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Diesseits von Getsemane? Praktische Dogmatik in solidarischer Verpflichtung. Zum 70. Geburtstag von Ottmar Fuchs

Autor:Bauer Christian
Veröffentlichung:
Kategoriekurzessay
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2015-05-06

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Manchmal wird einem im Vorbeigehen eine theologische Entdeckung beschert. Dann zum Beispiel, wenn man beim sommerlichen Heimaturlaub durch ein unterfränkisches Städtchen am Main bummelt. Die Kinder stürmen einen kleinen Laden und man hat Zeit, sich ein wenig umzusehen. Ich bleibe unversehens an der Kirche des Winzerortes stehen. An ihrer Außenfassade: eine Ölbergszene aus hellem Sandstein, wie man sie hier an vielen Kirchen sieht. Mich durchzuckt ein Gedanke: Was für ein Schaukasten! Hier zeigt sich eine Kirche, die einmal keine eigenen ‚Vereinsnachrichten’ in die Auslage stellt, sondern vielmehr eine biblische Szene in extremer biographischer Verdichtung: das existenzielle Ringen Jesu mit dem Willen des Vaters. Eine steingewordene Solidarisierung Gottes mit allen Mühseligen und Beladenen, die täglich an dieser Kirche vorbeikommen. Schaut her, sagt sie, Jesus ging es auch nicht anders. Auch er hatte sein Bündel zu tragen. Und auch er hatte nicht nur mit dem Leben, sondern auch mit seinem Gott zu kämpfen. Getsemane war denn auch der biblische Schauplatz einer der spannendsten christologischen Debatten der Spätantike: des Monotheletismusstreits. Am Jerusalemer Ölberg ringen die beiden Willen Jesu, sein menschlicher und sein göttlicher, miteinander. An diesem exponierten theologischen Ort entscheidet sich nicht nur der christliche Glaube, sondern vielmehr menschliche Existenz überhaupt – inklusive österlicher Hoffnung auf Vollendung in der schöpferischen Gnade Gottes. Eine kleine Entdeckung am Rande eines Urlaubs, zu der sich vieles von dem bündeln lässt, was das ganz eigene praktisch-theologische Profil von Ottmar Fuchs ausmacht.

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Methodische Neugierde

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Es handelt sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um Ottmar Fuchs, wenn bei einer Besichtigung jemand ein wenig abseits der Gruppe mit hinter dem Rücken verschränkten Armen umherschlendert und dabei an diesem oder jenem Detail hängenbleibt. Diese kleine Szene ist charakteristisch für seinen Hang zu einem ‚Herumstreunen’ auch im Bereich der theologischen Methode, das im Rahmen eines erweiterten Empiriebegriffs zunächst einmal an schlichtweg allem Interesse zeigt. Angesichts dieses untrüglichen Sinns für Kleines und Besonderes, für Abseitiges und Übersehenes, kann man mit Charles S. Peirce von musing sprechen, mit Robert E. Park von nosing around, mit Walter Benjamin von einem flaneur oder mit Guy Debord von dérive. Die erkenntnistheoretische Pointe dieser methodisch kultivierten Entdeckungsfreude ist stets dieselbe: ‚Schlendrian’ lohnt sich in jeder Hinsicht! Das übergroße steinerne Notizbuch des gleichnamigen Botanikers Leonhard Fuchs vor dem ehemaligen Tübinger Wohnhaus von Ottmar Fuchs erinnert an sein quasi ‚botanisches’ Interesse an den vielen kleinen und großen Kindern im Garten Gottes. Und an seine Leidenschaft, in diesem Zusammenhang auch noch die entlegensten Details zu würdigen: „Das ist aber eine schöne Uhr – woher haben Sie die denn?“. Zu dieser stets überraschbaren theologischen Neugierde gehört dann auch die Fähigkeit, unsere spätmoderne Welt zusammen mit Kindern und anderen paradiesnahen Menschen wieder zu verzaubern, indem man zum Beispiel in einfachen Schafen disguised crocodiles zu sehen lernt.

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Praktische Dogmatik

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Die genannte Ölbergszene verdichtet in sich noch ein zweites Charakteristikum des theologischen Arbeitens von Ottmar Fuchs: seine spezifische Verbindung von persönlicher und biblischer Erfahrung im gleichstufigen Zueinander von Dogma und Pastoral, zugespitzt in einer kontrastfähigen, diffenrenzsensiblen Praktischen Theologie auf dem Boden des Zweiten Vatikanums. Stand seine Bamberger Antrittsvorlesung 1982 noch ganz im Zeichen einer „Entunterwerfung“ (M. Foucault) der Fachdisziplin von ihrer vorkonziliaren Rolle als ‚Anwendungswissenschaft’ der Dogmatik, so stand seine Tübinger Antrittsvorlesung 1998 dann im Zeichen einer ‚Entunterwerfung’ von ihrer nachkonziliaren Rolle als ‚Anwendungswissenschaft’ der Exegese. Es ergibt sich eine komplexe interkontextuelle Gesamtkonstellation von pluralen Kontexten in Vergangenheit und Gegenwart, in der sich theologische Diskursarchive von Schrift und Tradition und pastorale Praxisfelder von heute wechselseitig herausfordern – ganz im Horizont der Tübinger Lokaltradition einer systematisch-theologisch ausgerichteten Praktischen Theologie (A. Graf, F. X. Arnold), die Ottmar Fuchs in eigenständiger Weise weiterführt. Zusammengenommen ergeben seine Tübinger Bücher eine mehrere Traktate umfassende ‚Praktische Dogmatik’:

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  • Praktische Eschatologie („Das jüngste Gericht“),
  • Praktische Ekklesiologie („Im Innersten gefährdet“),
  • Praktische Gnadenlehre („Wer’s glaubt, wird selig…“),
  • Praktische Gotteslehre („Der zerrissene Gott“) und demnächst auch:
  • Praktische Sakramentenlehre („Immer gratis, nie umsonst“).
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Ergänzt um seine beiden Bücher zu den kleinen Geschichten des Lebens im Kontakt mit den große Erzählungen von Hl. Schrift („Praktische Hermeneutik der Hl. Schrift“) und Literatur („Im Raum der Poesie“), erweisen diese Einzelelemente einer biblisch inspirierten Praktischen Dogmatik das wissenschaftliche Arbeiten von Ottmar Fuchs als eine Art diskursives ‚Fringsen’ – als einen ‚Mundraub’ im Dienst des Volkes Gottes, dessen innertheologische Konsequenzen Jochen Hilberath einmal folgendermaßen auf den Punkt gebracht hat: „Fuchs hat den Traktat gestohlen, gibt ihn nicht mehr her.“ Ottmar Fuchs ist ein pastoraler „Wilderer“ (im Sinne M. de Certeaus), der verbrauchte dogmatische Begriffe mit diebischer Freude entwendet, sie mit einem Augenzwinkern theologisch gegen den Strich bürstet und mit lausbübischem Vergnügen wie trojanische Pferde wieder in zugemauerte Diskurse hineinrollt – und alles Weitere getrost einem ohnehin viel größeren Gott überlässt. Denn letztlich gilt mit Blick auf alles menschliche Tun ja sowieso das geflügelte Wort seiner Doktorandenkolloquien: „Es ist halt alles a weng ambivalent.“

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Solidarische Verpflichtung

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„Wo gehören wir hin? Was lieben wir und wem sind wir verpflichtet?“ – allen menschlichen Ambivalenzen zum Trotz steht außer Frage, mit welchem persönlichen commitment Ottmar Fuchs diese Fragen von Fulbert Steffensky beantwortet. Nicht den Großen und Aufgeblasenen fühlt er sich verpflichtet, sondern den Kleinen und Kleingemachten. Denen, die in der Kirche oder im Leben überhaupt zu kurz und unter die Räder kommen – selbst wenn es sich um Traditionalisten im pastoralen Mainstream nach dem Konzil handelt. Ottmar Fuchs hat klare Optionen, aber er ist kein Ideologe. Die existenzielle Solidarität seiner Praktischen Dogmatik gilt allen Menschen, die an den Rand gedrängt werden. Darum hat Ottmar Fuchs wohl auch eine so enge Bindung an die Volksreligiosität seiner fränkischen Heimat mit ihren zahlreichen Ölbergszenen. Innerhalb dieser gewachsenen Frömmigkeit der kleinen Leute gilt seine Liebe abermals den Marginalisierten. Wo alle anderen zu den 14 Nothelfern von Vierzehnheiligen strömen, pilgert Ottmar Fuchs zur Hl. Adelgundis auf den Staffelberg mit ihren weniger bekannten 16 Nothelfern. Seine Tübinger Abschiedsvorlesung hält er über einen hierzulande kaum bekannten palästinensischen Dichter. Ottmar Fuchs orientiert sich an exponierten Lebensorten, die meist an jenen Peripherien von Kirche und Gesellschaft liegen, wo Menschen mit Jesus um einen gnädigen Gott ringen. Und der steht für Ottmar Fuchs nun einmal im Zentrum von allem. Für ihn gibt es keine teure, sondern nur eine billige Gnade. Ja, die Gnade Gottes ist ‚billig’ – sie ist sogar mehr als das: Sie ist umsonst. Gratia gratis data. Das heißt: sie kostet den Menschen nichts. Gott aber alles. Was bleibt, ist die Kreativität von sich wechselseitig intensivierenden Freiheiten. Die gnadensolidarische Theologie von Ottmar Fuchs zeichnet daher auch eine ‚Kon-spiration’ im besten Sinn des Wortes aus – eine im Innen wie nach Außen entgrenzte Komplizenschaft des Geistes, die alle Beteiligten frei atmen lässt. Besser als er selbst kann man eigentlich nicht sagen, worum es dabei letztlich geht: um jene „kleinen, flüchtigen Prozesse der Freiheit und der Liebe“, die es zwischen Himmel und Erde zu entdecken gilt. Für ihn sind das, anlässlich seines 70. Geburtstags, hoffentlich noch sehr viele und sehr schöne! In allem aber gilt: Jenseits von Eden ist diesseits von Getsemane. Und Getsemane ist überall – mit offenem Ausgang. 

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