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Die Vielfalt der Fragen. Ansprache zum Akademischen Festakt am 10. Juni 2017

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2017-06-23

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Magnifizenz, geschätzter Rektor Märk, verehrter Prof. Madersbacher, liebe Studierende, verehrte Verwandte, Freunde und Bekannte unserer AbsolventInnen und natürlich ganz besonders Sie, die Sie heute den Abschluss Ihres Studiums feiern. Es ist schön, dass Sie für Ihre Feier einen Studiendekan der theologischen Fakultät ausgeliehen haben, und ich freue mich, dieses Fest gemeinsam mit Ihnen zu begehen.

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Was haben die die Tiroler Frage 1918/19, Simone de Beauvoirs existentialistische Konzeption der Frau, Erfahrungen von VolksschulpädagogInnen mit geflüchteten Kindern, tiergestützte Therapieformen, das Heldenbild im Nibelungenlied, die jüngeren jüdischen Generationen im britischen Drama, die südbairisch-mittelbairischen Lautgrenzen im Tiroler Unterland, Tabus rund um den Lehrberuf, Tagebucheintragungen einer jungen Tirolerin und die Holzanatomie und Hydraulik heimischer Straucharten gemeinsam? Das war eine kleine Auswahl der Themen, mit denen sich Ihre Arbeiten beschäftigten – nachher bei der Übergabe Ihrer Urkunden werden wir dann alle Titel hören.

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Man könnte versucht sein, zu sagen: Diese Themen haben nichts gemeinsam, es sind eben ganz verschiedene Dinge, die man an der Universität Innsbruck studieren kann, nichts weiter. Und wenn wir bedenken, dass später an diesem Vormittag noch viel mehr Arbeiten aus weiteren Disziplinen hier gefeiert werden, so müsste man vermuten, dass die noch weniger mit den Ihrigen gemeinsam hätten, die doch mit Ausnahme einer biologischen Arbeit alle aus dem Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften stammen. Ich glaube aber, dass diese schnelle Antwort voreilig wäre und etwas ganz Wichtiges übersehen würde.

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Warum kann man denn all diese Dinge an einer Universität studieren? Von den vielen Antworten, die man hier geben könnte – man könnte von den rechtlichen Grundlagen bis zur Struktur einer Volluniversität vieles anführen – von diesen vielen Antworten möchte ich mich darauf konzentrieren, was dies über uns Menschen und unser Menschsein aussagt. Der letzte Grund, warum Ihnen die Universität ermöglichte, diese verschiedenen Dinge zu studieren, ist doch, dass wir Menschen Wesen sind, deren Wissensdurst und Fragehunger prinzipiell grenzenlos sind. Natürlich, jeder und jede von uns hat bestimmte Interessen und anderes interessiert uns dann nicht so sehr. Nicht alle interessiert alles gleichermaßen. Insofern endet der Wissensdrang jedes Menschen irgendwo. Aber insgesamt als Menschheit hat unser Wissensdurst keine Grenze. Und so fragen wir nach den verschiedensten Dingen und erweitern unser Wissen in vielen Bereichen.

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Das wirft aber auch Probleme auf. Es kann geschehen, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen – oder anders gesagt: Vor lauter Wissen kennen wir uns nicht mehr aus. Wir sind es, die die verschiedenen Fragen stellen. Und doch sind wir es auch, die verwirrt sind von der Vielzahl möglicher Fragen und durch die vielen Antworten oft die Orientierung verlieren. Hier kann es uns helfen, wenn wir eine neue Art des Fragens anwenden: Nicht mehr die Suche nach mehr Information und mehr Daten, sondern die Frage nach der Bedeutung, dem Zusammenhang und der Relevanz der verschiedenen Erkenntnisse wird nun wichtig. Unser Fragen ist nicht nur quantitativ prinzipiell unbegrenzt; es ist auch qualitativ prinzipiell unbegrenzt und wir sind gut beraten, uns hier nicht zu schnell eingrenzen zu lassen und uns mit schnellen und einfachen Antworten zufrieden zu geben.

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Wenn unser Fragen wirklich unbegrenzt ist, dann können wir auch nach dem Sinn und Zusammenhang des Ganzen fragen: nach Sinn und Zusammenhang unseres Daseins, der Welt, des Kosmos. Ja, wir können sogar über den empirisch zugänglichen Kosmos hinausfragen, nach seinem ersten Grund und letzten Ziel. Ich weiß natürlich um den Verdacht, der gegenüber meiner Disziplin, der Theologie, besteht, dass sie nämlich fertige Antworten auf Fragen gebe, die ohnehin gar niemand mehr stellt. Daran ist etwas Wahres, aber auch etwas, dem ich mich nicht anschließen würde. Tatsächlich scheint die Frage nach dem Sinn des Ganzen, nach dem Woher und Wohin nicht im Mittelpunkt des heutigen Denkens zu stehen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass zu viele zu früh aufhören weiterzufragen oder sich zu schnell damit zufrieden geben, dass es eine Antwort auf diese Frage einfach nicht gebe. Doch das sei dahingestellt. Nicht anschließen würde ich mich hingegen der Unterstellung, die Theologie hätte schon fertige Antworten, die man nicht mehr hinterfragen könne. Im Gegenteil denke ich, dass die Theologie Bereiche des menschlichen Daseins einem rationalen und wissenschaftlichen Diskurs zuführt, die, wenn sie sich selbst überlassen blieben, durchaus gefährlich und bedrohlich sein könnten, die aber – trotz gegenteiliger Beteuerungen und eifriger Versuche – aus dem menschlichen Leben nicht eliminiert werden können: die Frage nach letztem Sinn und letztem Wert. Wie wichtig es ist, Antworten auf diese Frage nicht mit Waffen, sondern mit Argumenten zu suchen, können wir leider nur zu oft in den Nachrichten verfolgen.

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Erst wenn wir die verschiedenen Frage- und Wissensbereiche miteinander korrelieren oder gar in eine integrative Gesamtschau bringen können, werden sie uns zu verantworteten, lebenstragenden Entscheidungen verhelfen. Immer wieder im Leben stehen wir vor solchen: Wir entscheiden nicht nur über alltägliche Kleinigkeiten, sondern auch über große Weichenstellungen: über unser Studium und unseren Beruf, über unsere Lebensweise und Partnerwahl, über unsere politischen Überzeugungen und gesellschaftliches Engagement.

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An dieser Stelle möchte ich einen berühmten Professor zitieren. Leider lehrte er nicht an der Universität Innsbruck. Sein Name war Albus Dumbledore und er sagte einem sehr verunsicherten Schüler, der nicht mehr wusste, wer er eigentlich war und wohin er gehörte, Folgendes: „It is our choices, Harry, that show what we truly are, far more than our abilities.“[1] Ja, das ist ein Zitat aus einem Kinder- und Jugendroman, aber ich glaube es schmälert nicht die Würde dieses Festakts, denn es drückt eine wichtige menschliche Wahrheit aus: Unsere Entscheidungen machen uns zu der Person, die wir sein werden. Unsere Fähigkeiten und Kompetenzen mögen uns helfen, Entscheidungen zu treffen, aber das ist kein Automatismus und nicht sie definieren, wer wir sind. Höhere Bildung macht uns nicht zu besseren Menschen. Doch als Menschen, als verantwortliche, einmalige Personen sind wir gefragt zu entscheiden, wer wir sein wollen, in welcher Welt wir leben wollen, und wie wir unser Dasein gestalten. Und dadurch entscheiden wir auch über die Qualität unseres Menschseins.

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Liebe AbsolventInnen, ich wünsche Ihnen daher am heutigen Tage ein Dreifaches: Dass Sie auch nach den Ende Ihres Studiums offen bleiben für neue Fragen; dass es Ihnen gelingen möge, sich im Dschungel der Fragen und Antworten zu orientieren und gute Entscheidungen zu treffen; und schließlich, dass Sie Sinn erfahren in Ihrem Leben und sich von diesem leiten lassen.

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[1] Rowling, Joanne K.: Harry Potter and the Chamber of Secrets. Digital Edition, London 2012, 333.

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