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Perikles und Platon - oder: Für eine bessere politische Kultur. Eine zweite Replik auf Christian Bauer

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-05-09

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Auch dieser Beitrag ist ein Versuch einer kritisch-kreativen Weiterführung von Christian Bauer, Feinde der offenen Gesellschaft: Rechtspopulismus als ein theologisches Problem, in: http://theol.uibk.ac.at/itl/1147.html sowie http://www.feinschwarz.net/feinde-der-offene-gesellschaft-i-rechtspopulismus-als-theologisches-problem

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Karl Popper in allen Ehren, aber die Gegenüberstellung von Platon und Perikles als Vertreter einer geschlossenen und einer offenen Gesellschaft ist alles andere als überzeugend. Platon war kein Demokrat und seine Staatsideen wollen wir lieber nicht umgesetzt sehen – soweit stimme ich zu. Doch man sollte auch sehen, warum Platon zu einer solchen Einschätzung kam, und dazu ist es nötig, Perikles etwas differenzierter und damit auch kritischer zu betrachten.

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War er doch jener Rhetor, von dem es hieß, er könne den Menschen ein X für ein U vormachen – oder im Originalton bei Plutarch: „Wenn ich ihn auf den Boden werfe, leugnet er doch, dass er gefallen sei, er behält Recht, und überredet selbst die, die es gesehen haben.“ (Leben des Perikles, 8,4) So etwas nannte man mal einen Demagogen, heute spricht man lieber – ich bin mir nicht ganz sicher warum – von Populisten.[1] Und eben jene Populisten sind es, die auch heute sagen: „Unsere Verwaltung begünstigt die vielen und nicht die wenigen; daher wird sie Demokratie genannt.“ Sie treten deshalb auch häufig für mehr direkte Demokratie ein, wohl weil sie hoffen, das Volk so leichter verführen zu können – das ja die Bedeutung von Demagogie.

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Moderne Demokratien haben um das zu vermeiden Sicherungsmechanismen eingeführt, damit die Herrschaft der Mehrheit nicht zur Tyrannei der Mehrheit wird: repräsentative Demokratie, Grundrechte, schwer oder in Teilen gar nicht änderbare Verfassungen, unabhängige Gerichte. Dahinter steht letztlich die Idee unumstößlicher Werte, die von einem postmodernen Diskurs zwar wie selbstverständlich vorausgesetzt werden, aber alles andere als selbstverständlich sind und ohne die Annahme echter Wahrheitserkenntnis nicht begründet werden können.

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„Unsere Stadt steht der Welt offen; wir vertreiben nie einen Fremdling.“ – Das klingt gut, nur stimmt es eben nicht. Die Athenische Demokratie – in der ja im Übrigen nur etwa 20-25 % der BewohnerInnen Stimmrecht hatten, nämlich die männlichen Vollbürger, keine Frauen, keine „Metöken“ („Ausländer“, meist aus anderen Teilen Griechenlands) und schon gar nicht die vielen SklavInnen – hat nicht nur Fremdlinge, sondern sogar Bürger vertrieben, „ostrakisiert“, wenn diese zu missliebig oder vermeintlich zu mächtig wurden. Allerdings war das eine Maßnahme auf Zeit (10 Jahre) und die Ostrakisierten behielten auch ihren Besitz. Dies geschah etwa auch dem Vater des Perikles, der allerdings schon nach ca. 5 Jahren zurückgerufen wurde. Perikles selbst gewann eine politische Auseinandersetzung um mehr Demokratie gegen Thukydides, den Sohn des Melesias, so deutlich, dass Letzterer verbannt wurde. Dieser war es auch, der Perikles die Verdrehung der Wahrheit im obigen Zitat aus Plutarch zuschrieb. Diese Zuschreibung dürfte also wohl nicht ganz objektiv gewesen sein, sondern die subjektive Darstellung eines Betroffenen. Ist sie deshalb unglaubwürdig oder umso glaubwürdiger? Ist die Demokratie, die politische Gegner nach deren Niederlage auf 10 Jahre verbannt, jene, die wir wollen?

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Jener doch so demokratische Perikles verstand es auch hervorragend, den Frieden im Inneren durch eine aggressive Hegemonialpolitik nach außen gegen die eigenen Verbündeten im Attischen Seebund zu erhalten, und legte eine aggressive Kriegstreiberei gegen Sparta und dessen Verbündete an den Tag. Das hat dann auch eine wesentliche Rolle für den Ausbruch des Peloponnesischen Krieges gespielt, der der Athenischen Demokratie dauerhaft ein Ende machte. Perikles als leuchtendes Beispiel gegen Populismus hinzustellen scheint mir daher auch ein X für ein U vorzumachen. Die Populisten könnten sich mit mehr Recht auf ihn berufen.

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Platon hatte dieses Ergebnis der „Demokratie“ des Perikles vor Augen. Gegen Demagogie und Sophisterei sieht er zuerst Sokrates andiskutieren und diesen Einsatz mit dem Leben bezahlen, worauf Platon ihm in seinen Dialogen und der Apologie ein literarisches Denkmal errichtet. Sokrates ist für ihn der Inbegriff des Weisen, der – eben weil er weiß, wie wenig er weiß – klug regieren würde. Intention der Staatslehre Platons war es, die fatalen Entwicklungen, die er gesehen hatte, durch die Herrschaft der Weisen, die er mit den Philosophen identifizierte, zu vermeiden, weil er dachte, dass diese sich nur an der Idee des Wahren, Guten und Schönen orientieren würden. Er war damit vielleicht der Erste, ganz sicher nicht der Letzte, der die Praxistauglichkeit von Theorie (philosophischer, theologischer, soziologischer, etc.) über- und die Korrumpierbarkeit der gebildeten Eliten unterschätzte und mit bester Absicht einen gefährlichen Überwachungsstaat konzipierte, welcher bei seinem ersten Test in Syrakus schon versagte.

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Platons Lösung einer starren Gesellschaftsordnung ist keine gute Idee, unzweifelhaft. Perikles taugt aber ebenso wenig als Vorbild. Beide können nur als Warnung dienen, wie leicht etwas an sich Gutes und Wertvolles (Demokratie und Redekunst bei Perikles, weise Herrschaft bei Platon) in sein Gegenteil kippen und fatale Folgen haben kann. Oft ist es gerade das Gesetz der „kontraproduktiven Folgen“ (Raymund Schwager), das dafür sorgt, dass ausgerechnet jene Konsequenzen eintreten, die man vermeiden wollte. Und dies geschieht nicht selten durch Übertreibung und Übersteigerung, auch dadurch, dass man den Zusammenhang von Ziel und Mittel aus den Augen verliert.

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Was also nottut ist eine Rückbesinnung auf die unveräußerlichen Werte, auf denen unsere Demokratie aufbaut, und deren tragfähige Begründung – philosophisch, aber auch theologisch, soziologisch etc. Und hier kann Platon durchaus ein Vorbild sein. Die Umsetzung sollten wir – anders als er – allerdings den Menschen in der Praxis des Politikbetriebs überlassen. Was mir als gefährliche und möglicherweise kontraproduktive Übertreibung erscheint, ist eine Propagierung dieser Werte durch empörte und moralisierende Aufschreie. Haben nicht wir heutigen Gebildeten auch durch unseren oft zu beliebigen Diskurs beigetragen zur Unglaubwürdigkeit der Werte, die uns wichtig sind? Dass ein offener Diskurs über die Begründung, politische Umsetzung und Ausgestaltung dieser Werte das diesen gemäße Mittel ist, zeigt wie wichtig die offene Gesellschaft ist, von der Christian Bauer spricht. Auch Papst Franziskus hat gerade in seiner Rede bei der Entgegennahme des Karlspreises die Wichtigkeit des Dialogs und der Werte des Humanismus betont.[2] Die offene und dialogfähige Gesellschaft kann aber gerade auch durch Demagogentum von links oder rechts und eine ungebremste direkte Herrschaft der Vielen a la Perikles gefährdet werden. Ich frage mich, inwiefern intellektuelle Diskurse, die nichts mehr scheuen, als klare Überzeugungen mit Wahrheitsanspruch in den Dialog einzubringen, und kaum mehr fähig sind, Prioritäten zu setzen, dafür den Boden bereitet haben und noch immer bereiten.

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Anmerkungen:

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[1] Dass Rhetorik nicht zur Demagogie ausarten muss, sondern echte Kunst des Argumentierens sein kann, hat gerade Andreas Sentker in der ZEIT (Ausgabe vom 4. Mai 2016) eindringlich dargelegt.

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