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Die Fähigkeit zur Transformation. Ansprache zum Anlass von Sponsionen am 21. Mai 2016.

Autor:Guggenberger Wilhelm
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-05-23

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Magnifizenz, liebe Vizerektorin Anke Bockreis, geschätzter Prof. Kraler, liebe Studierende, verehrte Verwandte, Freunde und Bekannte unserer AbsolventInnen und natürlich ganz besonders Sie, die Sie heute den Abschluss Ihres Studiums feiern. Es freut mich, dass ich bei diesem schönen Anlass in der Roll des Sponsionsdekans mit Ihnen feiern darf.

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Die von ihnen, liebe Absolventinnen und Absolventen, erfolgreich abgeschlossenen Studien repräsentieren eine große Bandbreite an Fächern. Die verliehenen akademischen Grade sollten Ihnen eine gute Ausgangsposition auf dem Arbeitsmarkt sichern, zwischen Schule und Wirtschaft, öffentlichem Dienst und zivilgesellschaftlichen Organisationen, Universität und Kirche. Der Weg in die Berufskarriere ist Ihnen – wohl mit Ausnehme derjenigen unter Ihnen, die nicht mehr so ganz jung sind - an dem Ort Ihrer Biographie, an dem Sie heute stehen, mit Recht wichtig. Möglicherweise achten ihre Eltern und Familien noch darauf mehr als Sie selbst. Ich hoffe jedoch, wir haben Ihnen an der Universität Innsbruck nicht nur die Chance einer Ausbildung geboten, sondern konnten auch einen Prozess der Bildung initiieren und begleiten.

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Nun weiß ich freilich, dass wir über den Bildungsbegriff lange verhandeln könnten. Auch sind unter Ihnen mit Sicherheit einige, die zweifellos kompetenter wären darüber zu referieren, als ich es bin. Ich möchte daher nur einen kleinen Gedanken aufgreifen, den ein indischer Kollege im Rahmen einer Tagung an unserer theologischen Fakultät vor einiger Zeit äußerte.[1] Er meinte, wir akademischen Lehrer geben unseren Studierenden sehr viele Informationen mit auf den Weg, vielleicht zu viele. Wir bemühen uns auch um ihre Ausbildung – er benützte im Englischen den Begriff formation, der ja auch schon etwas mehr als nur Ausbildung bedeutet. Worauf wir jedoch zu wenig achten, obwohl es doch wichtig wäre, ist die Kultivierung einer Fähigkeit zur Transformation: neben information und formation also auch transformation.

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Transformation. Warum und wozu das? Ich meine mein Kollege hatte recht. Wir brauchen tatsächlich Menschen, die über die Fähigkeit verfügen zu transformieren: gesellschaftliche Stimmungen, Emotionen,  Ansprüche letztlich Lebensstile.

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In Zeiten wie diesen und am Tag vor einer Wahl in unserem Land, die ja durchaus eine gewisse Richtungsentscheidung darstellt, vermag ich mich des Blickes auf die politische Realität nicht ganz zu enthalte. Ich hoffe Sie sehen mir das nach. Angesichts der Entwicklungen, die wir erleben, in Österreich, in Europa, ja weltweit, ist Kritikfähigkeit sicher eine ganz entscheidende Kompetenz. Mündige Bürgerinnen und Bürger dürfen nicht alles kommentarlos über sich ergehen lassen. Empörung ist nicht nur berechtigt, sondern auch angebracht, vielleicht ist es mitunter sogar Zorn. Empörung und Zorn aber müssen in kreative Mitverantwortung und Mitgestaltung transformiert werden. Wo die vorhandenen Wutquanten – wie Peter Sloterdijk das nennt – nur eingekocht werden, entsteht lediglich ein zäher Brei aus Ressentiment und Gejammer. Was liegt denn nicht angeblich alles im Argen in unserem Land, wo herrschen nicht überall Stillstand und unerträgliche Misswirtschaft. Nichts als Mangel und Scheitern scheint uns zu umgeben, folgen wir den tagtäglichen Diskursen. Verwundert es, dass angesichts einer solchen Grundstimmung jede Herausforderung als Krise wahrgenommen wird, jeder Anspruch als Zumutung und jeder neu hinzukommende Mensch als Bedrohung, als einer, der den Bedarf steigert und damit die Knappheit vermehrt?

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Ich leugne nicht, dass es auch in unserem Land Menschen gibt, die in Not sind und mit ausgesprochen dürftigen Verhältnissen zurechtkommen müssen. Das allgemeine Lamentieren erweckt jedoch mitunter den Eindruck, in diesem Staat würden 8 Millionen Zukurzgekommene zu leben. Wie kann es dazu kommen, in einem der reichsten Länder der Erde?  Welch depressive Haltung macht sich denn da breit und stimuliert sich selbst ständig weiter in den closed bubbles medialer Sprachspiele?

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Da tut die Fähigkeit zu Transformation not, doch nicht nur im Hinblick auf solch eigenwillige Stimmungslagen, an denen wir festzukleben drohen, wie seinerzeit Vögel an Leimruten. Transformiert werden müsste auch manche spontane Emotion.

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Wie oft hören wir derzeit, dass Sorgen und Ängste der Menschen ernst zu nehmen sind. Natürlich! Wer wollte das in Abrede stellen. Doch bedeutet das auch, dass Politik nur noch Echo, ja Schallverstärkung unreflektierter Gefühle sein dürfte? Wer möchte einem persönlichen Freund raten: Lebe Deine Ängste, auch wenn du dadurch zur Gefahr für Dich und andere wirst. Würden wir ihm nicht dazu verhelfen wollen, seine Angst zu transformieren in Handlungsenergie, in die Fähigkeit zu unterscheiden zwischen realen und eingebildeten Bedrohungen, damit er oder sie wieder Herr wird über das Panoptikum der Gefühle und nicht dessen hilfloser Spielball bleibt.

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Auf sozialer Ebene scheint alles anders zu sein. Da wird das Bauchgefühl zum Maß aller Dinge erklärt, und kaum noch jemand will es in Frage stellen.

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Zu transformieren wären wohl auch unsere Ansprüche. Es sieht so aus, als wären wir in den westlichen Industrienationen mit manchem am Plafond angelangt; mit unserem Ressourcenverbrauch, unserem Wirtschaftswachstum, der Steigerung unseres Lebensstandards. All das findet freilich auf einem Niveau statt, um das uns viele beneiden. All das findet auch auf einem Niveau statt, das uns, statistischen Langzeitstudien gemäß schon längst nicht mehr glücklich macht. Denn im Grunde wissen wir häufig gar nicht mehr, was wir eigentlich wollen, es muss nur mehr sein als gestern und mehr, als der Nachbar hat.

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Ich denke, vor solch besinnungsloser Wachstumsdynamik ist auch das Universitätsleben nicht gefeit. Steigerungen müssen her; bei Publikationszahlen, Drittmitteln, Budgets, Studierendenzahlen …. Wir versuchen oft nicht solide Arbeit zu machen und uns zu freuen, wenn daraus da und dort wirklich exzellente Ergebnisse oder Persönlichkeiten erwachsen, nein, wir erheben die Exzellenz zur Norm. Dass an solchen Ansprüchen und Selbstansprüchen die Mehrzahl der Menschen scheitern muss, versteht sich geradezu von selbst. Zufrieden können nur die an der Spitze sein und auch sie nicht wirklich; wird der Atem der Verfolger doch schon im Nacken gespürt. Oder sind das etwa gar keine Verfolger sondern mögliche Verbündete? Es ist schwer das herauszufinden, während man dem nächsten Ranking hinterher rennt.

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Zu transformieren wären letztlich auch Lebensstile. Das ist zweifellos die schwierigste Aufgabe. Denn das etablierte Wissen hat keine Kompetenz für solch neue Lebensstile. Hier ist Aufbruch in Neuland gefragt. Da müssen wir Alten von unseren Kindern, wir Lehrenden von unseren Schülern und Studierenden lernen. Immer klarer wird jedoch, dass es Lebensweisen zu kultivieren gälte, in denen Begriffe wie genug, zufrieden, Innehalten, Verzicht, solidarisches Teilen mehr als nur einen musealen Stellenwärt hätten. Ach ja, Muse, das ist auch so ein Begriff. Der wahre Ort der Muse sollte eigentlich die Universität sein. Denn zur Muse bedarf man des otiums, wie es im Lateinischen heißt, also des Gegenteils des negotiums, das die Geschäftigkeit, den Alltagsstress meint. Bei den alten Griechen hieß otium scholé, Schule. Wenn die Hochschulen einmal Hochzeiten der Muse feiern, dann haben wir wohl vieles erreicht an Transformation. Ich fürchte der Weg dorthin ist noch weit.

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Liebe Absolventinnen und Absolventen der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, ich zähle auf Sie. Tragen Sie bei zu den vielfältig notwendigen Transformationen in unserer Welt. Nehmen sie nicht nur Information und Berufsformation mit aus diesem Haus, geben Sie nicht nur diese weiter, dort draußen, wohin auch immer Ihr Lebensweg Sie führen mag. Das beste Evaluationsergebnis dieser Universität wäre es, wenn man von ihren Alumni sagte, sie gehen depressiven Stimmungslagen nicht auf den Leim, sie vermögen Emotionen verantwortlich zu gestalten, sie verfolgen nicht kopflos Wachstumsstrategien, sie tragen zur Veränderung von Lebensstilen, die in die Sackgasse geraten sind, bei, ja, sie sind transformierende Persönlichkeiten. Dann hätte diese Universität tatsächlich eine erfolgreiche Leistungsbilanz vorzulegen; als Bildungsressource, als Kraftquelle, geradezu als Jungbrunnen einer Gesellschaft, in der es manche Probleme gibt, aber noch viel mehr positive Potentiale. Sie tragen solche Potentiale in sich. Entfalten Sie diese! Das wünsche ich mir und Ihnen wünsche  ich dazu alles erdenklich Gute und Gottes Segen.

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[1] Dr. Thomas Abraham im Rahmen der Tagung Anders Gemeinsam – gemeinsam anders? Juni 2014.

 

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