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Gott träumt. Und weckt die Sehnsucht in mir. Predigt zum Beginn des Sommersemesters 2016

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-03-09

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Predigt zum Beginn des Sommersemesters 2016 (im Anschluss an Jes 65, 17-21), gehalten in der Jesuitenkirche am 7.März 2016 um 11.00 Uhr.

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Es träumte ihm. Der angesehene junge Mönch steckt in einer Krise sondergleichen. Sein Lebensgebäude liegt in Trümmern. Die Familie? Nur noch ein Sauhaufen. Und die von ihm selbst frei gewählte Heimat? Das Kloster? Sein Lebenstraum ist schon geplatzt, ehe er überhaupt richtig angefangen hat. Sein spiritueller Begleiter, sein Ersatzvater sozusagen, ist gerade gestorben. Die Aufbahrung des Leichnams entartet zum Skandal. Einer der fanatischsten Mitbrüder, vom Neid zerfressen, diagnostiziert den Teufel selbst an der Bahre. Der sich zersetzende und stinkende Leichnam sei ein empirischer Beweis für die Heuchelei des zu Lebzeiten angesehenen Mönchs. Das postmortale Outing in den Augen der selbstgerechten Gottesdiener. „Warum? Warum diese Demütigung?”, fragt der Novize seinen Gott und schläft mit dieser Frage ein. Einschlafend vernimmt er noch die Stimme des Priesters, der die Totenwache hält. Dieser liest gerade die Geschichte von der Hochzeit zu Kana. Und plötzlich –  mir nichts, dir nichts – sieht sich der junge Novize, sieht sich Aljoscha selber unter den Gästen der Hochzeit. An der langen Hochzeitstafel sieht er auch seinen verstorbenen Mentor. Dieser entdeckt den schüchternen Novizen unter den Gästen, geht auf ihn zu: „Auch ich, mein Lieber, auch ich bin geladen, geladen und gerufen. Wir sind fröhlich. Wir trinken den neuen Wein, den Wein der neuen, großen Freude. Siehst du unsere Sonne, siehst du ihn? ‚Ich fürchte mich, ich wage nicht, hinzusehen’, flüstert Aljoscha. ‚Fürchte ihn nicht. Schrecklich ist Er uns in seiner Größe, furchtbar in seiner Höhe, aber unendlich barmherzig ist er zu uns in seiner Liebe und er freut sich mit uns. Er hat Wasser in Wein verwandelt, damit die Freude der Gäste nicht aufhört’.”

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Liebe Studierende, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Fakultät, liebe Kolleginnen und Kollegen und auch Sie alle, die Sie sich als Zufallsgäste zu dem sakramentalen Vorgeschmack himmlischer Hochzeit hier eingefunden haben! „Unendlich barmherzig ist er zu uns in seiner Liebe und er freut sich mit uns”. Nicht nur wegen des Jahres der Barmherzigkeit habe ich diese - vielleicht schönste - Episode aus dem Roman „Die Brüder Karamasow” von Fjodor Dostojewskij erzählt. Der Traum, der in einer ausweglosen Situation geträumt wird, an jenem Zeitpunkt des Lebens also, wo alles einstürzt, wo Pläne wertlos werden, weil man selber am Ende ist, der Traum und die Freude, die der Traum fokussiert, prägen diesem beginnenden Semester den Stempel auf. Denn nicht nur Niewiadomski erzählt heute einen Traum, den Dostojewskij geträumt haben könnte. Auch ein anderer tut es. Kein Geringerer als Gott selber teilt uns seinen Traum mit, den Traum, den er von unserer Welt und uns träumt. Und zwar so träumt, wie der jungverliebte Erstsemestler träumt, wenn er oder sie sich sein oder ihr Leben mit jenem Menschen ausmalt, der ihm den Kopf verdreht hat und das Herz trunken gemacht. Von nichts anderem nämlich als von göttlichem Traum kündet die heutige Lesung (Jes 65, 17-21). So meint es jedenfalls Papst Franziskus, in seiner kurzen Predigt, die er vor einem Jahr in Santa Marta zu unseren heutigen Lesungen am Montag der vierten Fastenwoche gehalten hat. (Seine Predigt war allerdings viel kürzer als meine). Gott selber träumt und er träumt von der Freude, die er mit uns genießen wird. Er teilt uns diesen Traum mit. Vermutlich deswegen, damit wir –  wie Aljoscha, der ja vor den Trümmern seiner bisherigen Lebensgeschichte steht – damit wir durch den Traum neue innere Regung, neue Begeisterung für den neuen Abschnitt der Lebensgeschichte bekommen.

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Hier waltet ja dieselbe Logik, die Antoine de Saint-Exupery in seinem berühmten Diktum auf den Begriff gebracht hat: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben, um die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer, die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer”. Studienpläne, Module, ECTS, Drittmittel und vieles andere mehr: schön und gut! Sie sind alle Schall und Rauch, wenn die Sehnsucht nach der Weite, die Sehnsucht nach Transzendenz, die Sehnsucht nach Gott abgestorben ist. Abgestorben unter der süßen Last der alltäglichen Routine, vor allem aber abgestorben, weil man unter den Trümmern des eingestürzten Hauses erstickt. Das erfahren oft auf schmerzhafte Weise die Flüchtlinge heute, das haben damals auch bitter Exulanten erfahren.

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Nach 50 Jahren im babylonischen Exil sind die Israeliten gerade in ihre Heimat zurückgekehrt. Was für ein armseliger, was für ein enttäuschender Neuanfang ist das? So hatten sie sich das nicht vorgestellt, als sie sich nach Hause, als sie sich in der Fremde nach der alten und neuen Heimat sehnten. Hat ihnen nicht der Prophet, dem wir den wissenschaftlich verbürgten Namen Deuterojesaja geben, hat er ihnen nicht eine großartige Zukunft prophezeit? Alles bloß leere Versprechungen! Angesicht von Trümmerhaufen, sich am Abgrund befindend, verzweifeln die Menschen. Sie verzweifeln so, wie ein jeder verzweifeln wird, wenn er nach überstandener Krise, im Kontext von Neubeginn, anstatt einer möglichen Zukunft von neuem den Abgrund vor seinen Füßen erblickt. Wenn ihm eine niederschmetternde Diagnose den Atem raubt: Es hat doch alles nichts genützt!

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„Was ist aus meiner Welt geworden?”, fragt sich unser Gott. „Nach so vielen Neuaufbrüchen, nach so vielen Umstürzen und Revolutionen! Was aus meinen Lieblingen, der Krone meiner Schöpfung? Was aus der Kirche meines Sohnes? Nach dem beispiellosen Aufbruch des Konzils!” „Kirche erwacht in den Seelen”, dichteten die Theologen damals und schauten trunken und hoffnungsvoll in die Zukunft. „Solange ich lebe, kenne ich nur eine schwindende Zahl bei den in der Kirche Aktiven und eine wachsende Zahl bei den Kirchenaustritten”, klage vor kurzem ein 55-jähriger Pfarrer in Münster, der sich von seiner Gemeinde in ein Kloster zurückzieht. „Was ist aus meiner Welt geworden?”, denkt sich unser Gott, der ja das alles geschaffen hat, gut geschaffen, geschaffen, damit sich das Herz der Menschen erfreue. Ist unser Gott am Ende? Stürzt er ab, wenn er sieht, was sich in dem Land der Verheißung, in Israel und Palästina tagtäglich ereignet, von den Grenzen zu Europa und in Europa selbst schon zu schweigen? Ist Gott am Ende, wenn die unzähligen leeren Augen der Mütter sieht, deren Kinder verdursten und erfrieren? Sitzt er resigniert da, wenn er die inhaltsleere Konsumorgie, wenn er „Das große Fressen” erblickt? Oder lässt er sich von den engelhaften, emsigen Managern beraten, die ihm ja unaufhaltsam neue strategische Pläne vorlegen: zur Organisation der Welt, zum kostengünstigen Management der Kirche seines Sohnes, einem Management, das viel verändern kann, bloß keine Sehnsucht mehr weckt. Ist Gott gar angesichts der Unübersehbarkeit der Entwicklungspläne depressiv geworden?

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Nein! Gott ist nicht am Ende, aber er träumt. Er träumt den radikalsten Traum, den Gott selber träumen kann. Er träumt von seiner Schöpfung und er teilt diesen seinen Traum den Menschen immer und immer wieder mit, bedient sich dabei gar eines seltsamen Begriffes, des Wortes „bara”, den seine Autoren bisher nur ein einziges Mal (im Buch Genesis) benutzt haben, als sie das göttliche Erschaffen der Welt begreifen sollten und für die „Schöpfung durch Gott” damals den Begriff „bara” patentiert haben. Weil niemand so schafft wie Gott. In der Situation des Rückfalls, wo all die Pläne vor die Hunde gehen, wo die Hoffnungen desillusioniert wurden, wo der Mensch im wörtlichen Sinne des Wortes am Ende angelangt ist, vor dem Trümmerhaufen seiner Existenz, vor der Katastrophe der nicht erfüllten Erwartungen und Hoffnungen steht, da teilt Gott diesen seinen radikalsten Traum dem Menschen mit. Zum ersten Mal teilte er diesen Traum jenem Menschen mit, den unsere alttestamentlichen Kollegen den wissenschaftlich verbürgten Namen Tritojesaja gegeben haben (vgl. Jes 65, 17-21). Zum ersten Mal bedient sich nämlich dieser Autor des schon patentierten Begriffes „bara”: schaffen, neu schaffen, buchstäblich aus dem Nichts schaffen, so schaffen, dass das Frühere niemandem mehr in den Sinn kommt. Weder die leeren Augen der verstummten Mütter noch der aufgeblähte Bauch des Säuglings, weder die im Hass sich zerfetzenden Selbstmordattentäter noch die im Meer ertrinkenden Flüchtlinge, und schon gar nicht die verblödeten Opfer der Konsumorgie, selbst nicht die seelen- und herzlos werdende, sich verwaltende, sterbende Kirche mit ihren hausgemachten Problemen.

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Gott hat einen radikalen Traum, er träumt von einer Neuschöpfung, Neuschöpfung ohne das Leid. Und er träumt von mir, von jedem einzelnen von uns. Er träumt davon, dass er mit mir viel Freude haben wird, er träumt, wie der Erstsemestler träumt, der sich gerade verliebt hat. Und dieser sein Traum von mir kann mich verändern, wenn ich dem Träumenden vertraue. „Ich glaube”, sagte Franziskus vor einem Jahr, „dass es keinen Theologen gibt, der das erklären kann. Das kann er nicht erklären, man kann nur daran glauben, es spüren und weinen. Vor Freude weinen. Der Herr kann uns verändern. Und was muss ich tun? Glauben. Glauben, dass der Herr mich verändern kann, dass er mächtig ist.” Nur dieser Glaube weckt die sprichwörtliche Sehnsucht nach dem Meer. Übrigens: Als Aljoscha aus seinem Traum erwachte, stand er auf und spürte den festen Boden unter den Füßen. Die Sehnsucht nach dem Meer, nach Mehr, nach Transzendenz, nach Gott, war wieder da. Er konnte die Zelle mit der Bahre des Toten verlassen und in der Welt „sein Schiff” bauen. Diese Sehnsucht will Gott heute durch seinen radikalen Traum auch in mir wecken, damit ich meine Zelle verlasse, die Zelle, in der so viele Leichen modern, in der die Sehnsucht durch political correctness erstickt wird, in der ich mich durch die Perspektive statistisch errechenbarer Grenzen und Katastrophen lähmen lasse. Gott träumt von mir und das müsste mir eigentlich genügen, um bei mir neue Begeisterung zu wecken. In diesem Sinne ein von Optimismus und Freude erfülltes Semester für uns alle!

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