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Rechtschaffenheit und Liebe. Predigt zu Mt 18,15-20
(Gehalten in der Jesuitenkirche am 10. September 2017 um 11.00 und 18.00 Uhr.)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2017-09-24

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Predigt zu Mt 18,15-20 und Röm 13-8-10 (23. Sonntag im Jahreskreis; Lesejahr A)

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Der Umgang mit dem Wort des Evangeliums von diesem Sonntag ist heute schwieriger denn je. Und warum? Unsere medial strukturierte Öffentlichkeit lebt geradezu vom Skandal. Dem Skandal, den sie natürlich in den Dienst der Rechtschaffenheit stellt. Deswegen bemühen sich ganze Horden von Enthüllungsjournalisten, die Korruptionsfälle aufzudecken und auch die kleinen, gar die kleinsten Sünden der Menschen an die Öffentlichkeit zu zerren. Die Skandaljäger lechzen danach, diejenigen die als Rechtschaffende gelten, oder nur auch gelten wollen, diese Menschen zu beschämen. Outing ist längst eine der populärsten Kommunikationsstrukturen geworden; der archaisch anmutende Klatsch bekam in unseren Tagen ein rationales Gewand. Bloßstellen des Anderen in der Öffentlichkeit soll keineswegs dazu führen, dass sich der Andere verändert; es soll ihn von seiner Position stürzen! Outing soll die Brücken, die die Menschen miteinander verbinden, einreißen. 

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Wie weltfremd hört sich da der Hinweis Jesu (Mt 18,15): „Wenn dein Bruder, wenn deine Schwester sündigt, weise ihn, weise sie unter vier Augen zurecht!” Unter vier Augen. Der Mitmensch soll geschont werden und nicht beschämt. Gerade in seinem Versagen! Schwer, sehr schwer gelingt uns heute die Ernstnahme dieses Wortes aus dem Evangelium. Viel leichter tun sich da unsere Kultur und auch unsere Kirche mit den nachfolgenden Sätzen, mit Sätzen, die das Problem der Rechtschaffenheit erst recht mit Ausschluss verbinden, mit Exkommunikation, mit Abreißen von Brücken. Mit Herabwürdigung der Versagenden, einer Herabwürdigung jener, die sich anders verhalten. Sie werden mit den verachteten sprichwörtlichen biblischen Zöllner verglichen. 

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Jesus scheint in diesem heutigen Evangelium – um der Rechtschaffenheit willen – klar den Ausschluss zu empfehlen. Als die letzte Maßnahme zwar, doch immerhin! So klar, liebe Schwestern und Brüder, diese Sätze auch sein mögen, müssen sie uns doch Kopfzerbrechen bereiten. Denn: unmittelbar vor dem heutigen Abschnitt steht im Matthäusevangelium das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Jene wunderbare Geschichte von dem „wahnsinnigen” Hirten, der kein Risiko für sich selber scheut, aber auch für die übrigen 99 Schafe. Alles auf eine Karte setzt, bloß um dem einen einzigen verlorenen Schaf nachzugehen und es zu integrieren. In seiner Haltung finden wir nichts, aber gar nichts von der Mentalität des Ausschlusses, nichts von der Bereitschaft zur Exkommunikation, nichts von einer herabwürdigender Haltung jenen gegenüber, die sich verirrt haben. 

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Der scheinbare Widerspruch wird umso eklatanter, wenn man sich die Haltung Jesu zu den Zöllner und Heiden vor Augen führt. Er hat sich immer wieder um sie bemüht und dies Zeit seines Lebens. Und liest man bei Matthäus weiter, so folgt auf unser heutiges Evangelium der prägnante Text, den wir am nächsten Sonntag hören werden: „Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben? Siebenmal? Nein. Siebenundsiebzig!”, sagt Jesus und gibt zu verstehen, dass die Bemühung um Rechtschaffenheit nicht bei Zurechtweisung stehen bleiben kann. Und warum nicht? Weil sich diese schwerstens vom Geist des Skandals lösen lässt. Gerade heutzutage. Wir geben vor, uns um die Rechtschaffenheit Sorgen zu machen, faktisch befriedigen wir unsere Skandallust. Und der Ausweg aus dieser Falle?

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Die Spannungen, die wir im heutigen Evangelium vorfinden und die angeblichen Widersprüche, werden in einer alten Geschichte aus der Zeit der Wüstenväter aufgefangen und auch einer Lösung zugefügt. Die um die Vollkommenheit bemühten Mönche sind aufgebracht. Die Sache riecht nach Skandal. Einer der Ihrigen sei gefallen. So tuscheln jedenfalls die Brüder... Untereinander. Hinter dem Rücken des Betroffenen. Die Jungen und Dynamischen können der Versuchung kaum widerstehen, den erhobenen moralischen Zeigefinger auf das schwarze Schaf zu richten. Und den Verirrten und Unwürdigen zu verurteilen. Der fromme Eifer in Sachen Rechtschaffenheit gebot es aber, auch nach den Ältesten zu schicken. Damit sie mit einstimmen: in den Chor der Skandalisierten, jener, die sich im Geist des Skandals um Rechtschaffenheit bemühten. „Komm schon, alle warten auf Dich!”, bedrängte der junge Eiferer den alten Greis. Dieser überlegte kurz. Nahm einen Sack, fühlte es mit Sand und lud sich diesen auf die Schultern. Der Sack war löchrig. So rieselte der Sand hinter dem alten Mönch. „Was ist los Väterchen? Was soll das?”; schrieen die aufgeregten Gerechten. „Meine Sünden rinnen hinter mir heraus und ich sehe sie nicht. Und jetzt bin ich gekommen, um fremde Sünden zu richten!” Als sie das hörten, senkten die Eiferer, jene die sich im Geist des Skandals um Rechtschaffenheit bemühten, sie senkten ihre Blicke. Und übten sich fortan in der Kunst der Vergebung. 

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Rechtschaffenheit gedeiht – liebe Schwestern und Brüder – nicht in der Atmosphäre des Skandals. Das gilt auch für die Zeiten der Wahlkämpfe. Rechtschaffenheit braucht zwar klare Worte, klare Weisungen. Sie braucht Gesetze. Doch diese allein genügen nicht. Die Rechtschaffenheit braucht die Atmosphäre der Liebe zum Leben. Diese ist ja die Erfüllung des Gesetzes, sagt die heutige Lesung aus dem Römerbrief. Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes, nicht der Geist des Skandals. Deswegen braucht es eine Brücke: von der Insel der Liebe, die ja so schwer zu leben ist zum Festland der Rechtschaffenheit, die ja unseren Alltag prägen soll. Und diese Brücke? Sie heißt Vergebung. 

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