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Laudatio anlässlich der Verleihung des Wissenschaftspreises für außergewöhnliche Forschungsleistung der Stiftung der Südtiroler Sparkasse an Jozef Niewiadomski

Autor:Guggenberger Wilhelm
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-11-16

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Es ist mir eine ungemeine Freude, diese Laudatio halten zu dürfen; zugleich ist es eine Unmöglichkeit. Denn wer Jozef Niewiadomski als Redner kennt, weiß, dass er selbst der bestgeeignete Laudator für einen solchen Anlass wäre. Eine sich selbst gehaltene Lobrede wäre freilich wiederum ein monströses Unding, weil Ausdruck des Narzissmus eines homo curvatus in se ipse, eines in sich selbst kreisenden Menschen, dessen einziges Ziel er selbst ist, wodurch er sich letztlich doch völlig abhängig von anderen macht, denn wer sollte ihm seinen Wert bestätigen, wenn nicht die bewundernden Blicke der anderen. Mit solchen Sätzen, die Sie an dieser Stelle vielleicht etwas verwundern, die aber beinahe Zitat sein könnten, bin ich bereits mitten im Forschungsgebiet von Jozef Niewiadomski angelangt. Der Mensch in der Spannung zwischen Autonomie und Abhängigkeit, zwischen Selbstliebe und Eitelkeit, der Mensch zwischen medialer Inszenierung und Authentizität, zwischen zur Schau gestellter Potenz und dem Leiden an unausweichlicher Hinfälligkeit; dieser Mensch ist es, um den Niewiadomskis Arbeit,  sein Denken,  seine Publikationen, auch seine Predigten immer wieder gekreist sind und nach wie vor kreisen.

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Aber ist der heute Geehrte nicht Theologe, mögen Sie Sich fragen. Müsste der Laudator da nicht zuerst über Gotteslehre sprechen, nicht über Menschenlehre, über Theologie also, nicht über Anthropologie?

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Ein wesentlicher Grund dafür, dass Jozef Niewiadomski diesen Preis für außerordentliche wissenschaftliche Leistungen erhält, ist wohl, dass er für eine Theologie, für eine katholische Dogmatik  steht, die weiß, dass sie letztlich wertlos würde, ginge es ihr nicht um den Menschen; um den Menschen, der eine unbändige Lust auf ein Leben hat, das des Menschen würdig ist, wie Niewiadomski es selbst einmal formuliert hat. Daher ist seine Theologie eine, die sich der Moderne und Postmoderne zugewandt hat, dem Thema der Menschenrechte und politischen Phänomenen wie der neuen Rechten, dem Terror mit seinen Selbstmordattentaten, der Welt der Medien und der Werbung und manch anderen Zeitsignaturen, die das menschenwürdige Leben immer wieder in seiner Fragilität sichtbar machen. Im Grunde hat er sich mehrheitlich an Themen abgearbeitet, die ZeitgenossInnen auf den ersten Blick kaum mit Theologie in Zusammenhang bringen würden – dies aber immer mit österlichen Augen, wie er es nennt.

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Im Rahmen einer Reflexion über „Grenzen ziehen – Grenzen überwinden. Denkanstöße zur Identität und Zukunft Europas“ (schon wieder so ein un-theologisches Thema) formulierte Niewiadomski im vergangenen Frühling: „Je mehr unsere humanistisch gesinnte Welt die Liebe zu allen Menschen auf ihre Fahnen schreibt und universal geltende Menschenrechte proklamiert, umso mehr wird sie dazu verführt, den konkreten Menschen auf Distanz zu halten und seine Konkretheit, seine Ängste und Nöte schlicht und einfach zu übersehen.“ Der aufmerksame Blick für den konkreten Menschen ist meiner Erfahrung nach für Jozef Niewiadomski nicht nur unerlässliches wissenschaftliches Postulat. Zuallererst ist dieser Blick Lebenshaltung. Der Universitätslehrer, der Institutsleiter, der Dekan ist daher immer auch Seelsorger geblieben. Der Kontakt zu Studierenden, zu MitarbeiterInnen,  auch zu Vorgesetzten findet auf dieser sich um den Menschen und seine konkrete Situation sorgenden Ebene statt und nicht nur auf der durch Rollen und Funktionen bestimmten. Eine Theologie kann eben nur dann mehr sein als Gedankenspiel, der Theologe nur dann mehr als Gehirnakrobat, wenn er im Hier und Jetzt ansetzt, beim konkreten menschlichen Leben und seinen Erfahrungen, beim Glück über und dem Leiden an diesen Erfahrungen. Darin stimmt die Arbeit des Geehrten wohl ganz mit einem der pastoralen Grundprinzipien von Papst Franziskus überein, das da lautet: Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee.

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Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee. Wurde das nicht einmal auch so formuliert: Das Sein bestimmt das Bewusstsein? Setzt die Theologie sich da auf - im Grunde auch schon totgerittene - alt-linke Ideen? Jemand, der wie Niewiadomski die menschen- und gottesverachtende Praxis des realexistierenden Sozialismus im Polen der 1950er und 60er-Jahre miterlebt hat, wird damit überaus vorsichtig sein. Seine Sensibilität für jede Spur von Totalitarismus in Strukturen, auch in jenen der Kirche, ist ein bleibendes Ergebnis solcher Erfahrungen, ebenso wie eine untergründige, mitunter auch verschmitzte Widerständigkeit, die er selbst ganz gern als Logik des Partisanen bezeichnet.

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Doch so weit stimmt es schon, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt,  als  der Gott von dem wir in unserer Theologie sprechen keine Kopfgeburt ist, keine Überbau-Idee. Im Zentrum christlicher Theologie steht die Überzeugung, dass wir das Wesentlichste, das wir über Gott wissen können an einer individuellen, auch menschlichen Person und ihrer Existenz an einem historischen und geographischen Ort ablesen. In dieser konkreten Person, Jesus von Nazareth, setzt sich Gott der menschlichen Lebenswirklichkeit aus, lässt sich von ihr betreffen, herausfordern und reagiert auf sie, um gerade so etwas von der göttlichen Wirklichkeit sichtbar zu machen; soweit der christliche Glaube. Die Offenbarung von der wir christlichen TheologInnen sprechen besteht also nicht darin, dass ein Datensatz high-speed vom Himmel auf die Erde transferiert worden wäre, sie besteht vielmehr in einem langwierigen, auch von kommunikativen Missverständnissen gezeichneten Erkenntnisprozess, der sich im Drama des Lebens ereignet und im Drama der Geschichte.

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Damit ist nun jenes Stichwort genannt, das für die wissenschaftliche Arbeit von Jozef Niewiadomski so prägend ist: Drama. Was Dramatik ist, weiß jeder, der von Niwi jemals in Libretto und Musik einer x-beliebige Oper eingeführt wurde. (Oper, das ist seine große Leidenschaft.) Solche Einführungen sind mitreißender, dramatischer als manche Inszenierung auf großer Bühne. In der Theologie verdeutlicht der Begriff Dramatik, dass die Begegnung zwischen Menschen, aber auch die Begegnung zwischen Mensch und Gott immer ein dialogisches Geschehen ist, das jedoch selten in Habermasscher Idealität stattfindet, sondern geprägt bleibt von Missverständnis, Ablehnung und Auseinandersetzung ja von handfestem Streit. Dort wo der Streit eskaliert, werden Opfer produziert. Und so steht die Frage nach den Opfern und ihrer Rehabilitierung im Zentrum einer dramatischen Theologie, wie Niewiadomski sie betreibt.  Dieser Ansatz bleibt auch dort misstrauisch, wo scheinbare Harmonie herrscht und fragt gerade dort nach den verborgenen, verheimlichten und so nochmals missachteten Opfern. Wer ist bereit zur stellvertretenden Anwaltschaft für sie, auch wenn es dafür selbst einen hohen Preis zu bezahlen gilt?

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Hier sieht Niewiadomski den Fokus seiner Forschung und die brandaktuelle Bedeutung der christlichen Theologie.

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Schon seit langem und je länger, umso vorbehaltloser, stellt er sich mit seiner Forschung in den Dienst der Weiterentwicklung des dramatisch-theologischen Ansatzes. Der ist ja nicht seine Erfindung, vielmehr wurde er von seinem, von unserem Lehrer, Raymund Schwager begründete – der morgen seinen 81. Geburtstag gefeiert hätte. So sehr er zweifellos ein Mensch ist, der auch den öffentlichen Auftritt braucht, so sehr geht es Niewiadomski in der Wissenschaft eben nicht um Selbstprofilierung, sondern darum, einer Erkenntnis zum Durchbruch zu verhelfen, die dem Qualitätstraum eines menschenwürdigen Lebens für alle dienlich sein kann.

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Zwei Elemente unter zahlreichen zur Weiterentwicklung des dramatisch-theologischen Ansatzes möchte ich herausgreifen und nennen: Zum einen ist da ein derzeit gemeinsam mit Nikolaus Wandinger und einem kleinen Team durchgeführtes FWF-Projekt, in dem auch die Schriften Schwagers neue und kritisch ediert werden. Zum anderen nenne ich das Faktum, dass Jozef Niewiadomski seine DissertantInnen konsequent und beharrlich auf die Spur des dramatisch-theologischen Ansatzes setzt. Mancher mag dieser Spur etwas widerstrebend gefolgt sein, wurde so aber zumindest zur kritischen Auseinandersetzung genötigt, der jede wissenschaftliche These mindestens so sehr bedarf wie Nachweisen ihrer Evidenz. Zwei dieser DissertantInnen – dies keineswegs Widerstrebende - haben immerhin Sub-Auspiciis-Abschlüsse gemacht und etliche andere sind mittlerweile in kirchlichen und akademischen Funktionen rund um den Globus verstreut; von Italien bis Indonesien, von Polen und der Ukraine bis nach China. Durch sie, die mit ihren spezifischen Perspektiven und neuen Ideen eine ebenso wertvolle Frucht der Forschung darstellen, wie Publikationen und Drittmittelprojekte, sind in Innsbruck entwickelte Konzepte, Denkmuster auch Sprachbilder längst Teil einer globalen katholischen Theologie im ursprünglichen und besten Sinn des Wortes „katholisch“ geworden; einer Theologie, die Räume und Kulturen übergreifend lebendig ist.

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Bei seiner Antrittsvorlesung an unserer Fakultät im Jahr 1997 hat Jozef Niewiadomski einleitend Milan Kundera Zitiert mit dem Satz: "Wer dem lieben Gott ins Fenster geschaut hat, langweilt sich nicht; er ist glücklich." Langeweile, das ist etwas, was zu seinem Temperament ebenso wenig passt, wie eine Fortbewegung langsam gemessenen Schrittes. Der Ausdruck „dem lieben Gott ins Fenster schauen“ steht bei Kundera freilich für die Kunst der Muße. Dieser Muße ist unser Preisträger sehr wohl fähig, besonders dann, wenn sie mit Musik verbunden ist. In unserem akademischen Leben drohen wir die Muße allerdings mehr und mehr zu verlieren, damit aber auch das Bewusstsein, dass das Privileg des Frei-denken-Könnens, des Forschen-Dürfens ein großes Glück darstellt. Mit einem solchen Verlust ist die Gefahr verbunden, dass wir uns von den Sachzwängen des Marktes in das Hamsterrad einer freudlosen Unterrichts- und Publiziermaschine zwingen lassen.  Was mich betrifft, verdienst Du, lieber Jozef, diesen Preis auch dafür, dass du durch Deine zahlreichen Vorträge und Texte, die den essayistischen Stil, die Narration und das provokante Bild keineswegs scheuen, dass du aber vor allem als Mensch etwas vom Glück und der Freude der Wissenschaft spürbar machst und dass du nicht nur mir, sondern mittlerweile unzähligen NachwuchstheologInnen vermittelt hast, dass Dogmatik eine lustvolle, ja eine höchst sinnliche Angelegenheit sein kann.

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Ich freue mich sehr über Deine Auszeichnung.

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