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Liebender Respekt für die Söhne: Der barmherzige Vater (Lk 15,11–32)

Autor:Repschinski Boris
Veröffentlichung:
Kategoriekurzessay
Abstrakt:
Publiziert in:Jesuiten. Mitteilungen der österreichischen Jesuiten, März 2016 (Heft 1), 4-6.
Datum:2016-03-08

Inhalt

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Das Matthäusevangelium bringt Jesus große Ehrfurcht entgegen; die Jünger beten Jesus an, und wenn Jesus die Bergpredigt verkündet, so steigt er mit seinen Jüngern auf einen Berg. Das Lukasevangelium hingegen zeichnet einen Jesus, der nicht angebetet wird, sondern selbst immer wieder betet. Es berichtet ebenfalls von einer großen Rede. Doch Jesus lehrt nicht auf einem Berg, sondern er kommt mit seinen Jüngern einen Berg herunter in die Ebene, wo sich viele Menschen um ihn drängen.

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Bruder aller Menschen

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Dieser Kontrast beleuchtet die Eigenart des Lukasevangeliums: Es ist ein Evangelium, in dem Jesus sich zu den Menschen hinwendet. Er ist zugänglich für alle, die in irgendeiner Form leiden oder benachteiligt sind und von ihm Hilfe erwarten. Erscheint Jesus im Matthäusevangelium als der Ehrfurcht gebietende Erlöser von den Sünden, so ist er im Lukasevangelium ein Erlöser, der von ganz konkreten Krankheiten und Leiden erlöst. Der lukanische Jesus erscheint als der Bruder aller Menschen.

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Das Evangelium spiegelt diesen Zugang zu Jesus auch literarisch. Es ist das am leichtesten zugängliche Evangelium mit einem unmittelbar eingängigen und attraktiven Erzählstil. Gerade die Erzählungen des lukanischen Eigenmaterials gehören zu den einprägsamsten der gesamten Evangelienliteratur. Nur bei Lukas gibt es ein Weihnachten mit Krippe, Hirten und singenden Engeln auf dem Feld. Manche der denkwürdigsten Figuren des Neuen Testaments finden sich nur bei Lukas: Zachäus auf seinem Baum in Jericho, die aufmerksame Maria und ihre hart arbeitende Schwester Martha, der barmherzige Samariter, der treulose und doch sympathische Gutsverwalter, die energische Witwe und ihr ungerechter Richter, der arme Lazarus und sein reicher Nachbar.

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Ein barmherziger Vater

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Auch der barmherzige Vater mit seinen beiden Söhnen taucht nur in einem Gleichnis im Lukasevangelium auf. Der Kontext für dieses Gleichnis ist die Beobachtung der Pharisäer und Schriftgelehrten, dass Zöllner und Sünder Jesus nachfolgen und er mit ihnen Feste feiert (15,1–2). Sie können dies nicht nachvollziehen und bleiben lieber außen vor. Jesus erzählt daraufhin drei Gleichnisse. Ein Schaf verirrt sich in der Wüste, und der gute Hirte geht ihm nach. Eine Frau verliert eine Drachme und freut sich unendlich, als sie sie wiederfindet. Beide Gleichnisse enden mit dem Hinweis auf die Freude im Himmel über die Umkehr des Verlorenen.

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Das Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen schließt sich an. Es ist lang, fast schon eine Kurzgeschichte. In zwei Teilen wird vom Vater und seinen beiden Söhnen erzählt. Im ersten Teil (15,11–24) geht es um den jüngeren Sohn, der sich entgegen Tradition und Anstands sein Erbe auszahlen lässt, es verprasst und schließlich in Armut fällt. Er entsinnt sich seines Vaters und schöpft Hoffnung, malt sich aus, wie er wohl wieder aufgenommen werden könnte, wie er um Verzeihung bittet. So macht er sich auf den Weg.

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Ein Vater zweier Söhne

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Jetzt wechselt die Erzählperspektive. Der Blick wendet sich zum Vater, der anscheinend schon lange Ausschau hält nach seinem Sohn. Von Ferne schon sieht er ihn kommen, und er eilt ihm entgegen, umarmt und küsst ihn. Die Entschuldigungen des Sohnes scheint er gar nicht wahrzunehmen, er spricht nicht einmal mit seinem Sohn. Der herzliche und intime Willkommensgestus schon vor dem Schuldeingeständnis ist unmissverständlich und illustriert die Freude, die im Himmel herrscht über die Rückkehr des Verlorenen. Ein Festgewand, ein Ring und Schuhe werden gebraucht, ein Festmahl wird gehalten.

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Der zweite Teil des Gleichnisses (15,25–32) wendet sich dem älteren Sohn zu. Er kommt und schätzt die Lage in seiner traditionellen Rolle als pflichtbewusster Sohn ab. Und er kann nicht auf das Glück seines Bruders schauen, ohne sich zu kurz gekommen zu fühlen. Hat er nicht alle Erwartungen seines Vaters erfüllt und hart gearbeitet? Doch Feste kennt er nicht, sein Leben ist freudlos.

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Und noch einmal wechselt die Perspektive der Erzählung, noch einmal rückt der Vater in den Blick. Wie schon zuvor seinem jüngeren Sohn geht er jetzt auch dem älteren entgegen. Die Vorwürfe lassen eine innige Umarmung wohl nicht zu, das Gespräch verläuft mit mehr Distanz. Doch der Vater lässt nicht ab, er erinnert den älteren Sohn, dass sie alles gemeinsam besitzen. Doch jetzt ist die Gelegenheit, die Wiederkehr des Bruders zu feiern. Und wie die Knechte beschwört der Vater nun den eigenen Sohn: „Dein Bruder war tot und ist lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden.“

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Die Geschichte endet hier. Ob der ältere Sohn den Festsaal noch betritt, bleibt offen. Die Leserschaft des Lukasevangeliums wird eigene Schlüsse gezogen haben. Pharisäer und Schriftgelehrte haben sich wohl nicht zu einer Feier mit Jesus hinreißen lassen. Liest man das Lukasevangelium und seine Fortsetzung in der Apostelgeschichte, so spiegelt Lukas wohl hier schon den Übergang der christlichen Gemeinde von einer jüdisch geprägten Gruppe hin zu einer Kirche, die in der heidnischen Welt zu Hause ist. Die Einladung zum himmlischen Fest hat unter Heiden mehr Anklang gefunden als unter Juden.

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Lohnende Fragen

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Moderne Leserinnen und Leser leben und schreiben eigene Schlüsse zu diesem Gleichnis. Dabei lohnt es sich wohl zu fragen, von welchen Traditionen und Anstandsregeln wir uns beherrschen lassen. Aber wichtiger ist, ob wir uns hinwenden können zu der Perspektive des Vaters, der den Entschuldigungen des jüngeren Sohnes keine Zeit schenkt, sondern sich einfach über dessen Rückkehr freut. Und der die Frustrationen seines älteren Sohnes ernst nimmt und ihn doch einlädt, seine Sicht auf den jüngeren Bruder zu teilen. Und dies ist die eigentliche Barmherzigkeit des Vaters: Der liebende Respekt, den er für beide Söhne bereit hält.

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