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Wider den gesunden Menschenverstand! Eine Predigt im Anschluss an das Gleichnis von den bösen Winzern - nicht nur für Zeiten politischer Unredlichkeit
(Gehalten in der Jesuitenkirche am 8. Oktober 2017 um 11.00 und 18.00 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2017-10-10

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Die Provokation scheint ihm gelungen zu sein. Die sinnstiftende Geschichte, das Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 21,33-44), brachte den gewünschten Effekt. Die Zuhörer reagierten auf die Frage Jesu, was nun der Besitzer des Weinbergs tun werde mit den korrupten, den kriminellen, ja den mörderischen Pächtern, so wie der gesunde Menschenverstand es gebietet. Empört über das Ausmaß an Verwerflichkeit verlangten sie nicht nur die Lösung des Pachtvertrags, sondern auch ein böses Ende für jene Pächter, die bei Weitem die rote Linie überschritten haben. Wenn Willkür in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht Oberhand gewinnen soll, dann muss das Überschreiten von Normen, Gesetzen und der Verlust jeglichen Anstands Konsequenzen haben. Am Besten soll die Untat auf das Haupt des Täters zurückfallen. Auf diese oder jene Weise müssen die Dreistigkeit und der mutwillige Akt bestraft werden. Ansonsten wird das Zusammenleben über kurz oder lang im Chaos und Gewalt enden.

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Die alttestamentliche Lesung (Jes 5,1-7) setzt dieser Logik von der das Gleichnis von den bösen Winzern strukturiert zu sein scheint noch ein Tüpfelchen auf das sprichwörtliche “i”. Da macht sich nämlich der Prophet Jesaja direkt zum Sprachrohr Gottes. In einem wunderschönen Lied besingt er das Verhältnis Gottes zu seinem erwählten Volk. Wie ein Winzer, der seinen Weinberg liebt, sorgt sich Gott um sein Volk. Das Beste ist ihm gerade gut genug bei der Kultivierung seines Weinbergs. Und das Ergebnis? Lauter saure Beeren, dermaßen ungenießbar, dass im Vergleich dazu der Uhudler wie ein süßer Likör schmeckt. Kein Wunder, dass der Weinbergbesitzer restlos enttäuscht ist. Deswegen auch seinem Weinberg den Rücken kehrt, den kostbaren Besitz der Zerstörung preisgibt und nach neuen Investitionen Ausschau hält. Der Prophet, der da im Namen Gottes spricht, gibt sich keinen allzu frommen Illusionen hin. Mit einem ordentlichen Schuss an gesundem Menschenverstand ausgestattet, bleibt er ein Realpolitiker. Einer allerdings, der im Rahmen von Gesetz und Ordnung handelt, keineswegs also die rote Linie überschreitet, wie dies die Winzer aus dem Gleichnis Jesu tun, die ja um jeden Preis bloß ihren Vorteil suchen, koste es, was es wolle.

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Liebe Schwestern und Brüder, ich lade sie nun zwecks Verkomplizierung der scheinbar so klaren Sachverhalte zu einem kleinen exegetischen Abenteuer ein; ich lege sozusagen alle Quellen zu dieser Thematik offen, damit sie sich selber ein Bild machen können. Liest man nämlich die anderen Versionen der dramatischen Geschichte über die kriminellen und mörderischen Winzer, die uns die Evangelisten Markus (12,1-12) und Lukas (20,9-19),  überliefern, so wird man regelrecht verwirrt (fast schon so, wie man hierzulande eine Woche vor der Wahl verwirrt zu sein scheint). Der älteste Text des Evangelisten Markus lässt nämlich Jesus selber die Frage nach dem Geschick der Mörder beantworten. Jesus sagt also, dass der Besitzer die kriminellen Winzer töten und den Weinberg neu verpachten wird. Mit dieser Akzentverschiebung wird Jesus sozusagen zum Sprachrohr des gesunden Menschenverstandes. Er selber erwartet - wie halt jeder normal denkende Menschen -, dass böse Taten Konsequenzen haben. Bei Lukas spitzt sich sogar die Sache zu, weil die Zuhörer auf diese Antwort Jesu noch einmal reagieren. Auf das jesuanische Urteil über das böse Ende der Frevler kommt der Einspruch der Zuhörer. Man hat da das Gefühl vor einer Gruppe humanistisch gesinnter und politisch korrekt denkender Zeitgenossen zu stehen, die gegen jedes härter klingende Urteil gleich protestieren und die dreiste Wirklichkeit gesund beten, indem sie beteuern: “Das darf nicht geschehen!” In beiden Versionen: bei Markus und bei Lukas erscheint also Jesus als knallharter Realist, einer der sich keiner Illusion hingibt über die Konsequenzen menschlicher Verwerflichkeit. Dieser Jesus steht auch Pate bei all jenen Positionen, die Null-Toleranz im Kontext des Überschreitens der roten Line postulieren und ein hartes Durchgreifen in Sachen Missbrauch und Korruption, bei der Missachtung offensichtlicher Verbote verlangen. Konsequente Ethik und eine Ethik mit Konsequenzen als Inbegriff des Wortes Gottes also? Ist das nicht das, was sich der gottentfremdete Zeitgenosse beim Gedanken an Religion wünscht? Wenn dies der Fall sein sollte, wo liegt dann das Problem?

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Liebe Schwestern und Brüder, kehren wir nun zurück von unserem kleinen exegetischen Abenteuer zur normalen Sonntagspredigt! So verständlich und wünschenswert die Sache mit der konsequenten Ethik und auch der Konsequenzen der Missachtung ethischer Grundsätze sei, so wenig hilfreich wird sie sich erweisen bei der Konfrontation mit den ganz konkreten Menschen, vor allem mit deren ganz konkreten Versagen. Davon wissen nicht nur die Psychologen ein Lied zu singen. Die Christen sind es, denen die dramatische Fortsetzung der Geschichte von den bösen Winzern neue - gar revolutionäre - Einsichten schenkt, sie deswegen auch dazu motiviert oft gar “wider den gesunden Menschenverstand” zu agieren. Und warum dies? Weil das Geschick Jesu seine eigenen Worte - zumindest jene, die ihm Markus und Lukas in den Mund legen - widerlegt.

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Das Geschick Jesu stellte zwar die Rationalität des prophetischen Denkens und den ethischen Ernst nicht in Frage, wohl aber: es unterwanderte diese. Die Ermordung des Sohnes zog nicht jene Konsequenzen nach sich, die mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen von den Zuhörern Jesu, gemäß der markinisch-lukanischen Version gar von Jesus selber, prognostiziert wurden. Der himmlische Vater hat die Mörder seines Sohnes nicht niedergemetzelt und auch nicht diejenigen bestraft, die gegen den Sohn wochenlang gehetzt haben, ihn verleumdet, verraten und schließlich auch ausgeliefert haben. Der himmlische Vater ist auch angesichts lügnerischer Kampagnen nicht zur Tagesordnung übergegangen, bediente sich weder des teuflischen Instruments einer Gegenanschuldigung, noch kehrte er ihnen den Rücken: weder dem Sohn, noch dessen Gegnern, wie ihm der Prophet Jesaja wohl raten würde. Der himmlische Vater ließ es zwar zu, dass der Sohn getötet wurde, weckte aber den Gekreuzigten auf, handelte also schlussendlich zu dessen Gunsten. Und er schickte ihn dann mit dem Versöhnungswort zu jenen, die sich in ihrer grenzenlosen Gier, in ihrer Selbsttäuschung und Lüge, gar in ihrer Mordeslust verfangen haben. So handelte der himmlische Vater auch zugunsten der Gegner seines Sohnes. Mit diesem Schritt überschritt Gott selber die Grenzen des gesunden Menschenverstandes: Weil er angesichts des Vorgefallenen, angesichts der ganz konkreten Menschen, von Menschen, die furchtbar versagt haben und sich im Schlamassel des Bösen verfangen hatten, diesen Menschen Vergebung schenkte und damit auch einen Neuanfang ermöglichte. In diesem Kontext ist ausschließlich die göttliche schöpferische Kraft und auch göttliche bedingungslose Vergebung im Spiel. Und sie ist am Werk überall dort, wo Menschen versagen, ganz gleich von welchem Ausmaß die Schuld gewesen sein mag und bis zu welchem tödlichen Ausmaß die Sackgassen reichten. Das ist die tröstliche Botschaft dieses Sonntags für uns alle!

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Heißt das aber, dass Gott nun die Logik des gesunden Menschenverstandes ganz aus der Welt verbannte und den ethischen Ernst und die menschliche Bemühung um Verantwortung durch seine himmlische Barmherzigkeit gewissermaßen ersetzte, wie dies des Öfteren unter enthusiastisch gestimmten Christen zu hören sei? Nein! An diesem Punkt ist das heutige Evangelium hilfreich. Es macht nämlich eine Zäsur zwischen Jesus mit seiner Frage und der Antwort der Zuhörer. So als ob Jesus direkt sagen wollte, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Reaktionen der Menschen und den Reaktionen des himmlischen Vaters. Deswegen spricht Jesus ja vom Wunder, das Gott vollbringen wird, wenn er den “verworfenen Stein” zum Eckstein einer neuen Kultur machen wird. Vielleicht ist dieser Jesus aber in seinem irdischen Leben, gerade in seiner menschlicher Natur, von dem Weg, auf dem ein solches Wunder in die Welt kommt, doch überrascht gewesen. Sonst hätte er am Ölberg nicht Blut geschwitzt und auch nicht gebetet: “Möge dieser Kelch an mir vorübergehen!” Vielleicht sind Markus und Lukas diesem irdischen Jesus näher, wenn sie ihn in die Rationalität des gesunden Menschenverstandes hineinziehen?

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Die neue durch das Geschick Christi, durch seine Rolle des Ecksteins ermöglichte Kultur hat einen enormen Preis. Darüber sollen sich all die liberalen Geister der Gegenwart keine Illusionen machen, wenn sie meinen, dass man das Ausmaß an Verwerflichkeit erklären, wegrationalisieren, den Sündenböcken in die Schuhe schieben oder nur politisch korrekt gesund beten kann. Der Preis ist höher. Es ist dies natürlich zuerst der Preis des ethischen und politischen Ernstes und der Ehrlichkeit, der von uns allen zu zahlen ist: von uns allen! Vor allem aber ist es der Preis der Hingabe: der Hingabe an die Mitmenschen, gar der Hingabe an die Gegner. Es ist der Preis einer Hingabe, die in der Versöhnung mündet: in einem neuen Leben! Diesen Preis können Menschen ohne die Hilfe des schöpferischen göttlichen Geistes nicht zahlen. Aber auch hier ist eine tröstliche Botschaft des heutigen Sonntags zu verkünden. Denn die Christen wissen es: Gott ist nicht geizig, wenn es darum geht, diesen schöpferischen Geist  des Lebens und der Vergebung den Menschen zu schenken!

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