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Entspannt ohne Allah? Ein Kommentar zu den religionspolitischen Irrwegen des RELAX Magazins 2017

Autor:Neulinger Michaela
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2017-09-28

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Manchmal brauchen rauchende Köpfe eine Auszeit. Ein wenig die Seele baumeln lassen, im Wasser plätschern und Energie tanken. Die österreichische Wellness-Landschaft bietet hier seit mehreren Jahren wunderbare Angebote vom Thermen-Eldorado inklusive Hamam. Auch allerlei entspannende Lektüre ist in diesen Einrichtungen stets zu finden, wie u.a. das Relax-Magazin aus dem Medienhaus Werner, das zugleich über seinen Relax Guide jährlich Lilien an Wellness-Einrichtungen in Österreich und Deutschland vergibt. In Hoteliers-Kreisen, in den Medien wie auch unter angespannten Urlauberseelen gilt dieser als wichtige Orientierung. Das Relax-Magazin liegt in zahlreichen Hotels das ganze Jahr über in den Zimmern und an den Rezeptionen gratis zur Entnahme auf, aber auch Ärzte und Rechtsanwälte werden damit versorgt.[1] Nett aufgemacht, farbenfrohes Layout, mehr oder weniger klassische Wellness-Themen auf dem Cover, aber halt – da springt „Allah“ ins Auge, genauer die „Angst vor Allah“. In einem Wellness-Magazin? So schnell kann der Kurzurlaub einer Theologin und Islamwissenschaftlerin vorbei sein, vielleicht kann sie ja etwas Neues dazu lernen.

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Tatsächlich durfte diese bei der Lektüre des zehnseitigen Artikels (exklusive Werbeeinschaltungen reduziert auf fünf Seiten) – der auf der Titelseite angekündigt ist und im Editorial des Herausgebers Mag. Christian Werner ausführlich beworben wird –  nach anfänglichem Schock etwas lernen. Wissenschaft hat einen gesellschaftspolitischen Auftrag, Einspruch zu erheben gegen oberflächliche, populistische Publikationen, wie es der Artikel „Angst vor Allah“ eines leider anonymen Autors im Relax-Magazin 2017 in paradigmatischer Weise ist. Diesem Auftrag sei hier nachgekommen.

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Die Begegnung mit einem als unwissend und frauenfeindlich dargestellten marokkanischen Taxifahrer muslimischen Glaubens, die „fürchterlichen Auswüchse des Islam“ und die „Denkverbote“ in „Politik und Mainstream-Medien“ werden im Editorial von Herausgeber Christian Werner als Ausgangspunkt des Artikels angegeben. „Denn guter Journalismus mit Tiefgang und Hintergrund, das ist seit jeher unser zentrales Anliegen“, so Werner im Originalton. Leider ist davon im anonym publizierten Text nichts zu merken.

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Bereits der Titel „Angst vor Allah“ verheißt in keinster Weise eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Islam in seiner Pluralität. Illustriert mit Niqab- und Tschador-tragenden Frauen, die Deutschland und Österreich (mit einem schwarzen Minarett markiert) überlaufen, lässt die Aufmachung keinen Zweifel: DER Islam, repräsentiert durch Minarett und in Schwarz verschleierte Frauen, überrennt Europa. Wehret den Anfängen und rette sich, wer kann! Damit zeichnet sich auch der Grundduktus des Artikels ab. Kurz zusammengefasst: DER Islam ist von seinen Ursprüngen her gewaltfördernd. Er will die gewaltsame Unterwerfung aller Welt, ist frauenverachtend bis hin zur Vergewaltigung und führt in den Terrorismus. Dies wird auf zehn Seiten immer wieder neu durchexerziert, wobei die Darstellung islamischen Lebens und Glaubens, der Diskussion um den Ort von Muslimen in Europa sowie des Zusammenhang von Religion und Gewalt zwischen Verkürzung, Verengung bis hin zu schlicht falschen Aussagen schwankt.

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Es seien an dieser Stelle nur die haarsträubendsten Aspekte des Artikels herausgegriffen. Breit wird behauptet, dass „die Politik“ und „die Medien“ (auch „Mainstream-Medien“ genannt) stets wiederholen würden, Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Das Gegenteil ist der Fall, die Diskussion darüber ist höchst rege, die Positionen sind entsprechend vielfältig. Die Behauptung, es gäbe keine Gewalt „von radikalen Buddhisten oder fundamentalen [sic!] Christen“ (S. 44) ist schlicht falsch. Man denke nur an die Verfolgung muslimischen Rohingya in Myanmar, besonders vorangetrieben durch buddhistische Mönche. Gewalt aus einem fundamentalistischen Verständnis christlichen Glaubens heraus ist aus Geschichte und Gegenwart hinlänglich bekannt. Schließlich behauptet der Autor, dass es zwar auch im Alten Testament Gewaltaufrufe gebe, aber dieses habe ja keinen Einfluss mehr in diesen Tagen (S. 48). Das ist ebenso falsch. Altes und Neues Testament können aus theologischer Perspektive betrachtet nicht getrennt werden. Wer das Alte Testament als überholt ablehnt, kommt nur zu schnell in antijudaistische Gefilde. Zudem kennt auch das Neue Testament verschiedene Formen von Gewalt. So sterben Hananias und Saphira in Apg 5,1-11 nach den Worten des Petrus, man denke an die Ankündigung von Schwert und Entzweiung in Mt 10,34-36 oder die apokalyptischen Szenarien. Gewalt ist nicht das „Privileg“ einer bestimmten religiösen Tradition. Jede ist dafür anfällig, wenn sie nicht zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Quellen und einem anerkennenden Umgang mit der Menschenwürde aller findet.

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Der anonyme Autor unterstellt der „breiten Masse der Muslime“ (S. 45), nicht gegen Terror aufzustehen. Wie kommt er zu dieser Annahme? Welche quantitativen Grundlagen sind dafür gegeben? Muslime selbst leiden massiv unter islamistischem Terror. Immer wieder stehen Gelehrte und Verbände gegen religiös motivierte Gewalt auf.

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Zwar distanziert sich der Autor vom Ausdruck „Geburten-Dschihadismus“ (S. 45), aber seine Grundposition bleibt dennoch deutlich erkennbar. DER Islam überrollt Europa per Geburtenrate und Flüchtlingsbewegung und dann rotten sich die Muslime (im Sprachgebrauch des Autores: „Moslems“) in den Großstädten zur Parallelgesellschaft zusammen. Dahinter steckt ein wenig Datenmaterial unbekannter Herkunft (nur ein kleiner Hinweis auf das Pew-Institut wird gegeben, aber ohne Quellenangabe) mit sehr viel Projektion und Angstmache, besonders wenn der Absatz mit dem Titel „Islamisierung – eine unbequeme Tatsache“ versehen wird. Wie aus 21 Prozent Muslimen (wieder: „Moslems“ im Original), so laut zitierter Prognose unbekannter Herkunft für Wien 2050, plötzlich fast ein Viertel der Wiener werden – ein mathematisches Rätsel. Wäre es nicht genauer gerundet ein Fünftel?

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Aber alles kein Problem, wenn es nur einen „Euro-Islam“ gäbe. Doch, so ist der Autor überzeugt und beruft sich dabei auf Bassam Tibi und Boualem Sansal, den kann es gar nicht geben, weil DER Islam einfach gewalttätig ist. Und wenn es doch islamische Autoritäten gibt, die dem widersprechen und die problematische Deutung der Quellen durch Terroristen zurückweisen, dann hält der Autor entgegen: „Diese Behauptung mag vielleicht Sinn machen, um ein weiteres Auseinanderdriften von angestammter Bevölkerung und muslimischer Community einzudämmen, wahr wird sie deshalb freilich nicht.“ (S. 50). Denn der Koran will die Gewalt gegen Andersgläubige, er will die Unterwerfung der Welt und der Dschihadismus ist ein Auftrag an alle Muslime. Der politische Islam sei nun einmal der religiöse Islam und DIE Scharia archaisch und brutal wie eh und je. Mehr an oberflächlichlicher, vereinfachender und geradezu verleumderischer Darstellung islamischen Glaubens und Lebens scheint es nicht geben zu können. Eine eingehende Auseinandersetzung mit Mathias Rohes Standardwerk Das islamische Recht oder den neueren Publikationen zu Entstehung und Ursprüngen des Dschihadismus wie sie etwa Peter Neumann oder Thomas Schmidinger bieten, wäre dringend angeraten.

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Der anonyme Autor fährt jedoch unbeirrt mit seinen Behauptungen fort. Muhammad war zwar religiöse und politische Führungsfigur, aber definitiv nicht erster Kalif (vgl. S. 49). Das war immer noch Abu Bakr, welchen Sinn hat dann die Rede von einem ersten Kalifat unter Muhammad? Was soll es heißen, dass sich Christentum und Islam – wieder in pauschaler Gesamtheit – vor allem auf den Schlachtfeldern begegnet sind? Diese gehören zur Geschichtsschreibung dazu, genauso aber die Zusammenarbeit von Juden, Christen und Muslimen im Rahmen des abbasidischen Translation Movement in Baghdad, die reiche Kultur in Andalusien oder die Begegnungen in Sizilien. Ein Blick in das Werk etwa von William M. Watt hätte geholfen. Stattdessen präsentiert der Autor den Islam als aufklärungs- und wissenschaftsfeindlichen Monolithen, dessen Endziel in der gewaltsamen Unterwerfung unter die Herrschaft Allahs liegt. Doch ohne die Begegnung und den Austausch mit islamischer Gelehrsamkeit würde Europa heute völlig anders aussehen und es wäre definitiv kein besseres Europa.

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Für den Autor steht Europa vor dem Bürgerkrieg, weil mit „dem Islam“ zu sanft umgegangen wird und der „Kopftuch-Islam“ auf dem Vormarsch ist. Europa lässt unter Federführung Angela Merkels Millionen „illegaler Zuwanderer“ herein und unternimmt nichts gegen die „Rape Culture“ (S. 52). Und wieder steckt die bereits zu Beginn des Artikels bereitete Gleichung dahinter: Islam gleich Terror, Gewalt, Vergewaltigung. Das Ganze wird mit einem Verweis auf eine CIA-Studie und einen Vortrag des ehemaligen CIA-Chefs Michael Hayden an der Kansas State University untermauert, die Bürgerkriege und Unregierbarkeit für viele europäische Städte prognostiziert haben sollen. Aber welche Studie ist das? Wo ist der Vortrag? Die Washington Post zitiert Hayden mit der Warnung vor möglichem „unrest and extremism” in Europa.[2] Aber von Bürgerkrieg und Unregierbarkeit ist keine Rede. Höchst intensiv wird der Bürgerkrieg als vom CIA prognostizierte Zukunft jedoch auf Verschwörungsseiten diskutiert. Ist das die eigentliche Quelle des Autors?[3]

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Guter Journalismus mit „Tiefgang und Hintergrund“, wie ihn Herausgeber Werner im Editorial fordert, sieht anders aus. Die islamische Theologie und Praxis braucht Reformen und eine intensive Auseinandersetzung mit den Errungenschaften des modernen Menschenrechts-Diskurses. Dazu gehört auch die Anerkennung des säkularen Rechtsstaats als eine Voraussetzung gleichberechtigten Zusammenlebens in Pluralität, die es auch theologisch zu begründen gilt. Eine solche Auseinandersetzung wird auch geleistet, man denke an Abdullahi an-Naim, Abdolkarim Soroush, Dilwar Hussain oder die sich im Aufbau befindlichen theologischen Institute im deutschen Sprachraum. Der sich in Anonymität verbergende Autor hingegen skizziert, untermalt mit einer entsprechenden Grafik und Sprache [„die Moslems“, „die Moslemstaaten“], das Feindbild eines seinem Wesen nach gewaltbereiten, frauenverachtenden, den Terrorismus fördernden (um nicht zu sagen fordernden) Islam, zu dem es keine Alternativen geben kann, weil es sich dann nicht mehr um „den Islam“ handeln würde. Es scheint für Europa nur einen Weg zu geben: Muslime raus, Islam eingrenzen und bekämpfen.

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Der Autor bietet exakt jene Strategie, die Martha Nussbaum als typisch für die Politik der Angst ausmacht, wie sie bereits Aristoteles entworfen. Willst du Angst schüren, dann mache dem Publikum klar, dass es um das Überleben geht, dass das Ereignis unmittelbar bevorsteht und es persönlich betroffen sein wird, die Kontrolle verloren geht. Besonders wirkungsvoll wird die Strategie, wenn mit dem Grauen hinter der Fassade der Normalität gedroht wird. Im Duktus des Relax-Artikels: Der Islam überrollt uns und zwar jetzt. In wenigen Jahren sind wir dran mit der Diktatur der „Moslemstaaten“. Unsere Städte, unser Europa wird verloren gehen. Unsere Regierungen haben die Kontrolle verloren. Was sich als friedlicher Islam gibt, ist nur Fassade, dahinter lauert der wahre, gewalttätige Islam.

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Was bezweckt der Autor mit diesem Text? Roger Cohen warnte 2015: „big lies produce big fears that produce big yearnings for big strongmen”[4]. Soll der Weg bereitet werden für die „großen starken Männer“? Gerade sie haben nach Zygmunt Bauman wenig Interesse an realen Sorgen und Problemen, sondern widmen sich aus machtstrategischen Gründen eher dem Schüren neuer Ängste und Bedrohungen, als realen Krisenherden und deren Wurzeln. Der Autor selbst erklärt, er wolle aufdecken, was die sogenannten Mainstream-Medien und die Politik verschweigen, von dem er allerdings überzeugt ist, es sei die Wahrheit. Sehr viel an Wahrheit steckt leider nicht darin, viel mehr eine zehnseitige Zusammenfassung gängiger Verkürzungen, Vorurteile bis hin zu Verfälschungen gepaart mit politischer Angstmache. Für die real existierenden Probleme ist dies in keinster Weise hilfreich, sondern schürt im Gegenteil noch weiter Hass und Entfremdung.

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Nun könnte man sagen, ist doch nur ein anonymer Artikel in einem Gratisblatt. Jedoch liegt die aktuelle Ausgabe dieses laut Eigendefinition „Premium Jahres-Magazins“ seit Jahresbeginn in zahlreichen Zimmern und Rezeptionen der Aushängeschilder österreichischer Gastlichkeit auf. Meinem dreimaligen Hinweis in der gebuchten Unterkunft, ob man wisse, was in diesem Blatt stehe und dass dies wissenschaftlich wie moralisch in keinster Weise vertretbar sei und wohl auch kaum dem Leitbild des Hauses entspreche, ist man nicht wirklich nachgekommen. Eine kleine Notiz auf einem Schmierzettel an der Rezeption, ein Augenverdreher einer Rezeptionistin.

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Einige der besten Wellness-Hotels aus Österreich und Deutschland inserieren in diesem Magazin, Rechtsanwälte und Ärzte erhalten es zugesandt. Ist ihnen bewusst, welch hoch problematischer Text neben ihren Werbeeinschaltungen zu finden ist? Manche Hotels bieten Anwendungen aus der arabisch-islamischen Tradition an bzw. haben einen breiten Kundenstock aus dem arabisch-islamischen Raum. Am Vormittag ins Hamam mit Teezeremonie, am Abend zur Gratis-Lektüre „Angst vor Allah“? Bleibt zu hoffen, dass bislang nur die wenigsten Gäste zum Relax-Magazin gegriffen haben – um des Rufes der Hotels willen, vor allem aber um unserer pluralen Gesellschaft willen, die eine aufrichtige, respektvolle Auseinandersetzung mit muslimischer Lebens- und Glaubenspraxis dringend notwendig hat. Mögen die Hoteliers ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung nachkommen, wie auch die empfangenden Ärzte und Rechtsanwälte und dieses Blatt zumindest in der Ausgabe 2017 aus ihren Einrichtungen entfernen und mögen möglichst viele Gäste/Klienten/Patienten Protest einlegen.

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Zum behandelten Artikel:

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Ohne Autorenangabe, Angst vor Allah. Relax-Magazin 2017, S. 44 – 52. Online verfügbar unter: https://www.relax-guide.com/wellnessblog-4178 [online publiziert am 7. Februar 2017, zuletzt abgerufen: 27.9.2017]

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[1] Vgl. die Mediaangaben auf der Homepage des Relax Guide, online verfügbar unter: https://www.relax-guide.com/files/mediadaten.pdf [zuletzt abgerufen: 27. 9.2017]. Der Vertrieb erfolgt laut Mediendaten zu 70% in Wellnesshotels, Friseure und Day Spas sowie zu 30% über den Direktversand an Ärzte und Rechtsanwälte.

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[2] Vgl. Warrick, Joby, CIA Chief Sees Unrest Rising with Population. Washington Post (1. Mai 2008). Online verfügbar unter: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/04/30/AR2008043003258.html?nav=rss_world [zuletzt abgerufen: 27.9.2017].

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