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Im Andenken an René Girard

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Eine Kurzfassung erschien in: Die Furche vom 12. November 2015.
Datum:2015-11-16

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Ein Stein des Anstoßes! Das war René Girard. Der Anthropologe, Literatur- und Religionswissenschaftler spaltete nicht nur die akademische Welt. Viele nahmen Anstoß an seiner Theorie, einige erklärten den Denker gar zum Scharlatan. Der renommierte Universitätsprofessor überschritt ja die Grenzen der Fachgebiete; die zu lösenden Fragen, nicht aber methodische Dogmen eines Faches strukturierten seine Arbeit - und dies sein Leben lang. Jedoch stellt die Transdisziplinarität nur den oberflächlichen Grund für die Verfemung seitens vieler Fachkollegen dar. Es ist der von ihm angemahnte Wahrheitsanspruch der Wissenschaft, der ihn zum Außenseiter im postmodern strukturierten akademischen Betrieb machte. Die Verbindung dieses Anspruchs mit der religiösen Weltsicht und das klare Bekenntnis zur Wahrheit des in der biblischen Tradition sich offenbarenden Logos provozierten gar den Vorwurf des Fundamentalismus. 

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Girard bleibt ein Stein des Anstoßes und dies nicht nur in der akademischen Welt. Auch den religiösen Gemeinschaften wird er eine Dauerherausforderung bleiben. Weil er die Gottesfrage unauflöslich mit der Frage der Gewalt verbunden, das Glaubensleben normativ mit dem Engagement für gewaltfreie Konfliktlösung gekoppelt hat, traf er den Fundamentalismus in seinem Kern. Wahrheit muss Hand in Hand mit Gewaltfreiheit gehen! Nur so sind religiöse, politische und wissenschaftliche Haltungen der Intoleranz zu überwinden. Freilich können Kirchen und religiöse Konventikel, kann auch Theologie diesen Stein des Anstoßes verwerfen. Die Möglichkeit, dass der verworfene Stein zum Eckstein, zum Paradigma neuer Weltsicht und auch neuer Glaubenspraxis wird, ist dem religiösen Leben nicht nur nicht fremd, sondern bleibt für dieses geradezu konstitutiv. In der religiösen Sprache heißt dies ja: “conversio”. Girard selber ist im Verlauf seiner akademischen Karriere die Erfahrung der Bekehrung zuteil geworden. Der Literaturwissenschaftler kam durch seine intensive Lektüre großer Werke abendländischer Literatur zur Einsicht, dass “große Schriftsteller” nur deswegen so schreiben konnten, weil sie existentiell einen Paradigmenwechsel erlebt haben und so auch tiefer zur Wahrheit durchstoßen konnten. Als Theoretiker kam er auf die Spur jener Dynamik, die den jungen Augustinus in ihren Bann gezogen und zur “conversio” getrieben hat. Jahre später konnte sich Girard selber dieser Dynamik nicht entziehen. Nach einer existentiellen Krise hat auch er eine Bekehrung erlebt. So wundert es nicht, dass der Stolperstein mir und zahlreichen Intellektuellen unterschiedlichster Disziplinen zum Eckstein ihrer wissenschaftlichen Biographie wurde. Kein Wunder, dass dieser Denker sich auf einen intensiven Auseinandersetzungsprozess mit dem Innsbrucker Dogmatiker Raymund Schwager einließ. Die über Jahre geführte Korrespondenz (die im Rahmen der Edition von Raymund Schwager Gesammelten Werken im Herderverlag im Jahre 2014 ediert wurde) führte Girard dazu, seine ursprünglichen Ansichten über die Eigenart des Opfers Jesu zu revidieren.

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Welche seiner Grundeinsichten provozierten die akademische und auch die kirchliche Welt? Im Grunde ist seine Theorie eine Metatheorie. Sie steht nicht in direkter Konkurrenz zu einzelnen empirischen Theorien und partikulären wissenschaftlichen Hypothesen. Vielmehr erlaubt sie eine Neuordnung derselben, eine Neuordnung, die auf eine alternative Sicht der Wirklichkeit drängt. Am ehesten ist sie deswegen mit der Evolutionstheorie zu vergleichen; kein Wunder, dass Girard als “Darwin der Humanwissenschaften” bezeichnet wurde. Das Zentrum der Theorie bilden drei Paradigmen. Er stellt zuerst die Fundamentalanthropologie auf den Kopf, weil er das menschliche Begehren, nicht aber die Rationalität in den Vordergrund rückt.­ Der Mensch begehrt das, was andere begehren, und er begehrt, weil andere begehren. Er ahmt das Begehren anderer nach: Er will dasselbe haben, dasselbe sein und an die Stelle von anderen treten. Im Unterschied zum instinktgesteuerten tierischen ist das menschliche Begehren mimetisch strukturiert, ­­deswegen auch quasi osmotisch ­mit Rivalitäten verbunden.­ Da es - im Unterschied zu Freud und Marx - nicht objektfi­xiert bleibt, kann es unmöglich zur Auflösung der Konflikthaftigkeit durch die Befriedigung der Bedürfnisse kommen; der Konnex von nach­ahmendem Begehren und diffuser Aggressivität stellt eine Quasi-Kon­stante, ihre Kanalisierung aber einen niemals abge­schlosse­nen Prozess dar. Die Vernunft genügt zu einer solchen Kanalisierung nicht, da sie vom mimetischen Taumel nicht frei ist. ­Diese Anthropologie macht verständlich, warum trotz aller Bemühungen um die Aufhebung der diskriminierenden Unterschiede zwischen Menschen das Gewaltpotenzial in unserer Welt nicht geringer wird. Das gängige Denken erklärt das Phänomen der Gewalttätigkeit, indem es die Ungleichheit zur Ursache erklärt. Mimetische Theorie verhilft hier zu einer unbequemen Erkenntnis: Ungleichheit kann zur Quelle von Konflikten werden, die Gleichheit wird es auf jeden Fall. Die weltweite Entfesselung des mimetischen Begehrens, die Freisetzung der Rivalität auf allen Ebenen stellt die radikalste Bedrohung für das 21. Jahrhundert dar. Die Flüchtlingskrise der Gegenwart ist gerade wegen der mimetischen Rückkoppelungseffekte einer sich zunehmend als gleich begreifenden Weltgesellschaft so schwer zu meistern.

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Weil Girard von der Krise aus denkt, gibt er auch eine überraschende Antwort auf die Frage, wie das menschliche Zusammenleben auch oder gerade in evolutionstheoretischer Hinsicht möglich wurde. In einer Welt, in der bei den Primaten das instinktgebundene Verhalten immer mehr dem mimetisch strukturierten Begehren Platz machte, in der aber die gesellschaftlichen Institutionen noch nicht existierten, mussten die diffuse Rivalität und die Gewalttätigkeit aller gegen alle immer wieder neu in die Gewalt aller gegen ein zufälliges Opfer umschlagen. Schlug sie nicht um, so zerstörte sich die Gruppe durch das entfesselte mimetische Begehren. Schlug sie um, so befriedete sich die Gruppe: Sie überlebte. Aber sie überlebte auf Kosten des im blinden Zorn ausgestoßenen und getöteten Opfers. Girard taufte dieses Umschlagen auf den Namen “Sündenbockmechanismus”. Es ist das zweite Paradigma seiner Theorie.

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Geradezu atemberaubend ist allerdings erst die dritte - religionstheoretische - Annahme, die dieses archaische Opfer in Verbindung mit den Götterbildern bringt. “Die Völker erfinden nicht ihre Götter, sondern sie divinisieren ihre Opfer”, lautet die zentrale Idee. Die These über die Sakralisierung der Gewalt bewahrheitete Girard im religionsgeschichtlichen Kontext; sie bewährt sich aber auch in den gegenwartsdiagnostischen Diskursen über unsere opferversessene Kultur. Die Viktimologie feiert ja in unseren Tagen fröhliche Umstände, und der Sündenbockmechanismus strukturiert die säkulare Kultur. Wir entfesseln ja unser Begehren auf Teufel komm raus und finden unseren Frieden auf Kosten der unzähligen Sündenböcke. Warum sind aber derartige kulturkritische Urteile möglich? Weil unsere Kultur befähigt wurde, die Projektionen zu entlarven. Mit seiner klaren Apologie der jüdisch-christlichen Offenbarung und der Polarisierung des Heidnischen mit dem biblischen Religionsverständnis hat Girard einen zusätzlichen Stein in den Ameisenhaufen der Diskurse der Religionswissenschaft und Theologie geworfen. “Die hebräische Bibel verweigert jede Dämonisierung-Divinisierung der Opfer der blutrünstigen Menge.” Sie macht das Opfer erst sichtbar und kehrt das Verhältnis von Schuld und Unschuld zwischen den Tätern und dem Opfer der kollektiven Verfolgung um. Der wahre Gott der Offenbarung kanalisiert die Gewalt nicht auf Kosten der Sündenböcke, sondern überwindet dieselbe im Ansatz. Die Wahrheit des Logos hat eben etwas mit der Kultivierung des menschlichen Begehrens zu tun, wie sie durch die Bergpredigt auf den Begriff gebracht wird. Und sie stellt den Inbegriff einer „vertriebenen Wahrheit“ dar; Christus ist ja nicht deswegen Sohn Gottes, weil er am Kreuz gestorben ist. Wohl aber hat er durch seine Haltung den Teufelskreis der Gewalt unterbrochen. Auch dies ist eine religiöse Wahrheit; sie ist nicht gewaltgenerierend, sondern friedenstiftend. Es ist ein großes Verdienst Girards, diese Einsicht in den intellektuellen Diskurs der Gegenwart zurückgeholt zu haben.

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Der Ehrendoktor der Innsbrucker Theologischen Fakultät, dessen mimetische Theorie eine der wichtigsten Hypothesen unseres Forschungszentrums Religion-Gewalt-Kommunikation-Weltordnung bleibt, ist in Stanford am 4. November im 92. Lebensjahr verstorben.

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