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Der Schrei

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2015-10-27

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Predigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis (zu Mk 10,46-52), gehalten am 25. Oktober 2015 in der Jesuitenkirche um 11.00 Uhr.

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Ihr Mund ist weit geöffnet. Ihr schmalen Hände hat sie an ihn blasses Gesicht gepresst. Sie halten den Kopf und verstärken den lautlosen Schrei, den Schrei, mit dem die Frau ihre Angst hinausschreit. Es ist ein Schrei der verhallt. Ein Schrei ins Leere. Niemand hört ihn. Niemand nimmt diese Angst wahr. Die zwei Menschen, die im Hintergrund auf der Brücke zu sehen sind, lassen sich nicht verwirren und auch nicht aus der Ruhe bringen. Sie schauen auf die vorbeifahrenden Schiffe, Schiffe, die wir Gräber aussehen, Schiffe, deren Maste wie Kreuze sich in den dunklen, in einen unheilschweren Himmel erheben.

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Liebe Schwestern und Brüder, das mit unruhigen, mit schweren Strichen 1893 von Eduard Munch gemalte Bild: “Der Schrei” zählt zu den bekanntesten Bildern der neueren abendländischen Malerei. Dabei löste das Bild bei der Vernissage zur Ausstellungseröffnung um die Jahrhundertwende in Berlin einen Skandal aus. Die wilhelminische Gesellschaft, eine von Großträumen und Selbstzufriedenheit nur allzu satte Welt, ertrug es nicht die nackte Existenzangst zu sehen, sie ertrug das Spiegelbild ihrer eigenen Zerrissenheit nicht, das Spiegelbild ihrer verdrängten Ängste. Die lauten Stimmen der empörten Kritiker, das gesellige  Geplapper der Vernissage Society konnten aber diesen lautlosen Schrei der Frau nicht ersticken, genauso wie das Gebrüll der Umherstehenden den Schrei des blinden Bettlers nicht übertrumpfen konnte: “Sie befahlen ihm zu schweigen”, notiert der Evangelist scheinbar emotionslos (Mk 10,48).

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Denn: auch er hat geschrien. Bartimäus, der blind geborene Bettler, der sich allein durchs Leben schlug, den unzähligen minderjährigen Flüchtlingskindern der Gegenwart nicht ganz unähnlich, dieser Bartimäus schreit. Gerade am Ortsrand von Jericho sitzend, an der Straße, die nach Jerusalem führt, hört er, dass etwas Besonderes im Gang ist. Ein Event kündigt sich an. Die vielen Geräusche, die er wahrnimmt, sagen ihm deutlich, dass heute nicht bloß der alltägliche Pilgerstrom an ihm vorbeizieht. Deswegen unterbricht er seine vertraute rituelle Klageleier mit der er - und dies seit er denken kann - die Vorbeigehenden um milde Gaben anflehte. Er unterbricht sie, denn: ihm wird es so, als ob all seine Einsamkeit und Verlassenheit, all die Beschimpfungen, die er sein Leben lang hören musste, all das Leid des Außenseiters, des blinden Bettlers, als ob all das sich in seiner Brust verdichten würde, als ob all seine Angst und Not Gestalt gewinnen würde in dem einen Schrei. Die sensationslüsterne Menge, die ja normalerweise um jede Abwechslung froh ist zeigt sich schockiert. Und warum dies?

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Sowohl das Drehbuch einer Vernissage zur Ausstellungseröffnung, als auch die Rationalität eines Meetings mit einer VIP-Persönlichkeit - ganz gleich wo er stattfindet: im Salon oder auf der Straße, vor allem aber der geordnete parteipolitisch gesteuerte “Business as usual”: all das verträgt nicht den spontanen Schrei, den authentischen Schrei des Notleidenden, den Angstschrei des zum Tode gehetzten Menschen, den Schrei eines seiner Kräfte beraubten Flüchtlings, den allzu oft lautlosen Schrei des Außenseiters. Die Menge, die ja meistens nichts anderes ist, als die Verkörperung des gesunden Menschenverstandes, der political corectness, ober aber des gesunden Volkszorns, diese Menge samt ihrer Wortführer versucht bloß den Schrei aus der Welt zu schaffen, die Repräsentation der Not, nicht aber die Not selber! Nicht dem Schreienden gilt es in dieser Mentalität zu helfen, vielmehr soll der Schrei unsichtbar gemacht werden. “Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch lauter” (Mk 10,48).

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Bartimäus selber ist längst zum fleischgewordenen Schrei geworden, genauso wie die Frau auf dem Bild von Munch zur Inkarnation des Schrei geworden ist. Es ist ja jener, aus der tiefsten Existenznot geborene Schrei, der die tiefste Not des Opfers und auch seine tiefste Sehnsucht auf den Begriff bringt und sich hier in der Bitte verdichtet: “Ich möchte sehen!” - so sagte es Bartimäus (Mk 10,51). Ich will nicht mehr bloß der blinde Bettler sein, bloß ein Opfer des Schicksals, das sich mit Akten der Barmherzigkeit von Einzelnen zufrieden geben muss. Ich will ein Mensch sein, Mensch unter Menschen, will so leben, so handeln und auch so behandelt werden, wie die Menschen. Bartimäus Schrei verhallt nicht im Leeren. Es ist nämlich einer da. Einer, der zuhört, einer der diese Sehnsucht wahrnimmt. Einer, der den Schrei nicht unter der Perspektive statistischer Gegebenheiten sieht, so ganz nach dem Motto: Wie viele sind es, die da schreien? Wie mächtig ist ihre Stimme? Es ist einer da, der auch nicht gemäß der Logik handelt: jetzt, wo man den Schreienden schon wahrgenommen hat, wo er zu einer Schlagzeile wurde, da darf auch ich nicht wegschauen.

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Liebe Schwestern und Brüder, der Evangelist Markus notiert meisterhaft diesen Stimmungsumschwung bei den Menschen, die bloß Teile der Menge sind, einer Menge, die ja den Bartimäus zuerst zum Schweigen bringen will, nun aber... nachdem Jesus den blinden Bettler bemerkt und ihn auch zu sich ruft, nun dieselbe Menge sich plötzlich auch dem Bettler zuwendet und geradezu zu einer Fangemeinde des Opfers wird: “Hab Mut!”, rufen sie ihm jetzt zu (Mk 10,49). Am Rande sei nur vermerkt: im Markusevangelium folgt direkt auf diese unsere Erzählung die Geschichte vom Einzug nach Jerusalem, wo dieselbe Menge “Hosanna” schreit (Mk 11,9), um wiederum ein paar Tage später “kreuzige ihn” zu brüllen (Mk 15,14).  Nein! Der Schrei des Bartimäus verhallt nicht im Leeren, aber doch nicht deswegen, weil sich die Menge zum Anwalt des Schreienden machte. Und auch nicht deswegen, weil irgendjemand das schreiende Opfer für irgendwelche Zwecke instrumentalisiert. Der Schrei des Bartimäus verhallt nicht im Leeren, weil Einer, weil ein ganz konkreter Mensch, weil Jesus den schreienden Bartimäus beim Wort nimmt. Genau zuhört. Und im Schreienden gerade schon jenen Menschen sieht, den sich Bartimäus auch wünsch, ihn aber selber - seiner Blindheit wegen - noch nicht zu sehen vermag. Jesus hört genau zu, nimmt die tiefe Existenzangst ernst und schenkt ihm genau das, wonach sich dieser Mensch sehnt.

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Und er schenkt ihm das nicht von oben herab, nicht mit der Haltung, mit der der Bettler Zeit seines Lebens konfrontiert wurde, wenn ihm die milden Gaben zugeworfen wurden. “Dein Glaube hat dir geholfen. Geh!” (Mk 10,52). Du bist ja ein Mensch, ein vollwertiger Mensch, Mensch unter Menschen, nicht ein armes Opfer, das höchstens Barmherzigkeit erwarten darf. Geh! Paradoxerweise geht Bartimäus nicht, vielmehr folgt er Jesus auf seinem Weg: als Mensch unter Menschen. Er tut dies, weil dieser Jesus ihn in seiner Not ernstgenommen, ihn zugehört und ihm auch das geschenkt hat, was er sich wünschte.

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Liebe Schwestern und Brüder, die Dynamik, von der das heutige Evangelium geprägt ist, wirft viele Fragen auf und erleuchtet auch viele Spannungen unseres Lebens. Es sind dies natürlich zuerst jene Schwierigkeiten, die uns alle heimsuchen, wenn wir selber zur Inkarnation des Schrei werden und erfahren  - so wie die Frau auf dem Bild von Munch -, dass niemand diesen Schrei hört, dass er im Leeren verhallt. Scheinbar im Leeren. Die Christen müssen halt mit der Einsicht leben, dass auch Jesu Schrei am Kreuz scheinbar im Leeren verhallt ist. Scheinbar! Denn: Land auf, Land ab, tagtäglich nehmen wir alle die Spuren der Antwort Gottes auf diesen Schrei Jesu wahr. Die Spuren der Auferweckung mitten in unserem Alltag. Die Schiffe, auf dem Bild von Munch, die wie Gräber aussehen, sind doch in den letzten Wochen dank unzähligen Menschen, die unausdrücklich und oft anonym in der Nachfolge Jesu unterwegs sind, diese Schiffe nehmen Schreiende auf, werden zur Arche Noah. Die Kreuze, die in den Himmel ragen, sind vielerorts klar zum Zeichen der Hoffnung geworden. Dafür - für diese Gnadenunterbrechung - danken wir Gott, fragen uns aber doch immer noch: Sind wir auch fähig jenen tiefen - aus der Existenzangst geborenen - oft lautlosen Schrei eines Menschen zu hören? Gerade jenen Menschen, der neben mir lebt! Vermögen wir das wahrzunehmen, was sich der oft lautlos Schreiende auch wirklich wünscht? Tragen wir schließlich mit unserer Hilfe dazu bei, dass sich das schreiende Opfer durch die Art und Weise wie wir uns ihm zuwenden an uns bindet, weil wir ihn in seinem Opferstatus festigen, dem Status in dem er eben höchstens barmherzige Akte zu erwarten hat, aber weiterhin ein Opfer bleibt: ein Bettler eben, ein Außenseiter! Oft auch ein Außenseiter in der Kirche. Ein Außenseiter, dem man halt Akte der Barmherzigkeit zukommen lässt. Oder: antworten wir auf den Schrei so wie Jesus geantwortet hat: indem wir dem Schreienden, dem oft lautlos Schreienden, genau das schenken, was er sich wünscht, ihm in der Erfahrung seines Menschseins bestärken. Und ihn auch in ein mündiges Leben entlassen: “Geh! Dein Glaube hat Dir geholfen!”

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