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Gott und Teufel: zum Verwechseln ähnlich?
(Predigt (über die Gotteserfahrung Jesu), gehalten in der Jesuitenkirche am 1. Fastensonntag, 5. März 2017.)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2017-03-12

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Predigt zum Sonntagsevangelium: Mt 4,1-11 / Mt 3,13-17.

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Da ging es plötzlich Schlag auf Schlag. Die Widerfahrnisse überschlugen sich im Expresstempo, nachdem jahrzehntelang absolute Funkstille seinen Alltag dominierte. Hier und da eine Hochzeit in der Verwandtschaft, oder bei den Freunden, dort eine Beerdigung. Nichts Großes. Auch keine besondere Tragödien, der ganz normale Alltag eben. Doch dann... Dann traf er jenen Mann, der den Alltag sprengte, nicht nur für die willkommene Abwechslung sorgte, sondern wirklich – wirklich! – etwas zu sagen hatte. Den Eliten Leviten lesen konnte! Vom Sturz der Etablierten zu sprechen wagte und Neues, wirklich Neues ankündigte. Es lief einem halt den Rücken kalt runter sobald er seinen Mund auftat und das Establishment geißelte: „Ihr Scheißkerle, ihr Schlangenbrut! Wartet mal ab. Ungeschoren kommt ihr nicht davon. Die Geduld der Massen und die Geduld Gottes sind längst am Ende, die Revolution wird nicht lange auf sich warten lassen. Wer seine Haut retten möchte, der soll schleunigst die Seite wechseln. Eintauchen in die neue Perspektive, den angestaubten Dreck abwaschen, sein Leben radikal ändern!”

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Jesus nutzte die Chance, ging auf den neuen Guru zu, tauchte im Wasser unter ... und ... erstarrte. Wie ein Blitz war da bloß ein Gedanke im Kopf. Jemand schien sich seines Bewusstseins zu bemächtigen. Doch nicht deswegen, um sein schlechtes Gewissen noch zusätzlich zu verstärken, ihn selber und seine Welt mit der moralischen Keule zu geißeln. Sein Gewissen, das ihm hin und wieder seit der Pubertätszeit immer noch „mantra-artig” Leviten zu lesen pflegte, dieses Gewissen verstummte auf einmal. Er fühlte sich angenommen, um nicht zu sagen geliebt..., in seiner Eigenart bedingungslos angenommen und geliebt! Der Liebling Gottes wollte nun die Welt umarmen. „Also bloß raus von hier, raus aus dem Wasser, weit, weit weg. Weg von jenem Guru, der bloß zu geißeln vermag und alles schwarz malt.”

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Liebe Schwestern und Brüder, das Evangelium des ersten Fastensonntags setzt genau an dieser Stelle an; es beschreibt die atemberaubende Fortsetzung der Begegnung Jesu mit dem profiliertesten Systemkritiker seiner Zeit. Johannes der Täufer steht ja all jenen Weltverweigerern Pate, die in ihrer Gegenwart bloß Korruption, bloß Verdichtung von Sackgassen, bloß den Inbegriff von Misswirtschaft sehen. Und bloß einen Gott des Zornes ankündigen können. Besessen von der Logik, es sei doch schon längst „5 nach 12" suchen sie höchstens ihre eigene Haut aus dem „unweigerlich heranrückenden” apokalyptischen Inferno zu retten. Fasziniert von der systemkritischen Botschaft verlässt der dreißigjährige Mann seine Heimatstadt Nazareth und seinen geordneten Alltag. Er steigt sozusagen aus. Doch die Begegnung mit Johannes und sein Tauferlebnis stürzen ihn in eine Krise. So möchte er nun mit sich selber ins Reine kommen, nachdem ausgerechnet die systemkritische Botschaft bei ihm selber genau das Gegenteil bewirkte, von dem, was sie sonst landauf, landab produzierte. Weder das Gefühl der Selbstgerechtigkeit angesichts der Korruption der Anderen noch das Gefühl, ein korruptes und scheinheiliges Schwein zu sein, das sich fortan an die Brust schlagen muss. Nichts von all dem erfüllte sein Herz. Sondern das Gefühl des Angenommenseins, das Gefühl des bedingungslos Geliebtseins.

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Angesichts des so erfahrenen Widerspruchs möchte er mit sich selber und mit seinem Gott ins Reine kommen. Reduziert deswegen seine Lebensgewohnheiten und seine leiblichen Bedürfnisse auf ein Minimum, fastet wie ein Wahnsinniger, hofft Klarheit zu bekommen: Klarheit über Gott und die Welt, Klarheit über den Wert solch globaler Systemkritik. Klarheit über die Inspirationskraft kritischer Theorien, die bloß auf das Unwahre fixiert bleiben, auf jenes Antlitz Gottes, das nichts als Zerstörung bringt: in die Welt der Täuschung und der Lüge, Zerstörung in den Alltag, der ja schon sowieso voll von Gewalt ist.

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Liebe Schwestern und Brüder, was sich dann nach den 40 Tagen der Entsagung und des Fastens, der Askese und der getrimmten Frömmigkeit ereignet, stellt den absoluten Höhepunkt der Religionskritik der Menschheitsgeschichte dar. Dem Dreißigjährigen widerfährt nicht nur ein Wechselbad der Gefühle; er hat ja gelernt, diese in den Griff zu bekommen: dank des Fastens, der Disziplin und des geordneten Ablaufs seiner Exerzitien in der Einöde der Wüste. Vielmehr widerfahren ihm unterschiedliche Bilder von Gott. Und dies Schlag auf Schlag. Sie wühlen sein Innerstes auf, lassen ihm die Haare zu Berge stehen und auch den Atem stocken. Weil die kürzlich erfahrene Gewissheit des bedingungslosen Angenommenseins schwindet und der göttliche Zorn ihn mitten ins Herz zu treffen scheint. Die Gestalt des asketischen Johannes taucht plötzlich vor seinem geistigen Auge auf und auch das scheinbar eingeschlafene neurotische Gewissen meldet sich zu Wort. Und dann ist noch ein Gesicht da, das ihn anspricht. Und von ihm Übermenschliches verlangt! Einmal mit Drohung, einmal mit Komplimenten, mit Äußerungen der Wertschätzung. „-Bist doch ein Liebling Gottes, beweise also dir selbst und auch mir, dass du es verdienst, so genannt zu werden. Dass du dem Anspruch gerecht werden kannst. Dass du Grenzen überwindest. Dass du es schaffst, nicht nur über alle Maßen zu fasten, sondern auch Wunder anzukündigen und herbeizuzaubern, Massen zu begeistern, sich in scheinbare Abgründe zu stürzen. Hab Mut. Traue dich. Werde ein Supermann. Ein Vorzeigepopulist. Wachse über dich hinaus!”

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Jesus ist verwirrt. „Was ist der Schein? Was das Trugbild? Was die Wahrheit? Was ist des Teufels Fratze? Was Gottes Angesicht? ... Nur Ruhe bewahren! ... Was hat das Fasten mit mir gemacht? Wofür bin ich denn frei geworden? Für die Begegnung mit Gott, dem himmlischen Vater, oder mit den Dämonen? ... Hilf mir bitte die Geister zu unterscheiden, sich nicht zufrieden zu geben mit dem Widerspruch. Dich, den himmlischen Vater nicht ein mal so und ein mal anders zu bezeugen und zu verkünden, Dir ein janusköpfiges Gesicht anzudichten. ... Weg von mir Satan!”

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Liebe Schwestern und Brüder, am Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit lernt Jesus, dass sich der wahre Gott nicht unbedingt durch „Brot und Spiele” offenbart, nicht unbedingt durch Steigerung der Macht und auch nicht unbedingt durch atemberaubende Wunder manifestiert. Denn: all das vermögen auch die Dämonen, wer oder was sie auch immer sein mögen. Er lernt aber auch, dass Gott und Teufel in ihrer Erscheinung zum Verwechseln ähnlich sein können: in der Öffentlichkeit und vor dem eigenen Gewissen. Er lernt schlussendlich aber auch, dass er dem Geist Gottes vertrauen kann, ganz gleich wie erschreckend die Fratze des Dämonischen erscheinen mag.

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Wenn die Kirche seit eh und je am ersten Fastensonntag uns mit dieser dramatischen Auseinandersetzung Jesu konfrontiert, dann tut sie das in der festen Überzeugung, dass Jesus uns alle in den Prozess seines Ringens miteingeschlossen hat, dass wir deswegen in unserem Suchen und Zweifeln, dass wir alle angesichts unserer Ängste und Hoffnungen, in unserem Wechselbad der Gefühle sozusagen, dass wir gar beim Verlust des Glaubens, dass wir alle vertrauen dürfen, vertrauen dem uns führenden göttlichen Geist! Das dramatische Ringen dauerte bei Jesus sein Leben lang und auch unser Ringen wird bis in den Tod dauern. Wir können aber in unserem Leben und Sterben nicht tiefer fallen als in die Hand Gottes, des himmlischen Vaters.

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Theologische Anmerkung zu dieser Predigt: Erst im 20. Jahrhundert hat die Theologie begonnen vom Glauben Jesu und seinem dramatischen Weg zur Erkenntnis seiner Identität zu sprechen. Hans Urs von Balthasar deutete den Philipperhymnus: „Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich...” im Kontext der Menschwerdung des göttlichen Sohnes. Dieser verzichtet auf die „Privilegien der Gottheit”, wird in seinem menschlichen Leben radikal dem Geist untergeordnet und sucht nach der Konkretisierung des nächsten Schrittes seiner Sendung. Die Christologie Raymund Schwagers und auch meine eigene sind diesem Modell verpflichtet und suchen das dramatische Ringen Jesu um die Erkenntnis des wahren Gesichtes des himmlischen Vaters zu reflektieren.

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