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Die "Werte" und ihr Feind

Autor:Ernst Werner
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:Mit dem 11. September 2001 hat sich auch die Feindes- Vorstellung verändert. Die Feinde sind tot, also müssen welche gefunden werden. Ohne Sündenbock geht es nicht. Der Abwehrmechanismus in der Stunde der Not, lässt eine Lösung des Kriegsgeschehens kaum zu. Hinzu kommt ein völliges Missverhältnis zwischen den "Werten" des (westlichen) "Systems" und den Glaubensüberzeugungen anderer Kulturen. Der Forderung nach "Dialog" steht leider Dialogunfähigkeit gegenüber.
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2001-11-23

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Es heißt: Mit dem grauenerregenden Anschlag in New York und Washington vom 11. September 2001 beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Damit hat das 3. Jahrtausend erst wirklich begonnen. Seither ist die Welt nicht mehr das, was sie einmal war.

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In der Folge ist der Krieg des Guten gegen das Böse ausgerufen worden. Und es fanden sich auf der Stelle Staatsmänner der unterschiedlichsten Nationen, die dem amerikanischen Präsidenten in seinem Krieg beistehen wollen. Ob liberal, konservativ, grün, sozialdemokratisch oder sozialistisch, die PolitikerInnen der "zivilisierten Welt" wollen diesmal zusammenstehen und den Krieg gegen das Böse an allen Fronten führen und schließlich siegreich beenden.

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Fernsehanstalten und Printmedien haben den Boden aufbereitet, dass auch der voyeuristische Informationskonsument die Kampagne gegen das Böse unterstützt. Unisono erschallt der Ruf, gemeinsam die Netzwerke des internationalen Terrorismus zu zerstören, Tätern, Drahtziehern und ihren Gastgebern das Handwerk zu legen. Dabei glauben diese Kämpfer zu wissen, dass das Ziel ihrer Zerstörung ein neuer Feind ist, der nichts mehr mit den Feindbildern vergangener Jahrtausende zu tun hätte.

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Wer soll nun dieser Neufeind sein? Ist er gleichbedeutend mit einem "böse neu"? Oder deckt der alte Begriff vom Bösen auch den neuen ab?

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Es ist noch nicht lange her, dass Begriffe wie "das Böse", "Schuld" oder gar "Sünde" verpönt waren. Für individuelle Verbrechen schienen sie im links-liberalen Lager nahezu abgeschafft zu sein, nur für politische Verbrechen bediente man sich unter dem Politikprimat ihrer, denken wir etwa an die Rede vom "Teufel" Hitler oder Stalin über Saddam Hussein bis hin zu Milosevic. Auch der gegenwärtig ausgerufene Krieg gegen das Böse verdankt sich einer politischen Einschätzung.

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Was bringt also PolitikerInnen wie JounalistInnen dazu, das Böse am politischen Terrorismus als neuartig anzusehen? Antwort: Das feindlich Böse wird nicht mehr als eindeutig zuordenbar empfunden. An die Stelle klarer Zuschreibung einer Feindrolle tritt das Bild grober Umrisse eines Feindmilieus. Das Böse wird gegenwärtig "diffundierend" (streuend, verschwommen) erfahren, weil der Feind nicht mehr bloß als eine Person, Regentschaft oder Klasse namhaft gemacht werden kann. Das Böse erscheint im wahrsten Sinne des Wortes "anonym" - und das gilt nun für hüben wie drüben.

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Freilich will der im Augenblick Angegriffene die Diffusion des Feindes nicht so weit fassen, dass er sich selber noch als von ihr bestimmt verstünde. Doch ergibt sich allein aus der Tatsache von Gegnerschaft, dass auch der Angegriffene als böse gelten kann.

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Beide Seiten reduzieren also die Diffusion-Auffassung vom Bösen jeweils auf den Feind. Das Böse wird zwar im Gegensatz zu früher diffus, uneindeutig und anonym wahrgenommen, es wird jedoch stets, wie früher auch, nur dem "Anderen" (= Feind) zugeschrieben. Beide Seiten sprechen vom Bösen, aber keine Seite kommt auf die Idee, dass sie selber böse sein könnte. Der jeweilige Fokus auf die Attacke des Anderen lässt es als psychologisch aussichtslos erscheinen, die Diffusion des Bösen auch noch in bezug auf sich selbst als Leidtragenden zu begreifen.

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Worin besteht nun die gegenwärtig als diffundierend angenommene Form des feindlich Bösen? Antwort: In einer sich globalisierenden Gesellschaft werden politische Feinde langsam abhanden kommen. An ihrer Statt tauchen neue Feinde auf, deren Anonymität der Anonymität sich globalisierender Mächte und Systeme gleicht. Haben sich früher unter imperialen und später unter nationalen Bedingungen die Menschen noch einbilden können, Schuld hätten der König oder Kaiser (samt Gefolge), der Papst (samt höherem Klerus), Diktatoren (samt den Helfershelfern), bürgerlich-demokratische Regime als politischer Arm ökonomisch ausbeuterischer Eliten, so trifft Schuld in einer tendenziell sich globalisierenden Gesellschaft auf nahezu alle Mitglieder im System zu.

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Die Zugehörigkeit zum System und seine faktische Akzeptanz ergeben sich bereits daraus, dass uns der Alltag von Verfahrensformen, Bankauszügen, Supermarkteinkäufen und der Besitz von Autos, Computern und Handys an eben dieses System binden. - An welchem Ort steht angesichts dieser Anonymität und Diffusion von Macht ihr erklärter Feind?

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Er steht wie die von ihm Angegriffenen weder außen noch innen, er steht überall. Der Feind gleicht dem Systemfreund aufs Haar. Er scheint, wie oft festgestellt wird, äußerlich ganz normal. Er betreibt "Netzwerke" wie die Systembefürworter auch. Was sollte ihn auch in ökonomischer, technischer und organisatorischer Ausrichtung vom System unterscheiden? Er wird es mit denselben "neutralen", anonymen Mitteln (Geldbedarf, Maschineneinsatz) bekämpfen, wie sie das System selbst herstellt. Und das gilt nicht einmal als Paradox.

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Wo denn sonst als an der Börse sollte man spekulieren, wenn es ein "Netzwerk" zu finanzieren gilt? Wie denn anders als mit modernster Computer- und Informationstechnologie sollte man ein Nachrichtennetz für alle Gegner des Systems und dessen Zerstörung erstellen? - Dass der Feind die Mittel bzw. Durchsetzungsformen des Systembefürworters übernimmt, macht ihn diesem gleich. Worin sich beide aber unterscheiden, das sind die Absichten, Ziele und ideellen Leitvorstellungen. Gemeinsam ist Freund wie Feind die Trennung von Durchsetzungsformen (Mitteln) einerseits und Zielen (Zwecken) andererseits. In ebendieser Trennung sind sie beide dem System verbunden.

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Der Hiatus von Mitteln und Zielen, von strategischem Handeln und Ethik, von Sein und Sollen ist der Hiatus im Denksystem der bürgerlichen Gesellschaft. Er ist verantwortlich dafür, dass Religionen und Glaubensüberzeugungen keinen Einfluß auf die Systeme Organisation, Technik und Kapital nehmen können (Säkularisierung). Das war bereits das Schicksal des Christentums. Nunmehr, da die Globalisierung der bürgerlichen Gesellschaft auch die Globalisierung der Trennungsform im Denken bedeutet, droht allen anderen Religionen und Kulturen dasselbe Schicksal.

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Die sogenannte "Säkularisation" des Christentums hat in den USA einen spezifischen Ausdruck angenommen. Hier stehen christliche Zeichen und Symbolbezeugungen unverbunden neben technisch-strategischen Durchsetzungserfordernissen. Das lässt, oberflächlich betrachtet, den Eindruck von Volksfrömmigkeit zu. Unter ihrer Decke harren jedoch die für diese Gesellschaft relevanten "Werte", wie Individualrechte, Toleranz und Liberalität, deren Allgemeinheit der Tauschwertabstraktion von Subjekten in Warenbeziehungen nachgebildet ist.

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Die angestrebte Systemglobalisierung hat ihr Pendant auch auf dem Gebiet der Wissenschaften. Hier gilt ein allen Disziplinen eingeschriebenes Paradigma des Bestehens von Systemen (Systemtheorie), das selbst die kritische Diktion leitet. Denken wie Handeln erscheint in der "zivilisierten Welt" als von einem Systempositivismus gesteuert, dessen Gleichlaut mit dem des demokratischen Mehrheitswillens korrespondiert. Auch Kritik und Ästhetik stimmen in dieses Unisono mit ein, dem sich kein Bereich enthalten kann. Überall nehmen formale und maschinengestützte Durchsetzungsmechanismen überhand.

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Im Lichte von Globalisierung wird allgemein auf die Kriterien von Erfolg, Effizienz und Produktivität abgestellt. Je höher der Komplexitätsgrad der Durchsetzungsform und je mehr Menschen in ihrem Sektor tätig sind, desto geringer und nichtssagender die sogenannten "Werte", Inhalte und moralischen Vorstellungen. Schon die Tatsache ihres formalen Bestehens gibt ihnen jedoch eine für das Gesamtsystem grundlegende legitimatorische Bedeutung. "Werte" nämlich, und seien sie noch so schwammig, werden mit "Zielen" identifiziert, für deren "Verwirklichung" oder "Umsetzung" respektive "Anwendung" die jeweils gemachten strategischen Anstrengungen gut sein sollen. Nicht auszudenken, wenn sich herausstellen sollte, dass die Rede von Wertegemeinschaft, Zivilisation und Menschenrechten umgekehrt dem Zweck dient, der Herrschaft von Organisation, Technik und kapitalistischer Ökonomie zum Durchbruch zu verhelfen.

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Alles, was hier gesagt wurde, gilt für Befürworter und Gegner gleichermaßen. So können beide vom Kampf des Guten gegen das feindlich Böse sprechen. Beide sind überzeugt, dass das Böse der jeweils Andere ist. Vor allem aber gilt der gerade Angreifende als böse. Man selber aber stehe an vorderster Front des Guten gegen das Böse. Diese Ansicht ist so alt wie falsch. Und sie wird in der Situation der Untat auch immer wiederholt.

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Das Herausstellen der gerade letzten Untatsituation, in der die Wunden der Opfer und der Hinterbliebenen der Opfer noch offen sind, macht es diesen unmöglich, an ihr eigenes Böses zu denken. In dieser von allen Vorhergängen isolierten Situation erfolgt der die Geschichte bis auf den heutigen Tag sich wiederholende Mechanismus der Übertragung auch noch des Eigenbösen auf das gerade im Blickpunkt stehende Fremdböse (Feind). Dasselbe gilt freilich für den Täter, der vordem schon eine für sich isolierte Opfersituation zum Anlaß genommen hat, sein Eigenböses auf den zum Abschuß freigegebenen Feind zu projizieren.

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Es ist ein gewaltiger Irrtum zu meinen, die Rede über das Böse sei bereits als archaisch zu werten. Archaisch ist einzig der Mechanismus der Projektion des Eigenbösen auf das Fremdböse, sodaß man in der Folge von sich als dem Guten auszugehen meint. Und eben dieser archaische Mechanismus des Bösen, den Sigmund Freud "Entlegierung" nennt, dauert bis heute an. Die Trennung des Bösen vom Guten ist das wahrhaft Böse. Gerade diejenigen, die den Begriff des Bösen als solchen verneinen, werden durch das Fortdauern eines vom Guten abgelösten Bösen Lügen gestraft. Die in der Moderne häufig propagierte Leugnung des Bösen hat nämlich vor allem damit zu tun, über die Anhäufung von Eigenschuld und damit des Eigenbösen hinwegzutäuschen. Wer begänne heute schon den "Dialog" damit, die Tatsache und das Ausmaß an Eigenschuld und eigenem Unvermögen nicht nur einzubekennen, sondern auch noch zu erläutern - und damit erst die näheren Umstände auf diese Konsequenzen hin zu beurteilen?

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Statt dessen verharrt man weiter im Mechanismus von Gewalt und Gegengewalt, Untat und Opfer, Anschlag und Vergeltung. Das in einer sich globalisierenden Ökonomie hinzukommende Problem ist jedoch, wie bereits gesagt wurde, dass politische Feindzuschreibungen an Person, Regentschaft oder Klasse tendenziell abhandenkommen und sich stattdessen weltweit diffundierende Feindmilieus organisieren. Der inner-, zwischen- und außerstaatlich operierende Feind steht genauso im Begriffe, sich zu globalisieren, wie das System als solches. Offenbar haben das viele Menschen nicht mitbedacht, weil sie mit der Systemglobalisierung eine weltweite Befriedung verbinden. Die meisten Globalisierungsbefürworter glauben ja wirklich, dass der kapitalistische Entwicklungsprozess, wenn er sich erst einmal um den ganzen Globus zusammengezogen hat, für alle Staaten, Völker, Stämme, Familien und Menschen dieser Welt Vorteile bringt.

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Daß das kapitalistische System bisher seinen Wohlstand auf Kosten der Völker der Dritten Welt erkauft hat, scheint eine Binsenweisheit zu sein und gerät dennoch zunehmend aus dem Blick. Wenn das stets expandierende Kapital aber in einer abgeschlossen globalisierten Welt an seine Grenze stößt, wird die Optimierung der Produktionsverhältnisse über weitergehende Rationalisierung, Effizienzsteigerung und stete Erhöhung des Produktivkräfteniveaus und über daraus sich ergebende zusätzliche Verfügbarkeiten (Herrschaft!) erfolgen. Selbst wenn man angesichts dieser Systementwicklung nicht mehr von menschlicher Ausbeutung und Unterdrückung sprechen wollte, weil Systeme der Vernetzung von funktionaler und maschineller Herrschaft an ihre Stelle getreten sind, wird wohl einzuräumen sein, dass es auch "Netzwerke" geben wird, welche die Systementwicklung zu zerstören versuchen. Warum sollte denn auch der Kampf gegen Herrschaftsverhältnisse enden, nur weil diese in einer globalisierten Ökonomie und Technokratie anonymisiert und diffundiert wurden?

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Mit der Anonymisierung und der dadurch scheinbaren Entpolitisierung von Herrschaftsverhältnissen geht die Diffundierung von Feindmilieus einher. Demgegenüber geht die Forderung nach einer Repolitisierung systemischer Entscheidungen ins Leere. Der systemischen Sichtweise selbst ermangelt es an Einsicht in die bloß formale Form globalisierender Organisationsweise und anthropozentrischer Setzungstechnik. Dies soll hier nicht näher ausgeführt werden. Nur ein Hinweis: Die systemische Betrachtung lässt Organisation und Technik durch ihre vorhergehende Lostrennung von den durch sie transportierten Inhalten und Produkten als wertneutral erscheinen. Dieser Hiatus ist nur ein abgeleiteter der bereits erwähnten Trennung von Sein und Sollen, Strategie und Moral, Mitteln und Zielen.

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Jedenfalls haben die bisherigen Überlegungen bereits gezeigt, dass eine theoretische Analyse des sich globalisierenden Systems sich als äußerst schwierig erweist, weil die Analysten selbst unter den Handlungs- und Denkzwängen des Systems stehen und solcherart unreflektiert systemische Voraussetzungen eingehen. Politisch und geographisch gesprochen bedeutet das, dass die euroamerikanische Gesellschaft - das ist der "Westen" als die "zivilisierte" und damit "gute" Welt - nur durch die Brille eben seines Systems die ganze Welt sieht. Da dieses westliche System sich nun aber globalisiert, werden auch alle anderen Kulturen durch es erfasst. Insofern sind, wie gesagt wurde, Freund und Feind im gleichen Maß betroffen.

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Nicht islamische, nicht hinduistische und nicht buddhistische Kulturen, um nur einige zu nennen, stehen im Zuge von Globalisierung, sondern der euroamerikanische Zentrismus. Wenn dieser jedoch in seinen systemeigenen Wertekatalog hineinschreibt, dass im Zuge seiner Globalisierung auch die anderen Kulturen gewahrt bleiben mögen, so entspricht eine solche Formulierung einer Täuschung und wahrscheinlich auch Selbsttäuschung. Die liberale Anschauung einer "multikulturellen Gesellschaft" etwa kann oder will nicht begreifen, dass der euroamerikanische Globalisierungsschub die anderen Kulturen an sein System bindet und damit umformt und tendenziell zerstört.

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Noch einmal: Die euroamerikanische Gesellschaft ist durch die Systeme der kapitalistischen Ökonomie und der formalen Organisationsweise und durch eine als wertneutral geltende Technikauffassung geprägt. Daß sie sich auch als demokratische Wertegemeinschaft verstehen kann, hängt mit den systemeigenen Werten von "Individualismus", "Toleranz" und "Liberalität" zusammen. Die anderen, zumeist der Tradition verpflichteten Werte des Glaubens und religiöser Überzeugungen stehen gleichsam unverbunden "daneben". Da sie nicht selber von der bürgerlichen Gesellschaft hervorgebracht wurden, sind sie als "präsystemisch" zu bezeichnen. Das heißt aber nicht, dass sie keine systemische Funktion erfüllten. Die Liberalität des Staates gesteht, getrennt von den Bereichen des Staates und der Produktion, auch Religions- und Glaubensfreiheit zu. Religion und Glauben werden dem Subsystem von Ideologien zugeordnet, das sich grundsätzlich von den Systemen "rationalen" Wirtschaftens und "wertneutraler" Technik unterscheidet. In Form dieser Getrenntheit spielt das ideologische Untersystem, gewollt oder nicht, eine für das gesellschaftliche Gesamtsystem legitimatorische Rolle.

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Der Hiatus von religiöser Ideenwelt und kapitalistischer Technokratie prägt auch die Psyche des Glaubensmenschen. Dieser ist in sich selbst aufgespalten. In der politischen wie in der Arbeitswelt ist er zu Liberalität und Toleranz angehalten, hier verhält er sich wie jeder Atheist auch; in seiner kleinen privaten Welt abends und morgens darf er jedoch beten und am Sonntag zur Kirche gehen. Die Trias von Ökonomie, Organisation und Technik stört das in keinem Fall. Im Gegenteil: Der in der Freizeit mit religiösem Glaubensgut sich aufrüstende Mensch arbeitet dann in den systemischen Zwangsbereichen mit umso höherer Effizienz.

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Die merkwürdige Art von Frömmigkeit insbesondere der amerikanischen Gesellschaft besteht also in der Form der Getrenntheit von den übrigen Systemen der Gesellschaft. Als solche darf sie nicht gleichgesetzt werden mit den religiösen Glaubensüberzeugungen der Zeit vor den bürgerlichen Revolutionen (in präkapitalistischen Gesellschaften) und auch nicht mit den Glaubensüberzeugungen anderer Kulturen. Schon gar nicht sollte ein Zusammenhang auf einer Ebene von - liberalen - "Werten" dieses gesellschaftlichen Systems mit religiösen Glaubensinhalten im allgemeinen (christlichen und anderen) hergestellt werden.

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Man muß es klar sagen: Die alte Welt religiösen Glaubens war fundamental verschieden von der des euroamerikanischen Systems heute. Ebenso von diesem System fundamental verschieden sind die religiösen Orientierungen anderer Kulturen. Insofern wären sie mit Recht als fundamental zu bezeichnen. Sie kollidieren in aller Regel mit den nicht-fundamentalen individualistischen Wert- und Konsumvorstellungen der euroamerikanischen Kultur. Diese Kollision nun bildet den Hintergrund für den gegenwärtigen euroamerikanischen Krieg gegen den internationalen Terrorismus.

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Der alte Konflikt zwischen sozialistischer Staatenwelt und euroamerikanischem Kapitalismus ist zugunsten letzterem entschieden. Dieser Konflikt wurde uns immer vorgestellt als ein Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital. Tatsächlich war auch die kommunistische Produktionsmacht, wie könnte es auch anders sein, Teil einer machtorientierten Weltökonomie. Demgegenüber spielte die Titulierung des Eigentums an Produktionsmitteln - ob staatlich oder privat - nur eine untergeordnete Rolle. Der zu einem "Systemkonflikt" hochstilisierte sogenannte Widerspruch zwischen staatlich organisierter Kapitalverwertung des Ostens und der privat organisierten des Westens hat sich - systemisch betrachtet - als unerheblich erwiesen. Der bannende Blick noch der 68er Generation auf den Unterschied in den Produktionsverhältnissen, der entgegen ihrer Ansicht kein Hauptwiderspruch war, hat sie den Wertekonflikt völlig verkennen lassen.

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Nicht dass der Wertekonflikt nicht selbst wieder sein funktionales Äquivalent in einem strukturell-materiellen Konflikt hätte. Dieser bestünde im Unterschied zur systemischen Auffassung von formaler Organisation, kapitalistischem Wirtschaften und "wertneutraler" Technik in einer von vornherein an Inhalten orientierten "Organisations"weise, gemeinschaftlicher mit Natur vereinbarer Produktion und poietischer Technik (Technik, die sowohl Kunst als auch Selbsthervorbringung bedeutet). Genau um diesen letzteren Konflikt scheint es heute aber nicht zu gehen. Die tatsächliche Strukturkomponente des sich globalisierenden Systems ist für alle Menschen und allerorts wie verschleiert.

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Schließlich hat der sogenannte "Wertekonflikt" an Bedeutung gewonnen. Angesprochen sind nun Sinn- und Orientierungsbezüge, die wir deshalb so lange unberücksichtigt ließen, weil wir einen als immer schon liberal angesehenen subjektiven Wunsch- oder Bedürfnisfaktor unterstellten. Das Gebot der Toleranz ergab sich dabei wie von selbst aus der Einräumung subjektiver Bedürfnisbefriedigung allen Nutzenssubjekten. Daß ich mir etwas herausnehme, gestehe ich auch anderen zu.

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Wenn es so wäre, dass jeder Mensch sein Gut(es) bereits kennt - gleichgültig ob ideell oder materiell -, dann bräuchte man sich nicht darum zu kümmern. Vor allem dann nicht, wenn die Maximierung individuellen Nutzens mit den Anliegen der Gemeinschaft, heute der Weltgesellschaft, im Einklang stehen. Dem aber ist nicht so.

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Daß die liberalen Annahmen über die Verfasstheit des Menschen (Individualismus, Autonomie und Toleranz) haltlos seien, bildet heute die instinktive Fühlnahme von Gegnern der kapitalistischen Technokratie. Doch durch die Übernahme systemischer Mittel werden sie unfähig zu einer Kritik an den Produktionsbedingungen. Von einer gelebten, rückhaltlosen Kritik der Produktionsverhältnisse ist auch in anderen Kulturen kaum die Rede. Kapitalistisches Produzieren, moderne Organisationskonzepte und die Einführung neuester Technologien werden fast überall für gut befunden. (Ausnahmen sind einige wenige, vom System als "steinzeitlich" titulierte Gesellschaften.) Umso mehr tritt der sogenannte "Wertekonflikt" in den Vordergrund.

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Sind also die sogenannten "Werte" dem sich globalisierenden System zuzuordnen, so sind religiöse Ideen und Glaubensüberzeugungen als davon losgelöst zu betrachten. Ihre Getrenntheit verdanken sie, wie gesagt wurde, der Logik des Systems selbst. Erst ein illiberales Zusehen macht den Unterschied deutlich. Wenn nicht von vornherein ein formaler Vergleich aller nur erdenklichen Ideen auf gleicher Ebene stattfindet, sondern stattdessen die Struktur der "Werte" in Betracht gezogen wird, so fällt auf, dass diese selbst der Warenwelt entstammt. Gefallen und Lust, schon in Platons "Philebos" unhaltbare Kategorien, erregen sich an den Riesenangeboten von Supermärkten und der Unterhaltungsindustrie. Die systemisch geschönten humanen Werte von Individualismus, Autonomie und Toleranz erweisen sich dann als auf das Bestehen von Waren zugeschnittene Verhältnisse: Individualismus erweist sich als Ich-setzende Welterstellung, Autonomie als Konsumentensouveränität und Toleranz als Zulassen aller ihren Nutzen maximierender Subjekte auf allen Märkten.

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Man muß sich heute zu keiner marxistischen Analyse der Warenwelt mehr aufraffen, um ihr Feind zu sein. Das sich globalisierende System ist außerstande, aus sich heraus jene Sinn- und Orientierungsbezüge zu entwickeln, welche die Menschheit in Zukunft nötig hat. Deshalb braucht es auch nicht zu wundern, wenn es selber seine Gegnerschaften produziert. Das können dann Globalisierungsgegner sein, die noch keinen Sinnhorizont haben, aber danach lechzen. Das können aber geradeso religiöse Kulturträger sein, die über die Tradition ihrer Weisheitsliteratur und alter mündlicher Überlieferung an ihren Sinn- und Orientierungsbezügen festhalten.

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Wie konnten wir sie nur so lange ignorieren? Wir haben Englisch gelernt und womöglich auch die eine oder andere Programmiersprache. Dabei haben wir die jüdische und christliche Weisheitsliteratur zu lesen verlernt und worauf wir gar nicht gekommen sind, ist das Erlernen der arabischen oder persischen Sprache. Mit ihrer Hilfe hätten wir in eine Sinnwelt eintauchen können, von der der "Westen" nur noch träumen kann.

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Heute hören wir, dass wir endlich einen "Dialog" mit der arabischen Welt beginnen sollten. Doch wie ihn führen? Die meisten, die dazu in Frage kämen, sind immer in die USA gereist, wenn es um neue Informationen oder den Fortschritt des Fachwissens ging. Und immer wurde ein weiterer Baustein systemischen Denkens hinzugelernt. Jetzt plötzlich sollten wir uns mit dieser geistigen Ausstattung auf alte religiöse Sinnweisen in Ländern einlassen, die wir bisher nur als Touristen frequentierten. - In der Analyse haben wir davon gesprochen, dass die liberalen Werte im Gegensatz zu religiösen und glaubensmäßig verbürgten stünden. Wäre es dann nicht paradox, wenn die "modernen", "rationalen" und "aufgeschlossenen" Menschen des "Westens" die heiligen Texte dieser Fremdkulturen lesen würden? Genau dies müssten sie aber tun, um überhaupt erst dialogfähig zu werden.

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Im Übrigen wird vorher noch Krieg geführt gegen die "Auswüchse" religiösen Denkens. Besonders der islamische Fundamentalismus gilt für den "Westen" als die ideologische Keimzelle des internationalen Terrorismus. Das "Ausräuchern" des Terrorismus wäre also in jedem Fall verbunden mit der Bekämpfung des islamischen Fundamentalismus. Fundamental - und zwar fundamental unterschieden von den "Werten" des sich globalisierenden Systems - sind schon die religiösen Überzeugungen als solche. Die Globalisierung des euroamerikanischen Systems hat sich über sie hinweggesetzt und damit die Gegnerschaft erst auf den Plan treten lassen. Daß die Gegnerschaft, besonders ihr militanter Arm, so entsetzlich grausam ausgefallen ist, hindert uns desto mehr daran, Gemeinsamkeiten mit der islamischen Welt herzustellen.

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Sich auf die islamische Kultur- und Gedankenwelt einzulassen, d.h. ihren einzigartigen religiösen Sinnhorizont nach- und mitzuerleben, erschiene zur Konfliktlösung unerlässlich. Mit Muslimen einen zweisprachigen Koran zu lesen, in dem Arabisch die Ausgangssprache zu sein hat, wäre bereits mit einem Zeremoniell von Waschungen und für Frauen zusätzlich mit dem Tragen des Kopftuchs verbunden. Wer von uns "Westlern/innen" würde diese Kommunikation nicht schon für unterdrückerisch halten? ...

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