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Integrationsunfähig

Autor:Guggenberger Wilhelm
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2015-12-11

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Fragen aus einem Interview im Ö1-Morgenjournal  vom 11.12. 2015, das Daniel Pichler mit der Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Amina Baghajati führte. Der Kontext ist die Debatte um „muslimische“ Kindergärten in Wien:

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„Müssen die Kinder [auch in diesem Kindergarten] beten und den Koran auswendig lernen?

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„Wozu eigentlich überhaupt Religion im Kindergarten … sollte man die Kinder damit nicht in Ruhe lassen und sie später dann selbst entscheiden lassen, ob und welche Religion ihnen wichtig ist?“

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„Was hat ein kleines Kind aber von religiöser Erziehung … geht es Ihnen ganz einfach nur darum, dass Sie für Ihre Religion Nachwuchs heranzuzüchten?“

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Dass Frau Bagajati auf diese Fragen mit Gelassenheit, ja Humor antwortete, verdient ehrliche Bewunderung. Mir selbst vergeht ehrlich gesagt das Lachen angesichts der blanken Ahnungslosigkeit hinsichtlich der Dimension des Religiösen in der menschlichen Existenz und in der gesellschaftlichen Realität; es vergeht mir als religiösem Menschen, aber auch als Bürger einer demokratischen Gesellschaft, die fähig zu Pluralität sein sollte, angesichts der Grundstimmung, die auch in oben zitierten Sätzen zum Ausdruck kommt, aber immer weniger sein wird.

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In diesem Sinne einige kurze Anmerkungen zu den journalistischen Fragen an eine muslimische Gläubige, die letztlich an alle Gläubigen gerichtet sind:

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Welchen Wert oder Unwert das Auswendiglernen kulturell bedeutsamer Texte hat, darüber mögen sich PädagogInnen den Kopf zerbrechen. Ich verstehe freilich die in der Frage enthaltene Kritik, wenn es um eine indoktrinäre und unreflektierte Vermittlung von Sätzen geht.  Dass jedoch jegliche Form der Gebetspraxis damit in einen Topf geworfen wird, zeugt von absolutem Unverständnis für die Anliegen und Bedürfnisse gläubiger Menschen.

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Dass Religion als Ware gesehen wird, für die man sich in gleicher Weise entscheidet, wie man vor prall gefüllten Supermarktregalen entweder zum  zuckerhaltigen Softdrink oder zum vitaminreichen Fruchtsaft greift, scheint fast schon die Standardwahrnehmung zu sein. Freilich könnte man auch wissen, dass sogar in puncto Ernährung, die elterliche Praxis und, das, was den kleinsten Kindern vorgesetzt wird, ganz wesentlich darüber entscheidet, ob Herangewachsene sich einigermaßen gesundheitsverträglich ernähren oder aber in den Sackgassen von Fettleibigkeit und Diabetes landen. Einen Bereich wie das religiöse Leben aus der Erziehung auszuklammern, zeugt weniger von Freiheitlichkeit als von Verantwortungslosigkeit.

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Was nun das Heranzüchten von Nachwuchs betrifft, so gibt es wohl keine andere Möglichkeit Überzeugungen und lebensprägende Weltanschauungen weiterzugeben als auf dem Weg des Vorlebens eigener Überzeugungen, der Einführung in Traditionen und der Weitergabe von Erzählungen.[1] Eine Hand voll Stunden Wertunterricht wird das Leben keines Menschen nachhaltig prägen.  Ja, natürlich muss man vor diesem Hintergrund fragen: welche Werte, welche Überzeugungen, welche Weltanschauungen? Gerade dies geschieht aber nicht in einer Debatte, in der religiöse Erziehung als solche in Bausch und Bogen unter der Kategorie Demokratiefeindlichkeit und Terrorgefahr abgehandelt wird.

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Wo die Diskurse in eine solche Richtung gehen, werden alle weltoffenen und dialogorientierten religiösen Menschen zwischen den Fronten einer bornierten Ignoranz auf der einen Seite und fanatisiertem Fundamentalismus auf der anderen Seite zerrieben. Die sich offen nennende Gesellschaft wirkt so eifrig an der Produktion jener Probleme mit, die sie dann wiederum panisch mit drastischen Maßnahmen zu bekämpfen versucht.

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Kurz gesagt: eine Gesellschaft, in der Fragen wie die anfangs zitierten, keine Verwunderung hervorrufen, ist unfähig Menschen zu integrieren, denen religiöse Überzeugungen ein Herzensanliegen sind. Das gilt keineswegs nur für Muslime.

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Anmerkungen:

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[1] Ich empfehle hierzu etwa die Lektüre von Walzer, Michael: Vernunft, Politik und Leidenschaft. Frankfurt a. M.: Fischer, 1999, insbesondere 30-33.

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