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Das Opfer-Täter-Verhängnis und die Frage nach dem Letzten Gericht

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Erben der Gewalt. Zum Umgang mit Unrecht, Leid und Krieg. Hg. von J. Ernest, U. Fistill, M.M. Lintner, Brixen-Innsbruck, 2015,101-116.
Datum:2017-02-17

Inhalt

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Die Ambivalenz des Szenarios des Letzten Gerichtes war schon immer dessen Gütesiegel und Stolperstein zugleich. Die theologische Wertschätzung des apokalyptischen Ereignisses, die mit dem Faktum einer endzeitlichen Abrechnung auf eine kaum mehr zu übertreffende Art und Weise den Aspekt der universalen Gerechtigkeit zur Sprache brachte und der Hoffnung, dass der Mörder nicht über sein Opfer triumphieren wird, einen Ausdruck verlieh, ging Hand in Hand – und dies schon seit eh und je – mit dem oft unverhohlen zur Schau getragenen Ressentiment oder gar der Erwartung der Rache an persönlichen Gegnern und Feinden. Die “Auferweckung zur ewigen Schmach” stellt ja in vielen Schriften apokalyptischer Provenienz bloß die Projektionsfläche eigener Selbstgerechtigkeit und Aggression gegen solche Feinde dar. Die Zweiteilung der Menschheit in Schafe, die zur rechten, und in Böcke, die zur linken Seite des Richters aufgestellt werden, motivierte nicht nur zu Taten der Barmherzigkeit und zu Akten der Solidarität mit den Leidenden und an den Rand Gedrängten, sondern auch zur politischen Tat im Dienste der Veränderung ungerechter Verhältnisse. Gleichzeitig jedoch nährte das Bild neurotische Ängste vor dem strengen Richter und vor dem “ewigen Tod”.

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Der theologische Optimismus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, der solche Ängste zu beseitigen suchte, der im Vertrauen auf den universalen Heilswillen Gottes und der in Christus bereits stattgefundenen oder zumindest unwiderruflich in Gang gesetzten Versöhnung sich verdichtete, drängte das Szenario des Gerichtes in den Hintergrund. Er wurde aber doch hin und wieder durch die in dieser Zeit aufgekommene Debatte über Auschwitz radikal herausgefordert. “Die Geschichte des Pardon ist in Auschwitz zu Ende gegangen”: auf diese Formel brachte der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch (1903-1985) das Postulat der Unverzeihlichkeit der NS-Verbrechen.[1] Elie Wiesel bediente sich ausdrücklich der religiösen Rede (und knüpfte dabei – wenn auch vermutlich unwissentlich – an die [letztendlich satanische] Logik des Iwan Karamasov an): “Ich will nicht, dass Gott ihnen verzeiht, was sie den Kindern angetan haben. Niemals.”[2] Simon Wiesenthal betete und drehte die Bitte Jesu in ihr Gegenteil um: “O Herr, vergib ihnen nicht, denn sie wussten, was sie tun!”[3] Jenen Überlebenden unter den Opfern, die das ihnen zugefallene Geschick des Weiterlebens als Auftrag zur Anwaltschaft der Ermordeten verstanden haben, war und ist auch die Vorstellung, dass die Opfer selber in der Ewigkeit sich mit den Tätern versöhnen könnten, genauso unerträglich wie das Bild eines Gottes, der den Tätern hinter dem Rücken der Opfer verzeihen könnte.

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Auf diesem Hintergrund sind zuerst auch die vernichtenden Kritiken an den von mehreren Theologen entwickelten Ansätzen eines eschatologischen Versöhnungsmodells, in dem die entscheidende (gnadentheologisch untermauerte) Initiative vom Opfer ausgeht,[4] verständlich. Hin und wieder erschöpften sich jedoch solche Kritiken in der Bekundung des Entsetzens über einen vermeintlichen Zynismus solcher Theologien, die den Opfern eine ungeheure Bürde zumuten. Damit ist nicht bloß die nochmalige Konfrontation mit den Tätern gemeint, sondern der nochmalige Triumph der Täter selbst. Sollten nämlich die Opfer die Vergebung verweigern, was ja von vielen Überlebenden dauernd gefordert wird, blieben gemäß solchen theologischen Visionen gerade Opfer in alle Ewigkeit unversöhnt und damit auch “dem zweiten Tod” ausgeliefert. Solche Modelle führen bloß zum Resultat, “dass der im Vernichtungslager Vergaste nur dann Versöhnung in Gott findet, wenn er seinem Mörder verzeiht. Diese Beobachtung alleine sollte eigentlich genügen, um die Korrekturbedürftigkeit dieses Versöhnungsmodells zuzugeben.”[5]

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Dass Modelle immer korrekturbedürftig sind, ist wohl eine banale Wahrheit. In welche Richtung soll aber die Korrektur gehen? Die Frage stellt sich doppelt: sie stellt sich angesichts einer, dem Szenario eines Letzten Gerichtes schon immer innewohnenden Ambivalenz und sie stellt sich in unserer Gegenwart auch oder vor allem angesichts der inzwischen verschwundenen Eindeutigkeit der Begriffe von “Täter und Opfer”.

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1. Opfer-Täter-Dilemma im Zeitalter der Selbstmordattentate, der neuen Strafprozessordnungen und der medialen Inszenierung des Opfers

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Nicht die in der Theologie der letzten Jahrzehnte intensiv geführte “Auschwitz-Debatte” soll hier als Einstieg in die Diskussion des eschatologischen Szenarios des Letzten Gerichtes genommen werden, sondern dessen Vorwegnahme durch die Selbstmordattentäter. Gemäß seinem Glauben katapultiert sich der Attentäter mit seiner Tat in die Zeit des “Jüngsten Tages”. Er tritt in die eschatologische – am Ende der Tage für die ganze Menschheit Wirklichkeit werdende – Vollendung ein, begleitet von jenen Opfern seiner Tat, die als Glaubensgeschwister – sozusagen irrtümlicherweise – mit in den Tod gerissen wurden, und getrennt von all den Feinden, denen sein Hass galt, die ja unweigerlich in die Hölle kommen. Nicht die allzu eindeutige Antizipation ist jedoch der entscheidende Grund für die Vergegenwärtigung des Diskurses über das Letzte Gericht, sondern die Erkenntnis, dass Biographien der Selbstmordattentäter auf eine radikale Weise den semantischen Knäuel der Begriffe Opfer und Täter verfilzen.[6] Als Opfer werden sie zu Tätern, viktimisieren sich selber und die anderen und ermöglichen paradoxerweise – ihrem subjektiven Glauben gemäß – durch ihr Opfersein sich selber und den Ihrigen die Zukunft. Und dies sowohl hier auf Erden als auch dort in der Ewigkeit. Die synchron auftretende Spiegelbildlichkeit bei den aneinander gebundenen und doch scheinbar einander ausschließenden Identitäten bringt unseren geordneten Alltag an den Rand des Chaos. Wir wissen es einfach nicht, wie wir das Phänomen in den Griff bekommen sollen. Im realpolitischen Geschehen nicht und auch nicht im rationalen Diskurs. Bereits im Jahre 2003 hat  die RGKW-Gruppe[7] einen gemeinsamen Text über “Israel und Palästina”[8] verabschiedet und dort auf einen Text von Henryk Broder Bezug genommen: “Es gehört wohl mit zu dem Konflikt, dass beide Seiten, die Israelis und die Palästinenser, sich für die Opfer dieses Konfliktes halten. Und beide Seiten bestehen darauf, dass sie die eigentlichen und einzigen Opfer sind. Und ich habe den Eindruck, dass beide Seiten die Opferrolle inzwischen geradezu genießen, dass sie entschlossen sind, Opfer bleiben zu wollen – um jeden Preis.” Auf diese jüdische Feststellung antwortete der palästinensische Gesprächspartner: “Ich sehe es genauso [...] Hier schlagen beide Seiten, die Israelis und die Palästinenser, aus ihrem Leiden politisches Kapital. Auf meiner Seite nenne ich das die ‘palästinensische Symphonie’.”[9]

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Die Verfilzung, die in der Biographie der Selbstmordattentäter verdichtet wahrgenommen werden kann, scheint aber auch immer mehr unsere eigene Alltagskultur zu strukturieren. In ihrem Buch: “Wir Opfer. Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt” charakterisiert Kirstin Breitenfellner unsere Gegenwart mit dem Prädikat “Opferversessen”.[10] Auf die Versessenheit weisen schon spontane Urteile über mediale Diskurse hin. “Folgt man der Argumentation der Medien, scheint es tatsächlich nicht anderes mehr zu geben als Opfer: Wir sind Opfer der Politiker, Politiker sind Opfer der Medien, Verbrecher sind Opfer ihrer Kindheit, die kleinen Anleger sind Opfer der großen Finanzakteure, die Konsumenten sind Opfer der Werbung, die Arbeitslosen sind Opfer der Arbeitsmarktpolitik und die dafür verantwortlichen Politiker sind Opfer der multinationaler Konzerne.”[11] Sie macht auf eine Reihe moderner Radikalisierungen im Kontext der Viktimologie aufmerksam; so etwa, wenn sie das Opfer-Täter-Dilemma zu einem Dreieck ausbaut, indem sie auch die “selbsternannten Retter” zur Sprache bringt, die ja meistens rachsüchtiger seien als die eigentlichen Opfer, deswegen als Täter eigener Art massenweise neue Opfer produzieren, aber auch die “alten Opfer” auf das Opfersein als den Inbegriff der Identität festlegen. Oder aber indem sie die “historische Neuheit” zur Sprache bringt, jene immer stärker wachsende Gruppe einer neuen Kategorie von Opfern, die sog. “selbsternannten Opfer im Namen von Geld und Aufmerksamkeit”.[12] Die konsequente Veränderung der Strafprozessordnung in Richtung “Opferschutz” (die ja als ein Schritt in die richtige Richtung gedeutet werden muss) geht tragischerweise Hand in Hand nicht nur mit der Zunahme der Justizopfer (weil aufgrund einer unsere mediale Öffentlichkeit besetzenden unkritischen Solidarität mit den Opfern und jenen, die sich als Opfer inszenieren, die Angst, einen potenziellen Täter ungeschoren gehen zu lassen, inzwischen viel größer geworden ist als die Furcht, einen Unschuldigen zu verurteilen),[13] sondern auch mit der Ausweitung der Grenzen für eine sinnvolle Bestimmung des Opferbegriffes (vgl. die Vorstöße zur juridischen Qualifizierung der unbeteiligten Dritten als Opfer, weil sie als Zeugen einer Straftat oder als Auffinder einer Leiche Traumata erfahren haben und deswegen auch Schmerzensgeldansprüche stellen; oder aber das sog. Trauerschmerzensgeldszenario, wo die Tochter eines alkoholisierten Vaters, der im Auto des alkoholisierten Bruders mitfuhr und beim Unfall getötet wurde, von einem österreichischen Gericht Trauerschmerzensgeld wegen des Verlustes des Vaters zugesprochen bekam). Opferversessenheit mündet ja gegenwärtig fast nur noch in das Opfergeschäft.[14] Den sich als Opfer erlebenden und als Opfer inszenierenden Zeitgenossen kommen auch die realen Täter immer mehr abhanden; sie verschwinden hinter den Institutionen, Konzernen, hinter der Gesellschaft, ja hinter dem Leben selbst. Diese werden zunehmend bei Gerichten durch die Opfer der Unfälle beschuldigt und auf Schadenersatz geklagt. Wo dies noch nicht gelingt, suhlt sich das moderne Opfer im Selbstmitleid oder gebiert sich als Wutbürger.[15] Die Opferversessenheit wird nicht zuletzt durch die mächtigen Opferlobbys kultiviert, die ja inzwischen ganze Armeen von Mitarbeitern beschäftigen und die aus dem (weitgehend ungefragten und immer intensiver werdenden) Opfergeschäft ihre Zukunft absichern. Wer ist hier eigentlich noch Täter? „Per medialem Schauprozess wird ein Opfer zum Opfer durch Selbstdeklaration und den blinden Glauben oder das simplifizierte Menschenbild seiner Unterstützer. Und ein Täter zum Täter durch Beschuldigung, durch Schuldigsprechung ohne Überprüfung von Beweisen.”[16] Die Opferversessenheit, der zunehmend unentwirrbare semantische Knäuel des Opfer-Täter-Dilemmas und die alltäglich gewordene Jagd auf Sündenböcke erfahren eine Intensivierung durch das Internet und die “sozialen Medien”. Twitter, YouTube und Facebook sind ja Foren der Selbstdarsteller in der Opferrolle, der Solidaritätsbezeugung mit den Opfern, aber auch der Verurteilung der Täter. Diese werden nicht nur mit einem “Shitstorm” überzogen. “Die vielbeschworene Schwarmintelligenz (schlägt) [...] in primitiven Herdeninstinkt um und kulminiert in klassischen Sündenbockprozessen.” Die Verfolgung findet meistens “unter dem Schutz der Täter durch Anonymität” statt, der “Justiz durch selbsternannte Retter im Namen von Opfern” sind dann keine Grenzen gesetzt. “Und niemand darf mehr sicher sein, unbemerkt zu bleiben. Die neuen Opfer im Internet sind keine Prominenten, sondern gänzlich Unschuldige, zufällige Passanten, Menschen, die nie um Aufmerksamkeit gebeten haben, Medientölpel, die sich durch Unwissenheit oder einen falschen Mausklick einem Massenpublikum ausgeliefert haben.”[17]  Die Folgerung Breitenfellners: Unsere Gegenwart bezieht auf unterschiedliche Art und Weise ihre Energien aus dem Opfer und dies fast schon in einem Ausmaß, das den archaischen Gesellschaften eigen war. “Opfer” und “Täter” sind ihrer Meinung nach zu austauschbaren Kampfbegriffen im Schaukampf um Macht und Geltung geworden, und das Karussell der ebenso munteren wie zynischen Opferproduktion in den Medien und öffentlichen Debatten dreht sich immer schneller.

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Was ist also zu tun? Die Autorin schreibt ihr Buch in aufklärerischer Absicht. Ihre Rezepte sind bescheiden. Wir sollen bewusster unserer Gewalt ins Auge sehen, unser Bewusstsein für Opferprozesse schärfen, vor allem aber uns der Sündenbockmechanismen in der Kultur des Alltags bewusst werden. Das erinnert an die Postulate, die René Girard vorgelegt hat, als er zum einen die anthropologische Funktion des Sündenbocks im Kontext der Abschiebung von eigener Aggression und Schuld beschrieben hat, zum anderen aber die historische Eigenart des einen Sündenbocks Jesus im Zusammenhang mit der Offenlegung der lügnerischen Struktur dieses Mechanismus sah und daraus rudimentäre Ansätze einer aufklärerischen Praxis ableitete.

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Breitenfellner strukturiert auch ihr Werk durch den Ansatz Girards, den sie als die gegenwärtig am meisten überzeugende Analyse der Opferrationalität ansieht. Das Opfer als universales Prinzip menschlicher Kultur werde ja heute mehr denn je sichtbar. Die Tatsache, dass Girard nicht entsprechend groß im kulturellen Alltagsdiskurs wahrgenommen wird, führt Breitenfellner nicht zuletzt auf den Umstand zurück, dass sich einige Theologen seiner Theorie angenommen haben.[18] Die Autorin ist aber überzeugt, dass Girards Ansatz auch ohne den subjektiv gelebten religiösen Glauben und ohne die theologische Brille als analytisches Instrumentarium für die Deutung der Gegenwart fruchtbar ist. Er klärt uns über unsere Opferversessenheit auf. Hilft er aber auch, diese Versessenheit wenn schon nicht zu heilen, so zumindest stückweise zu transformieren? Die Frage stellt nur eine kontextgebundene Übersetzung jener Frage dar, die Raymund Schwager an Girard stellte, als er bei Girard den christlich geglaubten Mehrwert des Kreuzes reklamierte: Das Kreuz stelle nicht nur die Quelle des Wissens, sondern auch die Quelle des Lebens dar.[19] Nur eine (religiöse, eigentlich) christliche Radikalisierung der sozialanthropologischen Erkenntnis, dass Menschen zugleich Opfer und Täter sind, und die Erfahrung der Vergebung, nicht aber eine distanzierte Beobachtung kann das Opfer-Täter-Verhängnis lösen. So ist es nun allzu logisch, sich im nächsten Schritt dieser fragmentarischen Überlegungen zum Opfer-Täter-Dilemma der theologischen Mehrleistung Schwagers in diesem Kontext in seiner Deutung des Kreuzestodes Jesu zu erinnern.[20]

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2. Dramatischer Zugang zum Tod Jesu

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Mit seinem dramatischen Zugang wollte Schwager nicht nur die unterschiedlichen Akteure in diesem Viktimisierungsprozess benennen, sondern auch die plausible Erklärung für die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Opfer und Täter in einem Viktimisierungsszenario und vor allem den Referenzpunkt, von dem aus eine solche Unterscheidung möglich ist, liefern. Die Menschen rotten sich gegen Jesus – gar im Namen Gottes – zusammen und machen ihn zum Opfer.[21] Und Jesus aber? Er lässt sich nicht nur treffen; er identifiziert sich mit ihnen. Doch was bedeutet dies? Was bedeutet die Identifikation des Opfers mit den Gewalt gegen dieses Opfer ausübenden Menschen? Hat sich Jesus mit Anschuldigung und Anklage, mit jenen Taten seiner Gegner also identifiziert, durch die sie ihn verurteilt und getötet haben? Dies würde bedeuten, dass er im Grunde der Logik dieser Viktimisierung zugestimmt hat, sich also nicht nur die Maske des Opfers aufdrängen ließ, sondern diese auch als den Inbegriff seiner Identität im Sterben übernommen, damit aber auch seinen Tod als einen indirekten Selbstmord erlebt hat. Paradoxerweise wäre er schon dadurch als Opfer zum Täter geworden. Derartige Vorgänge zeichnen ja geradezu den “archaischen” Weg der Opferung und Selbstopferung aus; auf dieser Logik bauten und bauen auch die totalitären Opfersysteme auf, die – wie dies noch bei den stalinistischen Schauprozessen der Fall war – den Angeklagten zum spektakulären Schuldeingeständnis zwangen. Mit welchen Unterscheidungen hat sich Schwager in diesem Kontext weitergeholfen?[22] Indem Jesus, der radikal Gewaltfreie und auch Sündenreine, zum Opfer der Gewalt gemacht wurde, legte er zuerst die unentwirrbare Verflechtung zwischen dem Opfer der Gewalt – dies wäre er selber – und dem Täter der Gewalt – dies sind seine Gegner – bloß. Er trug also zur Entfilzung des semantischen Knäuels des Opferbegriffes entscheidend bei. Die Folgerung ist alles andere als banal. Die Beziehung zwischen Opfer und Täter, die auf der Ebene der Phänomenologie eindeutig zu sein scheint, ist in Wirklichkeit eine viel komplexere. In girard’schen und schwager’schen Begriffen formuliert: auch sie bleibt der mimetischen Gesetzmäßigkeit gegenseitiger Angleichung unterworfen.

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Wenn mimetische Angleichung, wenn das Opfer-Täter-Verhängnis also, die Regel ist, wie ist das Festhalten des Unterschiedes noch möglich? Mir selber hat in diesem Zusammenhang die Lektüre von Jean Amerys Erinnerungen an Auschwitz weitergeholfen. In “Jenseits von Schuld und Sühne”[23] schreibt er über die extremen Folterungen und über die Vermischung der Rollen zwischen Tätern und Opfern. Er hält fest, dass gerade Chassidim und Christen oft eine erstaunliche Resistenz in systematisch angelegten Folterprozessen zeigten, weil sie sich den Folterern durch ihre lebendige Gottesbeziehung entziehen konnten. In den stundenlangen makabren “Spielen” kam es immer wieder zur mimetischen Symmetrie zwischen Tätern und Opfern, weil der Täter nicht nur verletzen will, nicht nur über den Körper Macht gewinnen will. Er will das Opfer qua Opfer im mimetischen Spiel dominieren, dieses in seiner Identität voll bestimmen. “Du bist nichts anderes als das, was ich aus dir mache ...!” Richtet das Opfer sein Begehren direkt – gerade im Modus des Hasses – auf den Willen des Henkers, so gibt es seine Identität preis, so gibt es sich dem Henker hin, lässt sich also viktimisieren, in seiner Identität voll bestimmen. Paradoxerweise formuliert: das Opfer lässt sich in seiner Identität auslöschen, wird zu dem, was der Henker will: eben zum bloßen Opfer. Sonst gar nichts! Erst an diesem Punkt hat der Henker sein Ziel erreicht. Der traditionelle, durch Freud verstärkte Sprachgebrauch spricht von sadomasochistischen Konstellationen; Girard würde von der mimetischen Spiegelbildlichkeit und von Rollentausch reden, einem Rollentausch, der das Opfer-Täter-Verhängnis rational untermauert. Noch einmal: der direkte Hass des Opfers auf den Täter schafft nur oberflächlich Distanz. In der Phantasie des Opfers wird das Opfer kurzfristig zum Täter, der Täter zum Opfer; die hasserfüllte Beseitigung des anderen schafft eben bloß eine Leerstelle, eine Projektionsfläche, von der aus der Hass auf das Opfer selbst zurückwirkt. Es ist auf dem besten Weg, sich selbst zu viktimisieren, zu dem also zu werden, was der Henker im Grunde will: zur victima und nur zur victima, fremd- und selbstviktimisiert. Das so definierte Opfer inkarniert also das Opfer-Täter-Verhängnis.

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Gemäß dem christlichen Bekenntnis ist Jesus von solchen mimetischen Verführungen frei, er ist ja nicht deswegen Gottes Sohn, weil er ein Opfer ist, weil er also am Kreuz stirbt. Seine Identität wird nicht aus seinem Opferstatus abgeleitet. Deswegen kann er sich aus der ihm aufgedrängten Position der victima durch die Hingabe an einen anderen befreien, kann also auf dem Höhepunkt der Infragestellung seiner Identität als Person die Maske des Opfers abstreifen und seine wahre Identität – sein Personsein – in reinster Form leben. So stirbt er in der aktiven Haltung der Hingabe an den lebendigen – gewaltfreien – Gott, an seinen Vater, der seinerseits auch nicht ein sakralisiertes Opfer ist, seinerseits also eine victima, die das Leben bloß im Modus der Viktimisierung denken kann. An diesem Punkt wird die zentrale Bedeutung eines von Gewalt gereinigten Gottesbegriffes sichtbar. Der Vater macht nicht eine gemeinsame Sache mit den Kreuzigern, ist nicht einer von der Partei des Kajaphas, macht also seinen Sohn nicht zum Opfer und sorgt auch seinerseits nicht für Schadenersatz als Krücke zur Aufrechterhaltung der Opferidentität. All solche theologische Impulse zur Ausgestaltung der Gotteslehre sind als Projektionen der Gewalt zu dekonstruieren.

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Was hat das nun für unser Thema des Opfer-Täter-Verhängnisses zu bedeuten? Nicht Opfer und Täter stehen im Kreuzigungsgeschehen einander gegenüber; es ist eine „Dreieckskonstellation“, die das Geschehen strukturiert. Von außen betrachtet nimmt man zuerst nur die auf die Viktimisierung ausgerichtete Relation der Täter zu Christus wahr; von innen her betrachtet zuerst nur die Beziehung Christi zum Vater. Er stirbt ja in der aktiven Haltung der Hingabe an den Vater, einer Haltung, die ihrerseits nur eine Antwort auf die Haltung des Vaters zum Sohn ist, der ja vom Vater seit eh und je geliebt wird. Aus der Kraft der liebenden Hingabe des Vaters an den Sohn und der liebenden Hingabe des Sohnes an den Vater kann nun dieses eine Opfer auch in eine einzigartige Relation zu den Tätern treten: In den ihn anklagenden, misshandelnden Menschen, jenen, die ihn töten, erblickt er nichts anderes als das, was er schon immer in den Sündern erblickt hat. Er sieht in ihnen Opfer der Verblendung, Opfer der Sünde, der Gewalt, des mimetischen Begehrens, schlussendlich auch Opfer eigener Taten. Als Opfer der Meute steht er als victima zwar den Tätern gegenüber, scheint durch seine Identifizierung mit den victimae im selben Boot zu sitzen. Doch als Person nimmt er die durch den Menschen hindurch gehende Spaltung wahr. Diese innere Sicht des Kreuzes vermag die apokalyptische Klarheit der beiden Lager zu verschiedenen Seiten des Richters im Gerichtsgleichnis zu unterlaufen. Nicht zwei verschiedene Menschengruppen stehen im Kreuzigungsgeschehen einander gegenüber; die Spaltung geht durch den Menschen durch. Als Anschuldigende, den Lebensraum oder die Hilfe verweigernde, gar Menschen verwerfende und tötende Täter bilden wir das Lager der Böcke, das Lager der Gegner Christi, insofern wir aber in unserem verwerfenden Tun doch Opfer der Anschuldigung, des verweigerten Lebensraums oder der ausgebliebenen Hilfe, des Missbrauchs, gar als Opfer der eigenen verwirkten Lebensgeschichte sind, sind wir diejenigen, mit denen sich Christus, selber Opfer – aber nicht nur Opfer –, identifiziert. Er identifiziert sich eben nicht, um den Status des Opfers fortzuschreiben, sondern um aus dieser Position heraus den Status zu transformieren. Er tut dies schon dadurch, dass er das Opfer-Täter-Verhängnis an seiner Wurzel zu sprengen sucht: Das radikale Ausgeliefertsein an die falsche Anschuldigung, Verurteilung und das Sterben, jenes radikale Opfersein, das zum radikalen Sich-Verschließen in der anklagenden Selbstgerechtigkeit und dem Willen zur Vergeltung führt, wird durch Jesus schon dadurch in Frage gestellt, dass er, getragen vom Vertrauen auf den Vater, diese Anschuldigung und das ihm zustoßende Geschick nicht weitergibt, sondern sie durchleidet: “er wurde geschmäht, schmähte aber nicht, er litt, drohte aber nicht” (1 Petr 2,23). Schon auf diese Weise unterbricht er das tödliche Geflecht der Anschuldigungsmechanismen, das die Opfer in ihrer Opferidentität zementieren. Er unterbricht aber nicht nur die Logik, die zur Zementierung des Täter-Opfer-Verhängnisses führt; er transformiert das Geschick des Opfers auf eine radikale Art und Weise. Er tut dies, indem er “das radikale Ausgeliefertsein gegenüber seinen Feinden, wie er es im Getötetwerden erfuhr, zum radikalen Ausgeliefertsein gegenüber seinem Vater (der im ganzen Kreuzigungsgeschehen die reine Liebe ist) gemacht” hat.[24] Aufgrund der aktiven Haltung im Sterben kann er nun als Täter qualifiziert werden, doch nicht als Täter im Kontext einer mimetischen Angleichung an seine Gegner. Mit seiner Hingabe an den Vater entzieht er sich letztlich beiden Rollen und unterbindet in beiden Kontexten die mimetische Rivalität. Als victima richtet Jesus in seinem Sterben sein Begehren in keinem Augenblick direkt auf die Täter; dieses bleibt immer auf den Vater ausgerichtet. Deswegen auch seine Bitte: “Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun” (Lk 23,34), nicht aber: “Ich vergebe Euch”. Sie wissen nicht, was sie tun, weil sie – wie schon gesagt – als Täter letztendlich Opfer des mimetischen Begehrens sind, jenes Begehrens, das Menschen zu kollektiven Verfolgungen verleitet.

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Aus der Kraft der Hingabe des Vaters an den Sohn und des Sohnes an den Vater konnte also Christus, das verurteilte und sich mit den anderen solidarisierende Opfer, auf eine radikal neue Art und Weise als Täter in die menschliche Geschichte eintreten, nicht als Täter, der die Anschuldigung, Anklage weitergibt, und auch nicht als einer, der nur noch verstummt, in seinem Herzen aber auf Rache und Vergeltung hofft wie die Apokalyptiker, sondern als Täter, der den Vater um die Vergebung bittet. Dort, wo er nur noch geschmäht, verurteilt, getötet, also nur “gehandelt” wurde, dort, wo er sein Opfersein nur noch erleiden konnte, dort handelte er als Opfer und er handelte neu und anders, als die Opfer es normalerweise tun. Das Beziehungsgeflecht der Anschuldigung, der Schuldabschiebung und der Lüge in richtender Selbstgerechtigkeit, in dem das Opfer-Täter-Verhängnis gefangen bleibt, wurde in der Passion Christi nicht nur aufgesprengt, es wurde durch dieses eine Opfer verwandelt. Dies bestätigt nun das Urteil des himmlischen Vaters, denn auch das Handeln des Vaters wird von den biblischen Schriften im Horizont des Gerichts geschildert. Es ist das Handeln an Ostern (1 Petr 2,23). Das Urteil des Vaters ist eine Entscheidung für jenen Sohn, dessen menschliche Erfahrungen und Akte, sein Opfer- und Tätersein zum Ansatz “neuer Schöpfung” wurden. Es ist ja sein Ausgeliefertsein an das Urteilen, Verurteilen, Ausstoßen und Töten durch seine Gegner, seine Identifizierung mit allen Opfern und die Verwandlung dieses Opferseins durch Jesus in die Hingabe an den Gott der reinen Liebe, einer Hingabe, aus der die Kraft zur Bitte um Vergebung entspringt. Das Urteil des Vaters ist aber nicht nur als Entscheidung für den Sohn, sondern auch als Entscheidung zugunsten seiner Ankläger, seiner Richter, jener, die ihn misshandelten und töteten, ein Urteil also zugunsten der Täter.

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Was dieses Urteil konkret auszusagen vermag, verdeutlicht Schwager durch den Vergleich mit dem Gleichnis von den bösen Winzern (Mk 12,1-12 parr). Die Güte des Weinbergbesitzers kennt trotz aller Langmut und Geduld letztlich doch ein Ende und schlägt in Vergeltung um. Das österliche Urteil des Vaters aber offenbart anstatt der Vergeltung noch einmal ein neues Element der Vergebung für jene, die das bedingungslose Vergebungsangebot Gottes abgelehnt und sich deshalb auch radikal dem Selbstgericht ausgeliefert und den Sohn verworfen haben.

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Die schon von Schwager im Kontext der Frage nach dem Opfer-Täter-Verhängnis rekonstruierte Botschaft von der Erlösung zeigt den Menschen als gespalteten. Als Opfer der Anschuldigung neigt der Mensch dazu, das Böse weiterzugeben, um dadurch selber zum Täter zu werden. Die biblische Offenbarung demaskiert ihn zwar als Täter, sie klagt die Schuld an und fordert Umkehr (ethische Komponente), doch gleichzeitig zeigt sie, dass der Mensch viel tiefer, über diese Dimension hinaus, der Umkehr bedarf. Wie tief diese Umkehr gehen muss, zeigt das Geschick Jesu Christi. Erst diese bewusste Bitte um Vergebung anstelle der Anschuldigung vermag den Kreislauf des Anschuldigungsmechanismus und das Opfer-Täter-Dilemma zu unterbrechen und grundsätzlich auch zu verwandeln. 

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3. Warum aber dann noch das Letzte Gericht?

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Wenn, theologisch, das letzte Wort im Kreuz seitens Gottes und stellvertretend auch seitens der Menschen (durch Jesus) gesprochen wurde, wenn inhaltlich nichts Neues hinzukommen kann, warum dann noch eine dramatisch strukturierte Geschichte der Kirche und der Welt[25] und vor allem warum noch die Hoffnung auf das Letzte Gericht?[26]

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Christus habe sich, so sagten wir, mit einem jeden Menschen, insofern er in seinem auch zu verantwortenden Tun nur Opfer der Sünde und Opfer der Anschuldigung ist, identifiziert. Dies ändert aber nichts daran, dass der Mensch als Anschuldigender und Täter der Sünde weiterhin in der Allianz der Gegner Christi bleibt. “Auch in der nachösterlichen Zeit bleibt die Dramatik des Gerichts bestehen.” Der Schrei der Opfer geht aber nicht ins Leere. Der Geist, der als Parakletos der Anwalt der Opfer ist, verhilft ihnen zum Recht. Nicht durch Rache und nicht nach dem Muster jener Anwälte, die das Opfer-Täter-Verhängnis zementieren, weil sie rachsüchtiger als die eigentlichen Opfer sind, im Namen der Opfer neue Opfer produzieren und “die alten Opfer” auf ihre Opferidentität reduzieren. Wenn Menschen aus der Kraft des Heiligen Geistes nicht als anschuldigende, sondern als vergebende handeln, so verwandeln sie zusammen mit Christus das ungeheure Potential an Tränen, Flüchen, Leid und Tod. Das ist  zwar keineswegs die Realpolitik, weder im Staat noch in der Gesellschaft noch in den Kleingruppen und auch nicht immer in der Kirche. Diese bleibt weiterhin durch die Mechanismen der Anschuldigung und der Sündenböcke strukturiert. Doch dies ist kein Argument gegen den Glauben, dass die Menschheit erlöst wurde und das Verhängnis von Opfer und Täter nicht das letzte Wort über den Menschen und seine Identität bleibt. Wenn der Nachdruck auf bewusste Vergebungsbitte gelegt wird, so muss die Hoffnung Bilder entwerfen, die zur vergebenden Liebe motivieren und den Glauben an die im Kreuzesgeschehen stattgefundene Umprägung gerade des Letzten Gerichts stärken. Deswegen muss die Eschatologie das alte apokalyptische Bild neu malen (und ich schließe mit dem Bild, das ich schon vor Jahren gemalt, zu diesem Anlass nur ein bisschen restauriert habe).

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Wie ich schon zu Beginn gesagt habe: die Ambivalenzen des Szenarios des Letzten Gerichts waren schon immer dessen Gütesiegel und Stolperstein zugleich. So auch die Hoffnung oder aber die Angst vor der Klarheit über die (verschwiegenen, verdrängten und vergessenen) Taten. Wenn das klassische Bild des Letzten Gerichts nun von der Klarheit über gute und böse Taten gesprochen hat, so wird diese Klarheit vor allem das Verhältnis von Opfer und Täter in jedem Menschen betreffen. Zugespitzt formuliert: Wenn schon Hitler und seine Henker mit den Opfern von Auschwitz, Stalin mit jenen vom Archipel Gulag und die Opfer von Hiroshima mit all den Politikern und Wissenschaftlern, die ihren Tod verschuldet haben, wenn all die Selbstmordattentäter und auch die Missbrauchstäter mit ihren Opfern konfrontiert werden, wenn uns, den Bürgern der entwickelten Welt, Millionen von Kindern aus den ärmsten Ländern direkt in die Augen blicken und schließlich auch die Ungeborenen oder die um ihr Lebensrecht Betrogenen ihr Recht auf Leben einklagen werden, so wird diese Begegnungssituation erst recht unerträglich, wenn man bedenkt, was nun die Klarheit über das Problem, bis zu welchem Ausmaß die Täter nur Opfer waren, mit sich bringt. Welch ein gewaltiges Entschuldigungs- und neues Beschuldigungsszenario wird da realisiert? Was für eine Wucht an Ressentiment und auch an lähmender Angst impliziert das Bild?

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Es hat zwei Seiten: All diejenigen, die mich um mein Recht gebracht haben, die sich an mir verschuldet haben, deren Opfer ich geworden bin, treten vor mich als Täter. Als ihr Opfer werde ich über ihre Gerechtigkeit urteilen können, es liegt an mir. Was werde ich fordern? Vermutlich werde ich auf mein Recht pochen und Vergeltung und Rache verlangen. Gleichzeitig werde ich aber mit all den Opfern meines Lebens, meiner Lügen, meiner Anschuldigungen konfrontiert. Sie werden dasselbe Recht mir gegenüber haben. Auch sie werden vermutlich auf ihr Recht, auf Vergeltung und Rache pochen; ich aber werde meine Unschuld beteuern, indem ich andere beschuldige und die mir zugedachte Vergeltung und Rache weitergebe. Ein wahrhaftiger “dies irae” – ein Tag des Zornes – nach der besten biblischen Tradition könnte es werden, wenn es an diesem Tag nur auf uns ankäme und dieses Gericht bloß ein Selbstgericht wäre. Dann würde sich die Menschheit als Gefangene des Opfer-Täter-Verhängnisses ohne das Zutun Gottes gegenseitig in die Hölle (der Selbstgerechtigkeit, der Anschuldigung, der Abschiebung und der Lüge) verdammen. Jeder würde auf seinen Opferstatus pochen, Vergeltung verlangen und die ihm zustehende Vergeltung an die anderen abschieben. Es wird aber an diesem Tag des Zornes noch eine Konfrontation geben, die von entscheidender Bedeutung ist, die Konfrontation mit der unermesslichen Güte und der Vergebungsbereitschaft Gottes. Aus christlicher Perspektive bedeutet dies nichts anderes als die Begegnung mit dem apokalyptischen Richter der Welt. Das Bild aus Mt 25 ist in der systematischen Perspektive allerdings zusammen zu denken mit dem Bild des Lammes, das geschlachtet wurde und das uns durch die Offenbarung des Johannes präsentiert wird. Christus ist in seiner Gott-menschlichen Dimension zu sehen. Die in ihm Gestalt gewordene Haltung bedingungsloser Vergebung und Integration seitens Gottes wurde im jesuanischen Leben und Sterben auch menschlich praktiziert. Sie nahm Gestalt im Friedensgruß des Auferweckten und beim Brotbrechen an. Und auch in der Gabe des Heiligen Geistes, der ein Geist der Versöhnung ist. So wird auch im Letzten Gericht zuerst der Mensch Jesus beim Prozess der Versöhnung Entscheidendes zu sagen haben und damit auch jenen Akt setzen, der zur mimetischen Nachahmung einlädt. Er wird nicht den ersten Stein werfen, sondern als erster die Hand ausstrecken.

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Die Hoffnung, dass dies das Opfer-Täter-Verhängnis in eschatologischer Dimension durchbricht, ist nicht eine leere Hoffnung. Und dies schon deswegen, weil aus der Kraft des Geistes und im Namen der Vergebungsbereitschaft Christi in der Geschichte der Christenheit unzählige Menschen aus diesem Impetus und dieser Kraft heraus die Bannkreise des Ressentiments und der Anschuldigung durch ihre zuvorkommende Verzeihung und Güte immer wieder unterbrochen und auch ein Stück verwandelt haben (“Gnadenunterbrechungen in der Nachfolge Christi”), weil Unzählige im Gebet, durch Eucharistie und stellvertretendes Tun für die Toten deren Potenzial an Schuld nicht weitertradiert oder gar vergrößert, sondern im Voraus für vergeben erklärt haben. Mit hineingenommen in die Dynamik der Hingabe des dreifaltigen Gottes, konfrontiert also gewissermaßen “von Angesicht zu Angesicht” mit Gott, der uns verurteilen und uns in der von uns selbst gewählten Hölle lassen könnte, der uns aber durch Christus bis in diese Hölle des Opferseins begleitet hat und dort noch einmal den Ausstieg aus dem “Opfer-Täter-Verhängnis”, dem Teufelskreis von Recht und Vergeltung, von Selbstgerechtigkeit und Ressentiment gezeigt hat, indem er als Opfer den Vater um die zuvorkommende Vergebung für die Täter bat, weil – konfrontiert also mit dieser radikalen Vergebungsgnade – kaum einer diese Vergebung verweigern kann und anachronistisch auf sein Recht und seine Vergeltung pochen wird. Dass diese Konfrontation “schmerzhaft” – “wie durch das Feuer hindurch” – sein wird, versteht sich angesichts unserer Erfahrung von selbst. Dies ändert aber nichts an der Hoffnung, dass der Tag des Zornes sich in einen Tag der Vergebung, der Gnade, der Barmherzigkeit verwandeln wird.

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Anmerkungen

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[1]             Jankélévitch, Vladimir, Das Verzeihen. Essays zur Moral und Kulturphilosophie. Mit einem Vorwort vom Jürg Altwegg. Frankfurt a, M. 2003,16; 287.

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[2]             Semprun, Jorge und Wiesel, Elie, Schweigen ist unmöglich. Franfurt a. M. 1997, 35.

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[3]             Wiesenthal, Simon, Denn sie wussten, was sie tun. Zeichnungen und Aufzeichnungen aus dem KZ Mauthausen. Wien 1995,5.

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[4]             Vgl. z.B. Nitzche, Bernhard, Eschatologie als dramatische Nach-Geschichte?, in: Ders. (Hrsg.), Von der Communio zur kommunikativen Theologie (FS B. J. Hilberath), Münster 2008, 99-109; Tück, Jan-Heiner, Inkarnierte Feindesliebe. Der Messias Israels und die Hoffnung auf Versöhnung, in: H. Hoping/J.-H. Tück (Hrsg.), Streitfall Christologie. Vergewisserungen nach der Shoah (Quaestiones disputatae; Bd. 214), Freiburg im Breisgau 2005, S. 216-258; Striet, Magnus, Streitfall Apokatastasis. Dogmatische Anmerkungen mit einem ökumenischen Seitenblick, in: ThQ 184 (2004) 185-201;  Ansorge, Dirk, Vergebung auf Kosten der Opfer?, in: SthZ 6 (2002) 36-58; Kehl, Medard, Und was kommt nach dem Ende? Vom Weltuntergang und Vollendung, Wiedergeburt und Auferstehung. Freiburg im Breisgau 2000; 

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[5]             So Stosch, Klaus von, Gott – Macht – Geschichte. Versuch einer theodizeesensiblen Rede vom Handeln Gottes in der Welt. Freiburg im Breisgau 2006, 207. Anm. 112.

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[6]             Vgl. Niewiadomski, Jozef, Opfer und Täter zugleich! Die mimetische Struktur des Begehrens und die Ambivalenz der „Zeichen der Zeit“, in: Chr. Böttigheimer/F. Bruckmann (Hrsg.), Glaubensverantwortung im Horizont der „Zeichen der Zeit“ (Questiones Disputatae 248), 202-231

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[7]             Von Raymund Schwager gegründet befasst sich die Gruppe seit Jahrzehnten u.a. mit den Fragen der theologischen Rezeption der mimetischen Theorie von René Girard und der Entwicklung eines dramatischen Modells der Theologie. Zum Selbstverständnis vgl. R. Schwager/J. Niewiadomski, Religion erzeugt Gewalt – Einspruch! Innsbrucker Forschungsprojekt „Religion – Gewalt Kommunikation Weltordnung“. Münster 2003, 40-77. Zum laufenden Forschungsbetrieb vgl. http://www.uibk.ac.at/rgkw/

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[8]             Israel und Palästina: Hoffnung in hoffnungsloser Situation, in: Religion (s. Anm. 7), 231-252.

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[9]             Broder, Henryk, Die Irren von Zion. Hamburg 21998; zit. nach Religion (s. Anm. 7) 238.

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[10]            Breitenfellner, Kirstin, Wir Opfer. Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt. München: Diederichs 2013, 13. In gewisser Weise schließt Breitenfellner an die Urteile von Brücker, Pascal, Ich leide, also bin ich (dt.2004), oder Zizek, Slavoj, Liebe dein Symptom wie dich selbst. Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Berlin: Merve 1991, der ja die (Selbs-)Viktimisierung als Identitätsbildungsmerkmal der Postmoderne dekonstruierte..

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[11]            Breitenfellner, Opfer (s. Anm. 10). 12f.

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[12]            Breitenfellner, Opfer (a. Anm. 10), 16.

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[13]            Breitenfellner, Opfer (s. Anm. 10), 153-166.

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[14]            Breitenfellner, Opfer (s. Anm. 10), 173f.

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[15]            Breitenfellner, Opfer (s. Anm. 10 ), 147-149.

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[16]            Breitenfellner, Opfer (s. Anm. 10) 209

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[17]         Breitenfellner, Opfer (s. Anm. 10), 221-223. Pörksen, Bernhard/Detel, Hanne, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im Zeitalter der digitalen Medien, Köln 2012 machen auf die Dramatisierung der Problematik, die mit der konsequenten Digitalisierung der Medien und der neuen Kategorie der sog. “Social Media” Hand in Hand geht. Der Skandal lässt sich schon aufgrund der schieren Zahl seiner Akteure nicht mehr kontrollieren. Und es hat keine Ablaufzeit “Das digitale Zeitalter hat seine eigene Schönheit und seinen eigenen Schrecken. Es besitzt eine eigene Strahlkraft und eine besondere Brutalität” (37) ; das einst rezeptive Publikum ist aufgestiegen zur “publizistischen Großmacht” (23). Sie machen u.a. auf den Fall einer Chinesin, die  via YouTube Opfer eines Erdbebens beschimpfte, weil sie sie indirekt daran hinderten, ihr Lieblingscomputerspiel zu spielen - woraufhin sie selber zum Opfer eines rachsüchtigen Cybermobs wurde. “Renrou Sousuo” heißt auch Menschenfleischsuche und meint die “auf dem Prinzip des Crowdsourcing beruhende Detektivarbeit des Cybermobs” (116; zit. nach Breitenfellner 224).

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[18]         Breitenfellner, Opfer (s. Anm. 10) 33.

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[19]            Zum ersten Mal stellte Schwager diese – für eine theologische Rezeption der Theorie Girards – entscheidende Frage in seinem Brief an Girard vom 29. März 1978: “Ich glaube, dass es Leute geben wird, die Ihnen entgegnen werden, dass Sie das Kreuz Christi auf die Offenbarung eines Wissens reduzieren, während das Neue Testament und die Tradition vom Kreuz als einer Quelle des Lebens sprechen. Ich denke, dass eine große Zahl der Theologen heute bereit ist, eine nicht-sakrifizielle Interpretation des Todes Jesu zu akzeptieren, aber sie werden eine Reduzierung des Kreuzes auf eine Quelle des Wissens ablehnen.” In: N. Wandinger/K. Peter (Hrsg.). Raymund Schwager, Gesammelte Schriften Bd. 6: Briefwechsel mit René Girard. Freiburg im Breisgau: Herder 2014, 127

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[20]            Moosbrugger, Mathias, Die Rehabilitierung des Opfers. Zum Dialog zwischen René Girard und Raymund Schwager um die Angemessenheit der Rede vom Opfer im christlichen Kontext. Innsbruck:2014 stellt eine brillante, detaillierte, werkgenetisch angelegte Studie über die opfertheoretischen Ansätze beider Autoren und über deren Kontroverse; zum ersten Mal wird dort auch der große Einfluss den Schwager auf Girard ausgeübt hat beschrieben.

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[21]            Zum soteriologischen Entwurf Schwagers vgl. v.a. Schwager, Raymund, Jesus im Heilsdrama. Innsbruck 1989, neu (zusammen mit der narrativen Version von: „Dem Netz des Jägers entronnen“) herausgegeben in J. Niewiadomski (Hrsg.), Raymund SchwagerGesammelte Schriften Bd. 4: Heilsdrama. Freiburg im Breisgau 2015.

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[22]            Zum Folgenden vgl. Niewiadomski, Jozef, Nur ein Sündenbock? Dramatischer Zugang zum Erlösungstod Christi. In: M. Striet/J.-H. Tück, Erlösung auf Golgota? Der Opfertod Jesu im Streit der Interpretationen. Freiburg im Breisgau 2012, 83-100

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[23]            Améry, Jean, Jenseits von Schuld und Sühne. München 1966.

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[24]            In diesem Akt erblickt Schwager den Inbegriff des christologisch transformierten Opferbegriffs. Für die Genese dieses Begriffes, den Prozess der Auseinandersetzung mit Girard um die Legitimität des Opferbegriffes bei der Qualifizierung des Todes Jesu und die systematischen Grundimplikationen des christlich transformierten Opferbegriffes vgl. Moosbrugger, Opfer (s. Anm. 20).

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[25]            Zur dramatischen Konzeption der Geschichte der Kirche und der Welt zwischen dem Kommen Christi und dem Ende der Welt vgl die – bedingt durch seinen Tod unvollendet gebliebene - Studie Schwagers: J. Niewiadomski/M. Moosbrugger, Raymund Schwager Gesammelte Schriften Bd. 5: Dogma und dramatische Geschichte. Christologie im Kontext von Judentum, Islam und moderner Marktkultur. Freiburg im Breisgau 2014.

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[26]            Zum Letzten Gericht aus dem Blickwinkel der Dramatischen Theologie vgl. Niewiadomski, Jozef, Herbergsuche. Auf dem Weg zu einer christlichen Identität in der modernen Kultur. Münster 1999, 167-186.

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