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Kein Grund zur Freude in dieser Zeit. Predigt zu Gaudete

Autor:Guggenberger Wilhelm
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-12-19

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Das sind die Zeiten von Sonnenauf- und Sonnenuntergang am heutigen Tag in Innsbruck. Knappe achteinhalb Stunden dauert dieser Tag. Ja, es ist die dunkelste Zeit im Jahr, in der wir auf Weihnachten warten. Mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht, wie das Weihnachtslied es sagt. Zehn Tage noch sind es bis zu dieser halben Nacht, die nicht nur die Mitternacht meint, sondern auch den Tiefpunkt des Winters.

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Uns mag das heute wenig kümmern. Mit Wärme auf Knopfdruck und viel elektrischem Licht, mit Unterhaltungsprogramm uns stets verfügbaren Shoppingmöglichkeiten lässt sich das gut aushalten. Für unsere Vorfahren aber gab es wenig Grund zur Freude in dieser Zeit. Dennoch lässt die Tradition an diesem Tag die Messe mit dem Ruf beginnen: Freut Euch!

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Die halbe Nacht hat es so an sich, dass der Tiefpunkt schon erreicht ist. Sie ist vom Untergang schon gleich weit entfernt wie vom Aufgang. Wenn wir Weihnachten feiern, werden die Tage schon wieder länger. Der Winter ist keineswegs vorüber und doch; sein Ende ist schon absehbar. So ist das mit den Jahreszeiten in ihrem zyklischen Lauf. Doch gilt es auch für die Nächten unseres Lebens, für die Winter der Geschichte?

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Der Ton in der Politik scheint immer rauer und frostiger zu werden, die Polemik immer skrupelloser - hier bei uns und anderswo. Vieles, das längst überwunden gemeint war, erlangt seine Salonfähigkeit zurück. Düstere Phänomene werden mit merkwürdigen Worten verharmlost: postdemokratisch, postfaktisch, …. Kriege nehmen und nehmen kein Ende. Auch wenn das menschliche Elend kaum noch steigerbar ist, die waffenstarrende Kraftmeierei ist es allemal.

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Die Winter der Geschichte kennen keine vorgegebenen Wendepunkte. Wo ist ihre Mitte, ab der es wieder bergauf geht? Wir produzieren unsere Nächte selbst, aber dann, mitten in der Dunkelheit, entgleiten sie aller Kontrolle. So drohen sogar die Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Jahreszeiten aus allen Fugen zu geraten. Und niemand vermag zu sagen, ob die Papiere, die dagegen geschrieben und unterschrieben werden, mehr Wert sind als eben Papier.

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Es gibt wenig Grund zur Freude in dieser Zeit. Dennoch begannen wir diese Messe mit dem Ruf: Freut Euch!

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Es mag so sein in den großen Dingen der Welt, aber in meinem eigenen kleinen Leben, ist da nicht auch mein eigenes kleines Glück? Ja, es stimmt, da ist sogar so viel Glück, dass mir mitunter schwindlig wird, weil ich nicht recht weiß, wie ich dazu komme. Dann steigt in mir der Gedanke auf, es könnte auch für mich eine dunkle Zeit kommen, von der ich nicht sagen kann, wie ich durch sie zu kommen vermag. Viel schlimmer aber: Ich weiß von so vielen, die kaum zu berichten haben vom eigenen kleinen Glück, weil sie in halben Nächten feststecken und in ihrem Leben  keine Wintersonnenwende vorgesehen scheint.

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Für sie gibt es wenig Grund zur Freude in dieser Zeit. Dennoch wagt der Eingangsvers der Messe an diesem Tag auch ihnen zuzurufen: Freut Euch!

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Ist dieser Ruf purer Hohn? Ist er mehr als eine Floskel? Was kann ihm Berechtigung verleihen? Sollte es wirklich Grund geben zur Freude in dieser Zeit?

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Nein, nicht in dieser Zeit. In ihr liegt der Grund zur Freude nicht. Das ist doch gerade der springende Punkt, dass diese Zeit für uns nicht alles ist, nicht die letzte, nicht die Zeit, für die es sich zu leben lohnt. Die Mitte des Winters ist nicht der Grund zur Freude. Aber es gibt doch das Wissen um einen vielleicht auch noch fernen Frühling. Der Zustand dieser Welt kann kein Grund zur Freude sein. Aber es gibt doch die Hoffnung auf eine – wohl auch noch ferne – Vollendung. Das Faktum des so unermesslichen menschlichen Leids spricht jeder Freude Hohn. Aber es gibt doch den Glauben daran, dass kein Menschenleben verloren bleibt? Mein eigenes Glück, auch es darf nur ein Grund zur Freude sein, wenn ich erwarten kann, dass es nicht nur das meine bleibt, nicht Ausnahme, sondern Regel werden kann, nicht Sonderfall, sondern Normalität.

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Mein Gott, ist das nicht reine Vertröstung? Die Frömmigkeit kann Freude doch nur proklamieren, weil sie den Boden unter den Füßen längst verloren hat, weil sie in einer Welt lebt, die nicht real ist. Das ist es doch was die Religionskritiker und Humanisten aller Zeiten gegen die Frommen so aufgebracht hat, dass deren Freude in eine ferne Zeit verweist, gar in eine Zeit jenseits der Zeit. Damit werden wir hier in der Gegenwart eingelullt in der Hoffnung auf ein Ende der Nacht, das keineswegs gewiss ist, ein Ende des Winters, von dem keiner weiß, ob es jemals kommen wird.

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Haben sie nicht recht, die Religionskritiker und Humanisten, wenn sie sagen, dass wir den Blick auf die Gegenwart richten sollen, wenn sie sagen, wir sollen unsere trügerischen Hoffnungen fahren lassen, um der Menschen willen, die heute leiden, die heute gefoltert und ermordet werden, die heute auf der Flucht sind, die heute mit ihrem Schicksal nicht zu Rande kommen?

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Ja, natürlich haben sie recht damit, dass es den Blick auf die Gegenwart zu richten gilt. Doch womit sie nicht Recht haben ist, dass der Blick über die Zeit hinaus nur vertröstet, dass er gar lähmt und das Unheil ungestört seinen lauf nehmen lässt.

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Die Freude an dem, was kommen wird, ist doch unser größter Trumpf gegen den kalten Winter und die halbe Nacht. Woher sollten wir sonst die Geduld nehmen, die Dunkelheit, die um uns ist, ohne Zynismus zu ertragen? Zweifellos ist es besser Lichter anzuzünden als über die Dunkelheit zu klagen. Doch der Blick auf die Realität der Geschichte zeigt uns, dass noch jedes entzündete Licht irgendwann auch wieder erloschen ist. Ebenso wie jeder Winter hat auch jeder Sommer ein Ende. Lohnt es da überhaupt auf ihn zu warten und ihm entgegen zu fiebern?

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Ja, es lohnt, denn das Warten auf eine Zeit jenseits der Zeit; jenseits dieser Zeit mit ihrer sich wiederholenden Geschichte, mit ihrem Auf und Ab, mit ihren glorreichen Revolutionen und ihren post-gloriosen Niedergängen, dieses Warten ist nicht Vertröstung. Es ist vielmehr eine Quelle für Ausdauer und mehr noch, Mut und Kraft.

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Wie viel Licht kommt durch Menschen in die halbe Nacht, die die Hände gerade deshalb nicht in den Schoß legen, weil sie wissen, dass keine Mühe verloren sein wird, auch nicht die, die scheinbar erfolglos bleibt! Wie viel Wärme kommt mitten in den kalten Winter durch Menschen, die nicht meinen alles für sich behalten zu müssen, was sie irgend ergattern können, weil sie nämlich wissen, dass diese Zeit nicht die letzte Gelegenheit bietet zu leben. Wie sehr können die ihr kleines Glück genießen, die nicht beständig um es fürchten müssen, weil sie wissen, dass ein noch größeres auf sie wartet.

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Freut euch! Ruft dieser Sonntag uns zu. Freut euch zu jeder Zeit! Nicht weil diese Zeit viel Grund dazu böte, sondern weil diese Zeit nicht alles ist. Und weil diese Zeit nicht alles ist, können wir auch in ihr Dinge finden, die zu genießen sind. Weil diese Zeit nicht alles ist, können wir mitten in ihr den Mut haben auch aus dieser Zeit das Beste zu machen für uns und für andere.

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Freut euch also, damit es mehr Grund zur Freude gibt in dieser Zeit und freut euch darüber, dass nicht wir es sind, die diese Freude vollkommen machen müssen; das nämlich hat der uns abgenommen, auf den wir warten.

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