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Islamischer Mystiker in einer Enzyklika. Noch eine Revolution des Franziskus

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Tiroler Tageszeitung am 4. Juli 2015.
Datum:2015-07-06

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Auch dieses kleine Faktum kommt einer Revolution gleich. In seiner Enzyklika: “Laudato si´” zitiert Franziskus einen muslimischen Dichter. Das hat es wirklich noch nicht gegeben. Normalerweise zitieren päpstliche Schreiben die Bibel. Sie wiederholen das, was die Vorgänger auf dem Stuhl Petri gesagt haben. Sie schöpfen aus der Schatztruhe katholischer Tradition. All das findet man natürlich auch in der letzten Umweltenzyklika des Papstes. Man findet dort aber auch Bezüge auf moderne Philosophen und Theologen. Und Stellungnahmen von Bischofskonferenzen aus aller Welt. Schon allein deren Auswahl weist auf den Weg des päpstlichen Lehramtes Richtung Basis. Und dann kommt die eigentliche Überraschung. Auf sprachlicher Ebene gerät der Papst ins Schwärmen. Er spricht davon, was jede Tirolerin und jeder Tiroler hautnah tagtäglich erleben kann. Wenn sie in aller Früh in die Berge gehen. Im morgendlichen Tau, im Weg und in den Blütenblättern liegt doch Mystik in der Luft. Mit Hilfe der Natur können wir zu einer inneren Gotteserfahrung gelangen. Franziskus wäre aber nicht Franziskus, wenn er die Armen vergessen hätte. Die Naturmystik geht bei ihm Hand in Hand mit der Entdeckung Gottes “im Gesicht der Armen”.

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Die Anmerkung zu diesem Absatz weitet die Möglichkeiten der mystischen Erfahrung auf den wehenden Wind, die sich biegenden Bäume, das rauschende Wasser, die summenden Fliegen, die knarrenden, Türen, den Gesang der Vögel. Und auch auf den Seufzer der Kranken und das Stöhnen der Betrübten! Der Autor dieser Zeilen heißt Ali Al-Khawwas. Er war ein muslimischer Sufi, ein Mystiker also und ein Poet. Ein Verwandter im Geiste des Namensvetters des Papstes, der mit seinem Gedicht: “Laudato si´” doch einen ähnlichen Zugang zur Frage nach Gott beschrieb.

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Die konservativen Blogger (englischer Zunge) schäumen vor Wut: Mit dem Zitat eines muslimischen Dichters sende der Papst falsche Signale in die Welt. Er spreche der religiösen Gleichgültigkeit das Wort. Und verrate damit die katholische Wahrheit. Er beweise also noch einmal, dass die Kardinäle die ihn gewählt haben, einem verhängnisvollen Irrtum erlegen sind. Dazu kann ich nur sagen: Gott sei Dank dafür, dass sie ihn wählten!

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