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Utopische Phantasie, Frustration und Zynismus: oder was wir werden können ohne Gnade

Autor:Siebenrock Roman
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-01-21

Inhalt

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Vorbemerkung: Der folgende Text bezieht sich auf: Gerhard Oberkofler, Opportunismus statt Theologie der Befreiung. Gastkommentar in DIE PRESSE vom 11. 1. 2016.1

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Auf einen groben Klotz – einen groben Keil! Wenn Sie keine differenzierte und selbstreflexive Antwort suchen, lesen Sie bitte nicht weiter. Zu einfachen Antworten und polemischen Gegenreden tauge ich nicht. Ich halte dies auch für sehr gefährlich, gerade heute. Wenn Sie jetzt weiterlesen, so erwartet sie eine differenzierte und, das ist die Absicht, erhellende und aufklärende Antwort auf den oben genannten „Gastkommentar“. Denn jede Kritik, und sei sie noch so skurril, gibt Anlass zur Selbstreflexion und fordert zur Rechenschaft über unsere Arbeit nach Innen und nach Außen auf. Deshalb ist Kritik gut; und ich bleibe meinem Auftrag als Theologe nur treu, wenn ich auch auf eine solche Kritik mit jenem Ethos antworte, das unsere Arbeit generell auszuzeichnen hat: Klärung durch Differenzierung, Ermöglichung von eigenem Urteil durch Aufklärung. Deshalb noch einmal: Lesen Sie nicht weiter, wenn eine differenzierte und selbstreflexive Antwort suchen. Wenn Sie aber einen theologischen Reflexionsprozess angesichts solcher Kritik nachvollziehen wollen, dann könnten die folgenden Seiten etwas für Sie sein.

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Der genannte Kommentar hat mich sehr betroffen gemacht, nicht nur, weil ich namentlich genannt worden bin und seine Aussagen zur Katholisch-theologischen Fakultät jeder sachlichen Grundlage entbehren, auch nicht so sehr, weil ich einmal glaubte, dass eine vertrauensvolle und auf Respekt basierende Zusammenarbeit mit dem Autor möglich sein könnte, sondern vor allem weil dieser Kommentar ohne Vorankündigung und Gegendarstellung von einem Organ veröffentlicht worden ist, das seit 1848 schreibt und von sich behauptet, es stünde für „Verlässlichkeit, Qualität und Relevanz“. Ich habe diese Medium immer als „kritisch und liberal“ im besten Sinne des Wortes angesehen. Diese Qualitätsmerkmale kann aber ein Medium nur für sich beanspruchen, wenn es in einer kontroversen Angelegenheit Darstellung und Gegendarstellung veröffentlicht, und es den LeserInnen anheimstellt, sich ein Urteil zu bilden. Weit davon entfernt, konnte der Kommentator zu wenig bekannten Vorgängen, von denen die Öffentlichkeit zuvor wohl noch nie etwas gehört hat, eine Meinung veröffentlichen, deren Prüfung mangels Kenntnis und Information nur wenigen vertrauteren Kennern überhaupt möglich gewesen sein konnte. Wer einen solchen Kommentar zu Vorgängen veröffentlicht, deren Verlauf kaum jemand kennt und dazu nicht die notwendige Basisinformation zur Verfügung stellt, will nicht Information verbreiten und die Meinungsbildung fördern. Das Qualitätskriterium „kritisch“ verdient eine solche Presse nicht. Deshalb hat sich mir die Frage eingestellt, die über diesen letztlich vernachlässigbaren Anlass, vielleicht von grundlegender auch öffentlicher Bedeutung zu sein scheint.

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Gibt es Gründe für diese öffentliche Polemik, die nicht nur ich als Diffamierung ansehe; sowohl von Seiten des Autors als auch von der Seite jenes Organs, das sich als „Qualitätsmedium“ versteht. Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es am Interesse beider, Aufmerksamkeit zu erregen. Schon längst sind die Medien den Gesetzen des Marktes unterworfen, auf dem Erregung Aufmerksamkeit und damit allein Präsenz und dadurch Marktanteile zu garantieren vermag. Viele Medien zielen ja immer auch darauf ab, sich selbst zur Nachricht zu machen. Diesen Regeln spätmoderner Öffentlichkeit kann sich auch ein „bekennender Marxist“ nicht entziehen; er bedient sie vielmehr. Und irgendwie ging ja diese Rechnung auf.

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Doch diese Analyse wäre doch zu einfach. Lässt der Anlass vielleicht tiefer blicken? Ich habe eine Vermutung, und, wie nicht anders zu erwarten, eine theologisch inspirierte. Ich denke, dass das Zusammenspiel dieser letztlich unvereinbaren Positionen darin liegen könnte, dass beiden exemplarischen Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts, dem Marxismus wie dem liberalistischen Kapitalismus, der heute dominiert, jegliche Vorstellung von Gnade fehlt. Dabei ist heute der Zeitpunkt gekommen, in dem man mit gutem Recht die eine, die gläubig-marxistische Weltanschauung als überholt ansehen kann, die nur noch museal existiert, und die andere hoffentlich bald ihre Zeit hinter sich haben wird. Denn beiden Weltanschauungen fehlt jene Vorstellung von Gnade, die uns daran hindert zunächst alles allein auf unsere Leistung und Macht zu setzen, und dann, wenn es schief läuft dafür, was sich angesichts der unausweichlichen Realität notwendigerweise einstellen muss, Sündenböcke zu suchen. An den verheerenden Entwicklungen des Staatssozialismus, bzw. Marxismus-Leninismus, bzw. -Stalinismus im 20. Jahrhundert, dessen letzte Bastion in Nordkorea zu studieren ist, und an den heute unabschätzbaren Folgen des derzeitigen liberalen Kapitalismus, sind natürlich nie die eigenen Theoriekonstrukte und Handlungsmaximen schuldig, sondern immer die anderen.

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Die absolut unqualifizierten Aussagen des Kommentators zur Kulturtheorie Girards unterstützen diese Vermutung nachdrücklich. Denn diese Theorie deckt diesen Mechanismus auf und entlarvt unsere scheinbare Gutheit und Großartigkeit. Wir alle leben von verdrängten Opfern und verborgenen Toten. Girards radikale Ideologiekritik, die in die spirituelle Selbstkritik führt, irritiert, weil sie alle unsere Überlegenheitsphantasien dekonstruiert. Dieser Meister des Verdachts löst unsere gewohnten Einteilungen in Gut und Böse, sowie Opfer und Täter auf. Auf der Ebene der Theorie realisiert dieses Denkens die Maxime des Evangeliums vom Splitter und Balken (Mt 7,3-5). Wir in Innsbruck sind durch die Schule dieses „Meisters des Verdachts“ gegangen. Ein solcher war einmal meiner Ansicht nach auch Karl Marx; diesem bekennenden Marxisten ist aber jede Selbstkritik völlig fremd.

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Utopische Phantasie, Frustration und Zynismus: Zum Titel

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Die drei Begriffe im Titel fassen für mich meine Eindrücke in den Begegnungen mit Professor Oberkofler zusammen. Die utopischen Phantasien einer radikal linken, das heißt marxistisch-leninistischen Tradition sind nicht nur zum Scheitern verurteilt, sie sind politisch gescheitert.2 Das legitimiert nicht unsere derzeitige neoliberale Wirtschaftsform und ihre wachsende Dominanz in allen Lebensbereichen. Deshalb ist auch der Wert der marxistischen Gesellschaftsanalyse nicht vorbei. Aber der Kommentator ist nicht einfach „bekennender Marxist“. Zwischen Marx und dem Ende des Staatsozialismus gab es noch ganz andere Personen und Denker, die Wirkung erzielt haben. Er schwärmte mir gegenüber ja von den einschlägigen Wissenschaftsinstituten in Ost-Berlin und in Moskau. Wer die Vorgänge aber um die Edition der Werke von Marx und Engels auch nur oberflächlich kennt, weiß wie die Epigonen mit ihnen umgegangen sind.3 Doch auch das revolutionäre Denken dieser beiden ist von einer eminenten Hypothek belastet, das wir heute gerne mit dem Schlagwort „Aufklärung“ zu verdrängen suchen.4

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Das revolutionäre Denken des 19. und 20. Jahrhunderts speist sich immer wieder aus den Theorien der Französischen Revolution; und nicht allein aus den bürgerlichen Idealen von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“. Denn seit der Französischen Revolution besteht die Gefahr, dass die Utopie des Neuen Menschen und die Vorstellung, die ewige Bestimmung des Menschen in einer Gesellschaftsordnung konkret politisch umsetzen zu wollen, in Gewalt oder epochale Frustration umgeschlagen. Genauerhin: Seit Saint-Just und Robbespierre kennen wir eine Gewalt in unserer Geschichte mit höchstem moralischem Anspruch.5 Das Töten, das Säubern und Ausmerzen im Namen des Guten oder der geschichtlichen Bestimmung der Menschheit auf ihr endgültiges Ziel hin hat unter säkularen Bedingungen die Gewalt im Namen Gottes abgelöst. Heute kommen beide, die säkulare und die religiöse Apokalyptik, wieder zusammen.6 Dieser Kontext ist deshalb anzuführen, weil es jenes politische und religiöse Zentralproblem anzeigt, das die Innsbrucker Systematische Theologie bewegt.

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Unsere eigene kirchliche Tradition war von dieser Gefährdung nie frei. Doch das Zweite Vatikanische Konzil und die Vorbereitung auf das Jahr 2000 von Johannes Paul II haben uns als katholische TheologInnen im Blick auf die Opfer und die Gewalttaten im Namen des Gottes Jesu Christi durch Kirche und eine sogenannte christliche Gesellschaft einer radikalen Gewissenserforschung unterzogen.7 Wolfgang Palaver gehört zu den Gründungspersönlichkeiten der „Pax Christi-Bewegung“ in Tirol und hat an der Konkretisierung einer entschiedenen Absage an Gewalt im Namen Gottes wesentlichen Anteil; heute bringt er dieses Anliegen vor allem in den Dialog mit Muslimen ein. Die Ausrichtung an einer entschiedenen Gewaltfreiheit, die P. Schwager SJ (1935-2004) in die Mitte der Erlösungslehre gestellt hat, wirkt in unserer Fakultät bis heute. Die Bedeutung dieser Problemlage muss heute nicht eigens hervorgehoben werden. In einem Leserbrief an „DIE PRESSE“ weist Professor Zulehner darauf hin8 und ist mit Recht darüber verwundert, dass der Gastkommentator die Qualität der Fakultät glaubt beurteilen zu können, ohne davon auch nur Notiz genommen zu haben. Die im Jahre 2015 durchgeführte interne Evaluation aller Forschungsgruppen an der Universität Innsbruck hatte natürlich nicht die marxistische Theoriebildung als Modell der Rationalität vorgeschrieben. Deshalb zählt das in den Augen des Kommentators nicht. Doch die Öffentlichkeit sollte darüber informiert werden, dass in dieser Evaluation die drei Forschungszentren der Fakultät sehr positiv abgeschlossen haben.9

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In einer, hier hervorzuhebenden Hinsicht stellt die liberale Gesellschaft auf der einen Seite eine epochale Entwicklung dar. Ich bin dankbar, dass unsere Gesellschaft den Pluralismus ermöglicht; auch den der Utopisten und Spötter. Deshalb werden wir auch mit jenem Utopismus zu leben haben, der in Zynismus und Diffamierung umschlägt. Nur: Unwidersprochen darf solches nicht bleiben. Doch gerade die Theorie Girards warnt mich davor, nicht in den mimetischen Strudel zu verfallen. In aller berechtigten Empörung und bei bester moralischer Legitimation besteht immer die Gefahr, dass ich mich mimetisch so verwickle, dass am Ende alles vom Strudel der Rache aufgesogen wird. Deshalb muss vor allem in der Zurückweisung jener Geist der Unterscheidung, Differenzierung genannt, gepflegt werden, den wahre Rationalität und argumentativer Umgang mit inhaltlichen Differenzen auszeichnet. Das habe ich im Bannkreis der Gesellschaft Jesu gelernt. Solche Geisteshaltung wird deshalb für eine pluralistische Gesellschaft überlebensnotwendig, weil sie das Medikament gegen ideologisches Kampfdenken und Diffamierung der Menschen darstellt. Ich sorge mich sehr, dass unsere Gesellschaft in billige Schemata abzugleiten droht. Der „Kommentar“ ist ein Musterbeispiel hierfür.

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Ich möchte in allem, was ich nun darlege, versuchen, die Person von Professor Oberkofler zu achten, seine berechtigten Anliegen herausstellen und dennoch nicht darauf verzichten, seine Darstellungen und Unterstellungen sachlich zurückweisen. Ob mir das mit dieser Darstellung gelingt, mögen die LeserInnen entscheiden. Um zu einer solchen Urteilsbildung beitragen zu können, müssen aber Begegnungen erzählt, eigene Meinungen und Eindrücke so weit wie möglich offen gelegt und die eigene Urteilsbildung so transparent wie möglich dargelegt werden. Ich habe über die Begegnungen der letzten beiden Jahre kein Protokoll geführt. Die zu erzählenden Ereignisse habe ich so gut es mir möglich ist, aus der Erinnerung zu rekonstruieren versucht.

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Das erste Treffen und das erste Projekt

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Im Frühsommer 2014 hat mich Professor Oberkofler erstmals persönlich angesprochen. Ihm ist es nach diesem Gespräch mit zu verdanken, dass in diesem Jahr das 25jährige Gedenken an die MärtyrerInnen an der UCA (Zentralamerikanischen Universität, geleitet von der Gesellschaft Jesu) in El Salvador ausführlicher gestaltet wurde. Aber ohne die konzeptuelle und ideenreiche Unterstützung durch die Leiterin des Hauses der Begegnung wäre eine solche Veranstaltung nicht durchführbar gewesen. Von diesen MärtyrerInnen, sechs Jesuiten und zwei Frauen10, haben zwei in Innsbruck studiert. An der Ehrentafel der Universität stehen ihre Namen: P. Ignacio Ellacuría SJ und P. Segundo Montes SJ. Schon früher hat Fakultät und Orden ihrer gedacht; jedes Jahr z.B. in der Fastenzeit. Selbstverständlich wurde das angesprochene Tagungsprojekt von der Theologischen Fakultät, dem Jesuitenorden und der Diözese Innsbruck finanziell unterstützt; und nur von diesen. Das Gedächtnis an die Märtyrer von El Salvador ist bei uns, vor allem in unserem Forschungskreis („Religion – Gewalt – Kommunikation – Weltordnung“) nie verloren gegangen.11

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Bei der genannten Veranstaltung (November 2014) war Professor Oberkofler selbstverständlich völlig frei, sich selbst einzubringen. Sein Beitrag bestand darin, die verschiedenen Schriftenstände in Wiener Kirchen als Ausdruck einer einheitlichen Ideologie der Katholischen Kirche vorzustellen. Ich gebe zu, dass nicht nur ich über eine solche Perspektive etwas perplex war. In diesem Zusammenhang und auch später hat er exklusiven Wert auf die marxistisch-kommunistische Analyse in Theologieentwürfen gelegt; - und nur unter dieser Rücksicht gewürdigt. Jegliche Kritik am Kommunismus hat er vehement zurückgewiesen, auch jene Forscher der Gesellschaft Jesu, deren Analysen ich studiert und angesichts meiner Erfahrungen heute für höchst lesenswert halte (Gustav A. Wetter SJ und Peter Ehlen SJ). Die Vorliebe der argentinischen Befreiungstheologie für die Volksfrömmigkeit, die prägend auf Papst Franziskus gewirkt hat, hat er, höflich gesagt, verspottet; so auch den Beitrag von P. Scannone SJ bei dieser Tagung. Wie er sich damit als Anwalt der Jesuiten und von Papst Franziskus ausgeben kann, ist für mich nach diesem Gastkommentar nur als Strategie verständlich. Er weiß, dass wir im Forschungszentrum den Reformprozess mit verschiedenen Beiträgen mittragen und unterstützen. Die Öffentlichkeit wird das in diesem Jahr selbst prüfen können.

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In den Monaten danach hatte ich den Eindruck gewonnen, einer Person zu begegnen, die meine Freunde aus der ehemaligen DDR mit dem Begriff „marxistische Kaderschulung“ charakterisiert hatten. Ich habe ihn einmal einen „gläubigen Altmarxisten“ genannt. Jede Differenzierung weist er zurück und polemisiert mit allen Mitteln; nicht nur gegen Theologen, sondern z.B. auch gegen den Prager Frühling von 1968 und die Wende von 1989; vom Nahostproblem will ich gar nicht reden. Was er über die DDR sagte, hat für mich den Eindruck hinterlassen, dass er „unverbesserlich“ in seinem Weltbild verhaftet ist. Sein Marxismus ist eine Weltanschauung, die meiner Ansicht nach letztlich weniger mit Marx zu tun hat. Denn selbst die KPÖ scheint nach seiner Auffassung den wahren Marxismus verraten zu haben. Der Dialog, den Mitglieder der KPÖ mit Mitgliedern der Fokolarbewegung führten und führen, empörte ihn. Deshalb ist ihm auch jedes noch so brennende Thema der Gegenwart, wie Religion, Begierde, Gesellschaft und Gewalt, Ausdruck kapitalistischer Verschwörung. Rationalität misst sich allein an seinen eigenen Kriterien marxistischer Theoriebildung. Was er von einer pluralistischen Gesellschaft hält, wird an seiner Auslassung zur islamischen Religionspädagogik erkennbar.

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Ein Thema, das er selbst angesprochen hat, muss noch ausdrücklich klargestellt werden: die Frage nach einer Gedenkvorlesung an der Theologischen Fakultät. Heute wundert es mich nicht mehr, dass er in seinem Gastkommentar die Frage einer möglichen Gedenkvorlesung für die Jesuiten in El Salvador nicht differenziert zu schildern vermag. Die Begegnung mit Professor Oberkofler hatte mich darüber nachdenken lassen, ob bei mir die politischen Aspekte der Theologie hinreichend stark vorhanden sind. Es gab sicherlich auch einen Anstoß, sich wieder stärker mit neueren VertreterInnen der Befreiungstheologie auseinanderzusetzen. Diese aber verwenden heute bevorzugt postkoloniale Kulturtheorien, Gender-Theorien und indigene Ideen aus Lateinamerika, um der „Option für die Armen“ gerecht werden zu können. Diese neueren Entwicklungen hat Kollege Palaver uns insofern auch vermittelt, als prominente VertreterInnen dieser Richtung nach 1989 sich ausdrücklich in die Theorie Girards vertieft hatten und daraus neue Inspiration gewonnen haben.12 Die in diesen Begegnungen offensichtlich gewordenen tiefen Gemeinsamkeiten zwischen beiden Theoriebildungen können als „Option für die Opfer“ und „Kampf gegen die Götzen“ begriffen werden. Niemand aus unserer Fakultät, und nicht nur aus ihr, entzieht sich dieser Grundoption. Doch was diese unter den Bedingungen unserer fortgeschrittenen Gesellschaften bedeutet, lässt sich nicht aus jener Gesellschaftstheorie deduzieren, die für den Kommentator selbstevident zu sein scheint. Ich konnte kaum glauben, dass jemand so ein einfaches Weltbild haben kann. Religiös würde man das Muster Fundamentalismus nennen, weil es den Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis klar zu ordnen vermag; natürlich immer mit sich auf der besseren Seite.

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Es ging mir in der angesprochenen Frage also nicht um eine bloße Erinnerung, sondern um einen notwendigen offenen Prozess der Orientierung und Urteilsbildung. Darauf ließ sich der Kommentator nie ein. Er wollte apodiktisch eine institutionalisierte Vorlesungsreihe an der Universität errichten. Ich hatte seine Idee einer Gedenkvorlesung für P. Ellacuría schon früher aufgegriffen und ihm mitgeteilt, dass wir im nächsten Jahr (November 2016) eine Gastvorlesung zu P. Ellacuría schon in der Fakultät fixiert und finanziert hätten. Diese Gastvorlesung wird der beste Kenner der Philosophie von P. Ellacuría in Österreich halten: Dr. Thomas Fornet-Ponse (derzeit: Jerusalem).13 Ich habe Professor Oberkofler erst dann aufgefordert (sicherlich auch etwas frustriert über jemanden, der nur fordert bzw. dekretiert und nichts wirklich Konkretes beisteuert), auch einen finanziellen Beitrag für später beizusteuern.14Nähere Angaben zu seinem Sponsor hatte er aber mir gegenüber nie gemacht. (Korrektur am 22.1.2016: Soeben [21. 1. 2016, 22:30] habe ich eine Mail von Professor Oberkofler bekommen. Daher ist der letzte Satz zu korrigieren. Die darin getroffene Aussage ist nicht zutreffend. Wegen eines Datenverlustes habe ich die Mail, die mir Professor Oberkofler heute gesandt hat, nicht mehr auffinden können. In einer Mail vom 9. August 2015 stellt er eine Finanzierung in der Höhe von 1500.- Euro per Mail durch Dr. Greiter in Aussicht, der den "Verein zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit" mit Sitz in Innsbruck leitet. Entsprechende schriftliche Unterlagen habe ich nicht gesehen. Ich entschuldige mich aber für diese Fehlinformation)Wenn sich, so meine Meinung damals und heute, aus dieser ersten Vorlesung eine Reihe und anhaltende Entwicklung ergeben könnte, wäre das sehr schön. Ich persönlich scheue mich aber, institutionelle Verpflichtungen aufzustellen, die nicht von mehreren getragen werden und daher faktisch in den Wind gesetzt sind. Wer die finanzielle Situation der Universität kennt, weiß auch unter dieser Rücksicht, wovon ich spreche. Meine Vorgehensweise, die dem Motto von Papst Franziskus entspricht, Prozesse anstoßen - nicht Räume besetzen, hat Professor Oberkofler jetzt lächerlich zu machen versucht. Die „Presse“ gab ihm dafür ein Forum. Heute bin ich zur Überzeugung gekommen, dass Professor Oberkofler kein vertrauenswürdiger Partner für eine Kooperation sein kann, die sich nicht seinen Dekreten unterwirft. Ich buche das auf das „Konto Erfahrung“ eigener Naivität. Wir werden die Erinnerung an die MärtyrerInnen aus El Salvador wie bisher aufrecht erhalten; und unsere Option für die Opfer und gegen die Götzen auch weiterhin treu bleiben.

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Die bleibende Bedeutung von sozialer Gerechtigkeit und Freiheit, ohne Großideologien

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Die Veröffentlichung dieses Gastkommentars ohne Gegendarstellung in einer Angelegenheit, über die die Öffentlichkeit niemals unterrichtet hat sein können, ihr also die notwendige Voraussetzung zur eigenen Urteilsbildung fehlt, hinterlässt für mich einen prekären Eindruck. Soll das „Liberalität“ sein oder der Stil eines „Qualitätsmediums“? Die Veröffentlichung des Leserbriefes von Paul Zulehner mildert das Urteil etwas, ändert es aber nicht. Spätestens bei der Aussage über Karl Rahner SJ als christlichem Außenseiter und dem Hinweis auf die herausragende Gestalt von Johannes Kleinhappl, dessen Ausführungen zu Karl Marx ich bisher noch nicht kannte und die mir höchst beachtenswert zu sein scheinen, hätte auch einen weniger Informierten stutzig machen müssen. Heißt das, dass im Blick auf christliche Theologie und katholische Kirche in Österreich eine differenzierte Urteilsbildung in diesem Segment der Öffentlichkeit nicht mehr zu erwarten ist? Soll nach dem liberalistischen Dogma jede religiöse Stimme aus der Öffentlichkeit verbannt werden? Oder wollen die beiden letzten Großideologien des 19. Jahrhundert noch einmal zeigen, wer den öffentlichen Diskurs bestimmt? Wie dem auch sei: Deren Zeit ist für mich vorbei, auch wenn deren Anliegen, soziale Gerechtigkeit und individuelle Freiheit nicht verschwinden dürfen. Wir können nur hoffen, und dafür arbeitet und betet meine Fakultät, dass uns danach noch Zeit und Geschichte geschenkt sein möge.

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Anmerkungen

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1Der Gastkommentar von Gerhard Oberkofler ist online zugänglich unter: http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/4902260/Opportunismus-anstatt-Theologie-der-Befreiung (letzter Zugriff: 21. 1. 2016). Eine kürzere Fassung meines Antwort-Textes habe ich noch am 13.1.2016 an die Online-Redaktion der Zeitung geschickt. Am 18.1.2016 war noch nichts zu hören. Von der Veröffentlichung dieses Beitrags habe ich der Redaktion Kenntnis gegeben; und sie nachdrücklich aufgefordert, wenigstens den Link zu publizieren. Eine ausführlichere Fassung wurde der KathPress zur Verfügung gestellt. Der Theologische Leseraum aber scheint mir allein ein Ort der Reflexion, Nachdenklichkeit und Unterbrechung jener medialen Aufschauckelung der Aufmerksamkeit zu sein, auf die dieser Gastkommentar zielt.

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2Ich habe diese reale Theoriebildung an den einschlägigen Schulbüchern des „DIAMAT“ (Dialektischen Materialismus) und „HISTOMAT“ (Historischen Materialismus) studiert. Dessen letzte Ausgabe: Fiedler, Frank (Hg.) (1989): Dialektischer und historischer Materialismus. Lehrbuch für das marxistisch-leninistische Grundlagenstudium. Berlin: Dietz.

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3Namentlich z.B.: „Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED“ (Informationen leicht im Internet abrufbar). Dieses Institut hat die Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels herausgegeben. Vom „Zwangsumtausch“, der bei den Besuchen in der DDR anfiel, hatte ich mir immer die entsprechenden blauen Bände gekauft. Diese Ausgabe wird nun auf „kapitalistischer“ Grundlage fortgeführt und vollendet (siehe: http://mega.bbaw.de). Die Ausgabe soll 2025 fertig gestellt sein. Das bedeutet, dass es 100 Jahre wohl dauern wird, dass die Werke dieser wichtigen Denker des 19. Jahrhunderts vollständig und vor allem unzensiert vorliegen werden. Getragen wird diese Ausgabe von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung, die von sich selbst sagt: "Zweck der Stiftung ist, auf rein wissenschaftlicher Grundlage und politisch unabhängig die Arbeit an der ,Marx-Engels-Gesamtausgabe' als vollständiger historisch-kritischer Ausgabe der Veröffentlichungen, Handschriften und Briefwechsel von Karl Marx und Friedrich Engels fortzusetzen." Zur Illustration: Es war mir jahrelang nicht möglich, die philosophischen Frühschriften, die sog. Pariser Manuskripte, in der DDR zu erhalten.

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4Insofern halte ich die These meines Lehrers Peter Ehlen für zutreffend, der auch im frühen Marx auf ein „totalitäres Moment“ hinwies. Insofern schon bei Marx, aber auch später in der politischen Realität, das Individuum der Gattung und der künftigen Menschheit geopfert werden kann, ja geopfert werden muss, scheint mir diese Kritik zuzutreffen.

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5Siehe hierzu: Siebenrock, Roman A. (2015): Die mimetische Matrix der Revolution. Eine Girardsche Perspektive auf ausgewählte Reden von Louis Antoine des Saint-Just und Maximilien de Robespierre. In: Wilhelm Guggenberger und Wolfgang Palaver (Hg.): Eskalation zum Äußersten? Girards Clausewitz interdisziplinär kommentiert. Baden-Baden: Nomos, 35-58.

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6 Das hat René Girard in seinem letzten großen Interview hervorgehoben. Auf die Initiative von Wolfgang Palaver hin haben viele Mitglieder der Fakultät und andere ExpertInnen dazu Kommentare geschrieben: Guggenberger, Wilhelm; Palaver, Wolfgang (Hg.) (2015): Eskalation zum Äußersten? Girards Clausewitz interdisziplinär kommentiert. Baden-Baden: Nomos.

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7Unsere anhaltende Auseinandersetzung im Forschungszentrum „Religion – Gewalt – Kommunikation – Weltordnung“, das von P. Schwager SJ gegründet wurde, sind als Erinnerungsband an den Gründer für seine Zeit dokumentiert in: Siebenrock, Roman A.; Sandler, Willibald (Hg.) (2005): Kirche als universales Zeichen. In memoriam Raymund Schwager SJ. Wien: Lit (Beiträge zur mimetischen Theorie, 19).

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8;„Der Beitrag von Herrn Oberkofler, ernannter Universitätsprofessor und verdienter Archivar der Uni Innsbruck, ist gnadenlos oberflächlich, tendenziös und uninformiert. Man muss kein Freund von René Girard und dem theologischen Dialog mit ihm sein, den der viel zu früh verstorbene, von Oberkofler nicht einmal erwähnte Raymund Schwager auf hohem Niveau begonnen hat, um zu erkennen, wie wenig der hochaggressive Kritiker der Fakultät davon begriffen hat.
Dass Gewalt, Gier und Lüge das Weltgeschehen heute prägen, merkt jeder politische Fußgänger. Dass diese aus den dunklen Seiten des Menschen entspringen (was durchaus mit der Kategorie der Erbsünde zu tun hat), ist wohl kaum zu bestreiten. Und dass diese Mächte gegenwärtig ihr dämonisches Gesicht zeigen, demonstrieren Terror, Finanzgier und Korruption hinlänglich. Was hat wohl den Kritiker getrieben? Vielleicht auch Mimesis? Sein dunkles Begehren?
Man kann, derart angeleitet durch Girard, den Gastkommentar in seiner perfiden Abgründigkeit durchaus besser verstehen. Was gar nicht geht, ist in einer derart platten Weise die Innsbrucker Fakultät und Papst Franziskus gegeneinander auszuspielen. Wenn jemand am Franziskusstrang zieht, dann die Innsbrucker Theologinnen und Theologen.
Bedauerlich ist allerdings, dass "Die Presse" einen derart platten und dennoch rufschädigenden Beitrag als Gastkommentar abgedruckt hat. Oder zeigt sich hier auch ein neues Ressentiment gegenüber der Theologie, vor allem, wenn sie gut ist und versucht, die Welt in ihren inneren Zusammenhängen zu begreifen?
Denn eine solche Theologie stört den politischen und medialen Betrieb mehr, als zugegeben wird.
Em. Univ.-Prof. Dr. Dr. Paul Michael Zulehner, 1130 Wien.“
Der Leserbrief ist online zugänglich unter:  http://www.pressreader.com/austria/die-presse/20160114/282063390963562/TextView (letzter Zugriff: 21. 1. 2016). Der dort fehlende letzte Absatz mit Unterschrift kann eingesehen werden durch Klick auf die rechts stehende Seitenansicht.

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9Das von P. Schwager einst initiierte und von mir koordinierte Forschungszentrum („Religion – Gewalt – Kommunikation – Weltordnung“) hat im Kontext des FSP („Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“) die beste Platzierung erzielt (es platzierte sich im oberen Drittel aller Zentren). Das Forschungszentrum der Christlichen Philosophie („Christliches Menschenbild und Naturalismus“) hat sich zusammen mit den religionsphilosophischen Arbeiten zu einer Adresse weit über den deutschen Sprachraum hinaus entwickelt. Das Zentrum „Synagoge und Kirche“ muss nicht erläutert werden, der ökumenische interreligiöse Dialog, vor allem mit dem Judentum, ist unverzichtbar.

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10 Siehe den Bericht von P. Martin Maier SJ, der hautnah dieses Ereignis erlebte und bei P. Schwager über Jon Sobrino SJ promovierte: http://www.jesuitenmission.at/index.php/295-el-salvador. Sobrino, Jon (1991): Sterben muß, wer an Götzen rührt. Das Zeugnis der ermordeten Jesuiten in San Salvador: Fakten und Überlegungen. 2. Aufl. Fribourg/Brig: Ed. Exodus (Theologie aktuell, 10).

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11Nur ein Beispiel: Niewiadomski, Józef; Siebenrock, Roman A. (Hg.) (2011), Opfer - Helden - Märtyrer. Das Martyrium als religionspolitologische Herausforderung. in Zusammenarbeit mit Moosbrugger, Mathias; Cicek, Hüseyin. Unter Mitarbeit von Mathias in Zusammenarbeit mit Moosbrugger und Hüseyin Cicek. 2. Aufl. Innsbruck-Wien: Tyrolia (Innsbrucker theologische Studien, 83).

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12Dokumentiert in: Girard, René; Assmann, Hugo (Hg.) (1997): Götzenbilder und Opfer. René Girard im Gespräch mit der Befreiungstheologie. Münster: Lit (Beiträge zur mimetischen Theorie, 2). Diese Reihe ist von Wolfang Palaver entscheidend initiiert und seither entwickelt worden.

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13Fornet-Ponse, Thomas (2013): Freiheit und Befreiung. Untersuchungen zur Kontextualität und Universalität des Philosophierens. Aachen: Wissenschaftsverlag Mainz.

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14Eine institutionalisierte Gedenkvorlesung gibt es an unserer Fakultät nicht; auch nicht zu Karl Rahner. Die Reihe „Raymund Schwager - Innsbrucker Religionspolitische Vorlesungen“ ist nicht dem Namensgeber gewidmet, sondern ein Rahmen, Themen zum Thema zu diskutieren. Wie es mit dieser Reihe unter den Bedingungen der neuen Forschungspolitik weitergehen wird, scheint mir mehr als offen zu sein.

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