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Gottes Sehnsucht nach dem Menschen
(Adventpredigt, gehalten in der Jesuitenkirche am 27. November 2016 um 11.00 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-11-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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"Alles beginnt mit der Sehnsucht, immer ist im Herzen Raum für mehr, für Schöneres, für Größeres. Das ist des Menschen Größe und Not: Sehnsucht nach Stille, nach Freundschaft und Liebe. Und wo Sehnsucht sich erfüllt, dort bricht sie noch stärker auf. Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an? So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen, Dich zu suchen, und lass sie damit enden, Dich gefunden zu haben."
Nelly Sachs

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„Alles beginnt mit der Sehnsucht”, dichtete Nelly Sachs. Die jüdische Dichterin sah gerade in der Sehnsucht den Inbegriff der Größe, aber auch den Inbegriff der Not des Menschen. Den Inbegriff der Größe, weil im Herzen des Menschen immer Raum für mehr ist, den Inbegriff der Not, weil, wo die Sehnsucht sich erfüllt, sie dort noch stärker aufbricht. Dem gehetzten Zeitgenossen freilich – und das sind wir alle, Du und ich –, den Menschen von heute, die möglichst viel erleben und auch möglichst viel erreichen, ja möglichst viel haben wollen: am besten alles und zwar subito, den Menschen von heute ist die Sehnsucht zu einer teuren Markenware geworden, zu einem Luxusartikel, den man sich vor Weinachten leisten, um den man sich zu Advent bemühen soll. Die Marketingstrategen, die Werbungsprofis zerbrechen sich ja unermüdlich ihre Köpfe auf der Suche nach den Kicks, nach den Stimuli, nach Appetizer, die die Lust der Menschen noch auf irgendetwas zu wecken vermögen. Und auch die Prediger zerbrechen sich ihre Köpfe, wie sie gerade zu Advent den Menschen die Sehnsucht nach Gott, wenn schon nicht wecken, so doch zumindest deren theoretischen Wert erklären sollen. Und die meisten machen sich keine Illusionen darüber, dass es um diese Sehnsucht nach Gott nicht besonders gut bestellt ist. So paradox es klingen mag, vertrösten sich einige fromme Geister mit der althergebrachten Weisheit von den schlechten Zeiten: „Wenn es den Menschen nicht gut geht, dann fangen sie schon an, nach Gott zu lechzen”. Sollen etwa die Zeiten des Unglücks auch mit der Sehnsucht der Frommen nach Gott anfangen?, könnte man sarkastisch fragen. Das kann doch nicht der Sinn der Sache sein, dass gerade fromme Menschen zu Lebenshassern werden, zu Menschen, die nur in Schmerz und Leid und Unglück die Lust an Gott wahrnehmen.

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Liebe Schwestern und Brüder, Nelly Sachs wagt in ihrem Gedicht eine ungewöhnliche Frage, eine Frage, die den Rahmen der klassischen Gotteslehre sprengt, eine Frage aber, die dem Geheimnis des Advents vermutlich näher kommt als alle Dogmatik und all die aufrüttelnden Predigten, die dem Menschen der Gegenwart mittels einer Moralkeule die Sehnsucht nach Gott einpeitschen wollen. „Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?”, fragt die Jüdin und rückt damit eine Nuance des göttlichen Lebens in den Vordergrund, bei der ein gut geschulter Religionsphilosoph nur noch den Kopf schütteln wird. Gott sei doch – so wird er argumentieren –, „Gott sei doch vollkommen. Er hat doch alles, deswegen bedarf er weder der Welt noch des Menschen. In seiner Vollkommenheit ruhe Gott in sich!” Die logisch denkenden klugen Köpfe des Altertums setzten dieser Gottesvorstellung noch ein „Tüpfelchen auf dem i”, wenn sie sich diesen Gott als eine „apathische Gottheit” vorgestellt haben, eine Gottheit, deren Beziehung zur Welt sich auf die Kategorien des Rechts beschränkt. „Als Gott mache er den Menschen seinen Willen kund, erlasse sein Gesetz, achte darauf, dass das Gesetz auch erfüllt werde und ahnde die Verfehlungen bis in alle Ewigkeit.” Ein kalter Gerichtsvollzieher sozusagen, einer, der ohne mit der Wimper zu zucken, mit den ganz konkreten Menschen nach den geltenden Maßstäben des Gesetzes verfährt. Liebe Schwestern und Brüder, erschrecken Sie nicht, aber: Gleicht diese Gottheit nicht dem sorgsam seine Pflichten erfüllenden Kommandanten von Auschwitz Rudolf Heß, der in seiner Wahrnehmung bloß ein vollkommener Beamte des Gesetzes war, ein Beamter, der zu keiner Sehnsucht fähig zu sein schien, ein Beamter, der mit der gleichen Apathie, mit der er die Menschen in den Tod schickte, auch sein eigenes Todesurteil akzeptierte? Weil es in seinem Herzen scheinbar keinen Raum gab für mehr als das Gesetz.

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Hat die Jüdin Nelly Sachs diese Sackgasse einer Vorstellung von Gott und Welt gespürt, einer Vorstellung, die um den Gedanken der Vollkommenheit kreist, sich auf Recht und Gesetz fokussiert, deswegen extrem menschenfeindlich wird, wenn sie ihre berührende Frage formuliert? „Fing nicht Deine Menschwerdung, Gott, mit der Sehnsucht nach dem Menschen an?“ Sie fragte und näherte sich damit dem tiefsten Kern des Christentums an, zeigte auch uns den eigentlichen Sinn des Advents, jener Zeit, in der wir – gerade als Christen – uns aufs Neue, heute mehr denn je, mit dem Gedanken vertraut machen sollen, dass es da jemanden gibt, der Sehnsucht nach mir hat. Er hat Sehnsucht nach mir, dem ganz konkreten Menschen, dem Menschen mit all den Ecken und Kanten, dem Menschen, dem doch so oft die Puste ausgeht und dies bei der Arbeit und in der Freizeit, dem Menschen, der ein Konsument ist, einer, der gerne isst und trinkt, hin und wieder auch einen Kater hat, Christkindlmärkte aufsucht, sich an Reisen erfreut und nicht nur daran.

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Es fällt uns nicht leicht, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es da jemanden gibt, der Sehnsucht nach mir hat, nach mir, auch dem Menschen, der sich selber so oft nicht mag, sich immer wieder bei einem subtilen Selbsthass ertappt, weil ich schon wieder nicht das gemacht habe, was man machen sollte, weil ich schon wieder an die Grenze geraten bin, weil ich mich nicht traue, meine Stimme zu erheben, weil ich zu schwach, zu jung, oder auch schon zu alt bin, zu krank gar sterbenskrank. Und doch... Doch gibt es da jemanden, der Sehnsucht nach mit hat, – nach mir, dem ganz konkreten Menschen.

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Es ist nicht leicht, liebe Schwestern und Brüder, sich an diesen adventlichen Gedanken zu gewöhnen, dass es da jemanden gibt. Mehr noch: dass dieser Jemand Gott selber ist. Dass es also im göttlichen, im vollkommenen Herzen doch noch Raum gibt: für mehr! Für mehr, als bloß für Recht und Ordnung, also für den alltäglichen Durchschnitt. Für mehr, als bloß für die political correctness, mit der die fortschrittlich denkenden Zeitgenossen auftrumpfen, wenn sie die korrekten Sprachformen verwenden und glauben, dass sie deswegen niemanden ausschließen und verletzen im Leben. Für mehr als bloß für eine interreligiös kompatible Ethik, oder auch areligiös begründete, mit der die liberalen Geister den göttlichen Willen zu übersetzen suchen in eine säkular kompatible Sprache, die damit aber die göttliche Sehnsucht kastrieren.

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Es ist für uns Christen nicht leicht, den christlichen Gedanken wieder zum Leben zu erwecken, dass es im göttlichen, im vollkommenen Herzen doch noch Raum gibt: für mehr! Für mehr als bloß für die ewige Ruhe all der Guten, die sich ihr Leben lang abgestrampelt haben im Dienste der Tugend und von Gott bloß belohnt werden wollen. Für mehr als bloß für den ewigen Ausgleich für all jene, die um das Glück im Diesseits geprellt wurden und sich immer und immer wieder mit dem Gedanken auf die Vergeltung im Jenseits vertröstet haben.

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Es ist für uns nicht leicht, den christlichen Gedanken wieder lebendig werden zu lassen, dass es im göttlichen, im vollkommenen Herzen doch noch Raum gibt: für mehr! Nämlich: auch für mich, ganz gleich wer ich bin. Es gibt also auch Raum für den „polnischen Priester”, für den Theologen, für Niewi, so wie er ist (für den, der nicht immer ganz ernst macht mit all den todernsten kirchlichen Vorschriften). Klassisch ausgedrückt: dass es im göttlichen Herzen den Raum gibt, für mich: den armseligen Sünder, der sich keineswegs verstellen muss, um Gottes würdig zu werden.

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Diese Sehnsucht Gottes nach mir neu zu entdecken, wie es in der Kantate, die heute gesungen wird (J.S. Bach: Nun komm, der Heiden Heiland, BWV 61) heißt: diese seine Lust an mir zu sehen, schon das allein macht den Menschen selig! Denn: Das ist des Menschen Größe und auch seine Not, dass gerade dort, wo Sehnsucht sich erfüllt, genau dort bricht sie noch stärker auf. Und die Christen? Sie glauben ja, dass sich die Sehnsucht Gottes nach den Menschen in seiner Menschwerdung erfüllt, weil Gott selber sich den Luxus der Erfüllung leistet. Aber gerade deswegen bricht sie dort auf im konkreten menschlichen Leben. Dort bricht sie noch stärker auf, ist dort auch nicht tot zu kriegen. Da sind die aggressiven neu-atheistischen Philosophen genauso machtlos wie die lauen, sich bloß um Kompatibilität mit dem Durchschnitt bemühenden Prediger. Sie sind machtlos, genauso wie der Markt mit seinen Mechanismen machtlos bleibt, samt aller Politiker: ganz gleich, ob sie rechts oder links, oder auch in der mitte stehen. Sie alle sind machtlos mit ihren Plänen, die Welt derart umzugestalten, dass die Menschen nur noch glücklich bleiben, nur noch sich in Sicherheit wähnen und es gemütlich haben: weil ihnen die Sehnsucht abhanden kommt. Nein: wir alle sind machtlos angesichts eines lebendigen Gottes, der Sehnsucht nach uns hat, sich diese Sehnsucht in unserem Leben auch erfüllt, aber gerade deswegen uns alle zu Wesen verwandelt, in deren Herzen es immer noch den Raum gibt: für mehr! Das ist ja des Menschen Größe.

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Deswegen endet die Jüdin Nelly Sachs ihr Gedicht mit der Bitte an Gott: „Lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen Dich zu suchen, und lass sie damit enden, Dich gefunden zu haben.” Und Johann Sebastian Bach meditiert die Lust Gottes an mir und lässt für uns, die wir alle doch adventliche Neuheiden sind, er lässt für uns aus ganzen Herzen singen: „Nun komm, der Heiden Heiland!”

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