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Die Botschaft des Sündenbocks
(Interview von Publik-Forum mit Wolfgang Palaver)

Autor:Palaver Wolfgang
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Palaver, Wolfgang/Schrom, Michael: Die Botschaft des Sündenbocks, in: Publik-Forum Nr. 22 vom 20. November 2015; S. 36-37.
Datum:2015-11-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Wie lässt sich Gewalt eindämmen? Darüber hat der am 4. November verstorbene Kulturanthropologe René Girard ein Leben lang nachgedacht. Was können wir heute von ihm lernen? Fragen an seinen Interpreten Wolfgang Palaver

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Publik-Forum: Herr Palaver, die Ereignisse von Paris scheinen Girards düstere Vision von der entfesselten Gewalt zu bestätigen. Sehen Sie das ähnlich?

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Wolfgang Palaver: Ja. Leider bestätigt sich in diesen neuerlichen Anschlägen Girards These von der Eskalation der Gewalt. Umso wichtiger ist es, in der Reaktion nicht genau dieser Logik nachzugeben. Ein verstärktes Bündnis des Westens mit den großteils gemäßigten Kräften in der islamischen Welt ist nun besonders wichtig.

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Sie haben Schriften Girards auf Deutsch herausgegeben und kommentiert. Wie erklären Sie sich, dass er trotz seiner schwierigen Sprache so viele Menschen inspiriert hat?

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Palaver: Girard hat sich stets mit den großen Lebensfragen beschäftigt und dabei neue, überraschende Perspektiven und Verstehensweisen vorgelegt. Er tat dies auf der Basis eines großen Wissens, mit einem unglaublich weiten geistigen Horizont.

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Ein Universalgelehrter?

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Palaver: In der Tat. Hauptgrund dafür ist sein Lebensweg. Als Mediävist und Zeithistoriker ausgebildet, wandte er sich später der Literatur, den griechischen Mythen und schließlich der Bibel zu. Girard interessierte sich für die Probleme, mit denen die Welt ringt. Akademische Revierpflege interessierte ihn überhaupt nicht.

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Wie würden Sie seine zentralen Einsichten kurz beschreiben?

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Palaver: Girards Werk lässt sich anhand von drei zentralen Konzepten darstellen: Erstens dem mimetischen Begehren, das zeigt, wie sehr die Nachahmung das menschliche Zusammenleben prägt und wie leicht daraus Konflikte entstehen können. An zweiter Stelle steht der Sündenbockmechanismus, die nicht bewusste, kollektive Tötung oder Vertreibung eines Stammesmitgliedes als Lösung innerer Rivalitätskonflikte. Die anschließende Vergöttlichung des Sündenbocks führte nach Girard zur Entstehung archaischer Religionen und Kulturen. Drittens muss die Unterscheidung zwischen archaischen Mythen und der jüdisch-christlichen Offenbarung genannt werden. Sie beschreiben zwar beide die kollektive Verfolgung Einzelner, aber nur die biblischen Texte decken den Sündenbockmechanismus auf, indem sie sich mit den Opfern identifizieren.

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Wo ist Girard heute noch aktuell?

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Palaver: Zum besseren Verständnis des komplexen Verhältnisses von Gewalt und Religion ist Girards mimetische Theorie fast nicht zu ersetzen. Auch für die innerchristliche Entwicklung einer Theologie des Friedens hat sie große Bedeutung. Aber auch seine Betonung des nachahmenden Begehrens ist weit über religionswissenschaftliche oder theologische Fragen hinaus aktuell. Das mimetische Begehren spielt für Fragen der (internationalen) Politik oder Wirtschaft genauso eine wichtige Rolle wie für ein besseres Verständnis der Mechanismen in Facebook oder Twitter.

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Er schätzte die Bibel als Korrektiv zur Gewalt. Nun sind religiöse Gesellschaften nicht friedlicher. Worin bestand nach Girard die Rolle der Religion?

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Palaver: Die archaischen Religionen waren ein erstes Hilfsmittel zur Eindämmung zwischenmenschlicher Gewalt. Die Gewalt aller gegen eine(n) trat an die Stelle der Gewalt aller gegen alle. Die biblische Aufdeckung des Sündenbockmechanismus überwand diese Form archaischer Gewaltbändigung, eröffnete indirekt aber eine neue, noch bedrohlichere Gefahr: Wo sich Menschen nicht radikal zur Gewaltfreiheit bekehren, müssen sie nun mit ihren Rivalitäten ohne den Schutz des Sakralen auskommen. Ohne Bereitschaft zur Vergebung verleitet die Solidarisierung mit den Verfolgten zur selbstgerechten Vergeltung. Der heutige Terrorismus ist genau von dieser Dynamik geprägt. Die Theologen in den abrahamitischen Religionen müssen die notwendige Verbindung der Rehabilitierung der Opfer mit der Vergebung daher noch deutlicher machen.

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Was sagen Sie zu der Erklärung, dass Gewalt nichts mit der Religion, in diesem Falle mit dem Islam, zu tun habe?

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Palaver: Das ist eine genauso oberflächliche These wie die gegenteilige Behauptung. Es gibt Theologien der Gewalt im Islam, die einer verstärkten innerislamischen Kritik bedürfen. Ich erfuhr von den Anschlägen bei einer Reise durch den Iran. Alle islamischen Theologen, die ich traf, haben diese Terrorakte entschieden zurückgewiesen.

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In Europa und Amerika haben Girards Schriften eine enorme Wirkungsgeschichte gehabt. Wie sieht es im asiatischen oder islamischen Kulturkreis diesbezüglich aus?

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Palaver: Hier liegt noch ein großes Forschungsfeld vor uns. 2003 veröffentlichte Girard in dem kleinen Büchlein »Le sacrifice« (»Das Opfer«) eine erste Interpretation altindischer Veden und daran anschließender Texte, die gewisse Parallelen zur biblischen Entwicklung erkennen lassen. Erste Forschungen haben diesen Ansatz aufgegriffen und weiterentwickelt. Auch im Blick auf den Islam gibt es erste vorsichtige Annäherungen. 2013 organisierte ich mit Freunden am Heythrop College in London eine Tagung zum Thema »Mimetic Theory and Islam«, die in Innsbruck fortgesetzt wird. Ein tunesischer muslimischer Kollege arbeitet an einem Buch dazu.

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Berühmt ist Girards Sündenbocktheorie, die er auf Jesus zuspitzt. Ein solcher Zugang zu Jesus ist heutigen Christen eher fremd. Können Sie diesen Gedankengang erklären?

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Palaver: Dieser Zugang gehört zu den schwierigsten und gleichzeitig wichtigsten Fragen der christlichen Theologie. Zugespitzt geht es darum, ob der Kreuzestod Jesu als Opfer bezeichnet werden darf. Girard lehnte das zuerst ab, änderte aber im Dialog mit dem Innsbrucker Theologen Raymund Schwager seine Position. Der spannende Briefwechsel zwischen beiden wurde vor einem Jahr veröffentlicht. Zwar betonte Girard immer den fundamentalen Unterschied zwischen den archaischen Opfern und dem Kreuzestod Jesu, aber dieser Unterschied dürfe nicht verschleiern, dass die zwischenmenschliche Gewalt nur auf andere abgeladen (Sündenbock) oder erlitten werden kann (Hingabe Jesu). Gewalt liegt in beiden Fällen vor. Das Opfer Jesu bedeute eine Transformation des archaischen Opferdenkens, wie Girard das in seinem letzten Buch »Clausewitz zu Ende denken« unterstreicht.

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In den letzten Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, dass er politisch sehr pessimistisch und kirchlich eher konservativ gestimmt war. Stimmt diese Einschätzung?

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Palaver: Ich kenne Girard seit 1986 und verbrachte auch ein Jahr an der Stanford University, wo ich ihn regelmäßig beim Gottesdienst traf. Die katholische Gemeinde, zu der gehörte, pflegt den gregorianischen Choral, für den er sich ähnlich wie die für ihn wichtige Philosophin Simone Weil begeisterte. Liturgisch war er daher eher konservativ eingestellt. Mit Papst Benedikt XVI. teilte er die Absage an den Relativismus. Im Zuge der Diskussionen um den Holocaustleugner Richard Williamson, der der Piusbruderschaft angehört, distanzierte er sich aber klar von kirchlichen Kompromissen mit Leugnern von Völkermorden. Girard war zwar ein romtreuer Katholik, aber letztlich ging es ihm um eine Verteidigung der biblischen Offenbarung, in die er ausdrücklich auch die jüdischen Quellen miteinbezog. Im Blick auf die politischen Fragen scheint Girards letztes, 2007 erschienenes Buch über die Kriegstheorie von Carl von Clausewitz tatsächlich pessimistisch gestimmt zu sein. Im Vorwort bezeichnet er es als ein »apokalyptisches Buch«, aber in Distanz zu den Fundamentalisten. Wenn wir heute auf die Lage im Irak oder Syrien blicken, so scheint Girards These von der Eskalation der Gewalt täglich bestätigt zu werden. Girard gehört aber zu den aufgeklärten Apokalyptikern wie Günther Anders oder Hans Jonas. Er will uns deshalb so eindringlich vor den Gefahren der Gewalteskalation und der Klimakatastrophe warnen, damit gegen alle Wahrscheinlichkeit doch noch ein Kurswechsel der Welt erfolgt.

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Das Gespräch führte Michael Schrom.

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