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Berufen - in Zeiten des Terrors und antiislamischer Eskalation

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2015-01-19

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Predigt zum 2. Sonntag im Jahreskreis (auf dem Hintergrund von 1 Sam 3,3b-10.19 und Joh 1,35-42) , gehalten in der Jesuitenkirche am 18. Januar 2015 um 11 und 18 Uhr.

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Es riecht nach Krieg. Und dies nicht nur deswegen, weil Europa zum Krieg gegen Terroristen rüstet. Und niemand absehen kann, wie die Aufrüstung enden wird. Es riecht nach Krieg, weil sich in Europa eine unheile kulturelle Frontstimmung verfestigt. Weil die eine kurze Zeit währende breite antiislamistische Front zu zerbrechen droht, eine Front, die gleichermaßen Muslime, Juden, Christen und auch Menschen ohne Religion vereinigte: im Protest gegen Terror. Gerade den wirklich Frommen stellten die Attentate von Paris eine ungeheuere Herausforderung dar. Und sie reagierten auch klar darauf. "Töten im Namen Gottes ist Blasphemie" - die denkbar größte Beleidigung Gottes. Dieses Urteil vereinigte letzte Woche unzählige Menschen guten Willens, schien so etwas wie eine Schwalbe zu sein, die einen neuen Frühling ankündigt: gerade für die gläubigen europäischen Muslime. Es sind dies doch Menschen, die guten Willens wären, ihre - auch wie ambivalente - Glaubenstradition zu erneuern. Die Glaubenstradition, die ihnen doch heilig bleiben soll, die aber einer kritischen Gewissensprüfung unterstellt werden muss und dies im Hinblick auf die Frage Gewalt und Religion.

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Sie haben es ja nicht einfach, bleiben sie doch ständig dem ausgestreckten Zeigefinger ausgesetzt. Und dies vor allem deswegen, weil - und das steht außer Diskussion - die Faszination der Gewalt auf dem Boden des Islam momentan Hochkonjunktur hat. Der Finger zeigt aber auch auf sie, diffamiert sie, weil sie halt so gestrig, so wenig aufgeklärt seien, gerade gut genug, um die Drecksarbeit zu machen. Schockiert über das, was im Namen ihrer Religion gemacht wird, gingen auch viele Muslime auf die Straßen. Unzählige distanzierten sich von jenen Fundamentalisten, die ihre Religion missbrauchen. Aber gerade sie müssen nun erleben, dass breite Schichten der antiislamistischen Allianz letztlich doch nur Unverständnis, wenn gar nicht bloß Spott und Hohn für ihre Religion übrig haben, sich weiterhin über sie lächerlich machen. Und diese Haltung zu einem unaufgebbaren Wert stilisieren, so, als ob man ein Menschenrecht auf ein Abo auf die Satire zum Thema Religion im Allgemeinen und Muhammed im Besonderen in ganz Europa einführen müsste: um unsere europäische kulturelle Überlegenheit zu demonstrieren.

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Alle Vergleiche, die darauf hinzielen, dass wir in Europa ja gewohnt sind, Karikaturen über das Christentum zu ertragen, übersehen den fundamentalen Unterschied, dass der Islam eine bildhafte Darstellung im religiösen Zusammenhang eigentlich verbietet, dass also schon das Bild des Propheten vielen Gläubigen als Blasphemie erscheint (auch wenn es in Iran Postkarten mit dem Bild des Propheten gibt), von der herabsetzenden Karikatur schon ganz zu schweigen. Hier wird der Gläubige ins Herz getroffen. Nicht bei der Karikatur der Imame oder auch verschleierten Frauen. Da haben die Muslime auch genug Humorgespür.

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Es riecht also nach Krieg, weil die sich so aufgeklärt gebende Öffentlichkeit letztlich doch unklug ist. "Der Klügere gibt nach!" - hat mir immer meine Mutter gesagt. Ist das aber ein Zeichen der Klugheit, wenn die scheinbar aufgeklärten Journalisten und politisch Verantwortlichen, nachdem sie den ersten Schock überwunden haben, die Trotzhaltung zur Tugend stilisieren, die Satirenzeitschrift millionenfach in fünf Sprachen europaweit verkaufen, wenn Massen islamkritischer Zeitgenossen darauf gieren, ein Exemplar zu bekommen, wenn die scheinbar kritischen Medien über den Verkaufserfolg berichten und so die Gier noch steigern. So ganz nach dem Motto: "Wir werden es ihnen zeigen und sie des Besseren belehren, dass man auch die eigene Tradition mit Füßen treten darf. Als Zeichen der Meinungsfreiheit!" Nun brennen schon die Kirchen in Niger, Menschen werden umgebracht und der Protest gegen den sich arrogant gebenden Westen wächst: nicht nur in Niger, auch in Pakistan und im Gaza-Streifen, im Jemen, in Algerien und anderswo.

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Sind wir schon derart verblendet, dass wir den Zusammenhang nicht sehen? "Vom Terror in den Bann gezogene Jugendliche suchen nach Idealen" - schreibt eine Tageszeitung heute. Im selben Atemzug wird unsere liberale Kultur hinausposaunen, es sei das Ideal unserer Gesellschaft, dass wir alles, aber gar alles lächerlich machen können. "Wenn mein guter Freund meine Mutter beleidigt, bekommt er eins auf die Nase" - sagte der Papst Franziskus auf eine Frage nach dem Zusammenhang von Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit. Wenn ein Mensch die Werte seiner Mitmenschen, die ja gerade durch das Gesetz der Freiheit geschützt werden, wenn er diese Werte mit Hohn und Spott überschüttet, so demonstriert er damit bloß, dass ihm diese Werte keine Werte mehr sind. So paradox es klingen mag, in seiner Haltung ist er spiegelbildlich all jenen Diktatoren ähnlich, die die Werte ihrer Mitbürger mit Füßen treten.

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Liebe Schwestern und Brüder, warum diese - für meine Art des Predigens - doch ungewöhnliche Einleitung, die dazu noch länger ausgefallen ist als die ganze Predigt? Das Thema dieser Predigt sollte heißen: "Berufen". Das Thema stand lange vor den Pariser Attentaten und den Ereignissen der drauf folgenden Woche fest. Die Ereignisse haben mir selber den Fokus geschärft und auch geändert, weil ich mich gefragt habe, wozu wir denn heute - gerade in unserer Gesellschaft - berufen sind. In einer Gegenwart, in der es wiederum nach Krieg riecht! Und dies vor allem deswegen, weil sich in unserer kulturellen Öffentlichkeit eine unheile Frontstellung verfestigt: die Frontstellung gegen den Islam. So wichtig die strategischen Schritte der Polizei gegen den Terror sind - sie sind wichtig und auch überlebensnotwendig; denn Mördern und Attentätern muss Einhalt geboten werden -, so falsch ist die wachsende kulturelle Grundstimmung, die den Islam als Ganzen und im selben Atemzug auch die Religion verhöhnt. Nicht nur, dass diese Stimmung jene verunsicherte Muslime, die ja guten Willen sind, gerade jetzt ihre Religion einem Prozess geistiger Erneuerung zu unterziehen, nicht nur, dass sie diese Muslime erneut in die Hände der Fundamentalisten treibt, weil sie von ihren Glaubensgeschwistern in der muslimischen Welt nur noch zu hören bekommen, dass sie ihren Glauben in einer dekadenten Welt des Westens mit Gewalt verteidigen müssen. Diese Stimmung trägt zur allgemeinen Eskalation bei, einer Eskalation, die letztlich im Kampf der Kulturen enden kann. Haben wir denn schon vergessen, wie das kriegerische Inferno immer angefangen hat? Mit einer systematischen Erniedrigung und Verhöhnung der Gegner!

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Was bedeutet also "Berufung"? Das uns heute treffende Wort Gottes erzählt von der Berufung Samuels, eines prophetischen Genies, der seinen Glauben an Gott im Kontext der Realpolitik lebte. Und dies in einer Zeit, die vermutlich viel schlimmer gewesen ist, als die unsrige. Konfrontiert mit der Anarchie der dekadent gewordenen Richterzeit, konfrontiert mit dem korrupten Priestertum setzt sich Samuel für die Reform seines Landes ein, wird selber zum Richter, dem Vorgänger der Könige. Vieles gelingt ihm, weil er die Fundamente, denen sich die Gesellschaft verpflichtet wissen muss, weil er diese Fundamente klar benennt und sie auch selber konsequent lebt. Er fordert sie nicht von den Anderen, sondern geht mit seinem Beispiel voran. Doch auch er muss erleben, dass schon seine Söhne der Korruption verfallen. Ein Berufener mitten im politischen Alltag!

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Und das der zweite Text: "Seht das Lamm Gottes!", sagt Johannes der Täufer zu seinen Jüngern und er zeigt auf Jesus. Die Berufung der ersten Jünger ist in diesem Evangelium mit dem Thema der Gewalt verbunden, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht erkennen vermag. Denn: verspottet und verhöhnt wurde zuerst dieser Jesus. Verspottet von Selbstgerechten, mit Kreuz beladen, starb er als Sündenbock. Als Mensch, auf den man mit Fingern zeigen konnte, als der Außenseiter, der Fremde, der Böse. Die Art aber, wie er den Spott ertrug, die ihm zugefügten Hiebe und auch den ihn treffenden Tod: diese Art hat die Eskalation unterbrochen. Mehr noch: sie hat das Unheil gewandelt. "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Diese Bitte stellt eine unverzichtbare komplementäre Handlung zum realpolitischen Handeln dar. Jesus starb und wurde auferweckt. Und er stiftete Frieden: als das Lamm, das die Sünde der Welt hinweg nimmt. Im Zeichen dieses Lammes sind wir alle berufen, zur Deeskalation beizutragen!

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Wir sind berufen, zur Unterbrechung der Teufelskreise der gegenseitigen Verdächtigung und des gegenseitigen Hasses beizutragen. Und zur Versöhnung! Das tun wir schon, indem wir mit jenen sprechen, die verunsichert sind, mit jenen, die sich ausgegrenzt fühlen, mit jenen, die vor Angst gelähmt sind. Das tun wir aber auch, indem wir immer wieder von der politischen Verantwortung reden und Politik mit Ethik (nicht bloß mit Korruption) in Verbindung bringen. Als Christen sind wir berufen, unseren Alltag politisch mitzugestalten und für jene, die dies tun, auch zu beten. Zu beten für Politiker und Erzieher, zu beten für Richter und Polizisten. Zu beten aber auch für die Verirrten: für die lebenden Islamisten, damit sie zur Einsicht gelangen und zur Korrektur finden. Und für die Toten, damit ihnen Vergebung zuteil wird. Nicht Rache! Nicht Rache ihrer überlebenden Genossen und auch nicht Rache all jener, die sich durch die Frontstellung erniedrigt fühlen. Wir sind berufen zu beten für die Opfer und für die Täter. Denn ohne die Hoffnung auf eine Versöhnung kann es keine Zukunft geben. Und wir wollen auch beten für all jene Jugendliche, die in unseren Breitegraden sich derart verloren fühlen, dass sie Halt in Gewalt und bei Fanatikern suchen. Auf dass sie Liebe und Wertschätzung erfahren.

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Der heilige Johannes Paul II. betete im Kontext des Irakkrieges: "Höre meine Stimme und gewähre Einsicht und Kraft, auf dass wir auf Hass mit Liebe, auf Ungerechtigkeit mit Hingabe an Gerechtigkeit, auf Not mit dem Teilen des Eigenen, auf Krieg mit Frieden antworten!". Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn es in unserer Öffentlichkeit nach Krieg riecht, mögen unsere Kirchen nach Frieden und Versöhnung riechen. Selbst jene - oder gerade jene - Kirchen, die in diesen Tagen brennen und die das Geschick des Martyriums erleiden.

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