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Verletzbar gemacht. Weihnachtspredigt zum Johannesprolog
(Gehalten in der Jesuitenkirche am 25. Dezember 2017 um 11.00 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2017-12-30

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Vor etwa 10 Jahren an einem kalten Januarnachmittag zog er sich schäbige Straßenkleidung an, setzte sich eine Baseballkappe auf den Kopf und stellte sich hin in einer U-Bahn-Station in Washington. Er wollte dort spielen und sich ein paar Dollar verdienen. So öffnete er seinen Geigenkasten, legte den Koffer vor sich auf den Boden, warf selber ein paar Münzen hinein und fing an: Bach und Schubert und andere Klassiker. Musik auf höchstem Niveau, geradezu göttlich. Kein Wunder! Der Musiker spielte auf einem Instrument, das keine Massenware gewesen ist, aus einem Kaufhaus. Das ungewöhnliche Instrument war ein Unikat, eine Stradivari-Violine im Wert von über zwei Millionen Euro. Und auch der Musiker kam nicht von der Stange. Einer der brillantesten Violinisten unserer Zeit: Joshua Bell spielte in der U-Bahn-Station knapp eine Stunde lang. Mit halsbrecherischer Virtuosität brillierte er so, wie er am Vorabend beim ausverkauften Konzert im größten Konzertsaal der Stadt musizierte, einem Konzert, bei dem die billigste Eintrittskarte 100 Dollar kostete. Mehr als tausend Personen sind an ihm vorbeigegangen. Nur 7 sind kurz stehengeblieben: eine winzige Minderheit der vorbeihuschenden Passanten. Einige haben ein paar Münzen hineingeworfen: alles in allem etwa 32 Dollar. Nur eine Person hat ihn erkannt, warf deswegen einen 20-Dollarschein in den Kasten hinein, ging aber dann doch weiter: das Konzerterlebnis stand ja nicht auf ihrer Tagesordnung.

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Mit versteckten Kameras aufgezeichnet, hat dieses Experiment der „Washington Post“ eine weltweite Publicity bekommen, weil der Autor und Pate des Experiments die Sache in einem Artikel beschrieben und für den Artikel den renommierten Pulitzerpreis bekommen hat.

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Liebe Schwestern und Brüder! „Er war in der Welt, aber die Welt erkannte ihn nicht!“, kündet die bekannte Weihnachtsbotschaft, die dem Prolog des Johannesevangeliums entnommen ist. Die Analogien beider Geschichten: der Auftritt des Musikers in der U-Bahn-Station und die Ankunft des Gottessohnes in seiner Welt sind geradezu verblüffend: zuerst wohl im Hinblick auf die Frage des Erkennens der beiden und auch auf das Problem der Ignoranz der in diese Geschichte Involvierten. Aber ehrlich! Wie sollte die Welt jene absolute Ausnahmeerscheinung erkennen, jenen Künstler par excellence, durch den alles geworden ist, das Wort, das von Anfang an da ist – sofern man da überhaupt über Anfänge reden kann –, den Logos, der schon immer bei Gott war, weil er ja selber Gott ist? Wie sollte und wie soll die Welt jenes einmalige göttliche Wort erkennen, das ja nicht im Scheinwerferlicht proklamiert wurde, nicht einmal den heiligen Schauer weckte, geschweige denn Angst und Schrecken vor der göttlichen Macht vermittelte, weil es ohne Blitz und Donner ertönte? Wie sollte die Welt das göttliche Wort erkennen, das ja nicht nach den Maßstäben der Erwartungshaltung aller Veranstalter von religiösen Performances menschlicher Geschichte musizierte? Das Wort, das sich mit schäbigen alltäglichen Kleidern umhüllt, sich an einem Ort Resonanz zu verschaffen sucht, wo man kaum häuslich werden will: im Stall in einer gottverlassenen Kleinstadt am Rande der Welt, der Logos, das göttliche Wort, das sich dem größten Paradox ausliefert, indem es Fleisch wird, sich also verletzbar macht, dieses göttliche Wort stellt ein Problem dar. Und warum?, fragt die verdutzte weihnachtliche Gemeinde.

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„Kleider machen Leute“, sagt das bekannte Sprichwort; „Konzertsäle, Ticketpreise und Medienberichterstattung kreieren Stars“, könnte man im Hinblick auf die Geschichte von der Washingtoner U-Bahn-Station ergänzen. Diese und ähnlich klingende Wahrheiten des gesunden Menschenverstandes haben schon immer die Gläubigen anderer Religionen, vor allem aber die Weihnachtsgemeinden in aller Welt bei der Konfrontation mit dem menschgewordenen Sohn Gottes vor den Kopf gestoßen, weil sie immer und immer wieder dieselben Fragen aufwerfen: Hat etwa das allmächtige Wort, hat der Logos die Logik dieses Sprichwortes „Kleider machen Leute“ nicht begriffen? War der Sohn des Vaters zu naiv gewesen bei seiner Ankunft in die Welt? Wollte er es nur ausprobieren, wie das ist, sich in fremden Gefilden zu bewähren? Wollte er sich gar bloß einen Kick leisten, der die Langeweile einer ewigen Glanzkarriere im Himmel unterbricht? Haben also der ewige Vater und sein ewiger Sohn bloß ein Experiment gewagt, ganz nach dem Muster der Geschichte aus Washington? Ein Experiment, das bloß den Autoren nützt, ihnen selber also zu Ehre und Ruhm verhilft, die Menschen aber, die in diese Geschichte involviert sind, letztendlich erniedrigt, weil es sie zu ahnungslosen Passanten degradiert, die ja zu blöd wären, um zu begreifen, was da eigentlich gespielt wird?

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Nein, liebe Schwestern und Brüder, so verführerisch die Analogien auch sein mögen, sie führen uns höchstens an jene Grenze heran, an der wir die ganze Geschichte mit den „Augen des Glaubens“ anschauen müssen, jenen Augen, die all denen geschenkt wurden, die an den Namen Christi glauben, die also aus Gott geboren sind, die deswegen auch die Herrlichkeit des fleischgewordenen Wortes sehen und auch die Unterschiede zwischen der Ankunft Christi und dem Auftritt des Künstlers in einer U-Bahn-Station begreifen und wegen dieser Unterschiede auch das Lob des Menschgewordenen singen und ihn zu seinem Geburtstag mit einem vertrauten DU ansprechen.

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Lieber Jesus! Du hast nicht auf der „unbezahlbaren Stradivari“ deiner göttlichen Natur gespielt, Du hast nicht die Gott eigene Virtuosität gezeigt, jene Perfektion, die wir uns als Vollkommenheit Gottes vorstellen und vielleicht auch im tiefsten Herzen wünschen. Nein! Du hast auf diese Privilegien verzichtet, Du hast dich verletzbar gemacht, hast dich sozusagen erniedrigt, bist also nicht nur in den U-Bahn-Stationen unserer menschlichen Lebensreisen verkleidet kurz erschienen, sondern bist selber zu einem Reisenden unter Reisenden geworden, zu einem Menschen unter den Menschen und dies in aller Radikalität der menschlichen Geburt: verletzbar von der ersten Stunde an bis zum letzten Atemzug. Natürlich bist Du auch ein holder Knabe gewesen, wie halt alle Säuglinge es sind. Du hast aber auch geweint und gebrüllt, oft scheinbar grundlos gebrüllt und der Mutter den Schlaf aus den Augen vertrieben. Du hast die armseligen Windeln (die den heutigen Pampers nicht zu vergleichen sind) vollgeschissen, bist wohl auch etliche Male krank gewesen und musstest gar Verfolgung erleiden.

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Und wir alle, wir, die wir ja an deinen Namen glauben, wir, denen Du die Macht gabst, Kinder Gottes zu sein, wir fragen uns: warum diese Radikalität? Wir tun uns nämlich schwer mit deiner menschlichen Natur. Schwer schon deswegen, weil wir uns mit den Grenzen unserer eigenen Natur schwertun und gerade deswegen in eine illusionäre himmlische Welt flüchten. Du weißt ja selber, wie oft wir uns fragen, warum Du unsere doch so scheußlichen U-Bahn-Stationen – die Stationen unseres Lebens: in denen es so viel Dreck, so viel Gemeinheit gibt, so viel Gewalt und Vergewaltigung, so viel an abgrundtiefer Bosheit – nicht zu einem Luxus-Konzertsaal verwandelt hast? Wir fragen uns, obwohl wir deine Antwort wissen, sie gerade an Weihnachten vor Augen haben. Die Radikalität deiner Menschwerdung ist ja diese deine Antwort. „Das Wort ist Fleisch geworden“, lautet die Frohbotschaft. Und was ist deren Konsequenz?

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Der Logos verzichtete bei seiner Fleischwerdung auf die „unbezahlbare Stradivari“ der göttlichen Natur. Er brachte aber durch den Heiligen Geist, von dem er ja als Mensch empfangen wurde, in die ganze Scheußlichkeit dieser Welt die göttliche Musik, für die ja der Geist selber steht und die ja die „Liebe“ heißt. Die Liebe, die nun auf zerbrechlichen Instrumenten der verletzbaren menschlichen Natur gespielt wird, auch oder gerade jenen Instrumenten, die scheinbar von der Stange als Massenware kommen, also überall anzutreffen sind, die aber nicht zuletzt ihrer Verletzbarkeit wegen doch unverwechselbar sind, v.a. aber nicht austauschbar. Das Kind von Bethlehem, das fleischgewordene Wort Gottes ruft uns also heute zu (oder besser gesagt: es musiziert vor unseren Augen): Ich bin Mensch geworden, damit mit meiner Menschwerdung der göttliche Geist, die Liebe selbst in allen Stationen menschlicher Lebensreisen deutlicher wahrnehmbar wird: jene Liebe, die ja der Ursprung jeglichen menschlichen Lebens bleibt. „Kleider machen Leute“, sagt der gesunde Menschenverstand. Das Kind von Bethlehem kann dazu nur lächeln und auf seine vollgeschissenen Windeln hinweisen. Und er wird wohl hinzufügen: Meine Menschwerdung ist es, die dir in deinem Menschsein, an den menschlichen Wegen und Irrwegen, in den menschlichen Gassen und Sackgassen, in all den Scheißsituationen deines Lebens, gerade dort, wo deine Verletzbarkeit deinen Atem erstickt, meine Menschwerdung ist es, die dir dein Menschsein erleichtert. Weil durch Weihnachten auf den Instrumenten verletzbarer menschlicher Naturen nicht bloß Kränkung, nicht bloß Ressentiment und der Wille zur Verletzung gespielt werden, sondern auch die göttliche Musik, der Heilige Geist, die Musik der Liebe.

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