderen Menschen. Die früh verstorbenen Eltern, die nach dem Tod ihrer ersten beiden Kinder im Blutrausch der Nazi-Herrschaft mit seinem älteren Bruder und ihm noch einmal neu angefangen haben. Der Dorfkaplan, der ihm inmitten der kommunistischen Diktatur in Polen gezeigt hat, dass es auch Auswege aus den scheinbar allmächtigen Systemzwängen gibt – und dass Kirche und Evangelium ein solcher Ausweg sein können. Dann, schon fürs Studium im Westen, Pfarrer Erwin Corazza, der ihm in der Fremde über viele Jahre eine kirchliche und persönliche Heimat geschenkt hat. Und nicht zuletzt natürlich Raymund Schwager, bei dem er inmitten einer tiefen theologischen Unsicherheit in seiner Biographie hier Innsbruck sein Doktorat gemacht hat. Die Wende kam, als er erkannte, dass er hier jemandem begegnet war, der nicht nur gelehrt vom Evangelium sprach, sondern das Evangelium jenseits von Betroffenheitsrhetorik und Moralisieren auch lebte.

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Kurzum: Józef Niewiadomski ist ein Geschenk für viele geworden – ein Aljoscha –, weil er sich selbst in seinem Leben als reich beschenkt von anderen erfahren konnte. Als guter Dogmatiker hat er früh gelernt, was das theologisch heißt. Andere Menschen können zu gnadenhaften Impulsen von außen werden, die das eigene Leben, das mitunter dazu tendiert, sich in sich selbst zu verhärten, aufbrechen und neu ausrichten. Wer sich wie er mit der Christologie auskennt, weiß: Das ist der Lieblingsweg, auf dem Gott in der Welt wirkt.

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Was aber schenkt man jemandem wie ihm? Schwierig! Wir haben uns zu einem Kunstgriff entschlossen. Wir schenken ihm eine Festschrift – aber eine, die nicht nur ein Geschenk an ihn, sondern auch ein Geschenk an andere (nicht zuletzt die, die ihn als menschlich-theologisches Geschenk erfahren haben) sein soll. Kurz: Nach der Festschrift zu seinem 60er mit Texten von Weggefährten[2], nunmehr eine Festschrift aus seinen eigenen Texten, eine Art handliches Best-of, mit persönlichen und wissenschaftlichen Texten, mit Predigten und scharfsinnigen Analysen. Wir konnten hier aus dem Vollen schöpfen, denn er schreibt viel, gern und gut. Herausgekommen ist bei unserem lustvollen Durchwühlen durch das theologische Werk von Józef Niewiadomski das Buch Dramatische Figuren des Glaubens, herausgebracht bei Herder und im gut sortieren Buchhandel Ihrer Wahl zu erwerben.[3] Wir können es Ihnen nur wärmstens ans Herz legen – nicht, weil wir es herausgebracht haben, sondern weil Niewi der Autor ist. Sie lernen hier viel über ihn, vor allem aber über die Kraft des Evangeliums in heraufordernden Zeiten.

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Dass dieses Buch zustande kommen konnte, verdanken wir vielen anderen. Dem Verlag, der in Gestalt unseres langjährigen Lektors Stephan Weber unseren Vorschlag eines solchen Bandes sofort begeistert aufgegriffen hat. Vor allem aber auch den finanziellen Nothelfern, konkret: dem hiesigen Institut für Systematische Theologie, den Diözesen Innsbruck, Feldkirch, Bozen-Brixen und Linz und dem Land Tirol. Die Landeshauptstadt Innsbruck hat sich bereit erklärt, 20 Exemplare anzukaufen, damit sie heute übergeben werden können. Wir waren überrascht, mit welcher Großzügigkeit sich praktisch sofort die Geldtaschen öffneten, wenn wir den Namen Józef Niewiadomski nur erwähnten. Vielen Dank den Vertretern dieser Einrichtungen, die heute hier sind! Herzlichen Dank natürlich auch der bewährten Meisterlektorin Christine Eckmair, die ihr Engagement wie selbstverständlich unter die Kategorie „Ehrensache“ einordnete.

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III.

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Lieber Józef, eine leise Ahnung davon, wie sehr du mit deiner Aljoscha-Art prägend positiv wirkst, haben wir bekommen, als wir für die Festschrift eine Tabula gratulatoria zusammengestellt haben. Die Rückmeldungen für ein Mittragen der Wünsche für dich waren überwältigend. Viele haben uns – zum Teil auch ohne dass wir diese Menschen persönlich kennen – geschildert, was sie mit dir verbindet und was sie dir verdanken: theologisch und menschlich. Schnell haben wir aber auch gemerkt, dass es nicht möglich ist, alle potenziellen Unterzeichner/innen auch wirklich zu erreichen – obwohl uns dabei dankenswerterweise viele, allen voran Andreas Krzyzan, maßgeblich unterstützt und uns immer wieder neue Zugänge zu verschiedenen Personenkreisen ermöglicht haben. Dazu ist dein umfangreiches Beziehungsnetz aber einfach zu groß. Dazu bist du, lieber Niewi, zu oft in ganz verschiedenen Gruppierungen „das Herzstück“ des Ganzen. So muss die neunzehnseitige Liste ein – wenn auch eindrucksvolles – Fragment bleiben, als Zeichen für Wertschätzung und Dank für dein Wirken und dein Sein.

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Hilde Domin überlegt in einem ihrer Gedichte, was im Kontext menschlicher Vergänglichkeit von bleibender Bedeutung ist, und verwendet dabei das schöne Bild-Wort: „Und im Vorbeigehn – ganz absichtslos – zünde ich die eine oder andere Laterne an, in den Herzen am Wegrand.“ Lieber Józef, so viele Verbindungen, die du in guter Aljoscha-Manier unter verschiedenen Menschen geknüpft und ermöglicht hast; so viele Laternen in den Herzen von Menschen, die du entzündest hast: durch das Feuer und die Pointiertheit deiner theologischen Überlegungen, durch deine Begeisterung für Kunst und Kultur, durch deinen Glauben, der Weite ermöglicht, durch deine seelsorgliche Ader, durch dein Mensch-Sein. So vielen, denen du ein Geschenk geworden bist.

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In unseren mittlerweile doch vielfältigen Begegnungen im universitären Milieu haben wir niemanden kennengelernt, der so ernsthaft, so innerlich berührt, so glaubwürdig mit dem Evangeliums gerungen hat und nie darum verlegen war, anderen – Schülern, Studenten, Arbeitern, Akademikern, Gläubigen und Noch-nicht-Gläubigen – vor Augen zu führen, dass es sich lohnt, unter Einsatz des eigenen Lebens mit dieser Sache des Evangeliums zu ringen. Du bist jemand, der nicht nur großspurig von einer theologischen oder kirchlichen Gesprächs- und Streitkultur spricht, sondern sie mit seiner ganzen Existenz lebt. Wir sagen das sicher nicht nur für uns: Es ist ein Privileg, dein/e Schüler/in zu sein und von dir Theologie – nicht nur Theologie! – gelernt zu haben und weiterhin zu lernen!

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Dass viele andere auch mindestens auf einem papierenen Umweg in diesen Genuss kommen, ist der Sinn dieses Buches, das wir dir hiermit mit unserem tief empfundenen Dank übergeben dürfen. Herzlichen Glückwunsch zu einem reichen theologischen Leben – und alles Gute für das nächste Kapitel dieses theologischen Lebens, das du nun als Emeritus aufschlägst.

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[1] Fjodor Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, Frankfurt a. Main 20072, 10.

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[2] Nikolaus Wandinger und Petra Steinmair-Pösel (Hg.), Im Drama des Lebens Gott begegnen. Einblicke in die Theologie Józef Niewiadomskis (Beiträge zur mimetischen Theorie 30), Wien 2011.

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[3] Józef Niewiadomski, Dramatische Figuren des Glaubens. Christlich glauben in den Herausforderungen von heute, hg. von Mathias Moosbrugger und Karin Peter, Freiburg i. Breisgau 2019.

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