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Der Himmel als Hochsicherheits-Event?
(Gedanken zum 21. Sonntag im Jahreskreis (LJ C) 2016)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-08-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Jes 66,18–21; (Hebr 12,5–7.11–13;) Lk 13,22–30

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Wenn man für eine Großveranstaltung ein Sicherheitskonzept erstellt, dann muss man heute, im Zeitalter des Amok-Terrorismus, auf viele Dinge achten, die man früher getrost vernachlässigen konnte. Der Zugang muss eng sein, damit er kontrollierbar wird. Zufahrten müssen verbarrikadiert sein, damit niemand mit Lastwagen durchbrechen kann. Wenn Überfüllung droht, kann man dann auch leicht absperren. Der Rest muss draußen bleiben. Wenn aber die Veranstaltung, die da abläuft, super-cool ist, kann es sein, dass die Menschen sich nicht daran halten, dass sie drängen und schubsen und mit Ellenbogen und Fußtritten sich den Weg bahnen wollen. Wer nicht stark genug ist, bleibt eben auf der Strecke oder wird niedergetrampelt.

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Und dann mag es einige geben, die mit den Türstehern oder gar den Veranstaltern gut bekannt sind, und meinen, sie kommen mit guten Beziehungen hinein: ›Wir haben doch letzte Woche miteinander gegessen und getrunken; erst kürzlich sind wir doch beim Bier gesessen.‹ Aber wenn die sich an ihre Vorschriften halten, dann werden sie sagen: ›Ich muss euch behandeln, als kennte ich euch nicht. Die Regeln müssen eingehalten werden. Ihr alle seid potentielle Attentäter!‹

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Liebe Gläubige,

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fast könnte man beim heutigen Evangelium den Eindruck gewinnen, so sei das Modell vom Reich Gottes, das Jesus uns heute vorstellt. Die Frage des Mannes, ob nur wenige gerettet werden, scheint damit bejaht zu sein. Der Himmel ist streng bewacht, der Eintritt ist limitiert und alle, die nicht mindestens das Prädikat Gründervater oder Prophet vorweisen können, müssen draußen bleiben. Gehen wir also wieder heim und geben wir auf, denn wir sind keine Propheten. Aber Halt! Warum passt das so schlecht zu dem, was Jesus sonst über die Erlösung sagt? „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“ (Joh 14,2) Oder zu einem Schwerverbrecher: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43) Wenn wir Jesus nicht die totale Selbstwidersprüchlichkeit unterstellen wollen, dann müssen wir seine heutigen Worte doch anders verstehen, so nämlich, dass sie zu seinen sonstigen Äußerungen passen.

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Was, wenn Jesus nicht die Befürchtung des Mannes, dass nur wenige gerettet werden, bestätigen, sondern wenn er sie ad absurdum führen wollte, um ihm zu zeigen, dass es so nicht funktionieren kann? ›Du meinst also, es werden nur wenige gerettet? Wenn du das so siehst, dann musst du dich mühen durch eine enge Tür zu gelangen, dann ist der Weg ins Himmelreich ein Wettlauf, bei dem du andere überholen, verdrängen und wegschubsen musst. Dann wird der Himmel zum Hochsicherheits-Event. Und stell dir vor, du hast es geschafft, du bist an der engen Tür, und der Hausherr hat sie verschlossen. Was dann? Dann kannst du es zwar mit guten Beziehungen oder dem rechten Parteibuch versuchen, aber der Maßstab wird der der Vollkommenheit, der Sündenreinheit sein. Der Herr wird dir dann sagen, dass du Unrecht getan hast, und deshalb draußen bleiben musst.‹ Das scheint ein Teufelskreis zu sein: Weil die Tür eng ist, muss man Unrecht tun, um hindurchzukommen; und weil man Unrecht getan hat, wird die Tür einem verschlossen. Daraus gibt es keinen Ausweg – oder?

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Auch an anderer Stelle spricht Jesus davon, dass die Tür zum Himmelreich verschlossen wird. Doch dort ist es nicht Gott, der zusperrt, sondern die Pharisäer und Schriftgelehrten versperren den Menschen das Himmelreich (vgl. Mt 23,13). Sie legen den Menschen so schwere Lasten auf, dass sie diese nicht tragen können – man könnte also sagen: sie machen die Tür enger, durch die man gehen muss. Pharisäer und Schriftgelehrte waren Menschen, die von Berufs wegen das Wort Gottes auslegten – was also heute Theologen und Theologinnen, Priester und Bischöfe bis hinauf zum Papst tun. Und wie damals, so stellt sich auch heute die Frage: Legen sie, legen wir, dieses Wort so aus, dass die Menschen empfinden, Gott wolle ihnen den Weg in den Himmel so schwer wie möglich machen? Jesus hingegen hat sein ganzes Leben lang versucht, das Gegenteil spüren zu lassen: Viele Wohnungen gibt es bei seinem Vater; barmherzig ist dieser Vater, denn würde er jemanden ausschließen, weil er Unrecht getan hat, dann müsste er alle ausschließen. Nur eines ist nötig, um in sein Reich zu gelangen: Der Glaube an seine Güte, der sich zeigt in echter eigener Umkehr.

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Nehmen wir also an: Wenn Menschen sie nicht verschließen, steht die Tür weit offen. Dennoch: Es sind ja unzählige Menschen, die hineinwollen. Braucht es nicht doch Sicherheitsmaßnahmen? Wird die Tür nicht einfach dadurch wieder eng, dass so viele hindurch wollen? Wenn wir begreifen, dass alle hindurchpassen, dass alle Platz haben, dann sind wir befreit von der Notwendigkeit des Drängens und Schubsens, dann werden wir vielleicht sogar zum Gegenteil fähig: Wir können anderen der Vortritt lassen, Langsamere begleiten ohne ihnen davonzulaufen; auf Abwege Geratene suchen, weil wir keine Eile haben; Hinkende und Verletzte stützen oder gar ein wenig tragen, weil der Herr des Hauses mit offenen Armen auf uns wartet, so wie der barmherzige Vater auf seinen verlorenen Sohn. Das wäre das Bild, das dem, was Jesus sonst über seinen himmlischen Vater und dessen Reich sagt, viel mehr entspricht. Es wäre auch ein Mühen, durch die enge Tür zu kommen, aber kein egoistisches, nur auf mich konzentriertes Mühen, sondern in erster Linie ein Bemühen um die, die sonst auf der Strecke blieben.

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Und doch bleibt die Tatsache, dass Menschen Unrecht tun. Können einfach alle hinein? Ist das nicht neues Unrecht? Muss es nicht eine Auswahl geben? Jesus weiß, was Unrecht ist. Er ist ihm in jeder Form entgegengetreten bis er schließlich selbst zum Opfer des Unrechts wurde. Gerade dadurch hat er aber die Tür noch einmal weiter geöffnet, weil er durch seinen Tod und seine Auferstehung sogar jenen die Chance auf Umkehr ermöglicht hat, die gegen seine Worte immun waren. Jesu Tod bestätigt, dass alle Unrecht getan haben: jene, die ihn verfolgten, aber auch jene, die ihn im Stich ließen. Für beide hat Jesus gebetet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Und Jesu Auferstehung beweist, dass sein Vater diese Bitte erhört hat. Die Menschen müssen diese Vergebung nur annehmen. – Alle Menschen, die Unrecht getan haben, müssen Gottes Vergebung nur annehmen. Was aber bedeutet die Vergebung anzunehmen? Wie beim rechten Schächer bedeutet es, die eigene Schuld wirklich – nicht nur pro forma – anzuerkennen. Wie bei Petrus bedeutet es, sich der Schwere dieser Schuld und dem Leid, das sie verursacht hat, zu stellen. Gottes Vergebung ist nicht einfach ein „Passt schon!“ Sie ist die toternste Herausforderung sich den Folgen unseres Handelns, unseres Tuns und Unterlassens, unseres Sprechens, ja sogar des Denkens und Fühlens zu stellen. Darum ist das „nur“ irreführend. Dieses Annehmen verlangt uns alles ab. Und doch sind es wieder wir selber, die die Tür enger machen, wenn wir dazu nicht bereit sind, wenn wir meinen etwas verniedlichen oder unter den Teppich kehren zu müssen. Die Bereitschaft Jesu, dafür zu sterben, dass die Tür weit offen bleibt, kann uns die Kraft geben uns darauf einzulassen. Und wie wenige oder viele dann gerettet werden, können wir getrost Gott überlassen.

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