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Von Pianisten und Musikern
(Bemerkungen zur theologischen Dimension der Bibelwissenschaft)

Autor:Huber Konrad
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:In der Diskussion um Selbstverständnis, Stellenwert und Relevanz der Bibelwissenschaft wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob und inwiefern diese als genuin theologische Disziplin zu verstehen sei und welcher Standort ihr im Rahmen des theologischen Fächerkanons zukommt. Die Reflexion auf ihr methodengeleitetes Vorgehen und das Verständnis ihres Untersuchungsgegenstandes eröffnet einen Blick auf die spezifisch theologische Dimension der Bibelwissenschaft, ihre Aufgabenstellung und Grenzen.
Publiziert in:Zukunft der Theologie - Theologie der Zukunft. Hg. K. Huber, G.M. Jagenteufel, U. Winkler, Thaur: Thaur Druck- und Verlagshaus 2001, 116-130.Im Institut erhältlich!
Datum:2001-11-27

Inhalt

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Der Neutestamentler Heinz Schürmann, der sich immer wieder in der Debatte um die Bibelwissenschaft als genuin theologische Disziplin engagiert zu Wort gemeldet hat, hat dazu einmal angemerkt: „Auf die Frage: ‚Sind Sie Exeget oder Theologe' möchte man zurückfragen dürfen: ‚Sind Sie Pianist oder Musiker?'" (2) So selbstverständlich damit eine sachlich untrennbare Verknüpfung von Exegese und Theologie im Bild angedeutet und vorausgesetzt wird, so deutlich artikuliert sich darin auch die bleibende Anfrage an die Bibelwissenschaft und ihre Fachvertreterinnen und Fachvertreter, ob denn und unter welchen Voraussetzungen und Rücksichten diese eigentlich als Theologie, als theologische Wissenschaft zu verstehen sei. Verbunden damit ist dann die Frage gestellt nach dem Standort und letztlich der Berechtigung der Exegese im Rahmen des theologischen Fächerkanons einerseits, in ihrer Fokussierung auf die alt- und neutestamentlichen Schriften aber andererseits auch nach ihrer Eigenständigkeit und Sinnhaftigkeit etwa im weiten Feld der Altertumswissenschaft.

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Die Frage nach der theologischen Dimension der Bibelwissenschaft ist eine typisch neuzeitliche: sie hat ihre Wurzeln in der geistesgeschichtlichen Wende, die mit dem Begriff der Aufklärung umschrieben wird, und ist (scheinbar unausweichliche) Konsequenz des sich von dort her vor allem im vergangenen Jahrhundert mehr und mehr etablierenden Methodeninstrumentars der gegenwärtigen Exegese. Wenn einerseits die Bibelwissenschaft nicht zuletzt wohl aufgrund dieses ihres reflektierten Methodenbewusstseins auch von außerhalb der Theologie in ihrer Wissenschaftlichkeit durchaus anerkannt und im universitären Verbund derzeit weit weniger umstritten ist als andere theologische Disziplinen, ist es andererseits gerade das methodisch-wissenschaftliche Vorgehen der modernen Exegese und das diesem zugrunde liegende Verständnis ihres primären Untersuchungsgegenstands, das im Innenbereich der Theologie die kritische Infragestellung ihres theologischen Propriums und damit nach ihrem Stellenwert aufwirft. Spätestens seit den von Karl Barth und Hans Urs von Balthasar vorgebrachten Einwänden bezüglich ihrer einseitig verkürzenden Sichtweise steht das Problem der theologischen Legitimität immer wieder zur Diskussion, und auch H. Schürmann kann von „theologischer Sachvergessenheit" der neuzeitlichen Bibelwissenschaften sprechen und darin den tieferen Grund für den „Bedeutungsschwund der exegetischen Arbeit im Gesamtspiel der theologischen Disziplinen" wie auch „der Ineffektivität in der Pastoral und im geistlichen Leben der Kirche"(3) konstatieren. Die hier aufgezeigte Spannung lässt sich weder allein durch die Feststellung, wissenschaftsorganisatorisch sei die Bibelwissenschaft eben eine Teildisziplin der Theologie, noch durch apodiktischen Monopolanspruch auf sachgerechte Handhabung der Schrift als der Grundlage jeder Theologie einfachhin auflösen. Eine Reflexion auf Gegenstand und Methoden der Exegese sowie die sich daraus ergebenden hermeneutischen Konsequenzen - die freilich hier nur in wenigen thesenhaften Anmerkungen geschehen soll - kann demgegenüber helfen, diese grundlegende Spannung einzuholen und fruchtbar zu machen.

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1. Die theologische Dimension der Bibelwissenschaft erschließt sich aus ihrem Gegenstand.

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1.1 Die alt- und neutestamentlichen Texte sind in ihrem Charakter zuallererst als literarische Zeugnisse geschichtlicher Gottes- und Glaubenserfahrung zu verstehen und von der Exegese in den darin implizierten Dimensionen entsprechend ernst zu nehmen. Als Texte sind sie in ihrer sprachlich-literarischen Gestalt wie jede Literatur eingespannt in ein dichtes Netz texttheoretisch aufweisbarer Bezüge und unterliegen den Entstehungs- und Kommunikationsbedingungen ihrer Zeit. Als schriftliche Zeugnisse und Quellen der Vergangenheit sind sie - und das gilt für alle ihre Dimensionen - wesentlich geschichtlich geprägt und sind bestimmt durch ihre je konkrete historische Verortetheit wie auch durch ihre je spezifische Entstehungs-, Weitergabe-, Rezeptions- und Wirkungsgeschichte. Will die Exegese also ihrem Erkenntnisgegenstand unter wissenschaftlicher Rücksicht gerecht werden, hat sie diesen beiden Aspekten in Analyse und Interpretation durch die reflektierte Anwendung adäquater, an den Texten ausgerichteter und an ihnen zu bewährender (bzw. gegebenenfalls zu modifizierender und auszuweitender(4) ) Methoden entsprechend Rechnung zu tragen. Ein philologisch-linguistisches und historisch-kritisches Vorgehen ist daher für die Bibelwissenschaft ebenso grundlegend wie unverzichtbar. Das impliziert eine differenzierte Vielfalt methodischer Einzelschritte und Fragestellungen, macht darüber hinaus die Berücksichtigung und Einbeziehung angrenzender Themengebiete (für das Neue Testament etwa das frühjüdische und hellenistische Umfeld) notwendig und erfordert Offenheit für und Auseinandersetzung mit methoden- und sachverwandten (theologischen wie außertheologischen) Nachbardisziplinen. (5)

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Mit der Charakterisierung der biblischen Texte als historisch-literarische Zeugnisse von Gottes- und Glaubenserfahrung ist aber dem Gegenstand der Exegese auch ein primär theologisches Moment eingeschrieben. „In dieser Perspektive" - so Thomas Söding - „ist die theologische Relevanz der Exegese begründet." (6) Der Aspekt der Gottes- und Glaubenserfahrung - freilich im Sinne von reflektierend verarbeiteter Bezeugung derselben - weitet nämlich den Blick auf den theozentrischen Bezugsrahmen der Texte und ihre kommunikative, beziehungsstiftende Funktion. Damit ist aber zugleich und von vornherein die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug und dem in den Texten zum Ausdruck gebrachten Wahrheitsanspruch in den Raum gestellt und offen gehalten; eine Frage, die sich u.a. auch unter textpragmatischer und (rezeptions-)ästhetischer Rücksicht aufgibt. Diese zur Sprache zu bringen ist ein erster Schritt und zeigt den Weg hin zu einer „sach"gerechten theologischen Interpretation und einem über die reine Analyse hinausgehenden vertieften Textverständnis.(7)

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1.2 In kirchlicher Sicht gilt die Bibel zugleich als Heilige Schrift: als geistgewirktes Offenbarungs- und Glaubenszeugnis, als normatives Ursprungsdokument und bleibende Quelle für Theologie und kirchliche Praxis. Die Ausschließlichkeit, mit der die Exegese gerade auf die Texte des Alten und Neuen Testaments festgelegt und ausgerichtet ist, hat ihren Grund in dieser ihrer theologischen Qualifizierung. Wiewohl sich in und durch diese Texte nach christlicher Auffassung Gott selbst mitteilt und Gottes Wort manifestiert, ist die Bibel dennoch nicht Wort Gottes in dem Sinn, dass sie die Offenbarung selbst wäre. H. Schürmann spricht in diesem Zusammenhang differenzierend von „Gottes Wort in der Schrift" und unterscheidet davon eine Reihe weiterer Aspekte des Offenbarungsgeschehens, allen voran den Aspekt von „Gottes Wort vor und neben der Schrift". (8) Grundlegend und kennzeichnend für das biblisch-christliche Offenbarungs- und das (darin implizierte) Inspirationsverständnis ist dabei der innere Zusammenhang von Selbsterschließung Gottes und der Dimension ihrer Geschichtlichkeit - als Bedingung der Möglichkeit, diese auch wahrnehmen, annehmen und weitergeben zu können. (9) Offenbarung vollzieht sich demnach wesenhaft nie anders als in menschlich-geschichtlicher Vermittlung und wird vorzugsweise in den Texten der Bibel im und durch das Medium der Schrift zugänglich. Die Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Dei Verbum" spricht in diesem Zusammenhang davon, dass „Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat" (Dei Verbum 12). Von daher besteht auch kein prinzipieller Widerspruch zu dem bereits skizzierten Textverständnis und den sich daraus ergebenden wissenschaftlichen Zugangsweisen der Exegese. Sie sind im Gegenteil gefordert und - theologisch gesehen - eine Konsequenz und ein Ernstnehmen der inkarnatorischen Gestalt und Funktion göttlicher Offenbarung. Gerade als eine Sammlung historisch-literarischer Dokumente und in dieser ihrer komplexen Eigenart lassen sich die biblischen Texte als Heilige Schrift verstehen; sosehr, dass ein theologisches Verständnis nicht nur notwendig rückverwiesen ist auf literaturwissenschaftliche und historisch-kritische Exegeseschritte - etwa als lästig-hypotrophen Vorspann -, sondern überhaupt erst und unverzichtbar in und durch deren zielstrebige Verfolgung zu entdecken ist. Als literaturwissenschaftliche und historisch-kritische ist die Exegese also eigentlich theologische Wissenschaft, deren theologische Dimension dann aber konsequenterweise auch nicht ein beliebig disponibler Anhang.

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1.3 Im Aufweis der Exegese als Theologie genügt allerdings nicht eine rein äußerliche Berufung bzw. formale Beschränkung auf den Kanon als vorgegebene theologische Größe, es geht vielmehr um ein Ernstnehmen der im Begriff des Kanon implizierten Momente, um das Einholen all dessen, was im Prozess der faktischen Kanonisierung schlussendlich seine gegenständlich-umrissene Manifestation erfahren hat. Daraus ergeben sich eine Reihe von Anfragen an und weiterführenden Folgerungen für die Bibelwissenschaft.

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So lässt sich die Rede vom Kanon zum einen „nur auf dem Hintergrund einer Gemeinschaft begreifen, die in der Weise zum Träger einer Überlieferung wird, daß sie in solchen Schriften Zeugnisse ihrer Glaubenserfahrungen und Normen ihrer Lebensgestaltung erkennt" (10) . Der Kanon der biblischen Schriften ist nicht als absolute Größe gegeben, sondern eingebettet in den der Schrift vorgängigen Raum kirchlicher Gemeinschaft und angewiesen auf den lebendigen Prozess kirchlicher Tradition, lehramtlicher Entscheidung und je aktualisierenden Gebrauchs. Das damit verknüpfte Verständnis von Schriftinspiration setzt im Sinne Karl Rahners entsprechend ekklesiologisch an. (11) Von daher fordert dann z.B. Christoph Dohmen, dass die Exegese nicht nur literaturwissenschaftlich und historisch, sondern auch „ekklesiologisch orientiert" sein müsse, „um wissenschaftstheoretisch als ihrem Gegenstand adäquat anerkannt werden zu können" (12) .

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Mit dem Verweis auf den Kanon ist zum zweiten die Frage nach dem gemeinsamen und einheitsstiftenden Grund der vielfältigen und durchaus heterogenen biblischen Zeugnisse, die Frage nach der zugrunde liegenden Botschaft, nach der „Sache" der Texte gestellt. Die innere Identität, die das Ganze der Schrift trägt und verbindet, ist eine theologische Implikation, der Versuch ihres Aufweises (bibel-)theologische Leistung. Als entscheidender Bezugspunkt für Zusammenhalt und Besonderheit der Texte kann dabei die bereits angesprochene Theozentrik genannt werden, mit Blick auf das Neue Testament und von dessen Perspektive her formuliert, das eschatologische Heilshandeln Gottes in der Person und im Wirken Jesu Christi. Der theologische Aussagesinn erschließt sich auch auf dieser Ebene freilich nicht losgelöst vom unmittelbaren Textsinn und seiner literarisch-historischen Bedingtheit. Wenn in diesem Zusammenhang das Zweite Vatikanische Konzil davon spricht, dass die Schrift „in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muß, in dem sie geschrieben wurde" (Dei Verbum 12), bzw. die Rede vom so genannten „geistlichen Schriftsinn", dem sensus spiritualis, für die Suche nach der Einheit der ganzen Schrift wieder neu aufgegriffen und aktualisiert wird, dann ist das nicht ohne diese prinzipielle Rückverwiesenheit auf den sensus litteralis (und die ihm eigene Bedeutungsvielfalt) zu denken. (13)

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Die Rede vom Kanon impliziert mit der Frage nach der inneren Einheit und Ganzheit gleichzeitig dann aber auch ein Bekenntnis zur Pluralität und zur Vielstimmigkeit der einzelnen biblischen Glaubenszeugnisse und theologischen Konzepte. Gegen zum Teil durchaus einflussreiche Versuche einer Reduzierung und Harmonisierung bewahrt der Kanon der Schrift im Rahmen seiner identitätssichernden Grenzen die urchristlich gewachsene Vielfalt und inhaltliche Differenziertheit der alt- und neutestamentlichen Offenbarungsdokumente. Bleibend aufgegeben ist damit - bei allem Suchen nach der Einheit in der Vielfalt - die Herausforderung, diese Pluralität nicht vorschnell zu nivellieren, sondern in ihrer ganzen Breite und Tiefe zu erschließen, aufrecht zu erhalten und theologisch fruchtbar zu machen. Im Horizont dieser spannungsvollen Beziehung zwischen Einheit und Vielfalt vollzieht sich die Aufgabenstellung der Bibeltheologie, ergeben sich aber auch die für sie spezifischen Problembereiche, wie etwa die Frage nach dem Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament (und in der Folge zwischen Judentum und Christentum) auf der einen oder die Schwierigkeit des hermeneutischen Zirkels von Einzelexegese und Gesamtschau auf der anderen Seite.

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Schließlich stellt sich - ebenso untrennbar verbunden mit der Kanonfrage - die Frage nach dem Wahrheitsanspruch der biblischen Texte als geoffenbartes Gotteswort und geistgewirktes, inspiriertes Glaubenszeugnis. Für die Bücher der Schrift gelte es zu bekennen - so bemerkt die Offenbarungskonstitution „Dei Verbum" dazu -, „daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte" (Dei Verbum 11). In der Kanonisierung ereignet sich die Bejahung dieses auch in den Texten selbst erhobenen Anspruchs (14) und die Zustimmung dazu als normativer Basis des christlichen Glaubens. Im Rekurs auf den Kanon ist die Exegese also letztlich vor die Wahrheitsfrage gestellt und in ihrer Offenheit für den Wahrheitsdiskurs angefragt. Sie erweist darin ihre unaufgebbare Hinordnung auf das Gesamt der Theologie, gerät gleichzeitig aber in ihrer Verwiesenheit auf den biblischen Text damit an die „Grenze zwischen historisch-theologischer und systematisch-theologischer Interpretation" (15) .

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2. Die theologische Dimension der Bibelwissenschaft erweist sich in ihrem methodengeleiteten Vorgehen.

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2.1 Die aufgezeigte Komplexität des der Bibelwissenschaft aufgetragenen Gegenstands erfordert eine entsprechende Differenzierung im hermeneutischen Vorgehen. Mit Knut Backhaus lassen sich diesbezüglich drei Ebenen voneinander abheben.(16)

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Primäre und ureigene Aufgabe der Exegese ist die wissenschaftliche Rückfrage nach dem ursprünglichen (auch theologischen) Aussagesinn der biblischen Texte und dessen kritische Erhebung und Vergewisserung. Wie bereits deutlich gemacht, ist für eine derartige Analyse, Interpretation und Rekonstruktion der Textaussage im Kommunikationsgefüge von Autorintention, (angelegter wie tatsächlich aufweisbarer) Adressatenrezeption und deren geschichtlicher Bedingtheit die Anwendung eines breit gefächerten philologisch-literaturwissenschaftlichen und historisch-kritischen Methodeninstrumentars unter Einbeziehung von Erkenntnissen benachbarter Fachdisziplinen notwendig. Die Bibelwissenschaft hält damit die Möglichkeit des Zugangs zur Ursprungsbedeutung der Schrift offen, wenn auch mit Blick auf den zeitlichen Abstand zum Text letztlich immer nur mehr oder weniger wahrscheinliche Annäherungen erreicht werden können.(17) Vom Exegeten, von der Exegetin ist auf dieser Ebene - um mit K. Backhaus zu sprechen - „Loyalität gegenüber dem Text, und gegenüber ihm allein" gefordert.

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Von dieser primären Funktion aus ist es gleichzeitig Aufgabe der Bibelwissenschaft, als Anwältin des Textes aufzutreten - im kritischen Gegenüber zu den vielfältigen Formen seiner Rezeption in Geschichte und Gegenwart: vor allem in den Grundvollzügen der Kirche und ihrer Verkündigungspraxis im Allgemeinen sowie der Theologie bzw. lehramtlicher Äußerungen im Besonderen, aber durchaus auch außerhalb derselben. Dabei geht es darum, das Wissen um den Reichtum wie auch um die bleibende Fremdheit der biblischen Texte lebendig zu halten, beide entsprechend einzubringen und zur Sprache kommen zu lassen, gegebenenfalls aber auch den Rekurs auf den ursprünglichen Textsinn einzumahnen oder konkrete Auffassungen auf ihre Schriftgemäßheit hin zu hinterfragen. Dieser zutiefst anamnetische, den Anfang erinnernde Charakter, der der Exegese zumindest grundsätzlich zukommt, macht sie aber zu einer eminent theologischen Disziplin. (18) Insofern die Texte des Alten und Neuen Testaments als für alle Zeiten maßgebliche Ursprungsdokumente der Kirche, ihres Glaubens und ihres Handelns verstanden sind, ist die Bibelwissenschaft theologische Grundlagenforschung.

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Auf einer dritten Ebene geht es schließlich um eine (wechselseitige) Hinordnung der Bibelwissenschaft auf systematisch-theologische Fragestellungen bzw. deren Applikation. Die Exegese wird - wenn sie auch prinzipiell als philologisch-historische konzipiert ist - im Blick auf ihre theologische Dimension diesen Aspekt nicht dispensieren dürfen. Dahinter steht die hermeneutisch bedeutsame Vorgabe, dass für jedes Verstehen ein Vorverständnis, ein vorläufiger Sinnentwurf, vorauszusetzen ist (vgl. dazu z.B. Hans Georg Gadamer; Martin Heidegger), auf dessen Basis - innerhalb eines hermeneutischen Zirkels - ein adäquates Texterfassen erst ermöglicht und dann vorangetrieben wird. Der Verständnishorizont für die Bibelwissenschaft ist ein genuin theologischer und hat zum einen seine Wurzel in der bezeugten Sinn-Welt, dem Wahrheitsanspruch und der spezifischen Wirkabsicht der Texte selbst, zum anderen ist er geprägt durch die lebendige Überlieferung, die Wirkungsgeschichte und die Rezeption der Schrift im Raum der Kirche und im Rahmen ihrer Daseinsäußerungen bis herauf in die Gegenwart. (19) Für die Bibelwissenschaft ist an diesem Punkt - im Blick auf das Gesamt der Theologie - interdisziplinäre Offenheit vor allem hin zur Systematischen, dann aber auch in Richtung Praktischer Theologie gefordert; Offenheit dafür, sich im produktiven Austausch und gegenseitig bereichernden Diskurs der Frage nach Geltungsanspruch und (geschichtlicher und aktueller) Relevanz zu stellen. Von daher betont H. Schürmann für eine theologische Methode der Bibelwissenschaft die Aufgabe, theologische Gesichtspunkte bzw. gesicherte Ergebnisse der theologischen Disziplinen bei der Textauslegung als „regulative Idee" entsprechend wirksam werden zu lassen.(20)

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2.2 Ist im Zusammenspiel dieser Reflexionsebenen „eine philologisch-historisch verantwortete, rezeptionsästhetisch gesprächsfähige, zum systematisch-theologischen Wahrheitsdiskurs geneigte Exegese"(21) als theologische Wissenschaft ausgewiesen, ja im Sinne von Dei Verbum das Studium der Schrift sogar als „die Seele der heiligen Theologie" (Dei Verbum 24) zu verstehen, dann stellt sich die Frage, ob der Exeget und die Exegetin in ihrem Tun mehr oder weniger automatisch zu Theologinnen und Theologen werden oder - umgekehrt betrachtet - ob Exegese nur von Theologinnen und Theologen bzw. unter der Voraussetzung des Glaubens betrieben werden könne. Auf dem Hintergrund der bisher angestellten Überlegungen muss die Antwort darauf wohl ähnlich differenziert ausfallen. So dürfte unbestritten sein, dass auf weite Strecken bibelwissenschaftlich-methodisches Arbeiten an den Texten des Alten und Neuen Testaments in gleicher Weise von Nicht-Theologinnen und Nicht-Theologen zuverlässig betrieben werden kann und zu ebenso tragfähigen Ergebnissen führt, ohne dass diese notwendig damit zu Theologinnen und Theologen würden. Bis zu einem gewissen Grad werden auch die theologische Dimension der Texte und die der Exegese selbst unter einer solcherart religionswissenschaftlich angelegten Außenperspektive zugänglich und erschließbar sein. Insoweit jedoch die Bibelwissenschaft verantwortlich der ganzen Breite und Tiefe des ihr aufgegebenen Forschens und Fragens gerecht werden will, ist sie auf ein entsprechendes Vorgehen aus der Innen- und Teilnehmerperspektive verwiesen, die der Theologie gegenüber einer religionswissenschaftlichen Betrachtungsweise eigen ist. (22) Existenzielles, auf Fragestellungen der je konkreten Gegenwart ausgerichtetes Interesse ist unter dieser Rücksicht für ein vollgültiges Erfassen des ganzen Schriftsinns (in seiner Funktion als Anrede) in gleicher Weise angefragt wie die persönliche Glaubenshaltung und ihr Vollzug in Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft, an deren Verkündigungsauftrag die Exegese als Theologie entsprechend Anteil hat.

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3. Als theologische Teildisziplin ergibt sich für die Bibelwissenschaft eine notwendige (Selbst-)Beschränkung.

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3.1 Bei der Anfrage an die theologische Dimension der Bibelwissenschaft wie auch im Aufweis der Bibelwissenschaft als Theologie - als deren „Seele" im Zentrum derselben anzusiedeln - gilt es in gleicher Weise, die damit gegebenen Grenzen entsprechend im Auge zu behalten.

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Auf einer ersten Ebene betrifft das den spezifischen Standort und Aufgabenbereich von wissenschaftlicher Theologie insgesamt (insbesondere in ihrer universitären Verfasstheit) innerhalb der Bezugsgröße Kirche und im Rahmen der unterschiedlichen Glaubensvollzüge. Wie sehr auch die jeweiligen Bereiche aufeinander verwiesen sind und sich wechselseitig durchdringen, ist Theologie dennoch als eigenständige (damit aber auch in sich abgegrenzte) Größe wahrzunehmen, der in erster Linie eine kritisch-reflektierende Funktion aufgegeben ist - neben und durchaus auch im Gegenüber zu den anderen kirchlichen Vollzügen, die sie im Sinne einer rational verantworteten Glaubenswissenschaft im Licht der Offenbarung zu hinterfragen, zu vertiefen und in ihrer Entwicklung konstruktiv und innovativ zu begleiten hat.(23) Die Forderung nach einer theologischen Exegese muss sich auch über das implizierte Verständnis von Theologie im Klaren sein.

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Als theologische Disziplin partizipiert die Bibelwissenschaft selbstverständlich an dem, was Theologie als Ganzes ausmacht, als Teildisziplin ist sie dabei aber auf einen einzelnen, ganz bestimmten Bereich innerhalb der Theologie verwiesen; wie prinzipiell auch die übrigen theologischen Fachbereiche. Zumindest nach katholischem Verständnis kann und will die Bibelwissenschaft die übrige Theologie weder ersetzen noch in sich integrieren, und ist umgekehrt Theologie mehr als einzig Schriftauslegung. (24) Diese (Selbst-)Beschränkung der Bibelwissenschaft auf einen Teilaspekt der Theologie - ohne dass damit die Exegese zu einer Art Hilfswissenschaft oder Vorstufe zum Eigentlichen der Theologie degradiert werden würde - ist m.E. nicht allein aufgrund einer in der Neuzeit gewachsenen und rein wissenschaftsorganisatorisch zu rechtfertigenden Aufgabenteilung legitim, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht angezeigt.

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In ihrem Untersuchungsgegenstand, von dem her sich die Exegese als theologische Wissenschaft definiert, ist diese auf den Textkorpus des Alten und Neuen Testaments als das Grunddokument christlichen Glaubens - und darin auf das Wort Gottes, insofern es „in der Schrift" begegnet - verwiesen. Der Bibelwissenschaft kommt dabei die wissenschaftlich verantwortete, primär linguistisch-historische Analyse und Interpretation dieser geschichtlichen Zeugnisse als spezifische Aufgabe zu. Im Blick auf diese bewusst vorgenommene zweifache Fokussierung wird gleichzeitig deutlich, dass die Exegese in ihrem für die Theologie unverzichtbar notwendigen Tun immer „nur Teilergebnisse zum vollen Verständnis des ergangenen und weitergegebenen ‚Wortes Gottes' beitragen" (25) wird können.

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In methodischer Hinsicht ist außerdem die bereits angesprochene Selbstbeschränkung der Bibelwissenschaft bei ihrem Rückgriff auf ein sachliches Vorverständnis bzw. der Einbeziehung vorgegebener theologischer Sacherkenntnisse im Sinn von „regulativen Ideen" zu nennen, insofern entscheidend ist, dass diese nicht zu „konstitutiven Prinzipien" der Auslegung gemacht werden. (26) Darüber hinaus gilt für die theologische Exegese wie für jedes (religions-)wissenschaftliche Herangehen an die Texte die Forderung, die je eigenen Prämissen und Verstehensvoraussetzungen, den Beobachtungsstandpunkt, die erkenntnisleitenden Interessen und hermeneutischen Optionen nicht nur bewusst zu machen und zu benennen, sondern in (selbst-)kritischer Distanz in die wissenschaftliche Reflexion miteinzubeziehen.

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Schließlich sind auch das persönliche Interesse und die nötige Spezialisierung der einzelnen Fachvertreterinnen und Fachvertreter innerhalb des Fachbereichs der Bibelwissenschaft zu veranschlagen. So sehr eine möglichst breite Kenntnis und Beherrschung des gesamten Gegenstandes und seiner Problemstellungen anzustreben ist, so wenig wird das - auch im Sinne einer vernünftigen Arbeitsteilung - bedeuten, dass jeder Exeget und jede Exegetin alles tun kann oder tun muss. Angesichts der Komplexität und der massiven Ausdifferenzierung auch in dieser theologischen Disziplin wäre das schlichtweg eine Überforderung und wohl auch wissenschaftstheoretisch kaum wünschenswert.

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3.2 Aus dem Gesagten wird deutlich, dass für die Bibelwissenschaft als theologische Teildisziplin nicht nur innerhalb des eigenen Fachbereichs eine entsprechende Vernetzung vorauszusetzen ist, sondern dass es auch einer wechselseitigen Zusammenarbeit mit den anderen theologischen Disziplinen bedarf. Bei aller inhaltlichen und auch arbeitstechnischen Unterscheidung sind die einzelnen Fachbereiche im Verbund der Theologie grundsätzlich aufeinander hingeordnet und müssen deshalb aufeinander bezogen bleiben. Auch auf Seiten der Bibelwissenschaft erfordert das die Bereitschaft, sich über das eigene hinaus kundig und gesprächsfähig zu machen. Eine derartige Offenheit für das Ganze der Theologie macht es der Bibelwissenschaft erst möglich, ihren speziellen Beitrag in interdisziplinärer Zusammenarbeit einzubringen und ihren Ergebnissen entsprechend Gehör zu verschaffen.

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4. Von Pianisten, Musikern ... und Exegeten - eine Schlussbemerkung

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Abschließend möchte ich auf die eingangs zitierte Äußerung von H. Schürmann noch einmal zurückkommen. Im von ihm gebrauchten Vergleich mit einem Pianisten bzw. Musiker klingt nämlich indirekt ein Aspekt mit an, der auch auf die Exegese zutrifft: der Aspekt des Künstlerischen. Die Exegese ist letztlich eine Kunst. (27) Bei aller methodisch noch so ausgereiften Fingerfertigkeit, bei allem Wissen, bei aller Ausdauer, Offenheit und Lernbereitschaft, die notwendig, anzueignen und einzusetzen sind - wie jede Kunst erschöpft sich auch die Exegese der biblischen Texte nicht allein in der Beherrschung des Handwerks oder der Verwendung des entsprechenden Werkzeugs bzw. Instruments, wie technisch perfekt und virtuos angewandt diese auch immer sein mögen.

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Was den Pianisten, was den Musiker ... was den Exegeten und die Exegetin letztlich ausmacht, ist die Unverfügbarkeit des Talents, der Begabung, ja Begnadung, und eine ebensolche Unverfügbarkeit des Augenblicks: Eine gelungene Schriftauslegung ist immer Eingebung, Inspiration, sie ist auf „den inspirierten Leser", „die inspirierte Leserin" angewiesen.(28)

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Anmerkungen:  

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 1. Die folgenden Bemerkungen - ursprünglich kein eigener Tagungsbeitrag - versuchen eine Fragestellung aufzugreifen, die in der Diskussion im Anschluss an die Ausführungen zu den Fachbereichen der Alt- und Neutestamentlichen Bibelwissenschaft (Andreas Vonach; Michael Ernst) thematisiert wurde.

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2. Schürmann, H., Bibelwissenschaft unter dem Wort Gottes. Eine selbstkritische Besinnung. In: Ders., Wort Gottes und Schriftauslegung. Gesammelte Beiträge zur theologischen Mitte der Exegese. Hg. von K. Backhaus. Paderborn u.a. 1998, 3-43: 29 (Anm. 44).

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3. Schürmann, H., Bibelwissenschaft unter dem Wort Gottes (s. Anm. 2), 31.

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4. Die klassische historisch-kritische Methode hat diesbezüglich im Laufe ihrer Anwendung und Weiterentwicklung ein entsprechendes Potential unter Beweis gestellt und sich als prinzipiell offen für neue Fragestellungen und Untersuchungsschritte erwiesen.

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5. Vgl. dazu Martin Hengels eindrückliche Presidential address auf der SNTS-Tagung 1993: Hengel, M., Aufgaben der neutestamentlichen Wissenschaft. In: NTS 40 (1994), 321-357. Zur Vielfalt der Methoden und Zugänge in der modernen Bibelwissenschaft vgl. z.B.: Die Interpretation der Bibel in der Kirche. Das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission vom 23. 4. 1993 mit einer kommentierenden Einführung von Lothar Ruppert und einer Würdigung durch Hans-Josef Klauck (SBS 161). Stuttgart 1995. Interdisziplinäre Kompetenz der Theologie insgesamt fordert neuerdings wieder Schmidinger, H., Hat Theologie Zukunft? Ein Plädoyer für ihre Notwendigkeit (Topos plus Taschenbücher 362). Innsbruck-Wien 2000, bes. 83-90.

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6. Söding, Th., Wissenschaftliche und kirchliche Schriftauslegung. Hermeneutische Überlegungen zur Verbindlichkeit der Heiligen Schrift. In: Verbindliches Zeugnis II. Schriftauslegung - Lehramt - Rezeption (Dialog der Kirchen 9). Hg. von W. Pannenberg / T. Schneider. Freiburg i.Br.-Göttingen 1995, 72-121: 97.

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7. Vgl. insgesamt dazu Söding, Th., Geschichtlicher Text und Heilige Schrift - Fragen zur theologischen Legitimität historisch-kritischer Exegese. In: Neue Formen der Schriftauslegung? (QD 140). Hg. von T. Sternberg. Freiburg i.Br. 1992, 75-130: 84-88, 92f. Ders., Historische Kritik und theologische Interpretation. Erwägungen zur Aufgabe und zur theologischen Kompetenz historisch-kritischer Exegese. In: ThGl 82 (1992), 199-231. Ders., Wege der Schriftauslegung. Methodenbuch zum Neuen Testament. Unter Mitarbeit von Christian Münch. Freiburg i.Br. 1998, 21-36. Zum theozentrischen Bezugsrahmen der alt- und neutestamentlichen Texte vgl. insbesondere Thüsing, W., Zwischen Jahweglaube und christologischem Dogma. Zu Position und Funktion der neutestamentlichen Exegese innerhalb der Theologie. In: TThZ 93 (1984), 118-137: 118-125.

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8. Vgl. Schürmann, H., Bibelwissenschaft unter dem Wort Gottes (s. Anm. 2), 3-43.

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9. Vgl. dazu Söding, Th., Geschichtlicher Text und Heilige Schrift (s. Anm. 7), 93-107. Gleichzeitig betont Söding aber auch „die transzendentale Dimension des geschichtlichen Offenbarungshandelns Gottes" (102).

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10. Dohmen, Ch., Muß der Exeget Theologe sein? oder Vom rechten Umgang mit der Heiligen Schrift. In: TThZ 99 (1990), 1-14: 5.

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11. Vgl. v.a. Rahner, K., Über die Schriftinspiration (QD 1). Freiburg i.Br. 21958.

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12. Dohmen, Ch., Muß der Exeget Theologe sein? (s. Anm. 10), 12.

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13. Ein unbesehener Rückgriff auf die traditionelle Rede vom sensus spiritualis, insbesondere in seiner mittelalterlichen Ausdifferenzierung als allegorischer, tropologischer und anagogischer Schriftsinn, ist daher nicht unproblematisch. Vgl. dazu (wie auch zur Rede vom sensus plenior): Die Interpretation der Bibel in der Kirche (s. Anm. 5), 42f, 79ff, 129-134.

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14. Vgl. dazu z.B. Söding, Th., Inmitten der Theologie des Neuen Testaments: Zu den Voraussetzungen und Zielen neutestamentlicher Exegese. In: NTS 42 (1996), 161-184: 174-179.

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15. Söding, Th., Wege der Schriftauslegung (s. Anm. 7), 50. Backhaus, K., Über den Wahrheitsanspruch exegetischer Vernunft. Zu einem neueren Entwurf. In: ThGl 90 (2000), 498-504: 502, weist darauf hin, dass die Hinordnung auf die Theologie und die Lesegemeinschaft Kirche eine „vorläufige Suspendierung vom theologischen Wahrheitsanspruch in der Exegese" nicht nur erlaubt, sondern „zwingend erforderlich" macht. Vgl. aber Luz, U., Kann die Bibel heute noch Grundlage für die Kirche sein? Über die Aufgabe der Exegese in einer religiös-pluralistischen Gesellschaft. In: NTS 44 (1998), 317-339, für den sich die im Titel seines Aufsatzes genannte, aus evangelischer Sicht freilich gravierendere Anfrage u.a. deshalb stellt, weil die moderne Exegese - insgesamt seiner Ansicht nach als eine Wegbereiterin des religiösen Pluralismus einzustufen - „gegenüber der Wahrheitsfrage abgedankt" (324) habe. Vgl. auch Hengel, M., Aufgaben der neutestamentlichen Wissenschaft (s. Anm. 5), 329.

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16. Vgl. Backhaus, K., Über den Wahrheitsanspruch exegetischer Vernunft (s. Anm. 15), 502-503.

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17. Hengel, M., Aufgaben der neutestamentlichen Wissenschaft (s. Anm. 5), 334, spricht deshalb von „Vermutungswissenschaft", insofern es häufig um das „Abwägen von Wahrscheinlichkeiten und Plausibilitäten" gehe, kritisiert aber die Hypothesenfreudigkeit der Exegese dennoch scharf.

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18. Das betont Schürmann, H., Bibelwissenschaft unter dem Wort Gottes (s. Anm. 2), bes. 20-25: „In dem Maße sie [= die historische Methode] der Anamnese dient, ist sie gerade als historische eine eminent theologische Methode." (23) Zur anamnetischen Dimension auch Ders., Anamnese als kirchlicher Basisvorgang. Eine theologische Besinnung. In: Ders., Wort Gottes und Schriftauslegung. Gesammelte Beiträge zur theologischen Mitte der Exegese. Hg. von K. Backhaus. Paderborn u.a. 1998, 55-61. Vgl. auch Söding, Th., Geschichtlicher Text und Heilige Schrift (s. Anm. 7), 109f. Ders., Historische Kritik und theologische Interpretation (s. Anm. 7), 226-231. - Backhaus, K., Über den Wahrheitsanspruch exegetischer Vernunft (s. Anm. 15), 504, spricht für diese Ebene von „transversaler Kompetenz" des Exegeten.

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19. Nach Dei Verbum 12 erfordert die rechte Ermittlung des Textsinns, dass man „auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens".

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20. Vgl. Schürmann, H., Bibelwissenschaft unter dem Wort Gottes (s. Anm. 2), 10f, 32 (unter Rückgriff auf die von I. Kant angestellte Unterscheidung zwischen „regulativen Ideen" und „konstitutiven Prinzipien"). Vgl. auch Söding, Th., Geschichtlicher Text und Heilige Schrift (s. Anm. 7), 118f. Ders., Wege der Schriftauslegung (s. Anm. 7), 224-229. - Thüsing, W., Zwischen Jahweglaube und christologischem Dogma (s. Anm. 7), 125-137, betont die notwendige Hinordnung der Exegese auf das Ganze der Theologie und skizziert Ansatzpunkte hin zu systematischer und praktischer Theologie.

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21. Backhaus, K., Über den Wahrheitsanspruch exegetischer Vernunft (s. Anm. 15), 504.

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22. Vgl. Schmidinger, H., Hat Theologie Zukunft? (s. Anm. 5), 71f.

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23. Schmidinger, H., Hat Theologie Zukunft? (s. Anm. 5), 59-70, spricht davon, dass es eine „theologische Motivation zur Wissenschaft" (59) gibt, für die Theologie demnach „die Wissenschaftlichkeit einen Bestandteil ihres Wesens" (69) bildet.

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24. Vgl. Backhaus, K., Über den Wahrheitsanspruch exegetischer Vernunft (s. Anm. 15), 504. Mit Söding, Th., Historische Kritik und theologische Interpretation (s. Anm. 7), 228, ist aber Theologie „letztlich in allen ihren Disziplinen immer auch Auslegung der Schrift".

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25. Schürmann, H., Die neuzeitliche Bibelwissenschaft als theologische Disziplin. Ein interdisziplinärer Gesprächsbeitrag. In: Ders., Wort Gottes und Schriftauslegung. Gesammelte Beiträge zur theologischen Mitte der Exegese. Hg. von K. Backhaus. Paderborn u.a. 1998, 47-54: 49. Vgl. Söding, Th., Geschichtlicher Text und Heilige Schrift (s. Anm. 7), 112-115.

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26. Vgl. Schürmann, H., Bibelwissenschaft unter dem Wort Gottes (s. Anm. 2), 10f, 32. Zur Unterscheidung (und Beziehung) zwischen wissenschaftlicher (historisch-kritischer und systematisch-theologischer) und kirchlicher Schriftauslegung vgl. Söding, Th., Wissenschaftliche und kirchliche Schriftauslegung (s. Anm. 6), 72-121. Schürmann, H., Thesen zur kirchlichen Schriftauslegung. In: Ders., Wort Gottes und Schriftauslegung. Gesammelte Beiträge zur theologischen Mitte der Exegese. Hg. von K. Backhaus. Paderborn u.a. 1998, 44-46.

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27. Th. Söding beginnt sein Methodenbuch mit dem Satz: „Die Exegese des Neuen Testaments ist eine Kunst. Diese Kunst kann man lernen. Man wird sie nur lernen, wenn man weiß, daß man sie nie perfekt beherrscht und daß der Sinn der neutestamentlichen Texte durch keine noch so große Auslegungskunst je erschöpft werden kann." (Söding, Th., Wege der Schriftauslegung [s. Anm. 7], 16, zum Ganzen 16-21).

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28. Vgl. Söding, Th., Wege der Schriftauslegung (s. Anm. 7), 17.

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