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Gabe und Gericht. Eine mystagogisch-dramatische Auslegung des Gleichnisses von den Talenten (Mt 25,14-30)

Autor:Sandler Willibald
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Das Gleichnis von den Talenten beginnt mit einer Gabe in Millionenhöhe. Wofür steht diese Gabe der Talente? Alles ist Gabe und jede Gabe ist Gnadengabe. Dass sie uns als göttliche Gabe aufgeht und der Geber in der Gabe aufleuchtet, hat seinen Kairos, – eine besondere Gnadenzeit. Während dieser Zeit gibt Gott uns mit der Gabe die Kraft, diese Gabe in einem Mitwirken mit Gott zu nutzen und uns so seinsmäßig auf Gott hin verwandeln zu lassen. Ein Beispiel für eine solche Nutzung von Talenten gibt uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Priester und Levit in diesem Gleichnis stehen für die abgründige Möglichkeit, einen Kairos zu verpassen und das Talent brachliegen zu lassen.
Datum:2017-11-21

Inhalt

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14 Denn [das Gottesreich ist] wie ein Mann,

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       der – verreisend – die eigenen Diener rief

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       und ihnen seinen Besitz übergab

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15 – einem gab er fünf Talente,

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       einem anderen zwei, einem anderen eines –

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jedem nach der eigenen Kraft,

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und er reiste ab.                           — — — — —

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Sogleich 16    ging der hin, der die fünf Talente empfangen hatte,  

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                    arbeitete mit ihnen und gewann weitere fünf.

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17 Ebenso    der die zwei (empfangen hatte), gewann andere zwei.

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18 Der aber das eine empfangen hatte,

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– weggehend – grub die Erde auf

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       und versteckte das Silbergeld seines Herrn.

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19Nach langer Zeit aber kommt der Herr jener Diener

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20 und hält Abrechnung mit ihnen.

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Und – hinzutretend – der, der die fünf Talente empfangen hatte,

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brachte weitere fünf Talente hinzu,

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sagend: Herr, fünf Talente übergabst du mir,

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             sieh! Andere fünf Talente gewann ich!

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21 Es sagte ihm sein Herr:           

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       Gut, du guter und zuverlässiger Diener!

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Über weniges warst du zuverlässig,

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über vieles werde ich dich stellen.

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Geh hinein in die Freude deines Herrn.

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22Aber auch – hinzutretend – der mit den zwei Talenten sprach: 

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Herr, zwei Talente übergabst du mir;

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schau! Weitere zwei Talente gewann ich!

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23 Es sagte ihm sein Herr:          

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       Gut, guter und zuverlässiger Diener!

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       Über weniges warst du zuverlässig,

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       über vieles werde ich dich stellen!

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       Geh hinein in die Freude deines Herrn.

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24Aber auch – hinzutretend – der, der das eine Talent empfangen hatte, sprach:    

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Herr, mir ist klar geworden, dass du ein harter Mann bist:

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             erntend wo du nicht sätest

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             und einsammelnd von dort wo du nicht ausstreutest.

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25 Und – dich fürchtend –

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       – weggehend – verbarg ich dein Talent in der Erde;

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       schau! Da hast du das Deine!

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26 Antwortend aber sprach sein Herr zu ihm:             

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       Böser und träger Diener!

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       Du wusstest,

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             dass ich ernte, wo ich nicht säte,

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             und von dort sammle, wo ich nicht ausstreute?

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27    Du hättest also mein Silbergeld den Geldwechslern hinlegen müssen!

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             Und – kommend – hätte ich das Meine mit Zins empfangen!

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28    Also:    nehmt von ihm das Talent weg!

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                    und gebt es dem, der die zehn Talente hat!

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29    Denn:   jedem Habenden wird gegeben werden!

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                    und er wird überreich gemacht werden!

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       Von dem Nicht-Habenden aber

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       – auch was er hat – wird weggenommen werden von ihm!

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30    Und den unnützen Diener werft hinaus in die Finsternis draußen!

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       Dort wird das Heulen sein und das Zähneknirschen!1

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1. Die große Gabe

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1.1 Gabe vor Leistung: Am Anfang des Gleichnisses werden Millionen verteilt

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Das Gleichnis von den Talenten beginnt mit einer großen Gottesgabe.

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14 Denn [das Gottesreich ist] wie ein Mann,
       der – verreisend – die eigenen Diener rief
       und ihnen seinen Besitz übergab
15 – einem gab er fünf Talente,
       einem anderen zwei, einem anderen eines –
jedem nach seiner eigenen Kraft,
und er reiste ab. (Vers 14-15)]
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Wie viel ist ein Talent? Es ist eigentlich ein Gewichtsmaß und steht für knapp sechzig Kilogramm. Als Geldmaß entspricht es dem Wert von sechzig Kilo purem Silber. Dieser Wert entsprach 6000 Drachmen, und eine Drachme war Tagesverdienst für einen Taglöhner. Im Gleichnis hat also selbst der dritte Mann, der „nur“ ein Talent erhielt, so viel zur Verfügung, wie ein durchschnittlicher Arbeiter in zwanzig Jahren verdienen konnte. Heute wäre das etwa eine halbe Million Euro.

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Geben und Empfangen sind die leitenden Verben im ersten Teil des Gleichnisses. Der Herr übergab seinen Dienern seinen Besitz und er gab dem einen fünf, dem zweiten zwei und dem dritten ein Talent. Und die, die das Geld empfangen hatten, gingen in unterschiedlicher Weise damit um.

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1.2 Vermehren oder Verstecken? Wie die drei Diener mit ihren Gaben umgingen

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In der Folge beschreibt das Gleichnis, wie die verschiedenen Diener mit dieser Gabe umgehen. Der erste Diener macht sich gleich an die Arbeit, und zwar mit großer Aktivität und Zielstrebigkeit. Drei entsprechende Verben machen das Schlag auf Schlag deutlich: Er ging hin, arbeitete und gewann.

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Wichtig ist hier das betont an den Anfang gestellte „Sogleich“. Der Diener macht sich gleich an die Arbeit und ist so beflügelt von Dankbarkeit und Zuversicht, weil der Herr ihm so viel zugetraut und anvertraut hat. Man merkt, dass er seine Arbeit nicht als lästige Pflicht erfüllt, sondern mit Freude.

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Vom zweiten Diener heißt es knapp, dass er ebenso handelte. Das heißt, auch er ging sogleich an die Arbeit, und auch er verdoppelte den ihm anvertrauten Betrag. Dass er nicht fünf, sondern nur zwei Talente erhalten hat, scheint ihn nicht zu bekümmern, und es ist auch ohne Bedeutung. Denn der Herr hat jedem „nach der eigenen Kraft“ (Vers 15) gegeben: so viel, wie er gerade noch verarbeiten kann. So hat der Zweite nicht weniger erhalten als der Erste. Für beide ist ihr Becher randvoll.

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Beim dritten Diener verhält es sich ganz anders: „Der aber, der ein Talent empfangen hatte, ...“ Anders ist bei ihm, dass er nicht wie die beiden ersten sogleich hinging. Er schob die Arbeit mit den Talenten so lange auf, bis er nicht mehr von dem Gefühl der Dankbarkeit und des Zutrauens geleitet war.2 Vielleicht verglich er auch seine Gabe mit jener an die beiden anderen und betrachtete sie deshalb als minderwertig, – nur ein Talent – anstatt die absolute Höhe des ihm Anvertrauten anzuerkennen oder zu bedenken, dass auch er entsprechend seiner Kraft erhalten hatte, sodass er mehr gar nicht hätte verarbeiten können. Auch sein Becher war randvoll.

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Ganz anders als bei den beiden ersten ist dann auch das, was er tut. Sein Handeln wird ebenso mit drei Verben beschrieben, die nun aber Widerwillen, Rückzug und Defensive ausdrücken. Er ging nicht hin (wie die beiden ersten), sondern weg, grub die Erde auf und versteckte das Silbergeld seines Herrn.

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2. Die große Abrechnung

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2.1 „Geh hinein in die Freude deines Herrn“ – Der Tag der Abrechnung für die ersten beiden Diener

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Als der Herr nach langer Zeit zurückkehrt und Abrechnung mit seinen Dienern hält, berichtet ihm der erste Diener offenkundig voller Freude von seinem Erfolg:

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„Herr, fünf Talente übergabst du mir,
sieh! Andere fünf Talente gewann ich!“ (Vers 20c)]
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Offenbar ist der Diener stolz auf seine Leistung, aber er brüstet sich nicht damit. Er hat nicht vergessen, dass er eine Gabe empfangen hatte. So ist seine Reaktion zugleich von Dank an den Herrn und von berechtigtem Stolz für sein erfolgreiches Tun getragen.

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Der Herr lobt den Diener als gut und treu. Er verspricht ihm, dass er ihm in der Folge so viel mehr anvertrauen wird, dass er im Vergleich dazu den zuvor gegebenen Millionenbetrag als „weniges“ bezeichnet. Und der Herr schließt mit einer bemerkenswerten Zusage:

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„Geh hinein in die Freude deines Herrn“ (Vers 21)]
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Der Imperativ „Geh hinein“ fordert auf, einen Raum zu betreten. Für unser Gleichnis, das ein Himmelreichgleichnis ist, wäre dieser Raum das Himmelreich, das heißt der Bereich der Königsherrschaft Gottes. Dieser Raum ist so sehr ein Ort der Freude, dass er als „Freude des Herrn“ bezeichnet wird: im doppelten Sinn von Freude des Herrn am Diener und Freude am Herrn durch den Diener.

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Bemerkenswert ist hier auch: Der Diener wird nicht mit einer Belohnung abgespeist, sondern in eine erneute und gesteigerte Aktivität gerufen. „Tritt ein“ und: „Über vieles werde ich dich stellen“. Dieses Arbeiten ist gleichbedeutend mit „Freude des (bzw. am) Herrn“.

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Der Himmel ist also kein Schlaraffenland, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Mit den Worten des Bibeltheologen und anglikanischen Bischofs N. T. Wright:

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„Man vergesse jene Bilder vom faulenzenden Harfespieler. Es wird Arbeit geben, und wir werden sie mit wahrer Lust tun. All die Fertigkeiten und Talente, die wir im gegenwärtigen Leben in den Dienst für Gott gestellt haben – und vielleicht auch all die Interessen und Neigungen, die wir aufgaben, weil sie mit unserer Berufung in Konflikt gerieten, – werden verstärkt und veredelt werden; sie werden uns zurückgegeben, um zu seiner Ehre ausgeübt zu werden.“3]
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Der Dialog mit dem zweiten Diener, der statt fünf zwei Talente erhalten hat, läuft haargenau gleich ab: begonnen mit dem freudig-stolzen und doch die Gabe dankbar anerkennenden Bericht des Dieners, und darauf folgend das Lob und die Verheißung, welche ihm der Herr zuspricht. So wird nochmals deutlich: Der Unterschied zwischen zwei und fünf Talenten ist völlig bedeutungslos. In keiner Weise wird der zweite Diener benachteiligt oder der erste Diener bevorzugt.

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Allerdings kann ein Himmel, dessen Glückseligkeit in gesteigerter Aktivität – mit Gott und in Gott – besteht, nur für jene Menschen himmlisch sein, die die Freude des Mitwirkens mit Gott zur Tugend verinnerlichten und die so himmelsfähig wurden. So war es ja auch bei den ersten beiden Dienern: Freudig gingen sie ihre Arbeit an, freudig berichteten sie davon, und nun sind sie berufen, freudig eine noch größere Aufgabe anzugehen. So beschreibt das Gleichnis als Himmelreich.

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2.2 Ein harter und ausbeuterischer Herr? – Das dunkle Gottesbild des dritten Dieners

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Ganz anders der Bericht des dritten Dieners: Er entbehrt nicht nur aller Dankbarkeit und Freude, sondern ist voller Vorwürfe gegen den Herrn:

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„Herr, mir ist klar geworden, dass du ein harter Mensch bist:
erntend wo du nicht sätest
und sammelnd von dort wo du nicht ausstreutest.
25 Und – dich fürchtend – weggehend – verbarg ich dein Talent in der Erde;
schau! Da hast du das Deine!“ (Vers 24-25)]
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Bemerkenswert ist die Formulierung „mir ist klar geworden“, die in der Zeitform des Aorist auf einen Zeitpunkt verweist, zu welchem dem Diener diese Einsicht gekommen ist.4 Man fragt sich, wie und unter welchen Umständen der Diener diese Überzeugung gewonnen hat. Der Vorwurf, der Herr würde ernten, wo er nicht gesät hat und sammeln, wo er nicht ausgestreut hat, ist ja absurd. Hat doch der Herr seinen Besitz unter den Dienern verteilt und auf diese Weise Millionen „gesät“ oder „ausgestreut“.

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Und wie sollte der Diener draufgekommen sein, dass der Herr ein harter Mann ist, so dass er ängstlich wurde und sein Talent vergrub? Die anderen Diener hatten ja einen ganz anderen Eindruck von ihrem Herrn. Sie sahen seine Großzügigkeit, nicht seine Härte. Dieser Gegensatz hängt offenbar mit der völlig unterschiedlichen Weise zusammen, wie sie die anvertrauten Talente sahen. Während die ersten beiden Diener betonen, dass sie Gaben vom Herrn empfangen haben, spricht dritte Diener zum Herrn „dein Talent“, um dann zu sagen: „schau! Da hast du das Deine!“

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Die ersten beiden Diener sehen die Gabe, die mit einer Aufgabe verbunden ist, und offenbar sehen sie die Aufgabe nicht als Last, sondern als schöne Herausforderung. Der dritte Diener sieht nicht mehr die Gabe, sondern nur noch die Aufgabe, – der er sich wie von einer lästigen Pflicht entledigt.

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2.3 Zu lange gewartet und den Kairos verpasst – Wie der dritte Diener zu seiner negativen Sichtweise kommen konnte

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Wann und unter welchen Umständen ist es beim dritten Diener zu dieser Verdrehung gekommen? Bei der Verteilung der Talente hatte er diese negative Sichtweise offensichtlich noch nicht. Denn es heißt, dass jeder Diener Talente nach seiner Kraft erhielt, und die Furcht vor einem harten Herrn hätte die Kraft des Dieners zum Einsatz der Mittel gelähmt, – wie es später auch geschah.

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Das Gleichnis gibt uns noch einen weiteren Hinweis zum zeitlichen Verlauf. Der Diener erklärte, dass er das harte und ausbeuterische Wesen seines Herrn erkannt hatte und deshalb in Furcht geriet, sodass er dann das Talent vergrub. Damit bestätigt sich, dass er nicht wie die beiden anderen sogleich hinging, um mit dem Talent zu arbeiten, sondern es für eine längere Zeit liegen ließ. In dieser Zeit musste ihm die „Erkenntnis“ von der Härte und ausbeuterischen Ungerechtigkeit seines Herrn gekommen sein.

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So wird es nachvollziehbar, wie der Diener zu diesem negativen Eindruck kam: Er hatte zu lange zugewartet, und so hatte er die Gnade der Stunde – biblisch: den Kairos – verpasst. Der anfängliche Auftrieb – die Kraft, mit der er das Talent gut hätte einsetzen können – war verflogen, und statt dessen begann ein schlechtes Gewissen in ihm zu nagen, dass er mit dem Empfangenen längst hätte etwas machen sollen. Das lähmte nicht nur seine Kräfte, sondern verdarb auch jede Freude an der Gabe und am Geber.

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Dazu ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie bekommen ein großzügiges Geschenk, das Ihnen Freude macht, und Sie wollen dem Geber einen Dankesbrief schreiben. Aber ihnen kommt etwas dazwischen, wieder und wieder, sodass der Vorsatz auf die lange Bank wandert. Je länger Sie den geplanten Dankbrief hinausschieben, desto unangenehmer wird es für Sie, daran zu denken, und je unangenehmer der Gedanke daran wird, desto länger schieben Sie ihn hinaus. Aus dem Dank, den Sie ursprünglich spontan und mit Freuden gegeben hätten, wurde eine Dankesschuld und daraus eine Dankesschuld. Das verdirbt Ihnen jede Freude an der Gabe und am Geber. Jeder Gedanke an den Geber lässt Sie an Ihre unerledigte Pflicht denken, und so wird Ihnen der Geber selber lästig, – selbst wenn er Sie überhaupt nicht unter Druck gesetzt hat.

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So verstanden, ermahnt uns das Gleichnis von den Talenten: Nutze den Kairos, die rechte Zeit, in der du eine Gnade (d.h. eine göttliche Gabe) empfangen hast, indem du mit der Gnade aus der Kraft der Gnade arbeitest und dir auf diese Weise die göttliche Gabe zu eigen machst. Dazu lässt sich das Goethe-Wort abwandeln:

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„Was du ererbt von deinem (göttlichen) Vater
erwirb es, um es zu besitzen.“5]
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Tust du es nicht, wird dir die Gabe fremd bleiben und immer fremder werden. Wie es beim dritten Diener der Fall war, der zum Herrn nur noch von „deinem Talent“ sprechen konnte (Vers 25a) und ihm „das Seine“ vor die Füße warf (Vers 25b).

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2.4 „Du böser und fauler Knecht“ – Das Urteil über den dritten Diener

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So lässt sich das Urteil des Herrn gut nachvollziehen: „Böser und träger Diener!“: Träge war er, als er die Zeit der Gnade verpasste, und dieses Versäumnis machte ihn böse.

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Das Gleichnis begründet den Vorwurf der Bosheit und Faulheit mit einer kritischen Frage, die der Herr dem Diener stellt:6

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„Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht säte,
und von dort sammle, wo ich nicht ausstreute?
Du hättest also mein Silbergeld den Geldwechslern hinlegen müssen!
Und – kommend – hätte ich das Meine mit Zins empfangen!“ (Vers 26b–27)]
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Damit bestätigt der Herr nicht das Urteil des Dieners – er hatte ja großzügig gesät und ausgestreut –, sondern entlarvt ihn als Heuchler, der sein eigenes schuldhaftes Versagen verdecken will, indem er den Herrn anklagt. Wenn er wirklich überzeugt gewesen wäre, dass der Herr profitgierig und ausbeuterisch ist, indem er erntet, wo er nicht gesät hat, dann hätte der Diener wenigstens eine kleine, risikoarme Aktion zur Vermehrung der Mittel setzten müssen. Dass er das nicht tat, entlarvt ihn als Heuchler oder als inkonsequent und faul, weil er der Annahme nicht durch sein Handeln entsprochen hat.7

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Auf die Beurteilung des Verhaltens des Dieners folgt nun ein zweifaches Urteil: Das anvertraute Talent soll ihm weggenommen werden und er selber wird in die Finsternis gestoßen. Zum Ersten:

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„Also nehmt von ihm das Talent weg!
und gebt es dem, der die zehn Talente hat!“ (Vers 28f)]
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Dieser erste Teil des Urteils ist keine eigene Strafe, sondern nur die Konsequenz davon, dass der Diener sich das anvertraute Talent überhaupt nicht angeeignet hat. Er sagte ja selber, dass es nicht seines ist, und gab es dem Herrn zurück. Der Herr nahm es und machte damit, was ihm gefällt: Er gab es dem, der die zehn Talente hat,8 und zwar mit der Begründung:

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„Denn jedem Habenden wird gegeben werden!
und er wird überreich gemacht werden!
Von dem Nicht-Habenden aber
– auch was er hat – wird weggenommen werden von ihm!“ (Vers 29)]
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Dieses nur scheinbar „kapitalistische Prinzip“, das bei Matthäus zweimal vorkommt,9 entspricht der zweifachen Weise des Habens, das wir bereits oben mit dem Goethe-Wort angesprochen haben:

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„Was du ererbt von deinen Vätern,
erwirb es, um es zu besitzen.“10]
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Die Gaben, die Gott dem Menschen gibt, sind keine dinghaft-gegenständlichen Gaben, die dem göttlichen Geber und dem menschlichen Empfänger äußerlich bleiben würden. Vielmehr muss der Mensch, der sie von Gott empfängt, sie sich erst innerlich aneignen. Und das geschieht, indem er mit ihnen arbeitet. Diesen Zusammenhang werde ich im nächsten Kapitel verdeutlichen, wenn wir nachfragen, worin die von Gott gegebenen Talente konkret bestehen.

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Das zweite Urteil besteht darin, dass der Diener die Finsternis hinausgeworfen wird:

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„Und den unnützen Diener werft hinaus in die Finsternis draußen!
Dort wird das Weinen sein und das Zähneklappern!“ (Vers 30)]
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Dieser Hinauswurf steht im Gegensatz zum Urteil über die ersten beiden Diener, die aufgefordert werden, „hineinzugehen in die Freude ihres Herrn“. Auch dieses zweite Urteil ist nur eine verschärfende Bestätigung von dem, was die Diener bereits selber vollzogen haben. Der dritte Diener hatte ja soeben bestätigt, dass er mit dem Herrn und seiner Gabe nichts gemein hat. Dadurch, dass er seinen Kairos versäumte, ist ihm nicht nur die Gabe, sondern auch der Geber fremd und unheimlich geworden. Wenn der Herr (bzw. das Himmelreich als der Zustand seiner Herrschaft) Licht ist, dann hat der Diener sich bereits selber in Finsternis begeben. Verschärft wird das „Weinen und Zähneklappern“ durch das vom Herrn vollzogene Urteil, das dem Diener noch deutlicher macht: Er hatte einen wunderbaren Gnaden-Kairos gehabt, den er aus eigener Schuld verfehlt hatte.

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3. Wofür steht die Gabe der Talente?

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Was will Jesus seinen Jüngern – und damit auch uns – mit diesem Gleichnisses sagen? Zuerst sind wir gerufen, uns der Größe der Gabe bewusst zu werden, die wir vom Herrn erhalten haben: Es stimmt zwar, dass Gott jedem von uns mehr oder weniger gegeben hat, aber dieser Unterschied ist bedeutungslos in Anbetracht der Tatsache, wie unvorstellbar viel ein jeder von uns erhalten hat, und er ist auch bedeutungslos im Hinblick darauf, dass es für jeden nur darum geht, die gegebenen Möglichkeiten zu nutzen. Wer diese Chance nutzt, wird über unvergleichlich mehr gestellt – unabhängig davon, wie viel oder wenig ihm oder ihr zuerst anvertraut wurde.

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Wie aber lässt sich diese ideal klingende Botschaft in Einklang bringen mit der Armut und dem Elend, in dem sich allzu viele Menschen konkret befinden, – nicht nur materiell, sondern auch geistlich, so dass von einer Gabe von Talenten, also Millionenbeträgen, keine Spur zu sein scheint. Oder soll gar der Umstand, dass davon nicht viel spürbar ist, auf eine bereits geschehene schuldhafte Selbstverurteilung schließen lassen, wie sie das Gleichnis vom dritten Diener beschreibt? Um diese Fragen zu beantworten und die überschwängliche Gabe-Zusage des Gleichnisses zu konkretisieren, müssen wir klären: Worin besteht nun konkret die Gabe der Talente, von der im Gleichnis die Rede ist?

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3.1 Schöpfung als Gabe: Die dreimal dreifache Gabe des Anfangs

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Grundsätzlich ist unser ganzes Leben und Sein Gabe. Diese Grund-Gabe lässt sich dreifach ausfalten: (1) Gott hat jedem von uns vieles an Besitz und Begabung gegeben; (2) Gott hat mich mir gegeben, so dass ich in eigenverantwortlicher Freiheit mein Leben bestimmen und ausrichten kann; und (3) Gott hat sich mir gegeben, indem er sich mir offenbart und mir seine Gemeinschaft anbietet, und indem er mich zugleich so weit über mich hinaus öffnet, dass ich Gott aufnehmen kann.11

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Dazu kommt, dass Gottes Gaben nie nur individuell – wie eben beschrieben –, sondern gemeinschaftlich zu verstehen ist. Auf unterschiedlichen Ebenen der Vergemeinschaftung, von der Zweierbeziehung über Familie, Freunde und soziale Gruppen bis hin zur globalisierten Weltgesellschaft sind wir Empfänger von Gottes Gaben in Gemeinschaft, – und dies wieder in den drei genannten Dimensionen: (1) Gott hat uns miteinander und füreinander vieles an Besitz und Begabung gegeben. (2) Gott hat uns an uns selber übergeben, sodass wir in eigenverantwortlicher Freiheit unser Leben miteinander und füreinander ausrichten und bestimmen können; und (3) Gott hat sich uns gegeben, indem er sich uns offenbart und seine Gemeinschaft anbietet, und indem er uns zugleich so weit über uns hinaus öffnet, das wir Gott auch voneinander empfangen und einander vermitteln können.

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Schließlich müssen wir diese gemeinschaftliche Dimension der Gabe zugleich als geschichtliche betrachten: Gemeinschaft existiert nicht bloß synchron als Gesamt der zu einer bestimmten Zeit einander zugehörigen Menschen, sondern auch diachron-geschichtlich als ein erinnerndes und Traditionen bildendes Miteinander mit Menschen, die früher gelebt haben und ein Nahverhältnis zu unterschiedlichen Gemeinschaftsformen haben: z.B. die Ahnen in einer Familie, die Vorfahren eines Volkes, all die Christen, die früher gelebt haben und mit denen wir uns in der „Gemeinschaft der Heiligen“ verbunden wissen, schließlich die gesamte globale Menschheit mit allen Menschen, die früher gelebt haben und gestorben sind, – vor allem die Opfer, deren Andenken wir niemals vergessen dürfen.

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Diese individuell, gemeinschaftlich und geschichtlich ausgefaltete dreifache Grund-Gabe kommt biblisch als Schöpfung, Gottebenbildlichkeit, und Herrschaftsauftrag zur verantwortlichen Bewahrung der Schöpfung zum Ausdruck: und zwar in einem die ganze Bibel umfassenden Bogen von der anfänglichen Schöpfung, wie am Anfang der Bibel in den beiden Schöpfungsberichten beschrieben bis zur Vollendung der Schöpfung in einer neuen Schöpfung, die am Ende der Bibel in den letzten Kapiteln der Johannesoffenbarung anklingt. Dabei wird die eschatologische Vollendung als neue Schöpfung beschrieben, die nach dem Untergang dieser Welt vom Himmel herabkommen wird.12 Der Zugang zu dieser neuen Schöpfung wird als eschatologisches Weltgericht beschrieben, welches auch Gegenstand der Kapitel 24-25 im Matthäusevangelium ist. In diesem Kontext steht das Gleichnis von den Talenten: Wir alle werden uns vor Gott verantworten müssen, wie wir die uns anvertraute, umfassende Grund-Gabe nutzten oder brachliegen ließen.

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3.2 Kairos: Gabe und Gericht als gegenwärtige Ereignisse

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In dieser allumfassenden Weite müssen wir die Gabe, die Gott uns – und jedem von uns – anvertraut hat, sehen. So bekommen wir eine Idee, wie unvorstellbar groß die Gabe ist. Aber wie sollen wir diese unfassbare Weite in unseren konkreten, mehr oder weniger alltäglichen Lebens- und Gotteserfahrungen wiederfinden? Dazu ist nun zu berücksichtigen: Es gibt Ereignisse, in denen uns diese grenzenlose Weite und Tiefe der göttlichen Gabe als solche aufleuchtet und solcherart zum Gegenstand unserer Entscheidung – in Annahme oder Zurückweisung – wird. Die individuell, gemeinschaftlich und geschichtlich ausgefaltete dreifache Grund-Gabe ist uns zwar vom Anfang unseres Seins an als Anlage gegeben, wird aber in zahllosen Einzelsituationen während unseres Lebens als göttliches Angebot konkret. Das geschieht in Gnaden-Gaben, die ihre begrenzte Zeit haben und als solche biblisch „Kairos“ (bzw. im Plural „Kairoi“) genannt werden. Es sind keine fertigen Gaben, die etwa an unserer Freiheit vorbei in uns eingepflanzt würden, sondern Angebote, die wir annehmen oder ablehnen können und müssen. Und es sind zugleich wirksame Angebote, die zugleich unsere Freiheit freisetzen, dass wir das Angebot auch annehmen können.

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Was können das nun konkret für Gaben sein, die wir in einem Gnaden-Kairos empfangen? Eigentlich alles. Jede geschöpfliche Wirklichkeit trägt in sich einen inneren Bezug zu Gott, der uns wesensmäßig verborgen und überdies durch sündige Verstrickungen verstellt ist. Eine göttliches Gnadengeschenk kann dann darin bestehen, dass dieser normalerweise verborgene und verstellte Gottesbezug ein Stück weit aufleuchtet. Gottes Schönheit, Herrlichkeit und Liebenswürdigkeit kann uns so in einem noch so unscheinbaren oder nach weltlichen Maßstäben sogar hässlichen, abstoßenden Stück Schöpfung zugleich als dessen ureigene Schönheit, Herrlichkeit und Liebenswürdigkeit aufgehen. Diese Erfahrung wirkt zugleich auf uns selber belebend und erhebend: Wir fühlen uns von Gott geliebt und geschätzt, weil einer unschätzbaren Gabe gewürdigt. So verbinden sich bereits in einer einzigen Gnadenerfahrung alle drei Aspekte der Grundgabe: etwas gibt (erschließt, offenbart) sich mir, Gott gibt sich mir und Gott gibt mich mir.

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Innerhalb dieses Horizonts möglicher Gnaden-Erfahrungen, der so weit ist wie die Gesamtheit allen geschaffenen Seins, lassen sich nun einzelne Beispiele benennen, die solcherart exemplarisch für unvorstellbar vieles stehen. Genauso hält es die Bibel, und davon wollen wir uns in einem Beispiel leiten lassen.

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3.2.1 Der Kairos und das Talent des barmherzigen Samariters

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Ein Talent in diesem Sinn kann zum Beispiel darin bestehen, dass Gott einem Menschen die Augen öffnet für einen fremden Menschen in seiner Not. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt von drei Menschen, die dieses Talent erhielten:

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„Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter Räuber, die ihn auch auszogen und ihm Schläge versetzten und weggingen und ihn halbtot liegen ließen.
31 Zufällig aber ging ein Priester jenen Weg hinab; und sehend ihn ging er an der entgegengesetzten Seite vorüber.
32 Ebenso aber kam auch ein Levit, der an den Ort gelangte, und sehend (ihn) ging er an der entgegengesetzten Seite vorüber.
33 Aber ein Samariter, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und sehend (ihn), wurde er innerlich bewegt ...“ (Lk 10,31-33 ELB)13]
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Das dreimalig an den Anfang gestellte Sehen ist kein zufälliges Erblicken, sondern eine gottgewirkte Gnade des Sehens, die Gabe und Aufgabe zugleich ist. Auf diese Weise entspricht es den Talenten, welche die drei Diener vom Herrn erhielten. Vom Priester und dem Leviten heißt es mit einem seltenen Wort, dass sie an der entgegengesetzten Seite vorbeigingen: Sie entzogen sich dem unbequemen Anblick, indem sie die Straßenseite wechselten. Auf diese Weise schlugen sie eine göttliche Gabe/Aufgabe aus und ließen ihr soeben erhaltenes Talent brach liegen. Anders der Mann aus Samarien: Von ihm heißt es, dass er innerlich bewegt wurde. Das ist nun eine fortgesetzte Stufe in Gottes Gnaden- und Offenbarungswirken an ihm: Zuerst öffnete Gott seine Augen, nun öffnet er sein Herz. Das war nur möglich, weil der Samariter mit der anfänglichen Gnade des Sehens sofort mitgewirkt hatte, indem er zu dem Zusammengeschlagenen hinging. Im Gegensatz dazu waren die ersten beiden weggegangen.14

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Was nun mit dem Samariter geschah, der unverzüglich dem Ruf des Sehens gefolgt war, ist bemerkenswert. Verschiedene Übersetzungen sprechen davon, dass er Mitleid hatte. Aber das ist viel zu schwach ausgedrückt. Der Evangelist Lukas verwendet hier ein seltenes, ausgewähltes Wort, das besagt, dass der Samariter in seinem Innersten bewegt wurde,15 – und zwar nicht nur durch den erschütterten Anblick des seiner Kleider Beraubten und halbtot Geschlagenen, sondern durch eine Bewegung, die Gott durch diesen Anblick vermittelte. Man kann sagen: Im Angesicht des Geschundenen hat Gott das Herz des Samariters aufgerissen und übernatürlich verwandelt. Verwandelt wurde er von einem Fremden zu einem Nächsten.16 Übernatürlich war diese Wandlung, weil sie zugleich tief emotional und nüchtern-vernünftig war. Schlag auf Schlag setzt der Samariter zweckdienliche Handlungen, was der Text durch dreimal drei Verben artikuliert, die jeweils zielgerichtete Aktivität zum Ausdruck bringen:17

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„[1] und er trat hinzu — und verband seine Wunden — und goß Öl und Wein darauf;
[2] und er setzte ihn auf sein eigenes Tier — und führte ihn in eine Herberge — und trug Sorge für ihn.
[3] Und am folgenden Morgen zog er zwei Denare heraus — und gab sie dem Wirt — und sprach: Trage Sorge für ihn! Und was du noch dazu verwenden wirst, werde ich dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.“ (Lk 10,34-35 ELB)]
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Auf diese Weise nutzte der Mann aus Samarien sein Talent, während der Priester und der Levit dasselbe Talent brachliegen ließen. Das an das Gleichnis von den Talenten anschließende Gleichnis vom Weltgericht wird die Gerichtssituation, der letztendlich alle drei ausgesetzt werden, verdeutlichten: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder (nicht) getan habt, habt ihr mir (nicht) getan“ (Mt 25,40.45 EÜ)18.

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Deutlich wird im Gleichnis vom barmherzigen Samariter auch, dass es im Jüngsten Gericht nicht bloß um das Vorweisen guter Taten geht, sondern um eine seinsmäßige Verwandlung, die durch ein Mitwirken mit der erfahrenen Gnade bewirkt wird. Der Samariter wurde in seinem Sein zu einem Nächsten verwandelt. Er wurde zum Nächsten des unter die Räuber Gefallenen, und zugleich von Christus, der ihm in der Gestalt des Zusammengeschlagenen – inkognito – begegnete.

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3.2.2 Die lange Zeit des Wachstums von Gnade und Gericht

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„Denn jedem Habenden wird gegeben werden!
und er wird überreich gemacht werden!
Von dem Nicht-Habenden aber
– auch was er hat – wird weggenommen werden von ihm!“ (Vers 29)]
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Dieses scheinbar kapitalistische Prinzip, nach dem die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, erweist sich in der Ökonomie der Gnade als – auf ganz andere Weise – stimmig. Welche Auswirkung hatte der Kairos, den sie verpassten bzw. das Talent, das sie vergruben, auf den Priester und den Leviten im Gleichnis vom barmherzigen Samariter? Sie werden immer mehr blind für die Not der Menschen, die Gott ihnen zeigen will. Sollte Gott ihnen noch einmal die Augen für die Not eines Mitmenschen öffnen wollen, werden sie mit noch größerer Wahrscheinlichkeit die Straßenseite wechseln. Dass sie ihre Augen verschließen, wird ihnen zur Gewohnheit, zum Laster. Und schließlich werden sie die Augen gar nicht mehr öffnen können. So werden Gottes Kairoi und Heilsangebote – die ja nicht nur Aufgabe, sondern Gabe sind19 – sie immer seltener erreichen. Irgendwann werden sich der Priester und der Levit fragen, warum Gott in ihrem Leben schweigt, – wenn sie das überhaupt noch bemerken.

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Auf diese Weise ereignet sich Gericht in einer gefährlich unauffälligen Weise bereits mitten im Leben. Denen, die ihr Talent vergraben, wird es weggenommen und dem anderen gegeben werden, der bereit ist, es wahrzunehmen. So wie die Gnade der Begegnung mit Christus im Zusammengeschlagenen dem Priester und dem Leviten weggenommen wurden, sodass sie zuletzt dem Mann aus Samarien zufiel, der vielleicht schon frühere Kairoi genutzt hatte und solcherart schon barmherzig war.

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3.3 Endgültige Abrechnung: Gericht und Gabe am Jüngsten Tag

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Damit erweist sich das Jüngste Gericht als gewachsenes Ergebnis eines lebenslangen Prozesses, dessen Resultat nun sichtbar gemacht wird. Die drei Diener legen nicht nur dar, was sie getan oder nicht getan haben. Vielmehr wird sichtbar, was sie geworden oder nicht geworden sind.

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Das Jüngste Gericht scheint unbarmherzig zu sein, weil derjenige, der sein Talent unglücklicherweise vergraben hatte, keine zweite Chance mehr erhält. Aber das ist ein trügerischer Eindruck, der sich aus der endzeitlichen Perspektive ergibt. Er hatte so viele Chancen wie es Kairoi in seinem Leben gab. Und gewiss hat er auch manche von ihnen genutzt. Dass dies reichte, damit er in seinem Sein himmelreichfähig wurde und in eine Wesensverwandschaft mit dem Herrn Christus hineinwachsen konnte, wird ihm im Gleichnis abgesprochen. Aber das ist kein Urteil über einen bestimmten Menschen. Vielmehr beschreibt es eine Möglichkeit, vor der Jesus uns warnt. Hoffen wir, dass sie für keinen Menschen Wirklichkeit wird – dank der Gnade des gekreuzigten Hirten, der auch den verlorensten Schafen nochmals einen neuen Kairos eröffnet.

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4. Irritationen und Missverständnisse

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4.1 Ist Gott unbarmherzig mit den Geknickten?

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„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jes 43,2 EÜ)]
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Widerlegt das Gleichnis von den Talenten diese göttliche Barmherzigkeit mit den Geknickten? Immer wieder identifizieren sich Menschen nach der Lektüre des Gleichnisses spontan mit dem dritten Diener. Angst, die die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten hemmt, ist allgegenwärtig. Und sie stößt einem dann bitter auf, wenn man – wie sehr oft – die Talente im Gleichnis mit den eigenen Talenten und Anlagen vergleicht. Da hat eine(r) eine musikalische Begabung und zugleich das beklemmende Gefühl, nichts daraus gemacht zu haben. Oder eine gläubige Christin fühlt sich schuldig, zu wenig für den Glauben gelebt zu haben. Oft sind es gerade die tüchtigen Menschen, die sich solcherart schuldig fühlen. Denn die Ansprüche, die sie an sich stellen, sind stets noch höher als das Geleistete. Für solche verunsicherte Menschen kann eine moralistische Deutung des Talente-Gleichnisses – z.B. in einer Predigt – Gift sein.

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Moralistisch ist eine Schriftdeutung, die einseitig das Sollen betont, ohne auf das dafür vorausgesetzte Können zu achten. Davon unterscheidet sich eine dramatische Bibelauslegung, die auf den jeweiligen Gnaden-Kairos als Gabe und (möglicherweise) Gericht achtet. Wenn man die Gabe von Talenten auf einen Gnaden-Kairos bezieht, dann erweist sich das „Talent“ nicht nur als eine gottgegebene Fähigkeit (etwa ein Herz für die Armen zu haben), sondern zugleich als ein Ereignis, durch das Gott die Kraft gibt, diese Fähigkeit auch zu verwirklichen. In unserem Beispiel vom Talent des barmherzigen Samariters: Durch die Begegnung mit dem arg zugerichteten Fremden bricht Gott das Herz des Manns aus Samarien auf, so dass dieser seine vielleicht mehr oder weniger in ihm angelegte Barmherzigkeit auch einsetzen kann. Ein Kairos ist immer auch eine Freisetzung, eine Ermächtigung. Im Blick auf das Talente-Gleichnis: Wenn der Herr die Talente an die Diener „je nach der eigenen Kraft“ verteilte (Vers 15), dann wird ebendiese Kraft durch das Ereignis des Gnaden-Kairos freigesetzt, – allerdings für eine begrenzte Zeit, sodass man den Kairos verpassen kann.

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Von daher lässt sich die Gefahr einer moralistischen Interpretation verdeutlichen: Das Gleichnis geht davon aus, dass jeder der Diener, auch der dritte, die nötige Kraft (wie auch die nötige Einsicht)20 hatte, um die erhaltene Gabe in richtiger Weise einzusetzen. Deshalb war ein solcher Einsatz jedem, auch dem dritten, zumutbar. Anders formuliert: Die Situation der Gabe war ein echter Kairos, mit einer nicht nur allgemein gegebenen, sondern aktuell freigesetzten Freiheit, die Gabe anzunehmen und mit ihr zu arbeiten, oder aber sie zurückzuweisen oder brach liegen zu lassen.

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Nun gibt es aber in unserer Welt zahllose Situationen, wo Menschen eine Gabe und Aufgabe angetragen erhalten, ohne dass sie aktuell die Fähigkeit besitzen, sie auch zu nutzen. Sie sind damit konfrontiert, etwas zu sollen, ohne es zu können. So sind sie nicht nur gefordert, sondern überfordert. Von solchen Erfahrungen her neigen Menschen dazu, sich im Gleichnis von den Talenten spontan mit dem dritten Diener zu identifizieren. Und damit sehen sie in Gott eine Macht, die sie mit Aufgaben überfordert und aufgrund ihres Versagens verwirft. Das Gleichnis von den Talenten ist ihnen dafür eine Bestätigung.

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Aber so ist Gott nicht! Das Missverständnis liegt darin, dass nicht jede Situation, in der wir anscheinend von Gott eine Gabe und Aufgabe erhalten, auch wirklich ein Gnaden-Kairos ist. Natürlich gibt es zahllose Situationen, in denen Menschen gar nicht die Möglichkeit haben, ein scheinbares Angebot oder eine Forderung Gottes anzunehmen und zu nutzen. Von solchen Situationen spricht das Gleichnis von den Talenten ausdrücklich nicht. Denn das ganze Gleichnis steht unter der thematischen Einschränkung, dass jeder Diener Talente „nach der eigenen Kraft“ erhielt.

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Wenn ein Prediger / eine Predigerin vergisst, diese Einschränkung weiterzugeben, kann die ermahnende Botschaft (Nutze deine Gaben!) für jene zum Gift werden, die mit Lasten konfrontiert sind, die sie nicht tragen können. Ja es kann dazu kommen, dass der Prediger / die Predigerin ihnen Lasten aufladet, die sie nicht tragen können.21

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Kann und darf ich jemandem sagen: „Du kannst es, als tu es auch“? In einer persönlichen Begegnung mit jemandem, den ich gut kenne, vielleicht schon. Und es gibt auch ein prophetisches Charisma, mit dem man die Situation von Menschen aufdecken und ihnen ins Gewissen reden kann.22 Aber im Normalfall wissen wir nicht, ob und wieweit eine andere Person oder auch man selber sich in einer echten Entscheidungssituation mit echter Handlungsfreiheit befindet, – ob es sich also um einen Kairos handelt, den jemand unbedingt nutzen muss, verpassen kann oder gar schon verpasst hat. Hier ist die Aufforderung Jesu zu berücksichtigen, ohne ein vorschnelles Urteil den guten Samen und das Unkraut (angenommene und verpasste Kairoi) wachsen zu lassen:

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„Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.“ (Mt 13,30 EÜ)]
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Diese Zeit der Ernte ist noch nicht da, auch wenn sie nahe ist. Es gilt also, den schmalen Mittelweg zu finden zwischen den Straßengräben einer Moralisierung und einer Vernachlässigung der dringenden Ermahnung Jesu. Jesu dringende Ermahnung lautet: „Nutzt den jeweiligen Gnaden-Kairos und die Gaben, die euch nicht nur gegeben, sondern auch für euch freigesetzt werden.“ Da wir nicht allgemein urteilen können, wo ein Kairos vorliegt und wo nicht, müssen wir lernen und lehren, die jeweiligen Kairoi – die Zeichen der Zeit – zu unterscheiden. Auch das ist ein zentrales Anliegen der Evangelien, welches an anderer Stelle zu behandeln ist.23

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4.2 Eine rücksichtslose Leistungsethik?

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Unterstützt das Talente-Gleichnis einen Kapitalismus, dem es vor allem um eine Maximierung des Gewinns geht, auch um den Preis einer Ausbeutung anderer und einer Selbstausbeutung? Wird Gott hier „zu einem Gott der Reichen und der Tüchtigen, denn er macht es ja wie sie“?24

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Gewiss ist das Gleichnis in der Bildhälfte unsensibel für damalige und heutige Ausbeutungspraktiken, – etwa wenn der Herr kritisiert, dass der dritte Diener das Geld nicht wenigstens zu den Wechslern gebracht hat, um Zinsen zu verdienen. Immerhin war das Verleihen um Zins unter den Juden aus sozialen Gründen verpönt.

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Allerdings darf der Kapitalismus der Bildhälfte des Gleichnisses in keiner Weise auf die Sachhälfte übertragen werden. Vielmehr ist hier eine nicht zu überbrückende Differenz zu berücksichtigen, der im lukanischen Gleichnis vom ungetreuen Verwalter noch augenfälliger wird:

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„Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.“ (Lk 16,8 NEÜ)25]
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Keinesfalls geht es darum, die Unehrlichkeit des Verwalters – der die Schuld der Schuldner halbierte, um sich Freunde zu machen – zu kopieren. So wie der unehrliche Verwalter als Kind dieser Welt alle Rücksichten fahren ließ, um sein weltliches Ziel eines bequemen, finanziell abgesicherten Lebens doch noch zu erreichen, so sollen die Kinder des Lichtes alle falschen Rücksichten (etwa die Angst vor materiellen Verlusten) außer Acht lassen, um ihr himmlisches Ziel einer umfassenden Verwirklichung der Liebe durchsetzen können. Deshalb schließt Jesus mit der Aufforderung:

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„Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht.“ (Lk 16,9 NEÜ)]
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Ebenso ist die Analogie zwischen Bildhälfte und Sachhälfte im Gleichnis von den Talenten als proportionale zu verstehen, die keine direkte Übertragung erlaubt:26 So wie der kapitalistische Herr von seinen Dienern (den Kindern dieser Welt) „nimmt, was er bekommt“27 und die Diener deshalb so viel Profit herausschlagen müssen, wie ihnen nur möglich ist, so sind die Kinder des Lichts aufgefordert, die ihnen verliehene Gnade zu maximieren. Das heißt dann aber etwas ganz anderes als in dieser Welt: Diese Gewinnmaximierung geschieht gerade nicht durch den rücksichtslosen Einsatz von Mitteln, sondern dadurch, dass man sich mit allem, was man tut, im Strom des Wirkens und Willens Gottes hält. Das setzt voraus, dass man bereit ist, seine jeweilige Tätigkeit – gerade auch dann, wenn alles bestens zu laufen scheint – zu unterbrechen, um sicherzustellen, ob man sich mit seinem Tun noch im Bereich des Wirkens Gottes befindet.

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Deshalb reicht es nicht, kapitalistische Methoden statt für sich selber nun für die Sache Gottes anzuwenden. Auch die Methoden unterscheiden sich wesentlich. So kann am Ende auch jemand als „fauler, böser Diener“ (Vers 26) dastehen, der seine gut voranschreitende Arbeit nicht unterbrochen hat, um einen hereinbrechenden Gnaden-Kairos zu nutzen. Die Fruchtbarkeit, die Gott einfordert, besteht also nicht darin, Werke für Gott anzuhäufen, sondern jeweils die Werke Gottes zu tun: und das sind solche, bei denen nicht Menschen auf der Strecke bleiben. Dass es sich so verhält, verdeutlicht die folgende Rede vom Weltgericht, die Jesu öffentliches Wirken abschließt.

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Anmerkungen

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1 Bei der Übersetzung und Strukturierung des Textes ließ ich mich vor allem von Grilli/Langner und Luz leiten. Vgl. Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 18-25) (EKK I/3. Zürich 1997; Massimo Grilli / Cordula Langer, Das Matthäus-Evangelium. Ein Kommentar für die Praxis, Stuttgart 2010.

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2 Dass es sich gemäß der Logik des Textes so verhielt, werde ich in Kapitel 2.3 begründen.

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3 N. T. Wright, Von Hoffnung überrascht. Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt. Neukirchen-Vluyn 2011, 175, Hervorhebung von mir.

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4 Ulrich Luz wählte und begründete diese Übersetzung. Sie ist genauer als „Ich wusste“, wie es etwa in der alten und neuen Einheitsübersetzung heißt.

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5 Vgl. „Was du ererbt von deinen Vätern ...“, Goethe, Faust I, Nacht.

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6 Verschiedene Übersetzungen, auch die alte und die neue Einheitsübersetzung verstehen den ersten Satz nicht als Frage, sondern als Feststellung. Das legt den irrtümlichen Verdacht nahe, dass der Herr selber bestätigt, zu ernten, wo er nicht gesät hat. Er bezieht sich aber kritisch auf eine vorgebliche oder subjektive Erkenntnis des Dieners (die als subjektive auch irrtümlich sein kann). Selbst aus dieser hätte sich ein aktiveres Handeln ergeben müssen, welches aber unterblieb.

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7 Zu fragen, wofür das Anlegen des Geldes bei den Geldwechslern stehen kann, ist irreführend, da es sich hier nicht um eine Allegorie handelt – die jeden Teilaussage zwischen Bildhälfte und Sachhälfte übersetzbar macht, sondern um ein Gleichnis, das in der Bildhälfte einer eigenständigen Logik folgt. Der Sinn von Vers 26b–27 besteht allein darin, dass der Herr die Schuldabschiebung des Dieners als falsch und unaufrichtig zurückweist.

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8 Ganz anders stellt sich die Sache für unbeteiligte Beobachter dar. Diese Zuschauerperspektive wird von Lukas in seiner Version des Talente-Gleichnisses (als Gleichnis von den Minen) eingebracht: „Und zu den anderen, die dabeistanden, sagte er: Nehmt ihm das Geld weg, und gebt es dem, der die zehn Minen hat. Sie sagten zu ihm: Herr, er hat doch schon zehn.(Da erwiderte er:) Ich sage euch: Wer hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ (Lk 19,24-26 EÜ)

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9 „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ (Mt 13,12 EÜ) – Zum scheinbaren Kapitalismus des Gleichnisses vgl. Kap. 4.2.

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10 Vgl. oben, Kapitel 2.3.

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11 Der zweite Halbsatz verweist wieder auf den eben genannten Punkt (2).

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12 Diese neue Schöpfung wird bildhaft beschrieben als heilige Stadt Jerusalem, die vom Himmel herabkommt. Vgl. Offb 21,10.

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13 ELB = Übersetzung der revidierten Elberfelder Bibel von 1993. Diese Übersetzung wurde an einigen Punkten von mir modifiziert. Hervorhebungen von mir.

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14 Auf erstaunliche Weise entspricht dies dem Hingehen der ersten beiden Diener und dem Weggehen des dritten Dieners im Gleichnis von den Talenten.

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15 Das griechische Wort dafür ist splagchnizesthai. Es kommt von splagchna = Eingeweide und bedeutet: in den Eingeweiden berührt werden. Dieses Wort kommt im Neuen Testament nur zwölfmal vor, und zwar durchwegs an Schlüsselstellen, wo Gott einen Menschen dazu berührt, dass er durch ihn machtvoll handeln kann. Achtmal ist das auf ein wunderbares Handeln Jesu bezogen, einmal als Bitte an Jesus, und dreimal kommt es in wichtigen Gleichnissen vor: dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, vom barmherzigen Samariter und vom unbarmherzigen Gläubiger, dem der Herr voller Erbarmen die ganze Schuld erlässt.

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16 Vgl. die Frage Jesu an den Gesetzeslehrer: „Wer von diesen dreien dünkt dir, Nächster geworden zu sein des unter die Räuber Gefallenen?“ (Lk 10,36, übersetzt nach dem Münchener Neuen Testament, Düsseldorf 1988).

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17 Man vergleiche diese neun Aktivität signalisierenden Verben mit dem zielgerichteten Handeln des ersten Dieners im Talente-Gleichnis: Auch dieses Handeln kommt durch drei Aktivität signalisierende Verben zum Ausdruck: „Sogleichging der hin, der die fünf Talente empfangen hatte, arbeitete mit ihnen und gewann weitere fünf.“ (Mt 25,15f) S.o. Kapitel 1.2.

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18 EÜ = Einheitsübersetzung von 1980.

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19 Das Wirken im Einklang mit Gottes Gnade ist in sich beglückend und kann auch beglückende Früchte tragen. So ist es naheliegend (wenn auch nicht gewiss), dass der Samariter in dem unter die Räuber Gefallenen einen Freund gefunden hat.

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20 Das hier im Urtext verwendete Wort dýnamis kann als Kraft oder auch als Fähigkeit übersetzt werden. Zur Fähigkeit gehört mehr als Kraft, nämlich auch eine zur Umsetzung nötige Einsicht. Ich habe dennoch die Übersetzung mit „Kraft“ bevorzugt, weil damit die Veränderbarkeit dieser dýnamis deutlicher wird. Es ist nachvollziehbar, dass das Zutrauen des Herrn den Dienern Kraft gibt, – und auch, dass diese Kraft schwinden kann, wenn man zu lange wartet.

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21 Vgl. den Vorwurf, den Jesus an die Pharisäer und Schriftgelehrten richtet: „Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen.“ (Mt 23,4 EÜ)

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22 Vgl. 1 Kor 14,24.

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23 Dieses Thema hängt eng mit der Geistesgabe einer Unterscheidung der Geister zusammen. Vgl. W. Sandler, Gottes Handeln unterscheiden in Theologie und Erfahrung. Auf dem Weg zu einer theologischen Kriteriologie für unterscheidbare Zuordnungen von Gottes Handeln. In: Handeln Gottes. Beiträge zur aktuellen Debatte (QD 260). Freiburg 2014, 132-172. Im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/707.html. — W. Sandler, Erfahrung des Heiligen Geistes in charismatischen Strömungen. Geschichte – Phänomene – theologische Unterscheidung. Leicht gekürzt in: W. Sandler (Hg.), Ein Hauch von Gott. Die Präsenz des Heiligen Geistes in Kirche und Welt. Vorträge der 12. Innsbrucker Theologischen Sommertage 2011 (theologische trends 21). Innsbruck: innsbruck university press 2012, 113-163; ungekürzt im Innsbrucker Theologischen Leseraum: http://theol.uibk.ac.at/itl/970.html

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24 Luz, ebd. 499. In einem Kapitel zur Wirkungsgeschichte des Gleichnisses von den Talenten geht er auf die ätzende Kritik von Bert Brecht in seinem Dreigroschenroman ein. Dort beruhigt der Bischof mit dem Gleichnis von den Talenten das Gewissen von Reedern, die aus kapitalistischer Rücksichtslosigkeit den Untergang eines Schiffes verschuldeten, mit vielen unschuldigen Opfern, die die Zeche für den Kapitalismus bezahlen mussten. In einem Traum macht einer der betroffenen Soldaten Jesus den Prozess und verurteilt ihn wegen Beihilfe zur Ausbeutung, weil er den Menschen ein so missverständliches Gleichnis in die Hand gegeben hatte.

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25 NEÜ = Neue Einheitsübersetzung von 2017.

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26 Man unterscheidet zwischen einer Analogie der Proportion und einer Analogie der Attribution (oder Zuschreibung). Die Attributions- oder Zuschreibungsanalogie stellt einen direkten Bezug her. Zum Beispiel wenn ich sage, dass eine Speise gesund ist. Gesund ist ja eigentlich ein Mensch. Eine Speise wird analog – und zwar im Sinne einer Attributionsanalogie – gesund genannt, weil und insofern sie die Gesundheit eines Menschen fördert oder nicht beeinträchtigt. Bei einer Analogie der Proportion ist ein solcher direkter Bezug nicht gegeben. Wenn zum Beispiel eine Quelle als Ursprung eines Flusses und ein Punkt als Ursprung einer Linie bezeichnet wird, dann gibt es keinen direkten Bezug zwischen Punkt und Quelle, sondern nur einen Bezug zwischen Verhältnissen.

Im Sinn dieser Unterscheidung kann man sagen, dass im Talente-Gleichnis zwischen Bild- und Sachhälfte nur eine Proportionsanalogie, keine Attributionsanalogie besteht. Anzunehmen, dass wir in Wirklichkeit mit unseren Talenten so wuchern sollen, wie es die ersten beiden Diener des Herrn taten, hieße, das Gleichnis in der Weise einer Attributionsanalogie misszuverstehen.

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27 So lässt Bertold Brecht den Bischof in seiner Predigt sagen: „Ja, meine Freunde, ... Gott ist ein strenger Herr und besteht auf seinem Zins. Aber meine Freunde, er ist auch ein gerechter Herr. Er besteht nicht bei jedem seiner Knechte auf dem gleichen Zins ... Er nimmt, was er bekommt. Nur das Garnichts des dritten Knechtes, des faulen, umständlichen, ungetreuen Knechtes, weist er zurück. Der tiefe Sinn dieses Gleichnisses besteht   in dem überraschenden Satz: Jedem nach seinem Vermögen“ (B. Brecht, Dreigroschenroman, in: ders., Gesammelte Werke XIII, Frankfurt 1967, 1142f, zitiert nach U. Luz, ebd. 498, Hervorhebung von mir).

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