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Mit Thomas zwischen Fake News und Good News. Gedanken zum 2. Ostersonntag 2017

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2017-04-26

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Apg 2,42-47); 1 Petr 1,3-9; Joh 20,19-31

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Liebe Gläubige,

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als ich über das heutige Evangelium nachgedacht habe, ist mir eine Frage in den Sinn gekommen: Ist vielleicht der Apostel Thomas der ideale Heilige gerade für unsere Zeit; genauer für eine Zeit, in der es so viel Fake News und seit neuestem sogar alternative Wahrheiten gibt? Bräuchte es da nicht einen wie Thomas, der kritisch nachfragt und Beweise verlangt, bevor er das glaubt, was ihm andere erzählen? Irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Denn je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Einerseits ist schon richtig: Thomas verhält sich ganz anders als Menschen, die auf Fake News hereinfallen; aber anderseits ist auch die Botschaft, mit der es Thomas zu tun hat, von ganz anderer Art als Fake News.

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Die Nachrichten, die als Fake News entlarvt werden, sind nie gute Nachrichten, aber es sind Nachrichten, die den Menschen, die auf sie hereinfallen, in ihr Konzept der Wirklichkeit passen; sie bestätigen ihre Sicht der Dinge, und zwar meist eine Sicht, die etwas Schlimmes von anderen denkt und Anlass gibt sich aufzuregen. Fake News bestärken uns in unseren Vorurteilen, zeigt uns überdeutlich Probleme in unserer Gesellschaft und bietet uns vermeintlich einen guten Grund, unseren Ärger darüber endlich mal herauszulassen.

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Die Nachricht, die Thomas erhält, hat damit gar nichts zu tun: Sie ist sehr wohl eine gute Nachricht – „Wir haben den Herrn gesehen“ –, aber sie passt nicht in Thomas’ Konzept der Wirklichkeit. Er weiß, dass der Mann, den sie den „Herrn“ genannt hatten, verurteilt und am Kreuz hingerichtet wurde. In Thomas’ Weltbild passt nur, dass dieser Jesus tot ist, und er möchte diese harte Wahrheit annehmen. Wenn er aber die Nachricht glauben würde, führte das nicht dazu, dass er über andere schlecht denken würde – eher im Gegenteil. Und es würde auch keinen Ärger in ihm auslösen. Im Gegensatz dazu würde es ihn freuen und glücklich machen. Er würde sich beschenkt und befreit fühlen. Die Frohbotschaft des Evangeliums erschüttert die Vorurteile des Thomas und bietet ihm einen Grund sich zu freuen.

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Fake News Konsumenten glauben die falschen Nachrichten gern, weil diese von ihnen nicht verlangen, ihre Vorurteile loszulassen; weil sie ihnen Anlässe bieten, ärgerlich und selbstsüchtig zu sein. Thomas glaubt die Good News des Evangeliums ungern, obwohl es für ihn eine Freudenbotschaft wäre, aber um sich freuen zu können, muss er zuerst seine Vorurteile loslassen, ja gar überwinden, und das ist schwierig.

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Ist das nicht seltsam, dass wir Menschen viel eher bereit sind, etwas zu glauben, das uns ärgert oder traurig macht, als etwas, das uns freut, wenn es nur unsere Vorurteile intakt lässt und uns eine Erlaubnis zur Entrüstung gibt? Sicher, es gilt vorsichtig zu sein, wenn uns eine Nachricht freuen würde; wir haben Angst davor, manipuliert zu werden, und sind gerade dann skeptisch, wenn eine Nachricht Good News ist. Das ist sicher nicht verkehrt. Wir haben das aus so mancher Enttäuschung gelernt. Aber kann man es damit nicht auch übertreiben? Muss eine Nachricht schon deshalb unglaubwürdig sein, weil sie eine gute Nachricht wäre? Nicht unbedingt, aber wie unterscheidet man die falschen guten von den wahren guten Nach­rich­ten – und wie Fake News von Good News?

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Ich denke, da kann uns der Apostel Thomas tatsächlich helfen. Er legt sehr selbstbewusst Kriterien fest, die erfüllt sein müssen, damit er an die Auferstehung Jesu glauben kann. Er möchte die Wundmale Jesu sehen und berühren. Worum geht es dabei? Haben wir es hier mit einer frühen Variante von sensationslüsterner Wunder­hysterie zu tun? Ich denke nicht. Thomas’ Forderung folgt durchaus einer gewissen Logik: Wenn eine Nachricht zu gut scheint um wahr zu sein, dann macht es Sinn danach zu fragen, ob sie das Negative, das Leid, das Schmerzhafte einfach ausblendet. Das wäre nämlich wirklich nicht realistisch, und das machte uns auch nicht wirklich glücklich. Das Leidvolle und Schlimme in unserem Leben prägt uns ja auch und wird ein Teil von uns, nicht weil es leidvoll war, aber weil es für uns bedeutsam war und uns existenziell betroffen hat. Ein Glück, das dieses Bedeutsame unseres Lebens übertünchen oder gar auslöschen wollte, das würde uns von uns selbst entfremden und wäre letztlich kein Glück, keine Frohbotschaft, sondern eine billige Vertröstung.

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Wenn Thomas also die Wundmale Jesu sehen will, dann geht es ihm nicht um eine Sensation, es geht vielmehr um die Frage, ob die frohe Botschaft von der Auferstehung die Passion verleugnen muss, ob das Grausame und Schreckliche des Karfreitags durch Ostern ausgelöscht werden. Ob Thomas dann wirklich seine Finger in die Wundmale gelegt und sie untersucht hat, darüber schweigt sich das Johannesevangelium aus. Es berichtet nur, dass Jesus ihm dies anbot und er darauf ausrief „Mein Herr und mein Gott!“ Ich lese das so, dass Thomas die Wundmale nicht berührt und näher untersucht hat, dass er von der Erscheinung des Auferstandenen, die offenbar das Leid der Passion keineswegs ausgeblendet hat, so beeindruckt war, dass er die gute Nachricht glauben konnte.

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Zwar ist es wichtig, dass eine gute Nachricht das Leid und das Schmerzvolle, das zu uns gehört, nicht auslöscht; es ist aber auch wichtig, dass wir in diesem Leid nicht herumstochern, sondern es irgendwann auch hinter uns lassen können. Ein Teil davon prägt uns für immer mit, weil es für uns einschneidend und bedeutsam war; ein Teil davon ist Vergangenheit und wir müssen nicht darin herumbohren, um es nicht zu verleugnen.

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Thomas hatte die Größe, das zu erkennen und danach zu handeln. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Nachrichten und für die Unterscheidung zwischen Fake News und Good News? Wir haben schon gesehen, dass Fake News uns erlauben, unsere eigenen Vorurteile beizubehalten, unsere eigenen Probleme in den Mittelpunkt zu stellen, und als Konsequenz daraus, unserem Ärger auf andere freien Lauf zu lassen. Politische Kräfte, die das ausnützen wollen, tun darüber hinaus noch etwas: Sie behaupten, sie könnten unsere Probleme leicht lösen. Sie sagen auch noch, wem sie etwas wegnehmen wollen, das sie vermeintlich zu Unrecht haben. Was sie aber ausblenden, ist das Leid, das Menschen erduldet haben, oder das ihnen zugefügt wird, wenn man ihnen bestimmte Dinge wegnimmt. Fake News und die darauf aufbauende Politik haben kein Interesse daran, dass das Leid hinter dem Glück gesehen wird, denn sie wollen das Glück der einen durch das Leid der anderen erreichen. Damit ist aber auch klar, dass sie kein echtes Glück bringen können, sondern nur ein gestohlenes.

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Das Glück der Frohbotschaft von Ostern nimmt niemandem etwas weg – außer Vorurteile –, denn der Überbringer, der auferstandene Herr, hat es mit seinem eigenen, nicht mit fremdem, Leid erkauft – nicht gestohlen. Diese Frohbotschaft hat es nicht nötig, irgendein Leid auszublenden: weder das Leid Jesu noch das Leid anderer Menschen, seien es wir selbst mit unseren Problemen, oder Menschen, die uns vielleicht ärgern. Die Osterbotschaft bietet keine einfache Lösung für unsere Probleme; die zu finden überlässt sie uns selber. Sie fordert uns heraus, auf österliche Weise nach solchen Lösungen zu suchen: wachsam, damit wir nicht unseren Vorurteilen erliegen; aufmerksam auf wessen Kosten eine Lösung geht; sorgfältig, das Leid nicht zu übertünchen oder zu verdrängen; offen, um nicht im Leid herumzustochern, sondern es heilen zu lassen – und vor allem: beseelt von der Zuversicht, dass die Probleme und das Leid nicht das Zentrale und das Letzte sind. Das Zentrale und das Letzte ist das Leben, das Gott für alle Menschen vorgesehen und das er im auferstandenen Christus schon vorweggenommen hat. Haben wir die Zuversicht, dass wir Menschen das Ziel, das unser christlicher Glaube uns in Aussicht stellt, erreichen werden: unser Heil.

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