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Durchlässige Grenzen. Predigt zu Allerheiligen und Allerseelen

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-11-02

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Der Gerechtigkeitsfanatiker, man könnte fast sagen, der Prototyp eines verbitterten, modernen Kirchenfressers: eines hochgebildeten, über alles informierten, aber doch mit dem Leben im Clinch lebenden Menschen, einer der Helden des brillantem Romans: „Die Brüder Karamasov” von Fiodor Dostojewski, Iwan - der Atheist Iwan sucht seinen frommen Bruder Aljoscha zu überzeugen, warum diese Welt bloß Scheiße sei, warum Lebensverachtung die einzige realistische Philosophie bleibe und der freiwillige Abschied vom Leben der einzige Ausweg aus dem Teufelskreis. Sein Leben lang sammelte Iwan Zeitungsnotizen über Missbrauch von Kindern, skandalisierte sich über das Quälen von wehrlosen Opfern, entsetzte sich über die sadistische Wolllust perverser Peiniger. Und weil ihm die Schilderungen der vielen Höllen auf Erden noch nicht genügte, ruft sich der Atheist auch immer wieder die jenseitige Hölle in Erinnerung. Gleichsam zur Bestätigung seiner Ansicht über die Widerwärtigkeit der menschlichen Existenz. Und nun erzählt er seinem frommen Bruder eine mittelalterliche Legende über den Gang der Gottesmutter durch die Qualen. Begleitet vom Erzengel Michael steigt die Gottesmutter in die Hölle. Sie sieht all die Sünder in ihrer Pein, sucht angesichts der schockierenden Bilder ihr Gleichgewicht zu behalten, indem sie sich an der Richtschnur der Gerechtigkeit festhält. Doch dann? Dann kommt sie in eine abgeschiedene Gegend, dorthin, wo nur noch ein brennender See zu sehen ist, wo die Menschen in diesem See der Qualen derart tief versunken sind, dass sie nicht mehr an die Oberfläche kommen. Es sind dies Menschen, von denen es heißt, dass selbst Gott sie vergessen hat. Erschüttert rennt die Frau in den Himmel zurück. Sie fällt vor dem Thron Gottes auf die Knie und bittet um Vergebung für alle: für alle, die sie dort in der Hölle gesehen hat. „Wie soll ich denen vergeben?”, fragt ratlos der göttliche Vater und zeigt auf die durchbohrten Hände und Füße ihres Sohnes. „Maria, wie soll ich den Peinigern deines Sohnes vergeben? Habe ich Recht dazu?” Den Blick auf ihren Sohn gerichtet, ruft die Mutter alle Heiligen des Himmels zusammen, alle Märtyrer, Bekenner, alle Asketen und auch die Engeln. Und sie fleht sie an, sich ebenfalls niederzuknien und um die Begnadigung aller, aller ohne Unterschiede, zu bitten. Die Anwaltschaft der Mutter, die Anwaltschaft der riesigen Menge an Heiligen, deren Fürbitte, ihr stellvertretendes Handeln erwirken in dieser mittelalterlichen Legende die Unterbrechung der Qualen.

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Liebe Schwestern und Brüder, die mittelalterliche Legende bringt das Geheimnis der beiden Feste, die von der Katholischen Kirche anfangs November gefeiert werden, das Geheimnis von Allerheiligen und Allerseelen auf den Punkt. Sie zeigt das globalisierte Jenseits: die Grenzen zwischen Himmel, Fegfeuer und Hölle sind heute durchlässig. Und warum dies? Um den Austausch der Waren zu erleichtern? Um den jenseitigen Markt zu fördern? Um den Jenseitstourismus anzukurbeln? Nein! Der Sinn der Grenzöffnung rührt an das stellvertretende Handeln derjenigen, die sich bereits ein wenig der Gottesschau erfreuen, wie dies in der traditionellen Lehre die Seelen im Fegfeuer taten, die gerade wegen ihrer fragmentierten Gotteschau durch ihr Leiden den Erdenbewohnern beistehen konnten. Der Sinn der Grenzöffnung rührt an das stellvertretende Handeln derjenigen, die ganz den Wohlstand und den Luxus der himmlischen fruitio genießen, wie die Heiligen des Himmels. In der Legende sind sie es, die die Unterbrechung der Höllenqual erbitten. Allerheiligen und Allerseelen rücken nämlich die elementarsten Regeln des mitmenschlichen Lebens in den Vordergrund: Stellvertretung und Anwaltschaft. Anwaltschaft für diejenigen, die des Beistandes bedürfen: Gebet und Fürbitte für die Verstorbenen, aber auch das Vertrauen, dass ich selber in diesem globalen Universum nicht alleine bin. Dass Unzählige für mich eintreten: unzählige Heilige, die Gott an mich erinnern, so dass ich nicht vergessen werde.

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Unser Iwan allerdings, der Prototyp des skandalisierten, modernen Gerechtigkeitsfanatikers, im Grunde ein moderner Atheist, einer, der vom ethischen Ernst beflügelt bleibt, vom Leiden auch entsetzt ist, aber keinen Finger rührt, um dieses Leid auch zu lindern, Iwan fühlt sich im Roman von der Logik der Legende angewidert. Er stilisiert sich nun zum Anwalt kalter Gerechtigkeit, verbietet deswegen die Unterbrechung der Strafen, verbietet sie selbst dann, wenn Opfer und Täter sich die Hände gereicht haben. Er selber vergibt hie und will auch nicht, dass andere vergeben. „Ich will nicht, dass die Mutter den Peiniger ihres Sohnes umarmt. Wie darf sie es wagen. Sie hat kein Recht, auch dann nicht, wenn ihr Kind selbst dem Peiniger verziehe.”

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Liebe Schwestern und Brüder, nicht zuletzt, weil sie sich von der Logik der stellvertretend geübten Barmherzigkeit im Jenseits angewidert fühlten, weil sie die Weisheit von der himmlischen Anwaltschaft für jene, die von allen, gar von Gott vergessen sein sollten, weil sie diese Weisheit für anstößig fanden, haben die modernen Atheisten das Jenseits abgeschafft. Sie erblickten darin den Inbegriff der Verhöhnung der Opfer und das Opium einer ungerecht bleibenden Welt. Nun ist an die Stelle des globalisierten Jenseits die globalisierte Welt gekommen, eine Welt, die mehr Gerechtigkeit bringen sollte, mehr Gerechtigkeit für alle, und auch mehr Glück und Wohlstand. Das globalisierte Diesseits produziert nun aber mehr Opfer als die Geschichte je zuvor produziert hat. Im täglichen Wirrwarr der globalen Kommunikationsnetze verschwinden Millionen und Abermillionen von Menschen. Sie versinken in der Hölle ihrer alltäglichen Einsamkeit. Sie verschwinden in der Hölle des unvorstellbaren Elends: in den Höllen von Aleppo, in den Höllen von Mossul, in den Höllen der Hungerzonen, im Fegfeuer der durch Erdbeben zerstörten Städte. Denn: sie werden nach und nach von der Welt vergessen; vergessen, wie die Seelen im Feuersee aus der mittelalterlichen Legende. Und warum dies? Weil wir die mittelalterliche Regel der Kommunikation, die diese beiden Novembertage miteinander verbindet, immer und immer wieder verdrängen: die Logik der geübten stellvertretenen Barmherzigkeit, die Weisheit vom unbezahlbaren Wert auch oder gerade der himmlischen Anwaltschaft: der Anwaltschaft für jene, die gar von Gott vergessen zu sein scheinen.

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Liebe Schwestern und Brüder, Allerheiligen und Allerseelen im Jahre 2016 zeigen sich uns allen, die wir uns zu dieser Eucharistiefeier versammelt haben, als der nicht mehr zu steigernde Inbegriff der universalen Globalisierung. Denn: die eine globalisierte, diesseitige Welt trifft heute auf das globalisierte Jenseits. Die Grenzen sind durchlässig. Durchlässig für Unterbrechungen. Durchlässig für jene, die heute und morgen zum Friedhof gehen. Durchlässig für jene, die ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit und ihr Geld für die Toten investieren, die also damit bezeugen, dass diese Toten nicht vergessen sind. Die Grenzen sind aber auch durchlässig für jene, die in Erinnerung an ihre Toten anderen Menschen Gutes tun, Stellvertretung üben. Durchlässig sind aber auch die Grenzen zwischen Jenseits und Diesseits, durchlässig für das ermutigende Beispiel all jener Heiligen, die sich um die Not von Menschen am Rande gekümmert haben und sich für all jene eingesetzt haben, die von den Menschen ihrer Zeit vergessen wurden. Durchlässig also für das Beispiel der zahlreichen Mütter Teresas. Schlussendlich sind die Grenzen durchlässig für das stellvertretende Gebet aller Heiligen, das Gebet um den Segen für uns alle, vor allem aber um den Segen für jene, die in der „großen Drangsal” leben. Liebe Schwestern und Brüder, die mittelalterliche Legende ist keineswegs so mittelalterlich wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Viel von den Sackgassen der Moderne steckt in ihr. Je näher sich unsere globalisierte Welt der Logik des globalisierten Jenseits nähert, umso menschlicher wird unsere Gegenwart. Sie kann ja nie genug haben: von der Logik der stellvertretend geübten Barmherzigkeit und von der Anwaltschaft für jene, die am Rand leben, oder auch für jene, die vergessen bleiben!

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