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„Sentire cum ecclesia“. Stellungnahme eines Schülers von Peter Hünermann zu den Vorwürfen von Benedikt XVI.

Autor:Siebenrock Roman
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2018-03-22

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Es war als besondere Gabe gedacht. Zur Vorstellung einer mehrbändigen Ausgabe der Theologie von Papst Franziskus präsentierte das Kommunikationssekretariat unter der Leitung von Msgr. Viganò einen Brief von Papst Benedikt XVI., der die innere Kontinuität zwischen ihm und Franziskus betonen würde. Mit dieser Meldung wurde ein Bild veröffentlicht, das die zwei Seiten des Briefes mit den Bänden der Franziskus-Ausgabe zeigte. Diese aber verdeckten die zweite Seite des Briefes bis auf die Unterschrift von Benedikt. Natürlich stand damit die Frage im Raum, ob da nicht etwas verdeckt worden sei. Was dann zum Vorschein kam, hat mich tief betroffen. Über die miserable Öffentlichkeitsarbeit der Verantwortlichen im Vatikan möchte ich nichts sagen.1 Ebenso wenig bin ich in der Lage, Ursachenforschung in Biographie und Lebensläufen vorzulegen.

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Als Schüler von Peter Hünermann und ständiger Leser des Werkes von Joseph Ratzinger und Papst Benedikt war ich zunächst sprachlos, was da zu lesen war. Hat das sein müssen? In deutscher Übersetzung schrieb Benedikt: “Nebenbei möchte ich meine Überraschung darüber erwähnen, dass zu den Autoren auch Professor Hünermann gehört, der sich während meines Pontifikats mit antipäpstlichen Initiativen ins Rampenlicht gestellt hat. Er war maßgeblich an der Verkündung der „Kölner Erklärung“ beteiligt, die in Anlehnung an die Enzyklika „Veritatis Splendor“ die lehramtliche Autorität des Papstes insbesondere in Fragen der Moraltheologie auf virulente Weise angriff. Die von ihm gegründete Europäische Theologengesellschaft wurde von ihm ursprünglich auch als Organisation gegen das päpstliche Lehramt konzipiert. Später blockierte das kirchliche Empfinden vieler Theologen diese Tendenz und machte diese Organisation zu einem normalen Instrument der Begegnung zwischen Theologen.“

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Habe ich Peter Hünermann so erfahren? Ich bin als Doktorand zu ihm gekommen und daraus ist Freundschaft geworden. Dies darf nicht verschwiegen werden, wenn ich hier diese Vorwürfe als völlig unhaltbar einschätze und zu meinem Lehrer ohne Wenn und Aber stehe.

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Ich möchte meine Gründe auf drei Ebenen darlegen. Auf der Sachebene hat Benedikt den Anlass der „Kölner Erklärung“ historisch falsch dargestellt. Mit „Veritatis splendor“ hat diese nichts zu tun, weil die Enzyklika von Papst Johannes Paul II. erst am 6. August 1993 veröffentlicht wurde. Die „Kölner Erklärung“ vom 6. Januar 1989, die im deutschsprachigen Raum 220 und international ca. 700 TheologInnen unterschrieben haben, protestiert unter dem Titel „Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“ gegen die autoritäre Kirchenpolitik Johannes Paul II., die ja vom Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger nicht nur mitgetragen wurde. Drei Tage nach der Erklärung erschien jene neue „Professio fidei“ für alle katholischen Amtsträger, die ungute Erinnerungen an den „Antimodernisteneid“ weckte, der ja von 1910 bis 1967 verlangt worden ist. Aber a propos „Veritatis splendor“? Diese Enzyklika an dieser Stelle zu erwähnen, erscheint mir als „Freudscher Versprecher“. Die Tatsache aber, dass diese Enzyklika in der Auseinandersetzung um „Amoris laetitia“, besonders in den „Dubia“, eine bedeutende Rolle spielt und Papst Franziskus in „Amoris laetitia“ dieses Schreiben nicht zitiert, gibt mir zu denken.

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Die Europäische Gesellschaft für Katholische Theologie, die sich nicht nur der Initiative von Peter Hünermann, sondern z.B. auch von Dietmar Mieth verdankt, war niemals als antipäpstliche Organisation gedacht, sondern versuchte auf der einen Seite, TheologInnen nach dem Fall des Eisernen Vorhanges in Europa miteinander zu vernetzen, auf der anderen Seite aber wollte sie sicherlich die Bedeutung einer in Freiheit an die Kirche und ihr Lehramt gebundene Theologie auch in der Kirche neu ins Spiel zu bringen. Dass diese innerkirchliche Diskussionskultur von Nöten war und ist, lässt sich heute nicht mehr bestreiten. Dass in Rom damit vielleicht Gespenster geweckt worden sind, die die Münchener Theologenversammlung 1863 unter Iganz Döllinger als Schrecken an die Wand malte, mag schon sein. Dass die damalige Zurückweisung und Verurteilung keine guten Früchte zeitigte, kann heute deshalb nicht einfach bestritten werden, weil damals auch eine epistemische Kategorie in die Kriteriologie des kirchlichen Lehramtes eingeführt wurde, die es davor noch nie gab: die Rede von der verbindlichen Bedeutung des „ordentlichen Lehramtes“ (DH 2879). Wer über die Krise der Kirche heute nachdenkt, sollte diese Neuerung gründlich bedenken.

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Auf der persönlichen Ebene kann ich bezeugen, dass ich in der Begegnung mit Peter Hünermann bis heute erfahre und lerne, was „sentire cum ecclesia“ bedeutet. Selbstverständlich ist dies ein tief mit der Kirche fühlender und lebender Sinn, den ich gerade bei ihm als Pfarrer einer kleinen Gemeinde bei Tübingen schon im Frühgottesdienst erlebt habe und stets bei den Doktorandentreffen im Rhythmus des Betens der Kirche. Als Theologe sei auch uns der Dienst der Wahrheit aufgetragen, die gelegen oder ungelegen bezeugt und gesagt werden müsse. Kritik dürfe aber nicht nur die Schwächen aufdecken, sondern auch Wege der Erneuerung aufzeigen. Hünermanns präzise Kritik blieb immer an der Glaubwürdigkeit des kirchlichen Zeugnisses ausgerichtet, die allein von der Gegenwart des Evangeliums her beurteilt werden kann. Er verlangte präzise Argumentation und Sensibilität für die Öffentlichkeit, aber auch Mut und Klarheit. Ich musste also in der Mitverantwortung in der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie nichts korrigieren, zumal schon er als erster Präsident das Gespräch mit Rom, auch mit Joseph Ratzinger gesucht hatte.

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An einer Stelle schien er mir einmal übers Ziel hinausgeschossen zu sein. Und ich halte diese im Schreiben von Benedikt verschwiegene Thematik vielleicht für den eigentlichen Grund seiner pauschalisierenden Kritik. Die ohne vorgängige Beratung erfolgte Aufhebung der Exkommunikationsfolgen der Priesterbruderschaft St. Pius X. (2009) nannte Hünermann „einen skandalösen Amtsfehler“.2 Grundsätzlich fällte er das Urteil: „Die Aufhebung der Exkommunikation stellt eine Amtsausübung des Papstes dar, die in einer gravierenden Weise gegen fides et mores, gegen Glauben und Sitten verstößt.“3 Mir schien das überzogen zu sein. Auch wenn ich mit Hünermann der Meinung bin, dass ein solcher Schritt das Zweite Vatikanische Konzil zutiefst in Frage stellt, sehe ich in der damaligen Handlung von Papst Benedikt keine böse Absicht; aber eine erschreckende Naivität. Das hat sich auch daran gezeigt, dass die Nachfolgegemeinschaft von Erzbischof Lefebvre, die von Benedikt XVI. ausgestreckte Hand nicht nur nicht ergriffen hat, sondern ihn regelrecht vorführte.

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In der Einschätzung dieser Gruppe scheint mir aber der eigentliche Differenzpunkt zu liegen, der durch die Beschwörung von Kontinuität und antipäpstlicher Haltung eher verdeckt wird. Mit Papst Franziskus kommt jene Konstitution wieder zur vollen Geltung, die Joseph Ratzinger zuerst kritisch begleitete, dann aber ab ca. 1980 zurückgewiesen hatte: Die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“. Über die Schwäche und Stärke dieser Konstitution lohnt sich das Ringen auch heute, weil dadurch der Weg der Kirche gekennzeichnet ist. Ich halte diese Konstitution mit ihren „BegleiterInnen“, der Erklärung über die Religionsfreiheit und die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen für den Probierstein des Konzils. Auf der anderen Seite hat Peter Hünermann das Pontifikat Benedikts XVI. sehr wohl gewürdigt.4

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Wie ich es auch wende und drehe: Diesen Brief möchte ich nicht zu hoch anrechnen. Die sachlichen Fehler rechne ich dem hohen Alter des Autors zu. Weil ein solcher Brief eines so großen Geistes unwürdig ist, wären die verantwortlichen Stellen im Vatikan gut beraten gewesen, Benedikt nicht in eine solche missliche Lage zu bringen. Als „papa emeritus“ wollte er ja in Stille und Gebet auf seine Weise die Kirche begleiten. Weil diese Rolle aber völlig neu in der Kirchengeschichte ist, müssen alle erst noch lernen, mit den verschiedensten Äußerungen und Interessen umzugehen.

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Die Frage von Kontinuität und Diskontinuität in den Pontifikaten müssen wir selbst beantworten; und zwar auch z.B. im Blick auf Pius XII. und seinen Nachfolger Johannes XXIII. Angesichts der rasanten Veränderung der Menschheit scheinen mir diese traditionellen Kategorien kaum noch zu greifen. In unserer Gegenwart erleben wir eine höchst aufregende Epoche der Kirche, weil wir eine Lehr- und Institutionsentwicklung mit höchst unterschiedlichen Frömmigkeitsformen in einer einzigen Generation erfahren, die früher vielleicht Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauerte. Dass unter solchen Bedingungen in einem Medienzeitalter die Kirche erheblichen Spannungen ausgesetzt ist, darf uns nicht wundern.

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Weil Hünermann in seiner besonderen Weise seit vielen Jahrzehnten durch den „Katholisch akademischen Austauschdienst (KAAD)“ so viel für die Theologie in Lateinamerika getan hat, indem er vielen TheologInnen Stipendien und Begleitung ermöglichte, wurde er wohl als Autor für die Anthropologie des Papstes angefragt. Sein Optimismus und seine heitere Gelassenheit stecken mich bis heute an. Mit ihm darf ich hoffen, dass letztlich der Geist des Herrn die Kirche trägt. Dieser Geist weht sehr wohl in der Kirche, in Amtsträgern und TheologInnen, aber auch und vor allem dort, wo er will. So hoffe ich, dass Gottes Weisheit auch in diesem unglücklichen Anlass allen Gelassenheit schenken möge. Dazu gehört mitunter auch die Großherzigkeit, menschliche Schwächen mit Milde zu ertragen und zu beantworten, um so Konflikte und falsche Anschuldigungen zum Guten zu wenden.

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Anmerkungen

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1 Siehe zur Basisinformation: http://www.vaticanhistory.de/wordpress/?tag=professor-huenermann[20.03.2018 17:58:38]; hier auch die deutsche Übersetzung und das Faksimile des Briefes in italienischer Sprache. Zum ganzen Vorgang sei auf die einschlägigen Artikel in: „www.katholisch.de“ verwiesen.

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2Hünermann, Peter, Excommunicatio - Communicatio. Eine Schichtenanalyse der aktuellen Krise, in: Herder Korrespondenz 63, (2009, Heft 2), 119-125, hier 125.

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3Ebd., 124. Siehe auch: Ders., (Hg.), Exkommunikation oder Kommunikation? Der Weg der Kirche nach dem II. Vatikanum und die Pius-Brüder, Freiburg - Basel - Wien 2009.

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4Theologe Peter Hünermann, Was von Ratzinger bleibt. Interview, in: Berliner Zeitung vom 10.02.14 (https://www.berliner-zeitung.de/politik/-theologe-peter-huenermann-was-von-ratzinger-bleibt-22721298[20.03.2018 17:53:13]).

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