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Batman – Katniss – Caritas. Eröffnungsvortrag zum Theotag der Diözese Innsbruck am 9.2. 2017

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:Manche kennen Batman, manche Katniss und manche können mit dem Wort "Caritas" etwas anfangen. Aber selbst, wer alle drei kennt, mag sich fragen: Was haben Batman, Katniss und Caritas gemeinsam?
Publiziert in:
Datum:2017-02-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Liebe Jugendliche,

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wisst ihr eigentlich, dass es bei euch eine Redewendung gibt, die für jemanden in meinem Alter zuerst ganz fremd war – ich hab’ erst lernen müssen, dass es die gibt – aber dann war sie für mich total spannend.

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Sagt ihr manchmal zu jemandem: „Du Opfer, du!“? Oder über jemanden: „Die ist ja des volle Opfer.“ Oder hat das jemand zu euch gesagt? Und wie hat sich das dann angefühlt?

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Wie gesagt, mir war diese Redewendung ganz neu und fremd und dann hab ich mich ein wenig bei Jugendlichen erkundigt, was sie bedeutet; und ein wenig hab ich mir das auch selber zusammengereimt. Und jetzt möchte ich mit eurer Hilfe ausprobieren, ob ich das richtig verstehe.

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„Du Opfer, du!“ – kann durchaus eine Mitleidsäußerung sein, so ähnlich wie „Du Arme du, so ein Pech, dass dir das passiert.“ Aber es kann auch anderes bedeuten. Wenn jemand als Opfer bezeichnet wird, kann das auch sagen: Der ist ja echt blöd, der wehrt sich nicht, der lässt sich alles gefallen. Statt Opfer könnte man dann auch sagen „Du Weichei“ oder „Du Schlappschwanz!“ Und irgendwie schwingt in diesen Sätzen mit, dass jemand, der oder die ein Opfer ist, eh selber schuld ist, wenn’s ihm oder ihr dreckig geht. „Selber schuld, dass jede auf ihr rumhackt, warum tut sie auch immer so blöd!?“ „Selber schuld, wenn er dauernd eins aufs Maul kriegt, warum ist er so ein Trottel?!“

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Alle, die was auf sich halten, wollen eines ganz bestimmt nicht: ein Opfer sein. Oder genauer: als ein Opfer angeschaut werden. Da macht man dann gute Miene zum bösen Spiel: „Dass mich die andern alle rumschubsen und über mich lachen, das macht mir ja gar nichts aus, das ist ja nur Spaß“ – oder so ähnlich kann das dann klingen. Alles wollen wir lieber sein als ein Opfer – ist doch so?

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Komisch ist dann allerdings, dass wir andere Opfer so cool finden. Vielleicht fragt ihr euch ja schon eine ganze Weile, was mein Gerede über Opfer mit Batman und Katniss zu tun hat und was die beiden mit Caritas verbindet. Das werde ich jetzt versuchen zu erklären.

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Batman, the Dark Knight, der die Bösewichte das Fürchten lehrt, mit coolem Outfit und noch cooleren Gefährten durch die Gegend flitzt, was hat der mit Opfern zu tun? Gut – man könnte zugeben, dass er Opfern hilft, dass er Opfer beschützt, aber er selber ist doch kein Opfer – oder? Und wenn er sein Batman-Cape auszieht? Wenn er nur Bruce Wayne ist? Dann ist er ein reicher Playboy, Weiberheld und Widerling, der seine Gäste beleidigt und allein in seinen Panic Room flüchtet bei Gefahr – kein Opfer. Aber, das stimmt nicht. Batman hat ja nicht nur als Batman eine Maske auf, damit ihn niemand erkennt, auch Bruce Wayne ist eine Maske. Alles, um cool zu sein, alles um zu verstecken, dass er in Wahrheit ein Opfer ist: ein kleiner Junge, der Angst vor Fledermäusen hatte und vor dessen Augen ein Straßenräuber seine Eltern ermordete, und der jetzt zwischen der Bat-Maske und der Wayne-Maske abwechselt um das zu verstecken.

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Und wer die Trilogie zu Ende gesehen hat, weiß, wie gut sich Batman tarnt. Denn am Ende scheint es ja so, als würde er nochmal ein Opfer, diesmal aber auf ganz andere Art. Nicht, weil harmlose Fledermäuse ihn erschrecken oder böse Räuber ihn überfallen, sondern weil er sich scheinbar entschließt, freiwillig zu sterben um andere zu retten. Wenn der Countdown einer Atombombe nicht mehr aufzuhalten ist, der Batcopter die einzige Möglichkeit das Ding aus der Stadt zu bringen, aber der Autopilot kaputt ist, dann gibt es nur eine Möglichkeit: Batman opfert sich für das Leben der Menschen in Gotham und fliegt die Bombe selbst aus der Stadt. In der Grabrede für Bruce Wayne wird’s gesagt: „Ich sehe die Leben, für dich ich das meinige opferte, in Frieden und Wohlstand, nützlich und glücklich.“[1] Nur: es stimmt nicht. Ist auch alles ein Trick. Der Autopilot war schon längst repariert, Bruce Wayne hat überlebt und sitzt mit seiner neuen Freundin in Florenz. Und doch: Die Idee ist spannend. Einer opfert sich selber freiwillig für die anderen – ein Opfer, aber ganz anders als wir es gewohnt sind.

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Und Katniss? Bei ihr beginnt es ja schon damit, dass sie sich freiwillig opfert. Ihre kleine Schwester hätte bei den Hungerspielen null Chance gehabt. Sie wäre ein echt armes Opfer geworden nach dem Motto: „Seht, wir nehmen euch eure Kinder und opfern sie und ihr könnt nichts dagegen tun.“[2] Indem Katniss sich freiwillig an Stelle ihrer Schwester meldet, rettet sie Prim das Leben und macht sich selber zum Opfer, aber anders als Prim ist sie kein wehrloses Opfer. Sie hat eine Chance zu überleben, allerdings nur auf Kosten der anderen. So wird Katniss zur Mitspielerin im grausamen Spiel der Tribute. Was ist ein Tribut – ein Opfer oder ein Täter/eine Täterin? Ich würde sagen, beides. Ein Tribut wird nicht erst in dem Moment zu einem Opfer, in dem er oder sie getötet wird; Tribute sind schon Opfer, weil sie gezwungen werden mitzumachen und zu töten; sie sind Opfer, weil man sie zwingt, Täter zu werden.

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Obwohl? Was, wenn niemand mitmachen würde, wenn niemand zusehen würde, wie Gale phantasiert; und wenn die Tribute einander nicht bekämpfen würden? Vermutlich würden die Spielmacher sie auf andere, sadistische Weise zu Tode bringen, aber ob das für die ZuschauerInnen dann noch spannend wäre, bleibt zu bezweifeln. Katniss schafft es ja auch, Präsident Snow und Seneca Crane ein Schnippchen zu schlagen, denn sie weiß: „Ohne einen Sieger würde den Spielmachern die ganze Sache um die Ohren fliegen. Dann hätten sie vor dem Kapitol versagt. Sie könnten sogar hingerichtet werden, langsam und qualvoll, während die Kameras es in jedes Fernsehgerät im Land übertragen.“[3] Und indem sie so tut, als würden Peeta und sie, die letzten lebenden Tribute, die giftigen Beeren gleichzeitig essen, so dass es keinen Sieger gäbe, rettet sie ihrer beider Leben. Die Frage ist nur: Konnte sie ganz sicher sein, dass man sie vorher aufhalten würde? Bestand nicht doch ein Risiko, dass man beide die Beeren essen und sie sterben lassen würde?

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Ich finde schon. Katniss hat für einen kurzen Moment sich selber und Peeta aussteigen lassen aus der Rolle der passiven Opfer, indem sie bewusst, aktiv, freiwillig bereit war, zu sterben – sich zu opfern. Und gerade darum, weil sie bereit war, das zu riskieren, würden wir nie mitleidig oder schadenfroh zu ihr sagen „Du Opfer, du“. Zwischen dem einen und dem anderen Opfer ist ein großer Unterschied.

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Euch fallen bestimmt noch eine ganze Menge Filme oder Bücher ein, in denen Menschen bereit sind, sich zu opfern, um andere zu retten, die sonst die armen Opfer wären. Aber warum gibt es so viele solche Geschichten? Und warum finden das so viele Leserinnen und Kinobesucher spannend? Ein Grund ist sicher: weil die Helden und Heldinnen dieser Geschichten eben Erfolg haben, letztlich siegen und letztlich eben keine Opfer sind. Ein möglicher zweiter Grund: Weil sie uns etwas Verstecktes auch aus unserem Leben zeigen. Auch wir haben unsere Masken der Coolness auf – wie Batman –, auch wir sind irgendwie Täter/Täterinnen und Opfer zugleich, wenn wir mitspielen – nicht in den Hungerspielen, aber in dem Spiel, das da heißt: keine Schwäche zeigen, stark sein, cool sein, wenigstens nach außen Erfolg haben. Ich glaube, das betrifft uns alle, wie wir da sind: euch Schülerinnen und Schüler, aber genauso eure Lehrer und Lehrerinnen, Eltern, die Menschen aus der Diözese und Kirche und von der Uni: wir alle wollen gut dastehen und weil wir das wollen, sind wir Opfer und TäterInnen zugleich.

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Ich kenne aber eine Ausnahme, und ich glaube, dass diese eine Ausnahme ein weiterer Grund ist, warum so viele Menschen so gerne solche Geschichten lesen oder anschauen. Da gibt es ja einen, dem es ziemlich egal war, was die Leute von ihm gedacht haben, und darum hat er sich mit denen solidarisiert, die alle anderen für dumme Opfer hielten. Und mit den Mächtigen und Coolen, denen, die scheinbar gar nichts verletzten kann, mit denen hat er sich angelegt, hat sie eine Schlangenbrut und ein Natterngezücht geheißen. Schon klar, wir reden heute nicht so, aber spannend finde ich das: einer, der nicht zu den Outsidern „Du Opfer!“ sagt, sondern zu den Insidern „Ihr Schlangenbrut!“ (Mt 23,33 u.a.). Ist ja logisch, dass die sich das nicht gefallen ließen. Und so beschlossen sie, ihn zum Opfer zu machen. Wenn sich einer unbedingt mit den Opfern solidarisieren will, bitte schön – soll er doch, aber so sehr, dass ihm Hören und Sehen – und vor allem das Reden vergeht! Und was passiert?

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Der macht das tatsächlich, solidarisiert sich komplett mit den Opfern und opfert sich für sie. Aber weil er weiß, dass auch die Täter Opfer sind, weil ja alle in diese Spiele verwickelt sind, solidarisiert er sich auch noch mit den Tätern, opfert sich auch für sie. Woher wir das wissen? Ihr habt ja sicher schon gemerkt, von wem ich da rede, obwohl der normalerweise nicht neben Batman und Katniss gestellt wird, aber – ja – es ist Jesus, der gegen die Insider für die Outsider streitet und sich umbringen lässt für die einen, aber eben auch für die anderen. Von ihm wird berichtet: Er hat sogar für die gebetet, die ihn umgebracht haben – „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Frommes Gelaber? Naives Gutmenschentum? Nein! Der hat genau gewusst, auf was er sich einlässt. Er brauchte keine Maske und hatte keinen Trick. Er ist dem Tod nicht noch schnell von der Schaufel gesprungen, er hatte keinen Autopilot. Er ist wirklich gestorben.

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Vielleicht denken sich manche von euch jetzt: Doch, der hatte auch so einen Trick, man nennt ihn Auferstehung. Die Menschen haben auch von Jesus behauptet, er wäre gar nicht tot. Ist also auch bloß ein Drehbuch wie alle anderen, auch bloß ein Versuch die Coolness zu erhalten, der aber inzwischen gar nicht mehr cool ist, weil schon 2000 Jahre alt und von Typen verbreitet, die alles andere als cool sind.

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Das ist aber jetzt die alles entscheidende Frage: Ist die Auferstehung der Trick der Christen, um zu sagen: Jesus ist doch gar kein loser, sondern ein Sieger? Oder ist die Auferstehung kein Trick, sondern die Antwort Gottes auf die Tatsache, dass wir alle MitspielerInnen sind in dem Opfer-Täter-Spiel; die Antwort Gottes auf das Problem, dass wir allein da gar nicht mehr herauskommen und uns nur hinter immer mehr Masken und Tricks verstecken? Batman ist nur zum Schein gestorben; Katniss und Peeta wollten die Beeren nur zum Schein essen. Was, wenn Jesus wirklich gestorben und dann aber von Gott wirklich auferweckt ist, um uns herauszuhelfen aus den tödlichen Spielen?

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Dann müsste es möglich sein, dass wir uns ihm anschließen, also weder mitleidig noch herablassend „Du, Opfer“ sagen, sondern uns mit den Opfern solidarisieren, weil sich herausgestellt hat, dass Gott das auch tut. Und dann entsteht daraus eine riesige Bewegung, sie heißt Kirche, und ist genau dafür da, sich für die Opfer einzusetzen. Das gelingt ihr nicht immer. Manchmal ist sie auch eine Mitspielerin in den tödlichen Spielen und ist eine Täterin. Aber es gelingt ihr doch immer wieder. Und heute sind Menschen da, die in im weitesten Sinn in dieser Kirche arbeiten, um euch ein wenig zu erzählen und zu erläutern, was sie da genau tun.

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Über ein Wort in meinem Titel habe ich noch nichts gesagt – und das muss ich jetzt noch tun, bevor ich aufhöre: Caritas. Caritas ist natürlich eine katholische Hilfsorganisation und der Caritas-Direktor von Tirol ist heute auch da, um zu erläutern, was dort alles gemacht wird. Aber darum habe ich es nicht in den Titel aufgenommen. Sondern weil Caritas auch der lateinische Ausdruck ist für die Haltung, die Jesus gelebt hat, und die er allen ans Herz legt, die wie er leben wollen. Caritas ist die Einstellung, sich um die zu kümmern, die es nötig haben, und nicht bloß um sich selber. Das deutsche Wort dafür ist altmodisch und uncool – Nächstenliebe.

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Es ist nur seltsam: Wenn Batman sich um die Schwachen kümmert, ist es cool; wenn Katniss sich für ihre Schwester opfert, finden wir es cool; aber wenn Jesus und die seinen dasselbe viel engagierter – weil ohne Tricks und Autopilot – tun, dann finden wir es uncool. Vielleicht können wir – die Jungen und die Älteren – darüber mal nachdenken; wenn nicht heute, dann vielleicht bei der nächsten Heldengeschichte, die uns gefällt.

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Anmerkungen

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[1] Christopher Nolan (Regie): The Dark Knight Rises (USA 2012). Den Text liest Jim Gordon am Ende des Films am Grab Bruce Waynes. Er ist ein wörtliches Zitat aus Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten (A Tale of Two Cities), Kap. 47, d.h. ganz am Ende, an dem sich auch eine Figur freiwillig für eine andere opfert (Carton lässt sich für seinen Freund Darnay hinrichten).

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[2] Suzanne Collins: Die Tribute von Panem, Band 1: Tödliche Spiele. Dt. S. Hachmeister und P. Klöss. Hamburg 2009, 24.

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[3] Ebd., 383.

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