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Die Freude am Herrn ist unsere Stärke

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-01-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Predigt zum 3. Sonntag im Jahreskreis (Neh 8,2-4a.5-6.8-10; Lk 1,1-4; 4,14-21) gehalten in der Jesuitenkirche am 23. Januar 2016 um 11.00 Uhr.

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Ein katholischer Priester und ein jüdischer Rabbi wohnen in derselben Straße. Als gute Nachbarn. Immer und immer wieder ärgert sich der Priester über das schmutzige Auto des Rabbiners. Am Vorabend des Rosch ha-Schana, des jüdischen Neujahrsfestes, kommt der Priester auf die Idee, er könne dem Rabbi ein Gefallen tun und das Auto waschen. Im Unterschied zum westlichen Neujahrsfest, wo die Menschen sich mit guten Vorsätzen für das kommende Jahr überfordern, werden die gläubigen Juden am Rosch ha-Schana von ihren nicht erfüllten Gelübden entbunden, von Verpflichtungen und Schuld befreit, damit sie ausgeglichen und ohne alte Last ins neue Jahr eintreten. Der katholische Priester, gut im interreligiösen Dialog geübt, will also den Rabbi zumindest vom Schmutz an dessen Auto befreien. So schnappt er sich Wassereimer und Putzlappen, geht zum Haus des jüdischen Freundes und wascht sein Auto. Am Schreibtisch seines Studierzimmers sitzend wundert sich der Rabbi über die ungewöhnliche Aktion. Und am Tag drauf? Am nächsten Tag erblickt der Priester den Rabbi an seinem Auto. Mit einer leichten Säge bewaffnet, macht sich dieser am Auspuff des priesterlichen Autos zu schaffen. Von Panik ergriffen rennt der Priester zur Tür hinaus und schreit: “Was machst du an meinem Auto?” Der Rabbi antwortet ruhig: “Nun, ich sah gestern, wie du mein Auto getauft hast. Darum wollte ich heute dein Auto beschneiden.”

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Liebe Schwestern und Brüder, es ist zwar die Zeit des Karnevals, vor einer Woche feierte die Kirche den Tag des Judentums, momentan sind wir in der Gebetswoche um die Einheit der Christen. Schon all diese Faktoren rechtfertigen einen interreligiösen Witz in der Predigt. Der Hauptgrund liegt allerdings woanders, nämlich: beim Wort Gottes, das uns in dieser Eucharistiefeier zugesprochen wird. “Seid nicht traurig..., macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.”

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Hast gut zu reden, wird der Durchschnittszeitgenosse sagen, vor allem der von der Moralinsäure bitter gemachte Mitmensch. Der eher rechts stehende Moralist wird dann die Bedrohung durch die Horden von Fremden, die in das Land kommen an die Wand malen, der linke ständig seinen Schock über die Politiker aufs Tapet bringen. Inzwischen nicht nur über die in Ungarn und Polen, sondern auch über die in Österreich. Und mit moralisch erhobenen Zeigefinger wird er die Menschenrechte einklagen. All die Moralisten sind sich in einem Punkt einig: Die Krisen in denen wir stecken, die politischen, aber auch die privaten rechtfertigen die Freude nicht. Es gibt keinen Grund zu feiern!

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Wirklich keinen?, fragt uns die Kirche heute. Zumindest wirft sie diese Fragen auf im liturgischen Kontext. Wie auf der Kinoleinwand präsentiert sie uns das Leben der ehemalig zwangsdeportierten Familien und der gerade in ihr Land zurückgekehrten Flüchtlinge. Sie sitzen in einer vom Krieg zerstörten Stadt. Jerusalem liegt in Schutt und Asche. Gerade wurde die Stadtmauer aufgebaut. Notdürftig. Viel Flickerei. Mehr Lücke als Mauer. Ob man den morgigen Tag überlebt? Keiner wagt diese Frage zu stellen. Allzu eindeutig könnte die Antwort ausfallen. Die Stimmung ist ja gedrückt. Es fehlt am Notwendigsten. Und da kommen Esra und Nehemia, der Pfarrer und der Bürgermeister - wenn sie so wollen. Stundenlang wird das Gesetz, wird die biblische Botschaft vorgetragen, Gottesdienst gefeiert. Dann ergreifen diejenigen, die Verantwortung tragen, das Wort. Sie tun es nicht, um noch einmal den Menschen die Pflicht in Erinnerung zu rufen, auch nicht, um noch einmal die Gefahr zu beschwören, die triste Lage zu beklagen, gar jene anzuklagen, die daran schuld sein sollten. Nein! Sie wagen etwas Ungeheures. Sie reden von der Freude. Sie verbieten geradezu die kümmerliche Stimmung. “Seid nicht traurig. Macht euch keine Sorgen. Denn die Freude am Herrn ist eure Stärke!” Sehen sie die Not nicht? Sind sie blauäugig? Realitätsverweigerer? Alles andere als das! Sie tun auch nicht - wie der Prediger heute - schnell einen Witz erzählen, damit kurzfristig gute Stimmung aufkommt und der innere Pegelstand nach oben steigt. Sie sagen aber den Menschen eine Freude zu. Eine Freude, die nicht abhängig ist von den äußeren Umständen. Eine Freude, die im Menschen sich tief verwurzeln kann, so dass sie unzerstörbar wird. Mehr noch: Eine Freude, die dem Menschen zur Zuflucht wird. Weil sie den Menschen stark macht. Kräftig. Belastbar. Man hat das Wort, das diese Stärke ausdrückt, einmal mit “Trutzburg” übersetzt: Ein Ort der Geborgenheit in großer Gefahr schenkt, ein Willkommen, wenn wir nirgends mehr hinkommen.

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Die Logik, von der die beiden Männer beflügelt sind: der Priester und der Bürgermeister, die Verantwortungsträger, diese Logik ist denkbar einfach und doch schwer, weil eben elementar. Egal wie deine innere Verfasstheit ist, egal wie es um deinen seelischen Zustand besteht, egal wie die äußeren Umstände sind, die Freude am Herrn birgt dich! Stell dir doch immer und immer wieder den fröhlichen Gott vor: Gott, das froheste Wesen im Universum. Entdecke immer und immer wieder die kleinen Spuren seiner Freude in deinem Leben. Und über diese Mentalität der Freude ein.

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Eine alte, wunderschöne Geschichte erzählt von einem armen Bauer, der jeden Morgen seine rechte Hosentasche mit Bohnen füllte. Und bei jeder kleinsten Freude seines ärmlich verfassten Alltags legte er eine Bohne in die linke Tasche. Unter sein Herz sozusagen. Um dann am Abend abzurechnen. Die Freuden im Herzen zu zählen. Und festzustellen, wie viel an Freude ihm an diesem Tag geschenkt wurde.

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Man kann Freude nicht befehlen, und doch reden Esra und Nehemia im Modus der Anweisung. Sie gebieten, ordnen an: Seid nicht traurig. Haltet ein festliches Mahl. Trinkt süßen Wein. Auch Paulus schrieb aus dem Gefängnis, in einer doch trostlosen Situation: “Freut euch am Herrn, abermals sage ich euch: Freut euch!” Und einer der kleinen Propheten des Alten Testaments, Habakuk, reagiert angemessen auf solche und ähnliche Anweisungen, wenn er in seinem Gebet bekennt: “Ich will jubeln über den Herrn und mich freuen über Gott meinen Retter. Gott, der Herr ist meine Kraft” (Hab 3,18f.) Das sagt er, obwohl er selber krank ist und seine Schritte wanken. Obwohl der Feigenbaum nicht blüht und an den Reben nichts zu ernten ist. Geschweige denn an den Kornfelder (vgl. Hab 3,16f.) Er will fröhlich sein in Gott, denn der Herr ist seine Kraft.

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So etwas hat mit Entscheidung zu tun und mit Übung. Man muss es nicht mit Bohnen machen. Man kann es mit einem Tagebuch probieren, in dem man einen Gedanken am Abend niederschreibt: Wo habe ich heute Freude erlebt? Wo ist mir Freude geschenkt worden? Denn: nur wenn wir die Spiritualität der Freude pflegen, wenn wir unsere Mundwinkel immer und immer wieder nach oben ziehen: Mundwinkel und Augenmuskel. Auch oder gerade in der Kirche. Wenn wir dies tun, wird uns selber die Logik von Esra und Nehemia aufgehen, werden wir unter jenen Schutzmantel kriechen, werden wir in jener Trutzburg Geborgenheit finden, die uns allen Gott selbst ist. Und dies werden wir so lange tun dürfen und auch erleben dürfen, bis uns die ewige Freude zuteil wird: die Freude des Himmels. Bis es soweit ist, können wir vorbehaltlos auch die kleinen Erweiterungen genießen. Und nachdem die Predigt mit einem interreligiösen Witz begann, bei dem Jude und Katholik vorkamen, soll sie in der Gebetswoche um die Einheit der Christen mit einer ökumenischen Anekdote enden. Damit auch die Protestanten zum Handkuss kommen.

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Katharina von Bora, die Frau des Reformators Martin Luther, pflegte zu ihren Mann zu sagen:  “Ihr seid unlustig, Martinus! Ich habe euch einen Tee zubereitet, der ist gut gegen die Unlust. Achillea Millefolium: die gemeine Scharfgarbe. Die schlimmste Krankheit ist die Unlust, und ich dulde sie nicht unter meinem Dach. Da schreibst du in deinem Kirchenliedern: ‘Nun freut euch, liebe Christen g’mein, und lasst uns fröhlich springen. Ich mag’s nicht leiden, dass mein Gemahl was anderes lebt, als er schreibt. Der Widersacher des Teufels ist die Freude und die Zuversicht. Den Teufel treibt man mit Lachen aus dem Haus. Und nun hadere nicht länger mit deinem Gott! Er ist gewohnt, dass man mit ihm hadert. Hauptsache, er hadert nicht mit dir!”

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Nein, liebe Schwestern und Brüder. Gott hadert nicht mit uns. Der Gott der Freude, der frohe Gott liebt uns so wie wir sind. Er liebt uns gar, wenn wir ernst und grimmig werden. Das nenne ich einen Gott! Die Freude an ihm ist unsere Stärke. Seid also nicht traurig. Macht euch keine Sorgen. Das gilt Dir Peter, der du der Kirchenrektor bist. Und das gibt auch uns allen. Freue dich also! Freut euch! Freuen wir uns!

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