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Was nachklingt – zum Tod von Hermann M. Stenger

Autor:Findl-Ludescher Anni
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-09-03

Inhalt

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Am 26. Juni 2016 ist Hermann Stenger gestorben. Er war 95 Jahre alt. Vor 25 Jahren beendete er seine Tätigkeit als Professor – und seither war er, jedenfalls in meiner Erinnerung, mit „Aufräumen“ beschäftigt. Aufräumen, das bedeutete immer Papiere ordnen, neu- und wiederentdecken. Nicht unbedingt Wegschmeißen. Er suchte sich mögliche Erben für seine „Schätze“ und verteilte sie. In den letzten Jahren drängte sich immer mehr ein anderes „Aufräumen“ in den Vordergrund: Kriegserfahrungen und Erinnerungen aus seiner Kindheit beschäftigten ihn zusehends. Auch da gab es Papiere zu ordnen, darunter Tagebücher und Zeichnungen, aber mehr noch scheint mir war es die Fülle an Erfahrungen und Eindrücken, die im Alter an die Oberfläche drängten.

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Nach seinem Tod nun beginne ich „aufzuräumen“: Während seiner letzten beiden Jahre als Professor habe ich als Assistentin mit ihm gearbeitet. Auch danach habe ich oft mit ihm geredet. Viele seiner Überlegungen haben mich geprägt (bzw. habe ich mir zu eigen gemacht). Einige Themen, die bestimmend waren für sein Leben und die auch mein Denken prägen, stelle ich hier vor.

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1. Rituale, Bilder und Symbole

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Bilder fanden sich überall in der Umgebung von Hermann Stenger, in der Wohnung oder im Büro. Als junge Assistentin ist mir das zwar aufgefallen, es hat mich aber nicht sonderlich beeindruckt. Altertümlich und kitschig kam mir das meiste vor. Seine Ästhetik war nicht die meine. Mit der Zeit hat er mir manch ein Bild näher erschlossen. Gelernt habe ich vor allem, die Bedeutung von Bildern und Symbolen für den Glauben. Bildersturm und -kritik sind notwendig  Aber unsere Seele braucht Bilder. „Deshalb schließe ich mich nicht den Bilderstürmern an, sondern folge dem Rat mittelalterlicher mystischer Weisheit, Bilder durch Bilder auszutreiben, das heißt in unserem Zusammenhang, Bildern auf den Grund zu gehen und ihren Glanz für unsere Zeit wieder herzustellen.“[1]

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Mit Bildern meinte Stenger immer auch Sprach-Bilder. Dabei unterscheidet er zwischen Signal und Symbol. Biblische Erzählungen und kirchliche Verkündigungsinhalte sind immer symbolisch zu verstehen. „Im kirchlichen Alltag wird systematisch-theologisches Denken nicht selten durch unachtsame didaktische Vereinfachung oder auch durch ängstliches Sicherungsbedürfnis in gefährliche Nähe zu signalartigen Eindeutigkeitsvorstellungen gerückt.“[2] Bei Themen wie Gottessohnschaft Jesu oder Mysterium der Eucharistie spricht er von „einer Tendenz zu unerlaubter begrifflicher Eindeutigkeit“[3]. Glaubenswahrheiten und biblische Texte sind jedoch nicht einfach als Tatsachenwahrheiten zu verstehen. Auch ich erlebe in der Predigtausbildung gelegentlich die Früchte solcher Eindeutigkeits-Theologie. Akribisch wird erklärt und argumentiert, Eindeutigkeit und „Unfehlbarkeit“ wird angezielt. Mein Glaube bzw. meine Glaubens- und Lebenserfahrungen als „Hörerin des Wortes“ (K. Rahner) bleiben davon oft unberührt.

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Seine große Aufmerksamkeit im Umgang mit Sprache, Bildern und Symbolen prägte Hermann Stengers Art, Gottesdienste zu feiern, aber auch die Gestaltung seines Alltags. Eine Einladung zum Essen ins „Pastoraltheologische Forum“ folgte einem klaren Ritual: Nach einem fachlich–inhaltlichen Gespräch folgte ein gedeckter Tisch mit Gesprächen ohne „Tagesordnung“. Sobald der letzte Teller abgetragen war,  wurde das fachliche Gespräch fortgesetzt. „Es war gut, dass wir beisammen waren“, lautete nach einiger Zeit der Abschluss als Überleitung zur Verabschiedung. Manchmal geriet dieses Ritual auch allzu starr. Ich erinnere mich an ein Essen im größeren Kreis. Sobald die Tür hinter uns geschlossen war, meinte einer der Gäste: „Jetzt muss ich mich bewegen. Ich geh zum Würstlstand – geht ihr mit??“

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Einen Gottesdienst mitzufeiern, dem Hermann Stenger vorstand, war eine Freude. Sehr gut vorbereitet, die Worte stimmig und nicht zu viele. Auch gesungen wurde. „Moderne“ Lieder, die wir Jungen gerne sangen, hat Stenger oft kritisch kommentiert. Er warnte vor schlampiger und seichter Theologie. Die Freude am Lied „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ hat er mir und wohl einer ganzen TheologInnengeneration nachhaltig ausgetrieben.

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Transparenz und Diskretion

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Es war die Zeit der Gruppendynamik und der Selbsterfahrung in Seelsorge-Ausbildungen. Tolle Dinge habe ich gehört und erlebt: schonungslose Offenheit auf dem „heißen Stuhl“, tränenreiche Bekenntnisse, Offenbarungen. Auch in vielen Seminaren und Gesprächsführungskursen mit Hermann Stenger ging es um Selbsterfahrung und um Gruppendynamik. Er leitete aber immer nüchtern – de-eskalierend. Mit großer Aufmerksamkeit widmete er sich Einzelnen, aber er forcierte nicht die Emotionen. Rückblickend kommt mir vor: Er hat uns vor uns selbst geschützt; er wusste um die Gefahr des Zuviel im Emotionalen und um mögliche Nachwirkungen. Manche Eigenheiten, Neigungen und Versuchungen wurden aufgedeckt, transparent gemacht, aber immer mit der ihm eigenen Diskretion.

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Transparenz erleichtert das Leben und kann heilen. Was für das Individuum gilt, gilt auch für die Kirche. „Für eine Kirche, die sich sehen lassen kann“ (1995) ist der Titel eines seiner Bücher. Er plädiert darin für einen offenen Umgang mit Schwächen, Konflikten und Schuld. Das war noch vor dem Öffentlich Werden der Missbrauchsskandale. Aber er warnt vor Skandallust und Mistkübel-Attacken. Bischof Reinhold Stecher hatte einen impulsiven Charakter. Wenn ihn etwas ärgerte, verschaffte er sich Luft. Nach Sitzungen der Bischofskonferenz erzählte er oft relativ ungefiltert. Stenger versuchte dann, ihn vor sich selbst zu schützen, indem er ihn in den Pausen beiseite nahm, damit er bei ihm „Dampf ablasse“, nicht bei der ganzen Gruppe.

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Diskretion und Transparenz: Dieses Gegensatzpaar ging bei Hermann Stenger zusammen – auch in seinem Privatleben. Seit ich ihn kenne, lebte Evamaria Hallauer an seiner Seite. Ich weiß kaum eine andere „Priesterbeziehung“, die so wenig Neugierde geweckt hat. Frau Hallauer war selbstverständlich an seiner Seite, sie teilten ihren Alltag. Sie hatte einen selbstverständlichen Platz, er hat sie nicht versteckt. Und dennoch gab es auch eine Aura der Diskretion, mit der beide ihre Beziehung nach außen schützten.

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Der nüchterne Blick aufs Kirchen-Personal

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Hermann Stenger war Ordensmann und Priester. Von einem Laien oder einer Laiin hätten sich die Verantwortlichen für die Priester- und Ordensausbildung vermutlich nicht so viel an Schärfe und Kritik gefallen lassen. Als einer aus den eigenen Reihen hatte er einen Bonus – und offensichtlich oft recht.

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Eignungsfeststellung für den kirchlichen Dienst

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Die Eignungsfeststellung schon am Beginn einer potenziellen kirchlichen Laufbahn galt Stengers besonderes Augenmerk. Viel Leiden für alle Beteiligten könnte damit vermieden werden. Er initiierte den „Beratungsdienst für kirchliche Berufe“ in München und Innsbruck. Entscheidend und unterscheidend daran war, dass er auch klare psychologische Eignungskriterien formulierte. Er fand Zuspruch und Unterstützung für seine Initiative, aber die „Sehnsucht“ nach Nachwuchs kam ihm in der kirchlichen Personalpolitik immer wieder in die Quere.

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Als Therapeut und Berater wurde er oft von kirchlichen Führungskräften und Ordensverantwortlichen zu Rate gezogen. Neben der Einzelberatung setzte er sehr auf das Instrument der „kollegialen Beratung“: Er forcierte und förderte das „Sich-Aussprechen“, das Teilen von Erfahrungen und Nöten, die wechselseitige Unterstützung und das Mittragen unter KollegInnen in Supervisions- und Intervisionsgruppen. Einige solcher Gruppen sind auf seine Initiative hin entstanden.[4]

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Seine Überlegungen galten immer dem gesamten kirchlichen Personal, auch den Laien-MitarbeiterInnen. Als Berater wurde er in diesen Kreisen nicht so oft beigezogen, seine Überlegungen, vor allem die zur dreifachen Berufung und zur Kompetenz-Architektur haben aber auch hier weite Kreise gezogen.

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Eignung für den pastoralen Beruf – eine dreifache Berufung

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Die dreifache Berufung[5]: Die „Ermächtigung zum Leben“ als erste und als Basisberufung aller Menschen, die „Erwählung zum Glauben“ als Berufung zum ChristIn- (und Kirche-)Sein und als drittes die „Berufung zum pastoralen Dienst“. Klingt sehr einfach, fast simpel, erschließt aber manches und hat aufdeckende Kraft. Zum Beispiel wenn die Berufung zum pastoralen Dienst differenziert entfaltet, die Realisierung der „Ermächtigung zum Leben“, jedoch missachtet wird: „Es gibt Menschen, die sich so auf ihre spezielle Berufung versteifen, dass sie sich von niemandem, auch nicht von einem Bischof, einem Regens oder, im Falle einer Ordenskandidatin, von einer Novizenmeisterin in Frage stellen lassen.“[6]

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Eignung für den pastoralen Beruf – Zuständigkeitskompetenz und Fähigkeitskompetenz

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Ähnliches gilt für seine Überlegungen zur Kompetenz[7]. Im alltäglichen Sprachgebrauch findet Stenger den entscheidenden Hinweis: „Kompetenz“ kann sowohl „Zuständigkeit“ bedeuten als auch „Fähigkeit“. Manchmal – im guten Fall –stimmen die beiden überein. Im andern Fall entsteht entsprechendes Konfliktpotenzial. Ein Pastoralassistent beispielsweise, der gute Fähigkeiten in Organisationsentwicklung und Management hat, ist zuständig für die Kinder- und Jugendarbeit in einer Pfarre. Er hat keinen besonderen Draht zu den jungen Menschen, mischt aber leidenschaftlich mit, wenn es um die mögliche Zusammenlegung mit anderen Pfarren geht. Der Pfarrer fühlt sich auf die Zehen getreten, der Pastoralassistent nicht wertgeschätzt. Diese „Kompetenz-Architektur“ ist für mich zu einem hervorragenden Analyseinstrument in Supervisionskontexten geworden. Es kann klären, entlasten und motivieren.

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Immer, wenn es irgendwo „brannte“ in der Diözese, wurde Hermann Stenger – und nach bzw. auch schon mit ihm Klemens Schaupp – gerufen. Die Kombination Pastoraltheologie und Psychologie war offensichtlich höchst relevant für die Kirchenleitung in ihrem Umgang mit Personalnöten aller Art. Und wie steht es heute um die Pastoralpsychologie? Ein Blick auf die gegenwärtigen Diskurse zeigt, dass die Pastoralpsychologie keine prominente Rolle mehr spielt im Spektrum der Pastoraltheologie. Soziologie, Philosophie oder auch Ethnologie sind im Trend und haben der Psychologie den Rang abgelaufen. Doch die Frage bleibt, ob nicht die Psychologie einen fixen Platz in der Pastoraltheologie haben sollte.

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Religion und Glaube

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Die „Unterscheidung des Christlichen“ war ein Dauerbrenner in den Überlegungen  Hermann Stengers. Immer wieder kam er auf die Unterscheidung zwischen der allgemeinen „religiösen Daseinserfahrung“ und der „offenbarungsgebundenen Glaubenserfahrung“ zu sprechen.[8] Er legte großen Wert auf genaue begriffliche Abgrenzung. Ziel seiner Klärungen war aber gerade nicht eine Abgrenzung im Sinne einer Trennung oder Gegenüberstellung, also ein „Glaube ohne Religion“. In seiner Vorstellung ist christlicher Glaube immer ein „religiöser Glaube“[9], d.h. offenbarungsgebundener christlicher Glaube hat immer auch eine allgemein-religiöse Dimension. Religiöse Erfahrungen sind die Basis, sind die Substanz für Glaubenserfahrungen. Religiöse Erfahrungen und Erlebnisse gilt es nicht zu überwinden, sondern zu formen und zu integrieren. Er legt dar, dass viele Handlungen und Formen, „die dem Bereich des christlichen Glaubens zugeordnet sind, zunächst naturhaft-religiös erlebt werden können. Darin zeigt sich ein Entgegenkommen gegenüber der menschlichen Natur, das dem Mysterium der Menschwerdung entspricht. Es wäre aber ein schlimmes Missverständnis, deswegen die bestehende Differenz zwischen naturhafter Religiosität und gnadenhaftem Glauben nicht ernst zu nehmen.“[10]

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In meiner Rolle als Pastoraltheologin werde ich in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder mit Esoterik konfrontiert. Hilft mir diese „Unterscheidung des Christlichen“ heute für meinen Umgang damit?

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„Der menschlichen Natur entgegenkommen“ klingt in meinen Ohren herablassend, wertend. Es drückt eine Haltung aus, mit der ich nicht KollegInnen begegnen möchte, die in der Esoterik beheimatet sind. Hilfreich ist hingegen das wertschätzende Wahrnehmen des gemeinsamen Raumes, der alle verbindet, die transzendenzoffen leben. Den christlichen Glaubens in untrennbarer Verbindung mit naturhaft-religiösen Erfahrungswirklichkeiten zu beschreiben, ist klärend und hilfreich: Ein solcher Glaube ist für mich wie ein gut gekneteter Teig, in dem Eier, Mehl, Butter, Zucker, Milch, Salz und Hefe keine eigene Gestalt mehr haben. Alles geht Verbindungen ein: der Glaube an Engel, die Fürsprache von Heiligen, die Hoffnung auf Erlösung, die Wirkung von Heilkräften, der Glaube an die Dreifaltigkeit, etc.

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Andererseits ist Unterscheidung notwendig: für die Klärung der eigenen Ausrichtung und für den Kontakt mit Andersdenkenden und –glaubenden. Ich backe bspw. mit Hefe. Das ergibt einen anderen Teig, ist eine andere Art des Backens und eine andere Qualität von Gebäck, als wenn ich mit Sauerteig, mit Backpulver oder ohne Treibmittel backe. Ich bin überzeugte Hefeteig-Bäckerin (Christin), sehe viele Vorteile in dieser Art des Backens. Aber andere Bäckerinnen bringen anderes zu Wege. Ein Sauerteigbrot hat andere Qualitäten als ein Brot mit Hefe.

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Das Treibmittel im Teig ist eine hilfreiche Unterscheidung. Es geht dabei ja nicht nur darum, dass eine Zutat anders ist als bei den anderen Teigen, sondern das Treibmittel bestimmt die Machart des Teiges, die Art, wie die Zutaten sich verbinden, ob geknetet oder gerührt wird.

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Die „Unterscheidung des Christlichen“ unterstützt mich in meiner Neugierde und Wertschätzung den verschiedenen Phänomenen der „naturhaften Religiosität“ gegenüber. Naturhaft-religiöses Erleben ist nicht trivial oder peinlich, sondern es ist Substanz, aus der jede Religion, auch der christliche Glaube gebildet wird. Sie fordert mich, den eigenen Standpunkt, die Verortung im christlichen Glauben, klar einzunehmen, mich nicht in einem allgemeinen wissenschaftlichen Interesse zu verstecken.

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Der eigenen Intuition folgen

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Denke ich an Hermann Stenger, dann taucht in mir manchmal das Bild eines Spürhundes auf. Stenger sagte von sich gelegentlich, dass er herumschnüffle, dass er Witterung aufnehme. Wenn er an einem neuen Ort war oder neu in eine Gruppe hineinkam, waren solche Worte ganz typisch. Nicht von ungefähr widmete er in seinem Buch „Im Zeichen des Hirten und des Lammes“ (2000) einen Teil seiner Überlegungen  dem HirtenhundIn vielerlei Hinsicht hatte auch er eine gute Nase. Besonders in Erinnerung ist mir eine gemeinsame Fahrt auf den Spuren der Ida Friederike Görres[11]. Ida Görres, geb. Coudenhove, war aufgewachsen auf Schloss Ronsperg. Zum Schloss gehörte ein kleines Jagdschloss, Dianahof, das sie sehr geliebt hatte. Ronsperg liegt im heutigen Tschechien, nahe der deutschen Grenze. Stenger kannte diesen Ort – auch den Dianahof – aus der Zeit vor dem Krieg. 1997 unternahmen wir diese Spuren-Fahrt. Ronsperg und das Schloss waren bald gefunden, aber vom Dianahof wusste niemand etwas. Dass er mitten im Wald gelegen war, einige Kilometer außerhalb des Dorfes,  ließ sich recherchieren. Aber wo genau? Stenger glaubte sich zu erinnern, dass der Hof ziemlich genau an der heutigen Staatsgrenze gestanden sei. Wir anderen Suchenden (Frau Hallauer, mein Mann und ich) gaben damit endgültig auf. Alles was auf der Grenzlinie stand, war zerstört worden. Das war Todeszone in der Zeit des Kalten Krieges. Wir standen mitten im unwegsamen Gelände und wollten umkehren. Plötzlich war Hermann Stenger auf und davon. Irgendetwas hatte ihn wohl erinnert. Er hatte Witterung aufgenommen. Einige Zeit später standen wir mitten in einem Brennnesselfeld, darunter die Grundmauern von Dianahof. Es war unglaublich!

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„Witterung aufgenommen“ hat er auch oft in Gesprächen und Beratungen, wenn er ahnte, dass da irgendwo ein Hund oder auch ein Schatz begraben sei. Hatte er eine solche Intuition,  ließ er nicht so leicht locker. Das konnte anstrengend werden – Brennnesseln inklusive. Nicht immer war der Erfolg so eindeutig wie beim Dianahof – er konnte sich auch verrennen – aber sehr oft lohnte es sich.

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Mit der Theologie von Hermann Stenger verbinde ich keine festen Theoriegebäude, keine Methoden, die er immer wieder angewandt hat. Er war ein gründlicher Denker, aber man wusste nie, an welcher Stelle er wieder ausbüxte, um noch eine andere Spur zu verfolgen: Zeichnungen, Tagebücher, Pferde, etc.

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Oft war ich beeindruckt, manchmal auch genervt: Dieses Selbstvertrauen, dass er mit seiner Nase richtig lag, hat mich herausgefordert.

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Mittlerweile ist er mir gerade in dieser Hinsicht zum Vorbild geworden: die Gelassenheit, nicht alles „comme il faut“ abarbeiten zu müssen, wächst langsam. Meiner Intuition zu folgen und auf Themen, Quellen und Methoden zu setzen – auch außerhalb des mainstreams – braucht Mut. Ich verstehe mich (in dieser und manch anderer Hinsicht) gerne als Stenger-Erbin.

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[1] Hermann M. Stenger, Im Zeichen des Hirten und des Lammes. Mitgift und Gift biblischer Bilder, Innsbruck 2000, 23.

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[2] Hermann M. Stenger, Botschaft und Symbol. Gedanken über den Umgang mit biblischen Texten und Symbolen in der kirchlichen Praxis, in: Ders., Verwirklichung unter den Augen Gottes. Psyche und Gnade, Salzburg 1985, 94-104, 96.

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[3] Ebd.

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[4] Vgl.: Klaus Egger, Der Berufung der Anderen dienen. Initiativen von Hermann Stenger in der Diözese Innsbruck, in: Franz Weber u.a. (Hg.), Im Glauben Mensch werden. Impulse für eine Pastoral, die zur Welt kommt. Festschrift für Hermann Stenger zum 80. Geburtstag, Münster 2000, 284-288.

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[5] Vgl.: Hermann Stenger, Kompetenz und Identität. Ein pastoralanthropologischer Entwurf, in: Ders. (Hg.), Eignung für die Berufe der Kirche. Klärung – Beratung – Begleitung, Freiburg i.B. 1988, 21-133, bes.: 35-39.

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[6] Ebd., 38.

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[7] Vgl. Ebd., bes.: 32-34.

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[8] Vgl.: Hermann Stenger, Religiöse Daseinserfahrung und offenbarungsgebundene Glaubenserfahrung. Zur Unterscheidung des Christlichen, in: Ders., Verwirklichung unter den Augen Gottes. Psyche und Gnade, Salzburg 1985, 22-36.

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[9] Ebd., 24.

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[10] Ebd., 25.

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[11] Ich habe über Ida Friederike Görres eine Dissertation verfasst. „Stützen kann nur, was widersteht. Ida Friederike Görres – ihr Leben und ihre Kirchenschriften“. Hermann Stenger hatte Frau Görres gekannt, deshalb das gemeinsame Interesse an ihren Spuren.

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