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"Wo aber die Sünden vergeben sind ..." Gedanken zum 33. Sonntag im Jahreskreis
((LJ B), am 15.11. 2015)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2015-11-16

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Dan 12,1–3); Hebr 10,11–14.18; Mk 13,24–32

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Liebe Gläubige,

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wenige Texte haben die Katastrophenfantasie der Menschen so angeregt, wie die Endzeitreden Jesu, die uns die Kirche jedes Jahr zum Ende des Kirchenjahres vorlegt. Dabei steht das, was Jesus sagt, in interessantem Gegensatz zu dem, was Sektierer und andere selbsternannte Unheilspropheten immer wieder daraus machen. Immer wieder im Laufe der Geschichte kam und kommt es vor, dass Menschen auftreten und behaupten, sie wüssten, wann das Ende der Welt, die große Katastrophe, da sei. Jesus hingegen sagt ganz klar und eindeutig: „Jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“. Wenn das so ist, dann fragt man sich, wieso überhaupt irgendjemand sich anmaßen kann, mehr zu wissen. Wenn es nicht einmal der Sohn weiß, nicht einmal die Engel – warum gibt es dann Menschen, die behaupten es zu wissen, oder gar solche, die meinen, sie müssten es herbeiführen? Vielleicht, weil sie sich interessanter machen wollen, als sie sind. Der Grund, warum ihnen das gelingt, ist aber doch, dass viele Menschen – vielleicht auch wir selbst – so fasziniert auf die apokalyptischen Schreckensbilder schauen, hoffend, dass wir das nicht erleben müssen.

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Gedacht sind diese Aussagen aber genau anders herum: Nicht als Prognose von Schrecken, die noch kommen, sondern als Hoffnungsbilder für die, die den Schrecken schon erfahren: jene, deren Welt schon zusammengebrochen ist, weil sie wegen ihres Glaubens, wegen ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit oder wegen ihres simplen Daseins verfolgt, gefoltert und getötet werden. Ihre Sonne hat sich schon verfinstert, ihr Mond verschwand schon hinter dunklen Wolken und ihre Sterne sind schon vom Himmel gefallen. Sie fürchten sich nicht mehr vor der ultimativen Katastrophe, sie sind schon mittendrin. Und jenen sagt Jesus, dass er – der Menschensohn, der sie erretten kann, – mit großer Macht und Herrlichkeit kommen wird und seine Engel die Auserwählten zusammenführen werden in sein Reich. Das galt für Menschen im alten Palästina, die verfolgt wurden, es galt für Christen und Christinnen, die im alten Rom verfolgt wurden, und es gilt heute für alle Menschen, deren Welt aufgrund von Krieg, Terror und Verfolgung untergegangen ist, ob in Aleppo oder in Paris. Wenn und solange es uns gut geht, sind wir eigentlich nicht AdressatInnen dieser Worte Jesu. Sollte auch unsere Welt einmal zusammenbrechen – und da gibt es natürlich auch andere mögliche Gründe als Krieg und Verfolgung: das Scheitern von Lebensentwürfen, schwere Krankheit, Unfälle, Lebenssituationen, die uns aussichtslos erscheinen –, dann sollten wir uns an diese Worte erinnern und Hoffnung schöpfen, weil sie dann auch uns sagen: Egal, wie schlimm es ist, der Menschensohn hat trotzdem die Macht, alles zum Guten zu wenden; auf ihn können wir dennoch bauen.

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Aber, so meldet sich die nächste ängstliche Frage: Wissen wir denn, ob wir zu den Auserwählten gehören? Ist der Menschensohn denn auch für uns da, ist er auch für Menschen ganz anderen Glaubens oder gar für solche ohne religiösen Glauben da? Was ist denn das Auswahlkriterium?

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Da kann uns die Lesung aus dem Hebräerbrief weiterhelfen. Dieser Brief vergleicht die Passion Jesu mit den alttestamentlichen Sündopfern, aber nicht um zu sagen, dass es sich im Prinzip um das Gleiche handelt, sondern um zu betonen, dass das Opfer Jesu – trotz mancher Ähnlichkeit – etwas ganz anderes ist als diese Sündopfer. Von Jesus wird gesagt: Er hat nur ein einziges Opfer dargebracht und dieses Opfer hat dafür gesorgt, dass alle Sünden vergeben sind. Worin bestand dieses Opfer und warum war es notwendig? Und wie wurden dadurch alle Sünden vergeben?

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Erinnern wir uns: Jesus ist durch Palästina gezogen und hat die Menschen eingeladen in das Reich Gottes. Sein göttlicher Vater würde allen vergeben, wie der barmherzige Vater in dem Gleichnis von den zwei Brüdern, von denen einer verloren und der andere brav aber unzufrieden war (vgl. Lk 15,11-32). Der Vater hat gute Worte für beide und möchte mit beiden zusammen feiern. Dieser Vater verlangt kein Opfer, damit er vergibt. Er vergibt freiwillig und von sich aus. Letztlich wurde Jesus wegen dieser Botschaft als Gotteslästerer verurteilt und getötet. Sein Tod erfolgte, weil Menschen alles, was er von Gott verkündete und verkörperte, ablehnten. Das war der Moment, in dem für Jesus die Sonne sich verfinsterte und die Sterne vom Himmel fielen, der Moment, in dem er sich von Gott verlassen fühlte und dies in die feindliche Welt hinausschrie. Und das ist das erste Kriterium der Erwählung: Jesus identifizierte sich mit allen – in der ganzen Weltgeschichte –, die von anderen zu Opfern gemacht werden. Jesus hat am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn die eigene Welt versinkt. Daher gilt seine Rettung allen, denen es genau so geht. Damit aber noch nicht genug.

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Jesus nahm das ungerechte Urteil ja auf sich in einer einmaligen, ja übermenschlichen Haltung der Feindesliebe. Während er hingerichtet wurde, betete für die, die ihn verurteilt hatten und hinrichteten, denn er verstand, dass sie völlig irregeleitet waren bei ihrem Tun (vgl. Lk 23,34). Sie meinten, sie täten Gottes Willen, in Wahrheit kreuzigten sie den fleischgewordenen Willen Gottes. So verblendet können Menschen sein – religiöse Menschen, aber auch andere fanatisierte IdeologInnen. Indem Jesus für sie betete, zeigte er, dass sie, die Täter, auf einer tieferen Ebene auch Opfer waren: Opfer ihrer eigenen Verblendung und Rechthaberei; Opfer ihrer Hartherzigkeit gegen sich selbst und andere; Opfer falscher Vorstellungen von Gott und der Weise, wie und wen er erwählt. Indem Jesus für sie betete, machte er deutlich, dass er sich auch mit ihnen identifizierte, weil und insofern sie selber Opfer waren. Und weil Jesus das tat, muss man sagen: Gerade auch für sie hat er sich geopfert und hat auch für sie die Vergebung der Sünden erwirkt. Das ist das zweite Kriterium der Erwählung.

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Das Opfer Jesu besteht also darin, dass er sich mit allen Menschen identifiziert hat, insofern sie selber Opfer sind, und sich für sie alle hingegeben hat. Notwendig wurde es, weil die Botschaft vom barmherzigen Gott mit Gewalt abgelehnt wurde, so dass sie nur mehr aufrecht erhalten werden konnte, indem der die Botschaft verkörpernde Sohn die Gewalt in Liebe auf sich nahm. Und damit sind alle Sünden vergeben, denn welche Sünde wäre denkbar, die darin nicht mitvergeben ist?

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„Wo aber die Sünden vergeben sind, da gibt es kein Sündopfer mehr“, sagt der Hebräerbrief. Ich möchte hinzufügen: Wo die Sünden vergeben sind, da braucht es keine Angst mehr, ob ich zu den Auserwählten gehöre; da braucht es keine Sensationslust mehr, wann das Ende der Welt kommt; da braucht es keine Sicherungs- und Abschottungsmechanismen auf Kosten von Verfolgten mehr. Wo die Sünden vergeben sind, da braucht es nur noch eines – und das ist unser Beitrag zu unserer Erwählung –: es braucht die Annahme der uns geschenkten Vergebung. Gott hat in Christus ein für alle mal die Sünden vergeben. Ob diese Vergebung aber einen bestimmten Menschen rettet und ins ewige Leben führt, hängt davon ab, ob dieser Mensch sie annimmt. Denn nur, wer sie annimmt, macht aus der Vergebung Versöhnung.

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Angenommen wird die Vergebung aber nicht einfach dadurch, dass man „ja und amen“ sagt, sondern dadurch, dass man selbst bereit ist, immer wieder einen Schritt zu tun auf dem Weg zu mehr Barmherzigkeit, mehr Vergebungsbereitschaft, mehr Hingabe, und einen Schritt weg von Hartherzigkeit, Vergeltungssucht und Selbstsucht. Wenn wir uns immer wieder auf diesen Weg machen, dann gilt unumstößlich: Wo aber die Sünden vergeben sind …, da wartet auf uns – und alle, die die Vergebung annehmen, – das Heil.

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